Bombardement auf Nürnberg Onkel Baldrian - Die Stimme im Bunker

Bombardement auf Nürnberg: Onkel Baldrian - Die Stimme im Bunker Fotos
Stadtarchiv Nürnberg

Sie nannten ihn "Onkel Baldrian". Tausende Menschen starben in den Bombennächten von Nürnberg. Überlebende erinnern sich an eine Stimme, die sie warnte und zugleich beruhigte. Hat ein Flak-Wachtmeister sie vor dem Schlimmsten bewahrt?

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Als die US-Army am 20. April 1945 - Führers Geburtstag - die Stadt einnahm, war Nürnberg eine Trümmerwüste. Die Bestandsaufnahme des städtischen Baureferats gut zwei Monate später lautete: "Insbesondere betroffen wurde das Stadtzentrum mit der Altstadt, deren Bestand an historischen Gebäuden fast restlos vernichtet ist, die dicht bevölkerten Gebiete südlich des Bahnhofs und die nordöstlich anschließenden Wohngebiete." Die zu räumende Schuttmenge betrug in Nürnberg 25,3 Kubikmeter je Einwohner, mehr als in Hamburg (20,9) oder Berlin (12,7). Insgesamt hatte der Bombenkrieg hier etwa 6000 Menschenleben gekostet.

Die fränkische Metropole war zunächst vom Luftkrieg weitgehend verschont geblieben. Doch die Vielzahl von Rüstungsbetrieben, ihre Funktion als Knotenpunkt der Eisenbahnlinien vom Ruhrgebiet nach Südosteuropa und von Berlin über München nach Italien machte die Stadt zu einem verlockenden Ziel für die alliierten Luftstreitkräfte. Außerdem war da noch ihre exponierte Rolle in der NS-Propaganda: "Stadt der Reichsparteitage" und Namenspatronin der rassistischen Schandgesetze. Die Rolle Nürnbergs war in den Köpfen der britischen und amerikanischen Verantwortlichen präsent, wenn sie ihre Maschinen nach Nordbayern schickten.

Der erste Großangriff in der Nacht vom 28. zum 29. August 1942 kam also nicht überraschend: 50 britische Flugzeuge warfen Spreng- und Phosphorbomben auf das Stadtgebiet. 136 Menschen starben, mehr als 20.000 wurden obdachlos. Für diese "Gefallenen" inszenierte die NSDAP eine pompöse Trauerfeier. Angesichts der Massen an Opfern und der angerichteten Verwüstungen sollte den Parteifunktionären die Lust auf solche Rituale bald vergehen.

Flucht ins Felsen-Labyrinth

Zwei große Bombardements im Februar und März 1943 forderten 360 Todesopfer und zerstörten erstmals wertvolle historische Gebäude in der Altstadt. Angriffe im August richteten ebenso verheerende Schäden an. Der eng bebaute Vorort Wöhrd ging in einem Flammenmeer unter, die gotische Lorenzkirche im Stadtzentrum wurde ruiniert, es starben 585 Männer, Frauen und Kinder.

Ab diesem Zeitpunkt gehörten Fliegeralarm und Bunkeraufenthalt zum Alltag. Um den zunehmenden Materialmangel beim Bunkerbau zu kompensieren, nutzten die Nürnberger die weitläufigen, in den weichen Sandstein getriebenen "Felsengänge" unterhalb der nördlichen Altstadt, die zu einem System von Schutzräumen und Fluchtwegen ausgebaut wurden. Es konnte 60.000 Menschen aufnehmen.

Wie dieses schützende Labyrinth war auch "Onkel Baldrian" ein lokales Spezifikum des Luftkriegs.

Die Stimme aus dem Gefechtsstand

Beim Gedanken an die Angriffe erinnern sich Zeitzeugen nicht nur an das Heulen der Sirenen und die Explosionen, sondern auch an eine Stimme und ihre Magie: "Ja, um diese Stimme hat sich in Nürnberg und im ganzen Gau schon ein Rätselraten gebildet. Selbst wenn es einmal dicke Luft gibt, wenn die ersten Bomben fallen und das Feuer unserer schweren Batterien der Flak-Artillerie den anfliegenden Feindmaschinen entgegenschlägt, dann behält jene Stimme die gleiche Ruhe, im Gegenteil, man kann behaupten, sie wird noch ausgeglichener und überträgt diese Ruhe, Besonnenheit und Beharrlichkeit auf alle Volksgenossen." So beschrieb ein Lokalblatt Ende Oktober 1944 die Wirkung des Mannes, der die Luftlagemeldungen aus dem Gefechtsstand der Flak-Gruppe Nürnberg vorlas.

Der Leserschaft der "Fränkischen Tageszeitung" wurde der bis dahin anonyme, aber schon äußerst populäre Flak-Wachtmeister Arthur Schöddert vorgestellt, kein Nürnberger, sondern ein Westfale aus Münster, im Zivilberuf Beamter, der sich vor seinem Mikrofon-Job als Melder und am Flugabwehrgeschütz hatte bewähren müssen.

Schöddert strahlte nicht nur Ruhe aus, was ihm im Volksmund den Spitznamen "Onkel Baldrian" einbrachte. Die Franken schätzten auch die lebenswichtige Zuverlässigkeit seiner Informationen. Im Laufe der Zeit hatte sich zwischen ihm und seiner Hörerschaft ein Vertrauensverhältnis entwickelt, das der Zeitungsartikel wie folgt charakterisiert: "Das kann jene Stimme für sich in Anspruch nehmen: Sie hat sich noch nicht geirrt. Was sie verkündet, erfolgt auf Grund genauester Auswertung aller Einflugs- und Beobachtungsmeldungen. Das haben die Volksgenossen auch längst erkannt und sie vertrauen ihr, folgen ihm, diesem Unbekannten, besser als manchem energischen Luftschutzwart."

Großangriff auf Nürnberg

Der Versuch der NS-Propaganda, sich des Medienstars wider Willen zu bedienen, um den Glauben an das unaufhaltsam im Blut seiner Opfer ersaufende System zu erneuern, ist offenkundig. Doch Schödderts Beliebtheit hatte nichts mit Ideologie zu tun, sondern stand für den Wunsch der Menschen, mit seiner Hilfe den Krieg zu überleben.

Allein 1944 flogen die Alliierten sechs Großangriffe auf Nürnberg. Dabei erlitt die Royal Air Force am 31. März schwere Verluste. Wegen der deutschen Luftabwehr und des schlechten Wetters kehrten viele Bomber nicht zu ihren Stützpunkten zurück. Im September und Oktober folgten Tagesangriffe der US-Luftwaffe: Am 3. Oktober fielen amerikanische Bomben auf die Industriegebiete im Süden und die Altstadt. Beide Angriffe kosteten mehr als 400 Menschen das Leben, 37.000 verloren ihre Wohnungen.

Die schwerste Attacke erlebte Nürnberg am 2. Januar 1945. An die 1000 britische Bomber flogen ab 19.20 Uhr über die Stadt. Ihr Ziel waren die Wohngebiete innerhalb des mittelalterlichen Mauerrings. Es regnete eine Million Brand- und 6000 Sprengbomben. Die Bilanz des Infernos: mindestens 1800 Tote, 3333 Verletzte und 100.000 Obdachlose. Die Altstadt war nahezu vollständig vernichtet, das öffentliche Leben zusammengebrochen.

"Onkel Baldrian" warnt

Natürlich gibt es auch eine Geschichte, die die fast schon mystische Figur des "Onkel Baldrian" mit diesem für die Psyche der Bevölkerung verheerendsten Nachtangriff auf das Herz ihrer Stadt in Verbindung bringt. Ihr zufolge habe Schöddert wegen der Masse der anfliegenden Bomber die Menschen vorzeitig gewarnt.

Typisch sind die Erinnerungen der Zeitzeugin Anne-Marie R. an den 2. Januar 1945: "Kurz bevor wir den schützenden Bunker erreichten, meldete ,Onkel Baldrian' starke Kampfverbände im Anflug auf das Stadtgebiet. Wie ich erst viel später erfuhr, hatte er nach Meinung seiner Vorgesetzten zu früh Alarm gegeben. Wie sich allerdings herausstellte, wurde durch seine scheinbare Fehlentscheidung vielen Menschen das Leben gerettet."

In der Abschlussmeldung des Polizeipräsidenten über den Angriff werden als Daten der öffentlichen Luftwarnung 18.33 Uhr und des Fliegeralarm 18.43 Uhr genannt. Da laut des hierfür geltenden Luftschutzbefehls beide Signale erst zehn Minuten vor Eintreffen der feindlichen Flugzeuge gegeben werden mussten, erscheint die Spanne bis zum Beginn der Bombardierung tatsächlich recht lang. Schöddert selbst hat sich nach Kriegsende jedenfalls nicht mit dieser ihm zugeschriebenen Rettungstat gebrüstet.

Psychologische Tricks

In seiner Schlussphase eskalierte der Luftkrieg gegen Nürnberg in fast täglichen Alarmen, Störangriffen und erneuten schweren Bombardements, deren schlimmste noch Ende Februar 1945 992 Tote forderten. Insgesamt wurden in den vier Kriegsmonaten des Jahres 1945 auf Nürnberg mehr Bomben abgeworfen als in den drei Jahren zuvor.

Als die US-Panzer schon vor den Toren der Stadt standen, waren ihre zu Höhlenbewohnern heruntergekommenen Bewohner mehr denn je auf die psychologischen Tricks ihres "Onkel Baldrian" angewiesen. Die Zurückhaltung bei der Beschreibung seiner Rolle am 2. Januar lässt eine von ihm vier Jahre später dem Nürnberger Stadtarchiv zu Protokoll gegebene Anekdote vom 8. April 1945 glaubhaft erscheinen: Der Nazigauleiter und "Reichsverteidigungskommissar" der Stadt, Karl Holz, rief demnach bei ihm an und teilte mit, er wolle am folgenden Tag im Rundfunk eine Propagandarede halten. Zweifellos hätten die Rede Angst und Fanatismus geschürt und so die wenig später ausbrechenden Häuserkämpfe in der Stadt verschärft. Schöddert verwies gegenüber Holz auf die prekäre Luftlage, die jederzeit Durchsagen notwendig machen konnte. Das Vorhaben des Gauleiters konnte er so vereiteln.

Noch segensreicher als diese List war - vorbehaltlich der Richtigkeit des Sachverhalts -Schödderts Weigerung, das Codewort für Hitlers sogenannten "Nero-Befehl" zu senden. Es ging dabei um die Zerstörung wichtiger Verkehrs-, Industrie- und Versorgungsanlagen. Wohl ermutigt dadurch, dass sich selbst Nürnbergs führende Nazis über die Ausführung des Befehls uneinig waren - Holz wollte die auf der Liste stehenden 61 Objekte brennen sehen, der Nürnberger Oberbürgermeister Willy Liebel dies verhindern - unterschlug Schöddert am 16. April 1945 den Befehl zur Durchsage "Achtung, Achtung, Sonderkommando Z, Stichwort Puma!" Als der misstrauische Holz später am Tag nachfragen ließ, was aus der Meldung geworden sei, log ihn Schöddert an und behauptete, er habe sie zweimal durchgegeben. Außer ihm überlebte keiner der Beteiligten das Kriegsende, weshalb sich diese Episode nicht aus anderen Quellen verifizieren lässt. Fakt ist: Hitlers Wahnsinnsorder wurde in Nürnberg nicht verbreitet.

Abschiedstränen am Radio

Bevor "Onkel Baldrian" das Chaos am Ende des "Tausendjährigen Reiches" nutzte und sein Sendegerät eigenhändig funktionsunfähig machte, um einen Missbrauch in letzter Minute zu verhindern, blieb er seinem Stil treu und nahm von seiner Hörerschaft Abschied. Es war ein bewegender Moment, der vielen, die ihn erlebt haben, noch sechzig Jahre später im Gedächtnis ist. Eine damals 21-Jährige erinnert sich:

"Am 16. April 1945 wurde dann gegen Mittag Panzeralarm ausgelöst. ,Herr Baldrian' gab als erste Panzeralarmmeldung durch, dass der Feind sich dem Stadtgebiet nähert und wir Ruhe bewahren sollen und die Luftschutzkeller aufzusuchen sind. Es kam dann noch eine Meldung, dass die feindlichen Panzer von Norden und Osten das Stadtgebiet erreicht haben. ,Herr Baldrian' verabschiedete sich, wünschte uns alles Gute und sagte: ,Vielleicht hören wir uns einmal wieder.'"

Andere Ohrenzeugen gestanden bei einer Befragung durch das Stadtarchiv geweint zu haben, "denn wir hatten in ihm einen guten Freund verloren." Ein französischer Zwangsarbeiter erinnerte sich an ein besonderes Detail von Schödderts letztem Radioauftritt, das in der Folgezeit von anderen Hörern bestätigt wurde: Nach seinem Abgang aus dem Äther wurde der Schlager "Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern" mit dem berühmten Refrain "Keine Angst, keine Angst, Rosmarie!" gespielt als Ermutigung für die in ihren Kellern vor der ungewissen Zukunft zitternden Menschen.

Nürnberg war am Ende und mit ihm sein "Onkel Baldrian". Ein letzter sinnloser Befehl führte ihn nach seiner Aussage von der am Stadtrand gelegenen Befehlsstelle der Flugabwehr noch einmal in die Ruinenlandschaft, "um die eigenen Positionen zu erkunden". Doch die gab es nicht mehr. Am 20. April erlitt er in einem Altstadtbunker einen Nervenzusammenbruch. Trotzdem hatte er seine Geistesgegenwart nicht verloren: Der Gefangennahme konnte er sich - mittlerweile in ziviler Kleidung - nach einer halben Stunde entziehen und auf eigene Faust den Weg in die westfälische Heimat antreten.

Arthur Schöddert war kein Held, sondern nur einer, der seine Möglichkeiten nutzte, um Schlimmeres zu verhindern. In Nürnberg wird er als "Onkel Baldrian" eine Legende bleiben.

Gerhard Jochem

Ausführlichere Informationen in dem Buch:

Michael Diefenbacher, Wiltrud Fischer-Pache (Hg.): Der Luftkrieg gegen Nürnberg. Der Angriff am 2. Januar 1945 und die zerstörte Stadt, Konzeption und Koordination: Gerhard Jochem, mit Beiträgen von Hendrik Bebber, Helmut Beer, Gerhard Jochem, Michael Kaiser, Nicole Kramer, Harald T. Leder, Danièle List, Georg Seiderer und Melanie Wager. Nürnberg 2004.

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1.
Pastor Peter Kriz, 14.10.2007
Wieviele Onkel Baldrian gab es im 2. Weltkrieg? Mir war bisher nur der Hamburger "Onkel Baldrian" Georg Ahrens bekannt. Ich zitiere aus www.abendblatt.de/daten/2006/11/02/633134.html Während der alliierten Bombenangriffe gab Ahrens die "Luftlage" im Radio bekannt, wegen seiner sonoren Stimme nannte man ihn "Onkel Baldrian". Für die Zugehörigkeit zu einer verbrecherischen Organisation wurde der SS-Standartenführer nach dem Krieg zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Die Strafe wurde 1949 "wegen seiner großen Verdienste um die Hamburger Bevölkerung durch seine wahren Luftlagemeldungen" ausgesetzt. Ahrens starb 1974 in Hamburg.
2.
Thomas Göbel, 23.05.2008
Ich suche ehemalige Flakhelfer und Zeitzeugen des Luftkriegs ueber Nürnberg fuer ein privates Forschungsprojekt. Insbesondere die Flakabteiluing in Nürnberg Thon ist fuer mich von großem Interesse Danke! http://www.tom-goebel.de/html/nurnberg.html
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