Börsenkrimis Melodramen um Millionen

Von der Wall Street in den Knast: 20 Millionen Dollar soll der Hedgefonds-Gründer Raj Rajaratnam mit Hilfe vertraulicher Informationen abgesahnt haben. Es ist nur der jüngste Fall einer langen Geschichte von windigen Deals raffgieriger Zocker - SPIEGEL ONLINE nennt die legendärsten Insider-Geschäfte der Börsengeschichte.

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"Es ist gut, wenn man habgierig ist", sagte der Großspekulant Ivan Boesky im Jahr 1985 vor Diplomanden an der kalifornischen Universität Berkeley. "Ich glaube sogar, dass es gesund ist, habgierig zu sein. Sie können geldgierig und trotzdem mit sich im Reinen sein." Die Worte schrieben Geschichte. Erst auf der Wall Street, zwei Jahre später dann in Hollywood. Und trotzdem klingen sie, als seien sie eben erst gefallen.

Nur ein Jahr später löste er den größten Skandal aus, den die Wall Street je erlebt hatte. Dem hochgelobten Finanzfachmann konnte nachgewiesen werden, dass er seine exorbitanten Gewinne zum Teil durch illegal eingesetztes Insiderwissen erzielt hatte. Er hatte sich ein dichtes Netzwerk an Informanten zugelegt und daraus Wettbewerbsvorteile gezogen, wusste bei geplanten Fusionen oft schon vorher Bescheid. 1986 überführte die US-Börsenaufsicht SEC den Emporkömmling, der es als Sohn eines Barbesitzers zu unglaublichem Reichtum gebracht hatte und so den amerikanischen Traum verkörperte. Ein Gericht verurteilte ihn zu dreieinhalb Jahren Haft und einer Geldstrafe von hundert Millionen Dollar. Doch heimlich wurde Boesky weiter verehrt - nicht zuletzt wegen Oliver Stones Kinohit "Wall Street": Stone nahm Boesky als Vorbild für seine fiese Filmfigur Gordon Gekko und legte ihm dessen Worte über die Habgier in den Mund.

"Ivan den Schrecklichen" taufte die Presse damals den gestürzten Helden der Finanzwelt in einer Mischung aus Bewunderung und moralischer Entrüstung. Jetzt, zwei Jahrzehnte später, ist Ivan Boesky wieder in aller Munde. Denn der Hedgefonds-Milliardär Raj Rajaratnam soll sich mindestens 20 Millionen Dollar erschwindelt haben - mit Insiderwissen. Treffen die Vorwürfe in der 34-seitigen Anklageschrift zu, wäre dies der größte Insiderskandal, den die Finanzwelt jemals erschüttert hat. Die "New York Times" spricht schon jetzt von einem "Wall-Street-Thriller" und vergleicht Raj Rajaratnam mit Ivan Boesky.

Skrupellose Journalisten

Offenbar möchte die US-Börsenaufsicht SEC den aktuellen Fall auch nutzen, um ein Exempel gegen Börsengauner zu statuieren. "Es wäre weise", sagte SEC-Vollstreckungschef Robert Khuzami, "wenn sich Investmentbanker und Konzernmanager den heutigen Fall ganz genau zu Gemüte führten." Denn zu oft haben Spekulanten in der Vergangenheit die Börsenaufsicht an der Nase herumgeführt und mit Insiderhandel Millionen verdient. Oft wurde es geahnt, nur selten konnte es nach nachgewiesen werden - und das, obwohl Insiderwissen in den USA schon seit 1934 strafbar ist.

Das Prinzip war stets ähnlich: Finanzberater oder Spekulanten bauten sich ein dichtes Netz an gutbezahlten oder bestochenen Informanten auf. Mit dem Wissensvorsprung wurden beispielsweise Aktien eines Übernahmekandidaten gekauft - und zwar möglichst früh, wenn der Aktienkurs noch niedrig war. Sobald dann später die Übernahme öffentlich bekannt wurde, schnellten die Kurse oft steil in die Höhe. Mit illegalem Insiderwissen konnte der Spekulant also seine Aktientitel mit Millionengewinnen wieder abstoßen. Eine andere Variante: Analysten pushten eine Aktie, deckten sich aber schon vorher massenhaft mit den günstigen Papieren ein. Sobald der Kurs aufgrund ihrer eigenen Analysen stieg, verkauften sie. "Skalpieren" nennen die Amerikaner diese Methode martialisch.

Die Hochzeit solcher Geschäftspraktiken waren die achtziger Jahre. Neben Ivan Boesky brachten es in dieser Zeit auch Dennis Levine und Michael Milken mit dubiosen Geschäften zu Medienberühmtheiten. Einst als Wall-Street-Legenden verehrt, wurden sie alle von der Börsenaufsicht überführt und mussten mehrere Jahre ins Gefängnis. 1984 erschütterte aber eine neue Betrugspraxis das Vertrauen - nicht nur in die Aktienhändler, sondern gleichzeitig in den Journalismus. Schuld daran war der Kolumnist des renommierten US-Magazins "Wall Street Journal", R. Forster Winans.

Fehlendes Unrechtsbewusstsein

Bis 1984 verfasste Winans für das "Wall Street Journal" die viel gelesene Börsenkolumne "Heard on the Street". Darin gab er auch Empfehlungen zu börsennotierten Unternehmen ab. Da die Kolumne damals großes Ansehen genoss, konnte der einflussreiche Journalist stets mit einer gewissen Kursbewegung rechnen, sobald er eine Aktie empfahl. Deshalb begann er 1984 damit, Börsenhändlern im Vorfeld zu stecken, welche Aktien er in seiner nächsten Kolumne empfehlen würde. Innerhalb von vier Monaten machten er und seine Komplizen auf diese Weise einen Gewinn von 690.000 Dollar. Dann flog das Geschäft auf.

Winans war nicht das einzige schwarze Schaf unter Journalisten: 2004 wurde die bekannte TV-Moderatorin und Lifestyle-Unternehmerin Martha Stewart zu fünf Monaten Gefängnis und einer Geldbuße von 30.000 Dollar verurteilt. Stewart, die in den USA mit einer Haus- und Garten-Fernsehshow populär geworden war, hatte einen wertvollen Tipp bekommen: Ein Insider warnte sie, dass die Pharmafirma ImClone Systems dramatisch schlechte Zahlen veröffentlichen würde. Flugs verkaufte Martha Stewart ihre Anteile an dem Unternehmen im Wert von 50.000 Dollar.

Zunächst schien ihr das spektakuläre Urteil zu schaden: Die meisten TV-Sender setzten ihre Shows nach der Anklage ab. Stewart trat als Chefin ihrer eigenen Medienfirma zurück. Bereut hat sie ihr Verhalten aber nicht. Selbstbewusst sprach sie von einer "unwichtigen persönlichen Angelegenheit", die "in einen schrecklichen Zirkus von bislang unbekanntem Ausmaß ausartete". Doch der "Zirkus" und die negative Publicity halfen ihr auch: Der Aktienkurs ihres Unternehmens stieg nach dem Gerichtstermin um mehr als 35 Prozent.

Der 140.000-Dollar-Tipp beim Zahnarzt

Stewarts Beispiel zeigt, dass der Missbrauch von Insiderwissen keineswegs nur bei geldgierigen Finanzjongleuren an der Wall Street vorkommt. Manchmal macht auch der Zufall ganz normale Menschen plötzlich zu Börsenstraftätern: So entlockte ein Psychoanalytiker in Kalifornien im Jahr 1994 seinem Patienten während der Therapiestunde brisante Details zu der bevorstehenden Fusion der US-Rüstungsgiganten Lookheed und Martin Marietta - und münzte sein Wissen in bares Geld um. Ein Zahnarzt aus Massachusetts machte gar einen Gewinn von 140.000 Dollar, als einer seiner Patienten ihm lukratives Wissen über einen Produzenten von Luft- und Ölfiltern verriet.

Wie bei den professionellen Börsengaunern, ist auch bei den privaten Gelegenheitszockern das Unrechtsbewusstsein nicht sonderlich ausgeprägt. Die US-Zeitschrift "Money Magazine" fand vor wenigen Jahren in einer Umfrage heraus, dass 32 Prozent der US-Bürger Insiderwissen für den Kauf oder Verkauf von Aktien nutzen würden. Und das, obwohl die USA die schärfsten Gesetze im Kampf gegen den Insiderhandel hat.

Gier in Deutschland

In Deutschland hingegen konnten Spekulanten noch bis Ende 1995 sorglos ihre Insiderkenntnisse nutzen, ohne rechtliche Konsequenzen fürchten zu müssen. Zum Umdenken hat unter anderem der Fall des früheren IG-Metall-Chefs Franz Steinkühler geführt. 1993 hatte Steinkühler offenbar seine Position als Daimler-Aufsichtsrat für ein lukratives Aktiengeschäft ausgenutzt. Mit dem Wissensvorsprung soll er in nur zwei Wochen einen Gewinn von 160.000 Mark verbucht haben.

Rechtlich war sein Verhalten, das Steinkühler stets bestritt, legal - doch auf öffentlichen Druck musste er dennoch als Gewerkschaftschef zurücktreten. Drei Jahre später wurde der Insiderhandel auch in Deutschland strafbar. Verdachtsfälle überprüft seitdem die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) - und die hat eine Menge Arbeit: Seit 2001 hat sie mehr als 500 Verdachtsfälle an die Staatsanwaltschaften gemeldet.

Doch manche einst verurteilten Börsengangster, die mit Insiderwissen ein Vermögen scheffelten, nutzen heute ihr umfangreiches Know How auf legale Weise. Dennis Levine, neben Ivan Boesky der bekannteste Verurteilte in den achtziger Jahren, ging nach seiner verbüßten Gefängnisstrafe zur Columbia Business School. Dort lehrte er ein Fach, in dem er sich blind auskannte: Wirtschaftskriminalität.



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