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Boatpeople aus Vietnam Gestrandete der Apokalypse

Boatpeople aus Vietnam: Gestrandete der Apokalypse Fotos
AP

Piraten, Stürme, Gluthitze: Auf der Flucht vor den Kommunisten starben Tausende vietnamesische Boatpeople im Südchinesischen Meer. Hue-Phuong Quan überlebte. Als eine der ersten Vietnam-Flüchtlinge kam sie nach Deutschland - nach einem 45-tägigen Alptraum. Von

Die braune Wolldecke lässt sich Hue-Phuong Quan von niemandem ausreden. Auch nicht vom eigenen Lebensgefährten. "DRK" prangt in großen Buchstaben auf dem schon leicht verschlissenen Stück. Rettungssanitäter hatten der vor Kälte bibbernden Vietnamesin die Decke über die Schultern gelegt, nachdem sie am 3. Dezember 1978, einem trüben Sonntagmorgen, auf dem Flughafen Hannover-Langenhagen gelandet war. Hue-Phuong Quan gehört zu den ersten 163 Vietnam-Flüchtlingen, die vor 30 Jahren in der Bundesrepublik Asyl fanden.

Der rote Terror hatte sie aufs offene Meer getrieben. Nach Jahren des grausamen Krieges in ihrem Land waren am 30. April 1975 die Panzer der nordvietnamesischen Truppen in die südvietnamesische Hauptstadt Saigon gerollt. Mit dem Sieg der Kommunisten begann eine Hatz auf potentielle Feinde - allen voran Vietnamesen chinesischer Abstammung, Mitarbeiter der früheren südvietnamesischen Regierung, Angehörige der Armee und sogenannte Kapitalisten. Wer immer ihnen verdächtig erschien, den schickten die neuen Machthaber in sogenannte Umerziehungslager.

Nichts konnte noch schlimmer sein. Um der Verfolgung durch die Kommunisten zu entgehen, entschlossen sich rund 1,5 Millionen Menschen Flucht. Sie stiegen in kleine Fischerboote und morsche Kähne und verließen ihr Land mit unbekanntem Ziel. In den Nachrichtensendungen der westlichen Rundfunkanstalten tauchten sie wieder auf - als "Boatpeople", Menschen, deren Schicksal ungewiss war.

Zwölf kleine Goldbarren pro Nase

Hue-Phuong Quan hatte miterlebt, wie man ihren Schwager abholte. "Die Soldaten kamen in der Nacht und kidnappten die Leute", sagt die heute in Göttingen lebende Südvietnamesin, die von den Erlebnissen noch immer stark traumatisiert ist. Sie möchte zwar ihre Geschichte erzählen, damit das Schicksal der Boat People nicht in Vergessenheit gerät - aber als Heldin in Erscheinung treten, sich womöglich auch noch mit einem Foto abbilden lassen, möchte sie sich nicht.

Ihre chinesische Eltern betrieben damals in Saigon einen Frisörladen und hatten sich einen bescheidenen Wohlstand erarbeitet: genug, um ins Visier der Kommunisten zu geraten. Die damals 18-jährige Hue-Phuong Quan fasste einen Entschluss: An einem lauen Oktoberabend 1978 stieg auch sie gemeinsam mit ihren vier Geschwistern in einen wackeligen Kahn, in der Tasche etwas Brot, 100 Dollar und ein paar Ringe.

Ihre Eltern, die sich die Freiheit ihrer Kinder teuer erkauften - korrupte Beamte des sonst so kapitalistenfeindlichen Regimes forderten zwölf kleine Goldbarren pro Nase - blieben in Saigon zurück. Damals wussten sie nicht, ob sie ihre Kinder jemals wieder in die Arme schließen würden.

"Die Furcht vor den Kommunisten war größer als die Angst, dort draußen auf dem Meer zu sterben", sagt Hue-Phuong Quan. Ein Schicksal, das Tausende Vietnamesen ereilte: Viele ertranken im Meer, weil ihr Boot im Sturm gekentert war. Andere verdursteten oder fielen im Golf von Siam Piraten zum Opfer, die die Flüchtlinge um ihr weniges Hab und Gut brachten, um sie anschließend über Bord zu werfen.

Die Hölle auf der "Hai Hong"

Wer die Fahrt übers Meer überstanden hatte und an den Küsten von Hongkong, Thailand, Singapur, Indonesien oder Malaysia gestrandet war, sah einer neuen, bitteren Realität ins Auge: Nirgends waren die Boatpeople willkommen. Die Bewohner der überbevölkerten Staaten in Südostasien internierten die ungebeteten Gäste in mit Stacheldraht umzäunte Flüchtlingslager, steinigten die Neuankömmlinge am Strand oder schubsten die Boote gleich zurück auf See. Wie viele Vietnamesen auf der Flucht im Südchinesischen Meer sterben mussten, ist nicht geklärt. Experten sprechen von bis zu einer halben Million Menschen.

Es war reiner Zufall, dass Hue-Phuong Quan und ihre Geschwister überlebten: Nach ein paar Tagen auf See kreuzte ihr winziges Fluchtboot die Route der berühmten "Hai Hong": jenes Flüchtlingsschiff, dessen grausiger Anblick den Westen endlich handeln lassen sollte. "Wir sahen das Schiff und kletterten einfach rauf", sagt die Vietnamesin. Hier waren sie vor Sturm und Piraterie einigermaßen sicher - dafür begann eine neue Hölle: Mit 2504 Passagieren war der schrottreife Frachter hoffnungslos überfüllt. Hunger, Durst, Durchfall und Beengtheit trieben die Flüchtlinge an den Rand des Wahnsinns.

"Am schlimmsten aber war die Eintönigkeit", sagt Hue-Phuong Quan. Wohin sie auch blickte, ringsherum nur Meer, das Warten wurde zum Zustand. Sogar ihren 19. Geburtstag verpasste die junge Frau, der während ihrer Flucht jegliches Zeitgefühl abhanden kam. Ein qualvoller Tag glich dem anderen. Bis zum 9. November.

Ein Alptraum endet

Nach wochenlanger Irrfahrt erreichte die "Hai Hong" die malaysische Küste bei Port Kelang. Doch die Regierung ließ die Südvietnamesen nicht von Bord, sondern schickte das Schiff zurück aufs Meer. "Militärboote umkreisten uns Tag und Nacht, damit keiner an Land ging", sagt Hue-Phuong Quan. Nicht einmal Wasser, Nahrung oder Medizin gewährte man den Flüchtlingen, die unter zerfetzten Planen Schutz vor der gleißenden Sonne suchten.

Die Bilder von der heimatlos auf dem Meer dümpelnden "Hai Hong" erreichten in der Vorweihnachtszeit 1978 die Wohnzimmer der westlichen Industriestaaten. Die Weltöffentlichkeit war erschüttert - und bald auch zur Hilfe bereit. Mit seinem couragierten Vorstoß, zunächst 1000 Boatpeople - davon 644 von der "Hai Hong" - nach Niedersachsen zu holen, machte der damalige Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) den Anfang. Andere Nationen folgten seinem Beispiel. Für Hue-Phuong Quan und die anderen Flüchtlinge an Bord der "Hai Hong" hatte der Alptraum auf See endlich ein Ende.

Wer in welches Land ausreisen durfte, darüber entschied das Los. "Deutschland? Davon wussten wir nichts, außer dass es dort einmal Hitler gegeben hat", sagt Hue-Phuong Quan und lacht. Es war ihr egal, wohin sie ging. Hauptsache runter von dem schwimmenden Gefängnis, in dem sie 45 Tage lang eingepfercht war. Nur wenige Stunden durften sie und die anderen Auserwählten auf malaysischem Boden bleiben, dann hob die Boing 707 der Bundesluftwaffe ab und flog sie 12.000 Kilometer weit weg in ihre neue Heimat. Um 7 Uhr morgens landeten die 163 Boatpeople, davon 72 Kinder, auf dem Flughafen Langenhagen.

"Wir wissen, was an Leid und was an Strapazen hinter Ihnen liegt, und wir können Ihnen nachfühlen, wie Ihnen jetzt zumute ist. Sie kommen jetzt in ein Land, in dem Sie frei leben können, ohne von irgendjemandem unterdrückt zu werden." Mit diesen Worten begrüßte Ministerpräsident Albrecht am Abflugschalter zwölf die völlig erschöpften, tapfer in die Kameras lächelnden Flüchtlinge. "Ich verstand kein Wort", sagt Hue-Phuong Quan. Völlig übermüdet sei sie gewesen, aufgekratzt und dankbar.

"Ich bin Deutsche geworden"

Von da an ging alles ganz rasch: Vom Auffanglager Friedland brachte man die junge Frau ins niedersächsische Örtchen Bahlburg, wo sie mit ihren Geschwistern in einer Jugendherberge wohnte. Ihre weiteren Stationen hießen Celle, Hamburg und schließlich Göttingen, wo Hue-Phuong Quan bis heute lebt.

Ähnlich wie die anderen der rund 38.000 vietnamesischen Boatpeople, die in den Jahren nach 1975 in die Bundesrepublik flüchteten, hat Hue-Phuong Quan ein neues Zuhause gefunden. "Ich bin Deutsche geworden", sagt die studierte Informatik-Betriebswirtin, die an der Göttinger Universität arbeitet. Vor vier Jahren hat sie ihre alte Heimatstadt Saigon besucht. Sie war schockiert von der schlechten Luft, dem Lärm - und dem Anblick der vielen behinderten Menschen, Opfer von Agent Orange, dem Gift, das die USA im Vietnam-Krieg zur Entlaubung der Wälder eingesetzt hatten.

Selbst an die winterliche Kälte in Deutschland hat sich die Vietnamesin inzwischen gewöhnt - bei Minusgraden schlüpft sie einfach unter die braune DRK-Wolldecke, die man ihr einst auf dem Flughafen von Hannover um die Schultern gelegt hatte.

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Rudolf J. Schmiedel, 03.04.2013
Der Bericht hat alte Erinnerungen wieder auferstehen lassen. Ich war auf dem ersten und dritten Flug der Bundeswehr von Kuala Lumpur nach Hannover als CdC (Chef der Cabine o. Purser) für die Versorgung der Boatpeople an Bord verantwortlich. Wir waren insgesamt 4 Soldaten in der Kabine verstärkte Cockpitbesatzung sowie Techniker, Lademeister und ein Arzt/Ärztin. Ich erinnere mich genau als ich die vordere Tür öffnete stand MP Albrecht zusammen mit DRK-Personal unmittelbar im Abfertigungsfinger. Bevor wir in Kuala Lumpur starten konnten mußten wir lange auf die Passagiere warten da diese erst aus einem Lager bei Kuantang an der Ostküste herbeigeholt wurden. Das Einsteigen verlief sehr diszipliniert. Es war offensichtlich, dass die Menschen sehr erschöpft waren. Als erstes Essen hatten wir Fried Rice welcher uns fast aus den Händen gerissen wurde. Die Verpflegung im Lager war wohl nicht so toll. Der 3. Flug verlief nicht ohne Zwischenfall. Eine Fastgeburt mit Steisslage an Bord. Hier erwiesen sich die älteren Fauen als bessere Helfer als unsere Ärztin. Dann Ablassen von Kerosin über der Wüste und erneute Landung in Sharja VAE. Dort hatten wir 2 Stunden voher aufgetankt. Geburt dann dort in einer Klinik. Unser Kommandant (Kapitän) wurde später Pate des Mädchens.
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