Bohrinsel-Katastrophe 1980 "Ich schwamm und schwamm"

Oben machten es sich die Arbeiter gemütlich, unter Wasser geschah die Katastrophe. Im März 1980 riss während eines Orkans eine Strebe der Nordsee-Bohrinsel "Kielland". Bald kämpften Hunderte Männer um ihr Leben.

AP

Draußen tobte der Orkan, bis zu acht Meter hohe Wellenberge peitschte der Wind mit Stärke zehn über das Wasser. Die 212 Männer drinnen waren trotz des Unwetters entspannt. Manche nahmen in der Kantine ihr Abendessen ein, andere wollten sich im Kinosaal einen Film ansehen. Weitere ruhten sich in ihren Zimmern aus. In Gefahr fühlte sich keiner.

Schließlich hatte ihr schwimmendes Zuhause bis zu diesem 27. März 1980 jedem Sturm getrotzt. Zehn Anker sicherten die norwegische Bohrinsel "Alexander L. Kielland", die auf ihren fünf über 30 Meter langen Säulen, gehalten von Auftriebskörpern, stabil im Wasser lag. Mitten in der Nordsee, knapp 400 Kilometer von der norwegischen Küste entfernt.

Doch irgendwann durchlief ein Ruck die Bohrinsel. Die Männer, die gerade erst eine harte Zwölf-Stunden-Schicht auf der benachbarten Ölbohrplattform "Edda" hinter sich gebracht hatten, dachten sich zunächst nichts dabei. Sie aßen, schliefen oder schauten weiter fern.

Gegen 18.30 Uhr schrillten die Alarmsirenen. Das bis dahin schwerste Bohrinsel-Unglück der Geschichte nahm seinen Lauf.

"Es war eine Unendlichkeit"

Panisch sprangen die Männer von ihren Stühlen und Betten auf, nur um wenige Sekunden später wieder zurückzufallen. "Der Fußboden wurde immer schiefer, und man kletterte förmlich an der Wand lang", berichtete der Elektriker Gerd Vaestra später der Presse. In aller Eile versuchten die Bohrarbeiter zu den Ausgängen ihrer Behausung und aufs Deck der "Kielland" zu gelangen.

Doch mittlerweile krängte die Bohrinsel in einem Winkel von 45 Grad. "Alle drängten sich in panischem Schrecken in den langen Korridoren, in den engen Schlafkajüten und auf den steilen Treppen", berichtete der Norweger Olav Skotheim. "Jeder wollte, so wie man es uns immer eingebläut hatte, seine persönliche Schutzausrüstung greifen und anziehen."

Es herrschte Chaos. Stühle, Tische, Schränke fielen um und verletzten Arbeiter. Im Speiseraum brach laut einem Überlebenden Panik aus, auf ihrer Flucht behinderten sich die Männer gegenseitig an den Türen. Das Meer überspülte weitere Teile der "Kielland", immer mehr Wasser drang ein.

In aller Eile versuchten diejenigen, die es ins Freie geschafft hatten, in die Rettungsboote zu kommen. Vom Deck der nur wenige Meter entfernten Bohrinsel "Edda" schauten die Arbeiter dagegen fassungslos auf ihre Kollegen, die um ihr Leben kämpften. "Ich schwamm und schwamm, ich weiß nicht wie lange. Es war eine Unendlichkeit. Dann konnte ich einen Korb ergreifen, den die Männer von der 'Edda' heruntergelassen hatten", schilderte Tor Johannsen seinen Überlebenskampf.

"Noch nie Probleme"

Weitere Hilfe traf ein. Schiffe nahmen Kurs auf die Unglücksstelle, in Großbritannien und Norwegen waren Hubschrauber gestartet, die mit Höchstgeschwindigkeit in Richtung der havarierten "Kielland" flogen. "Im Wasser konnten wir Boote ausmachen, die Platz für zehn Leute gehabt hätten, aber sie waren alle leer", berichtete ein britischer Pilot. Schlechte Sichtverhältnisse und das raue Wetter erschwerten die Rettung zusätzlich: "So furchtbare Bedingungen habe ich noch nie erlebt." Mehr als eine Stunde kreiste der Pilot über der Unglücksstelle, dann musste er abdrehen.

Von der Unglücksbohrinsel, benannt nach einem norwegischen Schriftsteller, war zu diesem Zeitpunkt kaum noch etwas zu sehen. Immer weiter hatte sich das stählerne Ungetüm zur Seite geneigt, bis es gegen 18.50 Uhr endgültig versank und sich um 180 Grad drehte.

Von den 212 Männern, die sich zum Zeitpunkt des Unglücks an Bord befunden hatten, überlebten nur 89. Die Retter bargen Dutzende Leichen aus dem Wasser. Für die im Inneren Eingeschlossenen bestand keine Hoffnung. Die Fenster der Wohnbereiche waren geplatzt, so dass sich keine rettenden Luftblasen hatten bilden können. Auch ein Deutscher befand sich unter den Verunglückten.

Gerade einmal vier Jahre alt war die gut 10.000 Tonnen schwere "Kielland", als sie unterging. Öl förderte sie zu diesem Zeitpunkt keines, sondern diente als eine Art "schwimmendes Hotel" für die Arbeiter der benachbarten Plattform "Edda".

"Ein einziger Rostkasten"

Überlebende, Rettungskräfte und die Öffentlichkeit fragten sich verzweifelt, warum die "Kielland" gekentert war. Eigentlich hätte der Stahlbau Wellenberge von bis zu 30 Meter Höhe überstehen müssen. "Das Unglück ist uns völlig unerklärlich", sagte ein Sprecher der französischen Herstellerfirma nach dem Unglück dem SPIEGEL. Mit diesem Bohrinseltyp habe es "noch nie Ärger" gegeben.

Fassungslos entdeckten Experten bald die Ursache der Katastrophe. Eine riesige Horizontalstrebe war unter Wasser durchgerissen - ihr Durchmesser betrug mehr als zweieinhalb Meter, die Wandstärke 2,6 Zentimeter. Eigentlich hätte sie extremsten Anforderungen widerstehen sollen. Doch hatte die Strebe eine hausgemachte Schwachstelle. In ihr war eine 325 Millimeter starke Halterung für ein Messinstrument eingeschweißt worden.

An genau dieser Stelle waren Ermüdungsrisse entstanden, die sich unter der dauerhaften Belastung im Meer stetig erweiterten, bis schließlich die ganze Strebe abriss. In einer Kettenreaktion brachen dann auch andere Verbindungsteile ab, bis eine ganze Säule der Bohrinsel wegknickte. Sofort geriet die "Kielland" in ihre verhängnisvolle Schräglage.

Rund 500 Seiten umfasste schließlich der Untersuchungsbericht, der fast alle am Bau und Betrieb der Bohrinsel beteiligten Unternehmen belastete. Die verhängnisvolle Schweißnaht, die zum Untergang geführt hatte, war als statisch nicht relevant betrachtet worden. Auch sonst wurden Vorwürfe über die mangelhaften Zustand der "Kielland" bekannt. "Die Plattform war ein einziger Rostkasten", zitierte das "Hamburger Abendblatt" einen auf ihr eingesetzten Elektriker. Strengere Kontrollen und höhere technische Auflagen sollten in der Zukunft weitere Unglücke auf Bohrinseln verhindern.

Die "Kielland" selbst wurde erst mehr als drei Jahre nach dem Unglück wieder aufgerichtet. Ein erster Versuch war zuvor gescheitert. Tausende Ölarbeiter hatten den erneuten Bergungsversuch zuvor durch einen Streik erzwungen - die Leichen ihrer 36 noch vermissten Kollegen sollten bestattet werden. Doch in dem Wrack fanden die Bergungskräfte nur sechs Tote.

Wie die verschwundenen Männer erhielt auch die "Alexander L. Kielland" später selbst ein nasses Grab. Nach der Bergung der Leichen wurde sie in einem Fjord versenkt.



insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
Alex Klo, 28.03.2015
1.
Auch die Sleipner A ist in der Nordsee gesunken. Schuld war eine fehlerhafte finite Elemente Modellierung.
Julian König, 30.03.2015
2.
Vielen Dank Alex Klo, ein sehr "schönes" Unterrichtsbeispiel dafür, dass finite Elemente zwar beliebig genau werden können aber immer einen Fehler machen.
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