Bob Geldof "Nach Live Aid musste ich heimtrampen"

Fast zwei Milliarden Menschen sahen 1985 die Live-Aid-Konzerte, angestoßen von Bob Geldof. Hier spricht der irische Musiker über Spenden für Afrika, Treffen mit Merkel und "I Don't Like Mondays", den Welthit der Boomtown Rats.

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    Bob Geldof wurde am 5. Oktober 1951 als Robert Frederick Zenon Geldof in Irland geboren und gründete Mitte der Siebzigerjahre The Boomtown Rats, die 1979 mit "I Don't Like Mondays" ihren größten Hit hatten. Seit Jahrzehnten engagiert er sich für die Afrikahilfe. Im Juli 1985 verfolgten weltweit rund 1,9 Milliarden TV-Zuschauer die von Geldof initiierten "Live Aid"-Konzerte in London und Philadelphia. 1986 ernannte ihn Queen Elizabeth II. zum Ritter. Nach einer Trennung spielen die Boomtown Rats seit 2013 wieder zusammen, außerdem singt Geldof bei seiner Zweitband The Bobkatz.

einestages: Sir Bob, 1979 gelang den Boomtown Rats mit "I Don't Like Mondays" eine Nummer eins in 32 Ländern. Haben Sie mit dem Riesenerfolg gerechnet?

Geldof: Ich konnte es nie voraussagen und habe mich auch nie darum geschert, ob meine Songs Hits werden oder nicht. "I Don't Like Mondays" wurde zu meiner Überraschung unser größter, obwohl er null nach den Boomtown Rats klingt. Bis heute werde ich darauf angesprochen.

einestages: Wie kam es zu diesem Song?

Geldof: Der Auslöser war ein Schulmassaker. Ich war auf Promotour in den USA, 32 Städte in 34 Tagen, eine echte Plackerei. Täglich gab ich Interviews bei Radiostationen und war ziemlich genervt vom vielen Gequassel. Da kam mitten in einer Sendung die Meldung, dass ein Mädchen an einer Grundschule in San Diego zwei Menschen kaltblütig erschossen und neun verletzt hat. Brenda Spencer war 16 Jahre alt und hatte das Gewehr von ihrem Vater zu Weihnachten geschenkt bekommen - in meinen Augen die perfekte Amoralität. Einem Reporter sagte sie als Erklärung für ihre Tat nur lapidar: "I don't like mondays!" Nicht das Mädchen interessierte mich, sondern die Wahnsinnstat und wie es dazu kommen konnte. Den Songtext hatte ich in wenigen Minuten fertig, auf dem Weg von der Radiostation ins Hotel.

einestages: Die Täterin wurde verurteilt und soll Ihnen gar einen Brief geschrieben haben.

Geldof: Ja, direkt aus dem Knast. Darin bedankte sie sich, dass ich sie mit dem Song berühmt gemacht hätte. Mann, habe ich mich beschissen gefühlt. Das ist echt krank! Aber für ihre Tat, durch die der Schulleiter und der Hausmeister starben, wird sie den Rest ihres Lebens hinter Gittern verbringen.

einestages: Sie sind Ire, aufgewachsen in Dún Laoghaire im Süden von Dublin. Wie ging's dort zu?

Geldof: Nicht so rau wie im Norden. Wer es zu etwas Geld gebracht hatte, zog in den Süden der Stadt, wo wir lebten. Ich hatte eine gute Kindheit. Meine Familie gehörte zur unteren Mittelschicht. Bono und seine U2-Jungs taten übrigens gern so, als kämen sie aus dem harten Norden, dabei wuchsen auch sie im Süden auf (lacht).

einestages: Ihre Mutter starb allerdings früh...

Geldof: Ja, als ich sieben war. Meine Schwestern wurden zum Mutterersatz, mein Vater war Vertreter und fast nie zu Hause. In den Familien meiner Freunde stand, wenn sie nach Hause kamen, das Abendessen auf dem Tisch. Wir dagegen waren oft uns selbst überlassen. Aber für mich war das kein Grund für Selbstmitleid, vielmehr Ansporn, später ein besseres Leben zu haben.

einestages: Täuscht der Eindruck, dass viele große Musiker aus bescheidenen Verhältnissen kommen?

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"Live Aid": Sir Bob Geldof und die Benefiz-Konzerte für Afrika

Geldof: Stimmt. Manche wurden auch auf dem Land oder in grauen Vorstädten groß, wo sie sich zu Tode langweilten und dadurch kreativ wurden - etwa David Bowie oder viele Punk-Musiker, wie Johnny Rotten von den Sex Pistols. Später war ich mit ihm befreundet und habe ihn oft im Elternhaus der Lydons, wie er ja eigentlich heißt, besucht. Die waren arm wie Menschen aus einem Charles-Dickens-Roman. Auch Elvis, Little Richard, die Beatles - alle bitterarm, aber jung, gutaussehend, hochtalentiert. Aber natürlich gibt es auch Künstler aus gutsituierten Elternhäusern, Pink Floyd etwa oder Mick Jagger.

einestages: Die Hafennähe in Dublin - löste das in Ihnen Fernweh aus?

Geldof: Der Hafen, wo all die Schiffe und Fähren aus England einliefen, war unser Abenteuerspielplatz. Ja, ich wollte raus, saß aber auf dieser grünen Insel fest, am Westrand Europas. In den späten Sechzigern träumte ich von London. In diesem magischen Ort waren all meine Helden, die Rolling Stones, The Who.

einestages: Früh trieb Ihre Abenteuerlust Sie dann nach Kanada.

Geldof: Vor meiner Zeit als Musiker fuhr ich im Straßenbau von Dublin schwere Lastwagen. Von der Firma wurde ich nach Kanada geschickt und sollte in der Nähe des Nördlichen Polarkreises, weit über Yukon, bei der Suche nach Goldvorkommen helfen. In Vancouver habe ich mich aber abgesetzt und versucht, an eine Aufenthaltsgenehmigung zu kommen. Bei der Behörde habe ich frech gelogen, ich sei Journalist.

einestages: Das hat geklappt?

Geldof: Anfangs schon. In Vancouver wurde ich tatsächlich als Musikjournalist tätig und habe Interviews mit Lou Reed, George Harrison, Elton John und Eric Clapton geführt. Ich bekam die alle vors Mikro, weil Underground-Magazine wie "Georgia Street", das je zur Hälfte aus Politik und Musik bestand, damals hip waren. Wir waren so was wie der "Rolling Stone" von Kanada.

einestages: Warum kehrten Sie Mitte der Siebzigerjahre nach Irland zurück?

Geldof: Ich hatte in Kanada keine Papiere bekommen. Als illegal alien, illegaler Einwanderer, musste ich ausreisen und habe von Dublin aus noch eine Zeitlang für "Melody Maker" und "New Musical Express" geschrieben. Zugleich gründete ich meine erste Band The Nightlife Thugs, die wir bald in The Boomtown Rats umbenannten. Darauf war ich in Woody Guthries Biographie "Bound for Glory" gestoßen - "Boomtown Rats" nannte man die Arbeiter auf den Ölfeldern.

einestages: Zog die Band nach London, um näher am Musikgeschehen zu sein?

Geldof: Ja, um einen Plattenvertrag zu ergattern. Wir lebten in einem kleinen, schäbigen Haus am Stadtrand. Die Punkwelle war gerade voll im Gange. Ein typisches London-Ding, in Cornwall oder Birmingham gab es keine Punks. Londons Szene war wie eine große Clique, wir wollten dazugehören und freundeten uns mit den Sex Pistols an. Frontmann Johnny Rotten war sehr smart, mit den ganzen Ami-Punks kamen wir auch gut klar. Als Vorband der Ramones haben wir um 1976 eine Schultour gemacht. Wir spielten nachmittags in den Schul-Aulas, die Kids rasteten aus. Was für ein Spaß!

einestages: Einige Jahre später nutzten Sie Ihren Namen, um Menschen in Not zu helfen. Wie kam es zu "Live Aid"?

Geldof: Ich hatte eine TV-Reportage über die Hungersnot in Äthiopien gesehen und schrieb zusammen mit Midge Ure "Do They Know It's Christmas". Damit begann alles. Spontan kam mir im Herbst 1984 die Idee zu einer Benefiz-Single, deren Tantiemen gespendet werden sollten. Midge sagte sofort zu, genau wie Sting, Phil Collins, Bono, Duran Duran, Spandau Ballet und viele andere. An einem Tag war der Song im Kasten und wurde zur bestverkauften Single Englands. Anfang 1985 gründete ich den "Band Aid Trust", damit die Spenden auch in die richtigen Kanäle flossen und alles seriös dokumentiert wurde.

einestages: Daraus wurden die riesigen Benefiz-Konzerte...

Geldof: ...in Zusammenarbeit mit Konzertpromoter Harvey Goldsmith, in den USA mit Lionel Richie und seinem Manager Ken Kragen. Zusammen mit Quincy Jones, der die "USA For Africa"-Single "We Are The World" produziert hatte, schafften sie es, viele große Künstler für das Konzert in Philadelphia zu gewinnen.

einestages: Aber warum fehlte Michael Jackson, Co-Autor von "We are the World"?

Geldof: Angeblich waren seiner Meinung nach nicht genug afroamerikanische Künstler eingeladen. Stimmte aber so nicht: Auf der Bühne in Philadelphia hatten wir nicht nur die Beach Boys, Led Zeppelin, Santana, Billy Joel, Bryan Adams, Phil Collins, Mick Jagger, Bob Dylan oder Eric Clapton. Es spielten eben auch Lionel Richie, Stevie Wonder, Tina Turner, die Temptations, Patti Labelle und Teddy Pendergrass. Schade, dass Michael Jackson nicht dabei war. Den wahren Grund habe ich nie erfahren. MJ konnte mal ganz unkompliziert und mal schwierig sein, wie außergewöhnliche Künstler eben so sind.

einestages: Die beiden "Live Aid"-Konzerte waren das größte Musikspektakel aller Zeiten. Stimmt es, dass Sie nicht wussten, wie Sie vom Wembley-Stadion nach Hause kommen sollten?

Geldof: Ja, ich musste heimtrampen. Als einer der Hauptverantwortlichen blieb ich bis ganz zum Schluss im Stadion und sorgte dafür, dass der Bühnenabbau lief. Danach wollte ich in einem Pub im Westend den Rest der Live-Übertragung aus Philadelphia ansehen. Aber am Stadion war alles menschenleer, auch keine Taxis weit und breit.

einestages: Also Daumen in den Wind?

Geldof: Es blieb mir nichts anderes übrig. Irgendwann hielt am Olympic Way ein VW Käfer an - die staunten nicht schlecht: Fuck, it's Geldof! (lacht). Allerdings fuhren sie in den Norden und setzten mich in Archway ab. Dort rief ich ein Taxi, ich war total K.o. nach diesem Tag und wollte nur noch nach Hause.

einestages: Fahren Sie heute noch regelmäßig nach Afrika?

Geldof: Ja, dreimal im Jahr bin ich in Äthiopien, um zu helfen. Den Stadtteil Harbo von Addis Abeba hatte die Hungerkatastrophe besonders schlimm erwischt. Als ich vor über 30 Jahren erstmals dort war, lag ein Todesgeruch über der Stadt, überall Verwesung und Fliegen, schrecklich. Heute werden dort auf fruchtbaren Feldern Süßkartoffeln angebaut, die Menschen haben zu essen, ihr Leben hat sich verbessert. Als ich Mitte der Neunziger dort die Hoffnung der Menschen spürte, verflogen die Depressionen, an denen ich damals litt, schlagartig.

einestages: Als Live-Aid-Schirmherr bekamen Sie es auch mit Bundeskanzlerin Merkel zu tun.

Geldof: Mein Job ist es, Staatsoberhäupter für unsere Afrikahilfe zu gewinnen. Ich habe Angela Merkel ein paarmal besucht - nicht zum Teetrinken, ich brauchte ihre Unterstützung. Sie ist in meinen Augen eine aufmerksame Zuhörerin und absolut verlässlich. Merkel hält ihr Wort. Wenn etwas nicht geht, sagt sie es klar. Das finde ich erfrischend, denn viele Politiker machen nur leere Versprechungen.

einestages: 1986 wurden Sie als "Knight Commander" in den Ritterstand erhoben. Stimmt es, dass man Sie trotzdem nicht zwingend als "Sir" ansprechen muss - weil Sie irischer Staatsbürger sind?

Geldof: Das ist tatsächlich so. Bei der Zeremonie kommt es darauf an, ob einen Queen Elizabeth persönlich zum Ritter schlägt oder "nur" Prinz Charles. Bei mir war es die Queen. Das bedeutet, dass Briten durchaus Sir Bob zu mir sagen dürfen, sie müssen aber nicht. Es ist letztlich eine Frage der Höflichkeit. Dieses ganze Ritterding ist echt kompliziert, ich blicke da selbst nicht durch - aber wen juckt's...

insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
David Xanatos, 22.08.2017
1.
Live Aid haben bestimmt NICHT 1,9 Mrd. Menschen im TV gesehen. 1985 hatten kaum mehr Menschen weltweit überhaupt Zugang zu Fernsehern. Aber bei Großereignissen wird ja gerne mal nach oben "korrigiert", jedoch selten so schamlos übertrieben wie hier oder wie bei der Hochzeit von Charles und Diana. insbesondere zu letzterer gibt es Studien zur Absurdität der behaupteten hohen Zuschauerzahlen.
Britta Niermeyer, 22.08.2017
2. Lieber Herr Gernandt,
also, Geldorf ist in Dún Laoghaire geboren. Das liegt in der Tat südwestlich von Dublin. Ist sehr hübsch dort. XD
Frank Widi, 22.08.2017
3.
Live Aid war ein toles Ereignis, leider war ich damals zu jung um die Hintergründe verstehen zu können. Ich hing damals halt an der Glotze und habe wie die meisten meiner Generation mittels Kassettenrekorder die geile Musik von der Glotze aufgenommen. Die Qaulität war natürlich grauenhaft! ;-) Kann mich auch daran erinnern, dass Phil Collins mit der Concorde von England in die USA geflogen ist um gleich zweimal auftreten zu können. War schon irre! Heute würde sowas vermutlich nur noch stattfinden damit sich irgendwelche gecasteten Bands besser vermarkten können, ist halt eine komplett andere Zeit....
Karl-Heinz Hesse, 23.08.2017
4. David Xanatos einfach mal google bedienen.
Rolling Ston: Knapp zwei Milliarden Menschen in 150 Ländern schauten zu. Deutschlandfunk: und 1,5 Milliarden Menschen weltweit am Fernseher. Das war "Live Aid" Quoten Meter: Insgesamt erreichte «Live Aid» über 1,5 Milliarden Menschen. Aber wieder im Hinterkopf "Lügenpresse" haben?
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