Bollywood-Remakes Wenn Superman das Tanzbein schwingt

Bollywood-Remakes: Wenn Superman das Tanzbein schwingt Fotos
Artisan Pictures

"Dirty Dancing" mit Hindi-Soundtrack? "Matrix" als Musical? Seit Jahrzehnten kopiert das indische Kino Blockbuster aus Hollywood und lässt dabei seiner Freude an ausufernden Tanzszenen freien Lauf. einestages präsentiert die irrsten Bollywood-Versionen von US-Filmklassikern. Von Simon Broll

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Es ist einer der bekanntesten Momente der Filmgeschichte: Der Mann mit dem freien Oberkörper und seine Partnerin im ärmellosen Top schauen sich tief in die Augen. Bis zum Brustansatz stehen sie im See. Dann zählt er bis drei - und hebt das Mädchen über seinen Kopf aus dem Wasser. Für einige Sekunden schwebt sie in waagerechter Position in der Luft.

Klar, das sind Baby und Johnny aus "Dirty Dancing", der rebellische Tanzlehrer und das unerfahrene Nesthäkchen, die sich in einem Urlaubsressort treffen und ineinander verlieben. Jennifer Grey und Patrick Swayze in ihren unvergesslichsten Rollen. Wer sonst? Naja, sie heißt Muskaan und er Dino - und der Titel des merkwürdig vertrauten Werkes ist schlicht "Holiday".

In dem Streifen tanzen die Protagonisten zwar nicht halb so "dirty" wie im eh schon zahmen Original, dafür wird eifrig gesungen. Das muss so sein. Schließlich ist "Holiday" die Bollywood-Version des amerikanischen Tanzfilmklassikers. Der Film tauchte 2008 in den indischen Kinos auf und folgt nahezu Szene für Szene dem Vorbild. Die Produzenten behaupten trotzdem steif und fest, dass ihre Version rein gar nichts mit "Dirty Dancing" zu tun hat.

Das ist dreist - aber nichts Neues. Die indischen Kopien berühmter US-Blockbuster füllen ganze DVD-Regale.

Geklaute Spezialeffekte

Indien ist die größte Filmnation der Welt. Das Kino gilt dort als das beliebteste Freizeitvergnügen der Bevölkerung. Im Durchschnitt werden 2,7 Milliarden Tickets jährlich verkauft - mehr als in irgendeinem anderen Land. Um das Verlangen der Massen zu befriedigen, sind die Produzenten auf immer neue Filmstoffe angewiesen - und greifen gerne auf erfolgreiche US-Hits zurück.

Der Grad des Plagiierens variiert dabei ganz gehörig: Mal beschränkt man sich darauf, die Handlung als Grundgerüst zu nutzen, wie etwa bei "Aatank Hi Aatank" - der indischen Version von "Der Pate". Dann gibt es Filme wie "Holiday", in denen ganze Einstellungen von der US-Version abgekupfert sind. Und schließlich kommen die Werke, die sich einfach des Original-Filmmaterials bedienen.

Ein besonders trashiges Beispiel stellt "Superman" aus dem Jahre 1987 dar. Regisseur B. Gupta wollte die Abenteuer des "Man of Steel" mit indischen Darstellern nachdrehen. Doch er hatte kein Geld für ausgefeilte Spezialeffekte. Deswegen klaute er kurzerhand alle Flugszenen aus der US-Version von 1978. Gupta nutzte dabei nur die Totalen, damit man Hauptdarsteller Christopher Reeve nicht erkennen konnte. In den Naheinstellungen trat der Inder Puneet Issar als Retter mit dem roten Cape auf.

Der Regisseur klaute allerdings nicht nur beim Original. Er bediente sich auch bei anderen Filmen - und produzierte dabei ein paar sehr amüsante Anschlussfehler. Da wird schon einmal ein Flugzeug an helllichten Tag gekapert, der vermeintliche Absturz der Maschine (entnommen aus einem anderen Film) erfolgt jedoch bei Nacht. Als Superman schließlich die Passagiere rettet und die Maschine sicher auf dem Rollfeld runterbringt, herrscht wieder strahlender Sonnenschein.

Über solche Bildfehler machten sich die indischen Produzenten wenig Sorgen. Wichtiger war ihnen offenbar, dass nach jedem Aufeinandertreffen zwischen Superman und seinem Rivalen eine Bauchtanz-Szene kommt. Das Publikum sollte schließlich nicht auf traditionelle indische Filmelemente mit Musik und Tanz verzichten. Amüsant ist auch die Passage, in der Superman als Junge, der hier Shekhar heißt, zum ersten Mal seine Kräfte entdeckt. Statt tonnenschwere Gegenstände zu stemmen, legt das Kind in dieser Version eine Break-Dance-Nummer aufs Parkett - zur Musik von Michael Jacksons "Beat It".

Obwohl sich bei "Superman" offensichtlich im großen Stil am Original bedient wurde, klagte Hollywood nicht gegen das Plagiat. Das blieb nicht so.

Der Trick mit "Hari Puttar"

Das bekannteste Beispiel für einen gerichtlichen Streit Hollywood vs. Bollywood ist wohl die Auseinandersetzung zwischen Warner Bros. und dem indischen Studio Mirchi Movies. 2008 zog der Hollywood-Riese gegen das Werk "Hari Puttar" vor Gericht. Der Filmtitel wies laut Warner Bros. viel zu große Ähnlichkeiten mit ihrer erfolgreichen Serie um einen Teenie-Zauberer in Ausbildung auf. Dabei geht es in "Hari Puttar" überhaupt nicht um Zauberer, Quidditch-Spiele oder Horkruxe. Es geht vielmehr um einen Zehnjährigen, dessen Familie ihn vergisst, als sie in Urlaub fährt. Und um zwei tumbe Einbrecher, gegen die der Junge mit Trickfallen vorgeht. Der Film ist nämlich gar nicht die indische Version von "Harry Potter" - sondern von "Kevin - Allein zu Haus".

Als der Fall vor einem Gericht in Mumbai landete, stritt der indische Produzent jedwede Gemeinsamkeit mit "Harry Potter" ab. In seinem Land sei Hari einfach ein sehr geläufiger Vorname, während "Puttar" im südindischen Dialekt nichts anderes als "Sohn" bedeuten würde. So kurios die Erklärungen waren: Das Gericht sprach die Filmemacher am Ende frei. Die Richter trauten dem Kinopublikum zu, zwischen "Hari Puttar" und "Harry Potter" unterscheiden zu können. Das Studio 20th Century Fox, das die Rechte an "Kevin - Allein zu Haus" hält, wollte sich gar nicht erst auf einen Rechtsstreit einlassen.

Doch nicht alle US-Filmemacher stehen den Bollywood-Plagiaten feindlich gegenüber. Als Quentin Tarantino das Werk "Kaante" sah, war er begeistert. Es ist die indische Version seines Frühwerks "Reservoir Dogs". Von allen Rip-offs, die es zu seinem Gangsterfilm gegeben habe, "ist mir dieser am liebsten", erklärte der Kino-Gigant - der selbst dafür bekannt ist, sich bei seinen Filmen Inspirationen aus anderen Ländern zu holen.

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