BND-Heimat Pullach Leben mit der Tarnkappe

Der Bundesnachrichtendienst zieht um nach Berlin. Am bisherigen Sitz in Pullach freut sich die Gemeinde über die frei werdenden Grundstücke - doch sechs Jahrzehnte Leben mit einer Behörde, die trickst, täuscht und sich unsichtbar macht, haben ihre Spuren hinterlassen.

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Die Bedienung im "Rabenwirt" am Pullacher Kirchplatz behauptet, dass sie den Geheimdienst am Telefon erkennt. Ein Herr ist dann am Apparat, ein wenig ausdruckssteif, und bestellt einen Tisch für sechs unter dem Namen "Event". Sie weiß Bescheid, sagt die Bedienung, "Event", schon klar. Sie spürt das Verschwörerische schon in der Stimme und reserviert für die Leute vom Bundesnachrichtendienst den Tisch im Eck, "wegen der Vertraulichkeit".

Man fragt sich, ob der BND wirklich so leichtsinnig ist, dass er immer unter demselben Decknamen essen geht? Oder wurde Pullach nur ein bisschen paranoid in den fast 62 Jahren Nachbarschaft zu den Geheimen?

Es müsste heute einfacher sein, Antworten auf solche Fragen zu finden. Der BND will seit einiger Zeit nicht mehr so geheim sein, er schält sich aus der Tarnung. Die BND-Zentrale zieht weg aus Pullach nach Berlin, näher zur Politik, näher an die Öffentlichkeit. Ein Geheimdienst wird sichtbar. Und wenn Jürgen Westenthanner, der Erste Bürgermeister von Pullach, jetzt den BND sehen will, muss er nur ins Zimmer nebenan gehen, dort hängt eine Luftaufnahme. Westenthanner fährt mit seinem Zeigefinger über das Foto, hier liegt die Villa des BND-Präsidenten und da drüben, sein Finger rutscht nach rechts, das geheimdiensteigene Kraftwerk; da unten die Wachkabinen, Häuser, Baracken, drei Gebäude mit einem sternförmigen Grundriss. Was sich unter den Dächern verbirgt, weiß der Bürgermeister zwar nicht, will es aber auch nicht wissen.

Westenthanner, 60 Jahre alt, ist in Pullach auf- und in die Gemeindeverwaltung hineingewachsen, so wie ein Baum seine Wurzeln immer tiefer in die Erde gräbt. Sein Wirken begann im Einwohnermeldeamt. Alles an Westenthanner strahlt Wohlstand und Beständigkeit aus, sein fröhliches Gesicht, sein königsblaues Jackett, das sich um den Bauch legt. Er ist wie Pullach: satt, zufrieden, um Unaufgeregtheit bemüht. Der BND, sagt er, funktioniere wie jede Verwaltung. "Des is ganz normaler Öffentlicher Dienst." Fast wie im Rathaus. Einerseits. Andererseits darf man auch nicht unvorsichtig werden.

Denn natürlich, der Bürgermeister senkt die Stimme, a bissl anders sind die Leute hinter der grauen Wand in der Heilmannstraße 30 schon. Sie sichten Zeitungen und archivieren Artikel, auch ausländische Presse. Fernsehsendungen zeichnen sie auf. Er zupft an seinem Jackett. "Von mir ham S' des aber net."

Auch wenn der Dienst eine eigene Seite im Internet besitzt, auch wenn er sichtbarer wird - Pullach bleibt zurückhaltend. Die Menschen waren jahrzehntelang bemüht, sich mit dem Geheimdienst abzufinden, im Zweifel noch ein bisschen mehr. Sie haben sich angepasst. Der Wertstoffhof bietet Aktenvernichtung an, zehn Ordner gratis pro Person. An Hauseingängen sind Kameras montiert, als müsste auch der geheimdienstfreie Teil des Ortes vor der Unüberwachtheit gerettet werden.

Man hat voneinander gelernt. Eine gewitterfarbene Metallspundwand schirmt den BND vor den Pullachern ab, oder die Pullacher vom BND, je nach Standpunkt. Um ihre privaten Grundstücke haben die Menschen Hecken, Zäune und Mauern gepflanzt, gezogen und gesetzt, so hoch, dass kaum erkennbar ist, was dahinter vor sich geht. Aber das könnte auch der Reichtum sein, den man verbergen will.

Pullacher Boden ist teuer, was einerseits gut für den Besitzer ist, andererseits aber schlecht, wenn er mehr davon will. Die Gemeinde stößt an die Grenze ihrer Ausdehnungsfähigkeit. Man hätte gern noch eine Realschule, am liebsten auch noch einen Kindergarten und einen Sportplatz. Tja, Westenthanner faltet die Hände über dem Bauch. Es gäbe eine Lösung. 68 Hektar in hervorragender Lage. Immobilienmakler würden Filetstück dazu sagen. Westenthanner sagt "Entwicklungsmöglichkeit".

Wenn der Nachrichtendienst seinen Teilumzug nach Berlin abgeschlossen hat, werden noch rund tausend Mitarbeiter in Pullach bleiben, ungefähr ein Viertel der früheren Personalzahl. Westenthanner sagt, er hätte keine Träne vergossen, wenn der Dienst ganz weggegangen wäre, dann hätten er und die übrigen 9000 Pullacher noch mehr Land. Sicher ist, dass ein Teil des Geheimdienstareals verkauft wird, so steht es im Terminplan, den die Gemeinde bekommen hat: Am 17. Dezember 2015 sollen "Räumung und Rückbau frei gezogener Grundstücksflächen" beendet sein. Vermutlich spaltet der BND den linken Abschnitt des Grundstücks ab, das von der Heilmannstraße in zwei Teile zerschnitten wird. Westenthanner hätte gern dieses Land, aber die Frage ist, ob er es bezahlen kann.

Er hofft darauf, dass die Bindung zwischen dem Geheimdienst und der Gemeinde so stabil ist, dass Pullach das Land bekommt, und nicht womöglich Investoren, die mehr Geld bieten. Der Bürgermeister muss einer Behörde vertrauen, die ihn oft genug getäuscht hat.

Ein halbes Leben hatte er mit den Blendungen aus der Heilmannstraße zu tun, die Unsicherheiten sickerten auch ins Private. Hieß der Nachbar wirklich so wie auf dem Klingelschild? Da waren Decknamen. Was ist Wirklichkeit? Hinter der Wand residiere die "Bundesvermögensverwaltung, Abteilung Sondervermögen", erfuhr Westenthanner, dann wieder war es die "Liegenschaftsverwaltung Pullach" oder die "Bundesbesoldungsstelle, Außenstelle Süd". Westenthanner muss erst begreifen, dass der Dienst sich nicht mehr verstecken will. Wie vergisst man sechs Jahrzehnte Geheimnis?

Er steigt eine Treppe hinunter, klinkt Türen, es wird dunkler. Irgendwann steht er in einem engen Raum vor einem Schreibtisch. Dahinter sitzt ein Mann, er heißt Erwin Deprosse und war früher Verwaltungschef von Pullach. Deprosse ist jetzt als Chronist zuständig für das kollektive Ortsgedächtnis: ein alter Herr, der in Anzug und roter Krawatte im Keller des Gemeindehauses hockt. Deprosse wollte sich nicht trennen von der Pullacher Geschichte, vom Vergrabenen und Versteckten. Er wühlt sich als Archivar auf 400-Euro-Basis durch die Geschichte der Gemeinde, schnipselt Berichte aus den Zeitungen, archiviert Vereinsnachrichten, heftet Dienstvorgänge ab, öffnet und schließt Schubladen und tut im kleinen Maßstab genau das, was der Nachrichtendienst ein paar Straßen weiter ebenfalls macht, mutmaßlich: sichten, bewerten, ordnen, abheften. Ein effizient arbeitender Einmann-, Sammel- und Sortierbetrieb. Auch Erwin Deprosse, der Chronist von Pullach, hat vom BND gelernt, er war sogar einmal schneller als der Dienst.

Deprosse zieht einen grauen Karton aus einem Regal und nimmt ein Foto heraus. Mitte der Neunziger verkaufte ihm ein Hobbypilot dieses Bild, es ist schwarzweiß, man sieht symmetrisch gruppierte Häuser und ein paar Dächer. Der Pilot war über das BND-Gelände geflogen und hatte mit einer Kamera die Aufnahme gemacht. Deprosse, der Stadtchronist, freute sich, bis dahin hatte er noch nie ein Luftbild gesehen, es war ein historischer Leckerbissen. Er erzählte im Ort davon. Wochen später stand ein freundlicher Herr im Türrahmen, guten Tag, Herr Deprosse, und nahm das Foto an sich. Kopien machen. Das Original brachte er zurück. Deprosse legte die Aufnahme wieder zu seinen Akten, der Mann vom BND wahrscheinlich auch.

Erwin Deprosse gräbt sich mit viel Energie durch die Vergangenheit und füllt mit seiner Archivarbeit die blinde Stelle, die der BND so lange in Pullach war. Er erzählt von Besuchen Albert Bormanns in Pullach, dem Bruder des berüchtigten Hitler-Sekretärs Martin Bormann, der den Bau der Rudolf-Heß-Siedlung 1936 in Auftrag gegeben hatte. 1947 zog die Vorgängerbehörde des BND, die "Organisation Gehlen", in die Bormann-Villa und die umliegenden Gebäude; der Geheimdienst der jungen Republik richtete sich in der Nazi-Siedlung ein. Deprosse berichtet begeistert, an seinem Kellerschreibtisch sei er dem BND sehr nahe gekommen, beinahe distanzlos.

Anfangs tat der Geheimdienst alles, um seine Existenz zu verschleiern, er war eine Gemeinschaft, die unsichtbar sein wollte. Hinter den Mauern in Pullach entstand ein kleines Dorf, das es nicht gab und das offiziell nicht existieren durfte. Sekretärinnen erhielten Decknamen und wurden mit einer eigenen Buslinie an ihre Arbeitsstelle gefahren. Es ist nicht schwer, sich in dem Gewirr aus Täuschungen und Halbwahrheiten zu verheddern, und je näher man dem Geheimdienst kommt, umso schwieriger ist es, die Unterscheidung zu treffen: Wer ist dicht dran, wer ist zu dicht dran?

Der Publizist Erich Schmidt-Eenboom kam dem Dienst sehr nahe, als er 1993 sein Buch "Schnüffler ohne Nase" veröffentlichte. Er beschreibt darin, wie der BND "krakenhaft in alle Bereiche der Gesellschaft eingedrungen" sei. Das Buch sorgte für Aufsehen, und der Autor, bis dahin ein Unbekannter in der Spionageforschung, wurde schlagartig zum Experten für Geheimes und Verdecktes.

Schmidt-Eenboom, 55 Jahre alt, wohnt in dem Städtchen Weilheim in Oberbayern, eine Dreiviertelstunde entfernt von Pullach. Im Tiefparterre seiner Wohnung stehen Regale voll mit Büchern, zu denen man über eine steile Holztreppe hinabklettern muss, "mein Archiv", sagt er. Schmidt-Eenboom trägt einen roten Rollpulli und wippt fröhlich auf dem Bürostuhl hin und her, er freut sich über Besuch.

Seine Geschichten beginnen wie im Spionageroman: "Sie kennen vielleicht die Operation Nordpol?" - "Die Langemann-Papiere sagen Ihnen was?" Nach der Veröffentlichung seines Buchs saßen viele BND-Leute auf seinem Sofa im Wohnzimmer und breiteten ihm, dem Experten für Verschwiegenes, das geheime Wissen aus. Eines Tages klingelten sogar zwei Damen an seiner Tür, den Tränen nahe, die sich von ihren Männern betrogen fühlten; die Gatten arbeiteten für den BND und hatten offenbar Geliebte. So kam Schmidt-Eenboom über Umwege an Buchstoff. Sein Haus wurde deshalb beobachtet, sein Altpapier haben sie durchwühlt; die Agenten, die eigentlich im Ausland wühlen und lauschen sollten. Es war für den Forscher auch der Beweis, dass er wichtig war. Die Operation Schmidt-Eenboom ist zwar längst Vergangenheit, doch vor kurzem hat ihm der BND die Papiere übersandt, aus denen hervorgeht, was die Überwacher überwachten. Schmidt-Eenboom lehnt sich zurück. "Ich warte jetzt erst mal, was der Kanzleramtsminister sagt."

Der Umbau des Geheimdienstes geht nicht spurlos an Schmidt-Eenboom vorüber. Seine Quellen trocknen langsam aus. Viele BND-Mitarbeiter sind umgezogen, weg aus Pullach, weg von Schmidt-Eenboom. Seinem Verein, dem Forschungsinstitut für Friedenspolitik, sterben die Mitglieder weg. Zudem muss er sich gegen Vorwürfe wehren, er habe mit dem Nachrichtendienst kooperiert. Er kam dem Dienst so nahe, dass es eine Verbindung wurde, bei der nicht ganz klar war, wer von wem mehr profitierte. Schmidt-Eenboom dachte, er schöpfe den BND ab, der BND dachte, er schöpfe Schmidt-Eenboom ab, und registrierte ihn als Informanten.

Es ist schwer zu sagen, wie viel Prozent Wahres in den Geschichten steckt, die man sich in Pullach und Umgebung erzählt. Gewissheit gab es nie.

Der Dienst will weg aus Pullach, auch deshalb, weil die Zeiten andere sind und er eine normalere Behörde sein will, ein Informationsdienstleister. Die Sekretärinnen haben keine Decknamen, es gibt auch keine geheime Buslinie mehr. Am Haupteingang steht in Großbuchstaben "Bundesnachrichtendienst". Aber bekommt der Dienst das Geheime auch aus den Köpfen seiner Mitarbeiter?

Es ist Abend im Rabenwirt am Pullacher Kirchplatz. An einem Tisch hocken vier Männer und zwei Frauen: eine Weißhaarige, eine kleine Dicke, ein Mann mit Vollbart, einer mit einem hellen Pullover, einer trägt ein Hörgerät im Ohr, und einer hat eine braune Cordhose an. Sie sind alt, Rentner vermutlich, ihre Worte sind gut zu verstehen. Der Bärtige sagt, die Bormann-Villa und die anderen Häuser stünden inzwischen unter Denkmalschutz. Stockdorf, fragt der Pulliträger, wie viele Leute arbeiten dort jetzt noch? Niemand weiß es. In Stockdorf ist eine Aufklärungsabteilung des BND untergebracht.

Der Mann mit dem Hörgerät geht. Fünf mutmaßliche Geheimdienstler, ein freier Stuhl. Wie nähert man sich Leuten vom BND? Harmlos am besten, unverfänglich.

Was halten Sie vom Umzug nach Berlin?

Die fünf schauen. Sie schweigen.

Wir sind nicht aus Pullach, sagt der Mann mit der Cordhose.

Wir machen einen Ausflug, sagt der mit dem hellen Pullover.

Ist schön hier, sagt die Dicke.

Hinten ist sogar eine Terrasse, sagt der Bärtige, lohnt sich bei gutem Wetter.

Jaja, sagt die Weißhaarige, die Terrasse.

Die fünf zahlen, streifen ihre Mäntel über und verlassen den Rabenwirt in verschiedene Richtungen. Wahrscheinlich haben sie das so gelernt.



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Nils v. d. Heyde, 14.05.2009
1.
In gewissem Ausmaße ist jeder Journalist, er echten Kontakt zu BND-Mitarbeitern pflegt ein "Zuträger". In Dialogen werden nicht nur facts diskutiert, sondern auch Meinungen. Und Meinungen entstammen Erfahrungen, Erlebnissen, Kenntnissen. So erfährt der Journalist nicht nur Neues vom BND (wenn es denn neu und WAHR ist), sondern der BND eben auch Neues von seinem Gesprächspartner (falls er die info nicht schon hat).
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