Bodybuilder Ralf Möller "Die Leute stierten mich an"

Karrierestart an rostigen Geräten: In den Achtzigerjahren entdeckte Ralf Möller das Bodybuilding. Aus dem Bademeister wurde ein Weltmeister, später machten ihn seine Muskeln zum Hollywood-Star. Auf einestages erinnert er sich an große Posen, kleine Mittelchen - und wunderschöne Frauen.

Gerald Sagorski

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Bodybuilding erlebte in den achtziger Jahren einen wahren Boom: Frauen brachten Bauch und Busen in Form, Männer stabilisierten ihr Ego, und in fast jedem Ort eröffnete ein Fitness-Studio. Der exzessive Kraftsport und sein neues Schönheitsideal bot endlich auch Underdogs die Chance, groß rauszukommen. Ein Schwimmmeister aus Recklinghausen hatte es vorgemacht. Ralf Möller wurde in dieser Zeit zur Ikone der Bodybuilder. Im Interview erzählt er, wie es dazu kam - und warum er sich jetzt gerade wieder zurückversetzt fühlt in die achtziger Jahre.

einestages: Herr Möller, ziehen Sie sich gern aus?

Möller: Ich trainiere meinen Körper, und dann habe ich auch kein Problem damit, ihn zu zeigen.

einestages: Wie begann Ihre Leidenschaft für das Bodybuilding?

Möller: Mein Vorbild damals in den siebziger, achtziger Jahren war der Karatekämpfer Bruce Lee, der hatte einen sagenhaften Körperbau. Mit dem Training begonnen habe ich in einem einfachen Studio in Herne im Ruhrpott. Da standen ein paar verrostete Geräte, und wer schon länger trainierte, bekam den Schlüssel. Wir konnten hingehen, wann immer wir wollten. Mit dem professionellen Training begann ich dann 1978/79 bei Jürgen Brand in Essen. Zu der Zeit nahm ich an ersten Meisterschaften teil und wurde Juniorenmeister.

einestages: Was hat Sie an dieser Sportart so fasziniert?

Möller: Die Wettkämpfe waren etwas ganz Besonderes. Dass bis zu 4000 Leute frenetisch schrien, wenn ich die Muskeln anspannte, war etwas Neues für mich, der ich aus dem Schwimmsport kam. Ich war zwar die Badehose gewohnt - nicht aber, dass ich damit auf einer Bühne stehe und die Muskeln zeige. Bei meiner Größe von 1,96 Metern war Bodybuilding außerdem eine echte Herausforderung: Viele sagten, bei so einer Körpergröße kann man nie die nötige Muskelmasse draufbekommen. Dieses Nein und Nicht und Geht-nicht hat mich angespornt - ich wurde dann eben doch Deutscher Meister und 1986 Weltmeister.

einestages: In Recklinghausen arbeiteten Sie als Schwimmmeister. Wie haben die Leute auf den Muskelmann reagiert, wenn sie Ihnen im Hallenbad begegnet sind?

Möller: Wenn jemand Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger wie ich riesig und muskulös herumrannte, stierten die Leute dich an und wussten erst mal nichts mit deinem Aussehen anzufangen. Viele hielten mich für einen Gewichtheber. Wenn ich dann sagte, ich mache Bodybuilding, musste ich viel erklären. Als ich die ersten Wettkämpfe gewann, wurde ich gleich ins Fernsehen eingeladen und konnte erzählen, was und wie hart ich trainiere, nämlich vier bis fünf Stunden am Tag. Und dass ich zusammengerechnet jeden Tag bis zu 20 Tonnen Eisen bewegte, dass das fast das Gewicht eines Güterwagons war, das ich da tagaus, tagein stemmte. Das ist allerdings auch heute noch schwer zu vermitteln.

einestages: Wie sah die Bodybuilding-Szene damals aus? Was für Leute waren das?

Möller: Das ging durch alle Kreise und Gesellschaftsschichten. Nicht nur Türsteher oder Leute aus dem Milieu trainierten, sondern auch Polizisten, Ingenieure und angehende Ärzte. Es reicht eben nicht, nur seinen Geist zu entwickeln, auch der Körper muss trainiert werden.

einestages: Haben Sie sich als Pionier gefühlt?

Möller: Das kann man so sagen. In Ländern wie den USA akzeptierten die Leute das Bodybuilding viel eher. In Deutschland hatten wir damit lange Zeit Probleme. Viele von uns trauten sich gar nicht zu sagen, dass sie Bodybuilding machten. Oder sagten: "Ich mach' nur Kraftsport." Das lag daran, dass wir Bodybuilder damals pauschal abgestempelt wurden: Selbstverliebtheit, Drogenmissbrauch, Muskeln aufgepumpt, alles nicht echt. Damit muss man erst mal klarkommen.

einestages: Wann hat sich die Stimmung geändert?

Möller: Richtig los ging es, als Frauen das Bodybuilding entdeckten. Auf einmal sah man in den Studios wundervolle Körper sich formen und trainieren. Und Frauen, die davon schwärmten, dass man die Cellulitis am Po und am Oberschenkel bekämpfen kann, indem man in ein Fitnessstudio geht und trainiert.

einestages: Bodybuilding bei Frauen - fanden Sie das schön?

Möller: Wenn wir vom Wettkampf reden: Ja. Zu dieser Zeit waren die Frauen wirklich noch sehr gut proportioniert und wunderschön. Später lief es aus der Schiene: Frauen trainierten, um Muskulatur aufzubauen - und nahmen auch gewisse Anabolika zu sich, die sie dann später vermännlichten. Der eine findet es gut, dem anderen sind es zu viele Muskeln. Ich persönlich fand die Achtziger-Jahre-Form von Frauen-Bodybuilding wesentlich besser. Sie war ästhetischer und frauengerechter.

einestages: War es ein sauberer Sport?

Möller: Nein. Ich kenne keine Sportart, in der nicht hier und da gedopt wurde. Den komplett sauberen Sport, auch im Bodybuilding, wird es niemals geben.

einestages: Haben Sie selbst gedopt?

Möller: Ja. Ich habe immer mal das eine oder andere versucht, das den Körper über sein Maß hinaus mehr trainieren lässt. Das darf man nicht falsch verstehen: Man nimmt nicht einfach Anabolika und dann wächst alles von alleine. Ich habe dann auch fünf bis sechs Stunden täglich trainiert und wenn ich etwas ausprobiert habe, dann immer in Abstimmung mit Ärzten.

einestages: Haben Sie etwas geschluckt, das Sie heute bereuen?

Möller: Nein, was ich genommen habe, gab es auch auf dem freien medizinischen Markt. Zum Beispiel Primobolan: Das bekommen sowohl Kinder als auch Erwachsene verschrieben, die an Unterernährung leiden. Aber nimmt man es in zu hoher Dosis, ist es schädlich.

einestages: Was gab den Ausschlag, den Beruf aufzugeben und mit dem Körper Geld zu verdienen?

Möller: Ich habe mich bei der Stadtverwaltung in Recklinghausen beurlauben lassen und in ganz Deutschland Seminare gegeben und bin auf Eröffnungen von Fitnessstudios aufgetreten. Die Leute wollten Ratschläge von mir, etwa zu Themen wie Fettabbau und Muskelaufbau. Zu Studioeröffnungen kamen damals weit über tausend Menschen. Man entdeckte Anfang der achtziger Jahre, dass das ein riesiger Markt ist - sei es im Bekleidungs- oder im Ernährungsbereich.

einestages: Arnold Schwarzenegger war damals schon ein bekannter Mann. Welche Rolle hat er für Sie gespielt?

Möller: Ich habe ihn 1982 bei seiner ersten Kinopremiere in Essen kennengelernt. Als ich dann 1989 nach Amerika kam, haben wir uns öfter gesehen und wurden Freunde.

einestages: Sie haben dann in den USA recht schnell Erfolge gefeiert. Wie gelang Ihnen der Durchbruch?

Möller: Als Weltmeister war ich in vielen Ländern bekannt, etwa in England, Japan oder Australien. Unbewusst hatte ich Millionen von Fans. Auch Medienberichte halfen mir. Also sagte ich mir: Man kennt mich weltweit im Bodybuilding - warum nicht mal in einem Actionfilm mitwirken? Meine Bekanntheit als Bodybuilder war der maßgebliche Grund, dass ich in Filmen wie "Cyborg" oder gemeinsam mit Jean Claude Van Damme und Dolph Lundgren in Roland Emmerichs "Universal Soldier" mitspielen durfte. Dann kamen Werbeaufträge - ich wurde eine Marke.

einestages: Bodybuildern wird oft nachgesagt, sie seien Muskelprotze mit wenig Verstand. Wie gehen Sie damit um?

Möller: Ich wusste mich immer zu verständigen, kann ein großes Publikum unterhalten, und in meinen Interviews sehen die Leute: Aha, der hat mehr drauf als nur Muskeln. Vorurteile gegen Neues gibt es immer, ich habe das den Leuten nie krummgenommen und fühle mich deshalb nicht unter Druck. Ich habe einfach mein Ding gemacht - man sieht ja, wohin mich dieser Weg geführt hat. Oder nehmen Sie Schwarzenegger, der hat drei Karrieren geschafft: als erfolgreichster Muskelheld, im Filmbusiness mit Gagen, die bei bis zu 30 Millionen Dollar pro Film lagen, und jetzt als Gouverneur von Kalifornien - und seine Karriere ist noch lange nicht beendet.

einestages: In Filmen mimen Bodybuilder oft den Draufhauer. Stört es Sie nicht, dass Sie damit zu einem gewissen Grad Gewalt propagieren?

Möller: Es gibt ja nur wenige Bodybuilder, die in Filmen mitspielen: Schwarzenegger, meine Wenigkeit, Dolph Lundgren und Jean-Claude Van Damme. Und da ist Dwayne Johnson, ein ehemaliger Wrestler, der einen Film nach dem anderen macht. In harten Actionfilmen sind aber nicht nur wir zu sehen, im Gegenteil: Schlanke Darsteller, etwa Tom Cruise - machen genauso viele Actionfilme. Außerdem gibt es auch eine andere Seite: Gemeinsam mit Arbeits- und Sozialministerin Ursula von der Leyen habe ich ein Programm namens "Starke Typen" initiiert. Wir laden Unternehmer ein und gehen mit ihnen in Hauptschulen, um ihnen die Vorurteile zu nehmen und Schülerinnen und Schülern Jobs zu vermitteln. Das habe ich in diesem Jahr auch mit Ministerpräsident Rüttgers gemacht und werde es mit Bundesinnenminister Thomas de Maizière weiterführen. Ich gehe dorthin, um den Jugendlichen zu sagen: Glaubt an euch, macht Sport, trainiert, aber lernt auch und schreibt eure Bewerbungen. Die Unternehmer bekommen von den Schülern ein anderes Bild. Ich weiß, wie oft man auf Vorurteile stößt - ich war selbst Hauptschüler.

einestages: Das klingt vielbeschäftigt. Haben Sie daneben überhaupt noch Zeit für Ihre Filmkarriere?

Möller: Klar. Vor vier Wochen hatte ich eine Gastrolle in dem neuen Kinofilm von Florian Henckel von Donnersmarck "The Tourist". Im Herbst steht "Arabian Nights" mit Anthony Hopkins auf dem Filmplan. Und dann mein Lieblingsprojekt, in dem ich die Hauptrolle spiele: Der Kinofilm "Schönheitswahn", produziert von der Ufa. Darin spiele ich einen Studiobesitzer aus den achtziger Jahren, der mit der Fitness der heutigen Zeit nicht so ganz klarkommt, der aber von einer jungen Pilates-Lehrerin bekehrt wird. Eine rasante Beziehungs- und Liebeskomödie also.

einestages: Was machte einen Studiobesitzer in den Achtzigern aus?

Möller: Das waren Leute, die aus allen Berufen kamen - vom Elektriker bis hin zum Bäckermeister. Wenn man die Finanzierung zusammenbekam, konnte man ein Studio eröffnen. Fachliches Wissen war damals noch nicht gefragt. Die besten Tipps holte man sich von dem, der die größten Muskeln hatte - und dann trainierte man einfach.



insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
Sebastian Schales, 14.06.2015
1.
Am besten ist die Antwort auf dir letzte Frage: Man trainierte einfach. Heute geht kaum was ohne Fitnessarmband und einer App die alles überwacht. Nur eine Sache vergessen viele...trainieren muss man trotzdem das erledigt keine App
Bernhard Boos, 14.06.2015
2. Hollywood Star????
Ernsthaft? Der ist doch nur allerhöchstens Nebendarsteller!
Stefan Hauser, 14.06.2015
3. Damals und heute
Noch immer sind Vorurteile die selben wie damals. Ich habe mein Leben auf den Kraftsport eingestellt, dazu gehören neben der Ernährung auch Beruf und Privatleben. Tagsüber wird vorgekocht und trainiert, nachts arbeite ich als Türsteher in München. Mit meinem Coach Roland Cziurlok habe ich in der Saison, die ab Herbst startet große Ziele. Um zu zeigen, wie viel Arbeit dahinter steckt habe ich letzte Woche begonnen, meinen Alltag zu filmen. Das Video findet man auf Youtube wenn man nach Bouncer und meinem Klarnamen sucht.
Stefan Hauser, 14.06.2015
4. Damals und heute
Noch immer sind Vorurteile die selben wie damals. Ich habe mein Leben auf den Kraftsport eingestellt, dazu gehören neben der Ernährung auch Beruf und Privatleben. Tagsüber wird vorgekocht und trainiert, nachts arbeite ich als Türsteher in München. Mit meinem Coach Roland Cziurlok habe ich in der Saison, die ab Herbst startet große Ziele. Um zu zeigen, wie viel Arbeit dahinter steckt habe ich letzte Woche begonnen, meinen Alltag zu filmen. Das Video findet man auf Youtube wenn man nach Bouncer und meinem Klarnamen sucht.
Ralf Krefting, 14.06.2015
5. Wer ist das ?
Hollywoodstar? Ich glaube ich lebe auf dem Mars oder ?
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