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Deutsche Agenten auf USA-Reise

Wenn Spione Urlaub machen

Fotos von 1956 zeigen, wie BND-Männer Amerika kennenlernten. Auf Einladung der CIA wanderten sie, bestaunten Cowboys, sonnten sich am Strand. Einer spielte ein doppeltes Spiel - er war Moskaus Maulwurf.

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Donnerstag, 05.10.2017   14:19 Uhr

Der Spätsommer in Washington war feucht und heiß. 30 Grad, 90 Prozent Luftfeuchtigkeit - aber das war es nicht, was Heinz Felfe am 13. September 1956 zum Schwitzen brachte.

Es war ein Lügendetektor, den ein CIA-Mitarbeiter seinen acht westdeutschen Kollegen vom BND, allesamt Experten der Spionage-Abwehr und Gegenspionage, in einem Seminar vorstellen wollte. Solche Polygrafen hatte der deutsche Auslandsnachrichtendienst noch nie eingesetzt. Ob man den Detektor testen wolle, gleich hier? Freiwillige vor! Wie wäre es mit Ihnen, Herr Felfe?

Ein Zufallstreffer. Ausgerechnet Heinz Felfe. Der einstige SS-Obersturmführer und Spionage-Spezialist im "Dritten Reich" war dank alter SS-Seilschaften 1949 erst zum sowjetischen Geheimdienst gekommen und dann als Maulwurf in die Organisation Gehlen geschleust worden, Vorgänger des BND. Dessen Chef Reinhard Gehlen nannte Felfe einmal sein "Nachrichten-As", dem nun die plötzliche Enttarnung als Doppelagent drohte - falls der Lügendetektor funktionierte.

Doch Felfe flog nicht auf. Er wehrte sich geschickt gegen den Test, erinnerte sich Jahrzehnte später ein BND-Ermittler. Felfe selbst notierte damals nur knapp: "Polygraphy". Um nicht aufzufallen, pries er später Gehlen die Vorzüge eines Lügendetektors an.

Agenten auf Klassenfahrt

Tricksen und täuschen - und das auf einer Reise, die als entspannte Fortbildung gedacht war: Fast drei Wochen lang sollte die BND-Delegation auf Einladung der CIA Tausende Kilometer durch die USA reisen, von Washington über Kalifornien und Arizona bis nach New York, von dort per Luxusschiff zurück.

Die Reise unter dem CIA-Codenamen "UJDRACO VII" verfolgte ein doppeltes Ziel: Sie sollte Zusammenarbeit und Freundschaft der Geheimdienste vertiefen. Und den BND-Agenten die Überlegenheit der USA vor Augen führen, sie für Land, Technik und Kultur begeistern. So wollte die CIA die Spitzel immun machen gegen KGB-Anwerbeversuche - dabei war einer ihrer Gäste längst infiziert.

Sechs solcher Reisen gab es ab 1951. Die siebte war eine historische, weil die von den USA geführte Organisation Gehlen 1956 zum BND wurde: Die Bundesrepublik hatte nun einen unabhängigen Geheimdienst. Zur wenig bekannten Klassenfahrt der deutschen Agenten hat BND-Chefhistoriker Bodo V. Hechelhammer bisher unveröffentlichte Fotos und Dokumente ausgewertet ("Doppelagent Heinz Felfe entdeckt Amerika"); das Spionagemuseum Berlin zeigt ab dem 5. Oktober 2017 einige Aufnahmen in einer Sonderausstellung.

Auf den ersten Blick wirken die manchmal verwackelten Bilder wie Schnappschüsse gewöhnlicher USA-Touristen: Kapitol und Golden Gate Bridge, Sunset Boulevard, eine verlassene Goldgräbermine, Cowboys und Rinderherden, dazu Fotos von luxuriösen Hotelburgen und breiten Autobahnen.

"Ausgiebige Benutzung der Bar"

Und doch sind die Fotos besonders, weil sie dokumentieren, was nie öffentlich zu sehen ist: Top-Spione, manchmal klischeehaft mit Schlapphut und Sonnenbrille, im Urlaub. Sie entspannen am Strand und Pool, erklimmen Berge, posieren neben Kakteen oder in Cowboy-Kluft.

Die Banalität aber täuscht. Da ist etwa dieses Foto von Heinz Felfe, wie er selbst gerade filmt. Missmutig und überrascht wirkt er da. Fühlte er sich ertappt? Schließlich war er als Einziger ständig im Dienst und sammelte alles Wissenswerte für Moskau.

Fotoalbum Erich Kutschke

Heinz Felfe, Doppelagent auf USA-Reise

Und auch die scheinbare Harmonie der BND-Delegation bröckelte während der Reise. Felfe, oft ein Einzelgänger, empfand den Kollegen Ernst Pickel als "unsympathisch". Er selbst galt anderen als zu aufdringlich und neugierig. Delegationsleiter Ulrich Bauer schrieb in der dritten Woche an seine Frau: "Es ist ein guter Teamgeist vorhanden, aber kein so menschliches Näherkommen."

Die Stimmung war ausgelassener, als die Gruppe am 8. September 1956 in einem luxuriösen Doppeldecker ihre Reise startete. Felfe lobte das hervorragende Essen bei der Zwischenlandung in London ("Wassermelone, Fischfilet, Steak mit Pommes Frites") und die bordeigene Lounge. Dort stimmten sich die Männer auf die USA ein: "Ausgiebige Benutzung der Bar!", notierte Felfe.

Auch das Kalkül der CIA, die BND-Männer für Land und Leute zu begeistern, ging schnell auf. Ulrich Bauer berichtete in zahlreichen Briefen über ein Land voller Wunder: Hotelzimmer mit Fernsehern! Die CIA-Kollegen besäßen Spül- und Waschmaschinen! Und alles sei so riesig: "Steaks von Überlebensgröße" und "unwahrscheinliche Autostraßen mit 2 x 4 Bahnen".

Auch die amerikanische Mentalität gefiel den BND-Männern. Bauer schwärmte von "überschwänglicher Gastfreundschaft", dem "Fehlen autoritärer Chefs" und "relaxter, natürlicher Männlichkeit". Allerdings empfand er Los Angeles als "erdrückend und so unwirklich", den zur Schau getragenen Reichtum mancher Amerikaner als "widerlich".

Fleißiger Doppelagent

Doppelagent Felfe schickte eine ganz andere Botschaft in die Heimat. Per Postkarte informierte er den BND-Kollegen Hans Clemens, der ebenfalls für den KGB spionierte, über seine Ankunft in den USA - was Clemens gleich an seinen KGB-Verbindungsführer "Alfred" weitergab.

In den ersten Tagen in Washington referierten CIA-Mitarbeiter über den "internationalen Kommunismus", "Satellitenspionage", "Abhörmaßnahmen" und moderne Datenbanken. Einige CIA-Männer lernte Felfe auch privat kennen und notierte eifrig alle Dienst- und Klarnamen, Wohnsitze sowie Organisationsstrukturen der Behörde.

"Ich wollte in den Augen der Sowjets dastehen wie eine Eins", sagte Heinz Felfe später stolz nach seiner Enttarnung, als der Richter ihn auf seine Akribie ansprach. Das gelang ihm auch bei der USA-Reise 1956. Am Ende aber erkrankte er an einer Gesichtsallergie. Bekam ihm das Klima Arizonas nicht? Oder stand er zu sehr unter Stress? Später mutmaßte der BND, dass Felfes häufige Allergien "mit Höhepunkten der Verratstätigkeiten koinzidierten".

Zunehmend sonderte sich der Doppelspion nun ab: "Allein-Bummel durch den Hafen und zurück", notierte er am 25. September 1956 in New York und kehrte schließlich Tage früher als geplant in die Heimat zurück. "Ich denke, dass er (eine) frische Brise (…...) brauchte", schrieb Bauer verwundert. Verdacht schöpfte niemand, obwohl es seit Langem Hinweise auf einen möglichen Maulwurf gab.

Felfe mimte danach den Amerika-Fan, kaufte sich einen Ford Taunus, umgarnte einen seiner neu gewonnenen CIA-Kontakte: "Ich denke sehr oft an diese Reise und bin tief beeindruckt", schrieb er 1957. Sehr gern würde er in die USA zurückkehren, "um vielleicht 1 Jahr bei Ihnen zu bleiben".

Und dann ein Lottogewinn

Vier Jahre später flog Felfe doch noch auf - auch wegen der USA-Reise: Ein polnischer Doppelagent, Deckname "Sniper", hatte der CIA 1959 berichtet, zwei Teilnehmer der BND-Delegation hätten für den KGB gearbeitet. Felfe wurde schnell der Hauptverdächtige der CIA. Ab 1961 ermittelte auch der BND, Felfe hatte ein auffällig teures Haus gekauft. Im November 1961 wurden er und Mit-Spion Hans Clemens überführt.

Es war der größte Skandal für den jungen BND. Felfe hatte geheime Lageberichte verraten, dazu Adressen von BND-Mitarbeitern und V-Männern, ebenso CIA-Mitarbeiter. Tausende Fotos, Filme und Dokumente waren dank ihm nach Moskau gelangt. In seinem Tresor fanden Fahnder die Kopie eines BND-Berichts der USA-Reise. Felfe bestritt, ihn an den KGB geschickt zu haben. Sein Filmmaterial aus den USA gilt bis heute als verschollen.

1963 wurde Felfe zu 14 Jahren Haft verurteilt, konnte aber nach sechs Jahren dank eines Agentenaustauschs in die DDR übersiedeln. Die Sowjetunion belohnte ihn mit einer üppigen Rente und einer Professorenstelle in Berlin. Und das Glück blieb Felfe treu: Als der Eiserne Vorhang gefallen war, gewann er 1991 rund 700.000 D-Mark im Lotto. Die "Bild" titelte: "Sechs Richtige für den Falschen."

Der zweite Doppelagent, der 1956 laut Informant "Sniper" an der USA-Reise teilgenommen haben soll, wurde übrigens nie enttarnt. Der BND ermittelte lange - und halbherzig. Nach dem Felfe-Skandal wollte die Behörde weitere Blamagen vermeiden.

So birgt die längst vergessene USA-Reise vielleicht noch ein letztes Geheimnis.

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