Bombardierung der Möhnetalsperre Flutwelle im Ruhrtal

Bombardierung der Möhnetalsperre: Flutwelle im Ruhrtal Fotos

Britische Flugzeuge warfen in der Nacht zum 17. Mai 1943 Rollbomben auf den Möhnestausee. Der Plan der Alliierten im Kampf gegen Nazi-Deutschland ging auf - eine Katastrophe für die Bewohner des Ruhrtals. Von

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Es war wieder Frühling geworden - trotz des Kriegs und Terrors, den die Nazis noch immer über Deutschland und die Welt brachten. Im dem kleinen Dorf Wennigloh im Sauerland war es sogar friedlich. Das Leben verlief spartanisch, doch mit den Erträgen des Gartens, der Milch einer Ziege und dem Fleisch von einem Schwein war zumindest die Versorgung gesichert. Das Fehlende steuerten Bauern des Ortes bei, dafür leisteten Frauen und Kinder die nötige Feldarbeit. Die Männer, die sonst "Knechtsarbeit" machten, waren an der Front.

An den Abenden hörten wir am Volksempfänger die gefilterten Nachrichten von den Erfolgen der deutschen Soldaten. Glauben mochte das keiner mehr. Die Kriegsmaschinerie in der Luft sprach eine andere Sprache, über uns heulten die Stukas.

Eines Morgens war Großmutter im Garten, um etwas Essbares zu holen. Entsetzt kam sie wieder zurück in die Küche und erzählte aufgeregt, dass zwei Granatsplitter hinter dem Haus auf der Wiese lägen. Einer sei Teller groß, der andere noch größer und schwerer. Hätte er unser Fachwerkhaus getroffen, hätte er ein großes Loch in Dach oder Wand gerissen. Die Granatsplitter stammten wahrscheinlich von einer Bombe, die für das Viadukt im nahen Arnsberg bestimmt war. Die Brücke, eine wichtige Bahnverbindung, war dem Gegner ein Dorn im Auge.

Meine Tante brachte die Metallbrocken mit der Karre in ein kleines Buschwerk an dem Weg, der im Volksmund "Hinter der Haar" hieß. Hier wurde auch Grünzeug abgeladen, dann aber achtete jeder darauf, "dass keiner zugesehen hat". Legal war das nicht, aber was war noch legal in dieser Zeit?

Die Katastrophe

Dann kam der 16. Mai 1943. Die Nacht auf Montag war mondhell erleuchtet, als britische Flugzeuge ihre todbringende Last über dem Möhnesee abwarfen - Rollbomben, die über die Wasseroberfläche und die gespannten Fangnetze hüpften und schließlich in die Staumauer einschlugen. Die Katastrophe war perfekt, der teuflische Plan der Militärs ging auf.

Unvorstellbare Wassermassen strömten durch das riesige Loch in der Staumauer in das Ruhrtal. Das Wasser raste durch Niederense-Neheim und riss auf seinem Weg alles mit sich fort: Menschen, Tiere, Häuser. Erwachsene erzählten später, dass die Geräusche der stürzenden Fluten bis nach Wennigloh zu hören waren. Später habe ich gelesen, dass über 100 Millionen Kubikmeter aus der Talsperre entwichen sind. Zum Zeitpunkt ihrer Einweihung 1913 war die Stau-Anlage die größte Europas.

Der Krieg ging dem Ende zu. Als wir an einem Morgen am Küchenfenster saßen, um zu frühstücken, kam ein Treck vorbei. Es waren gequälte und geschundene Häftlinge, die von Bewachern in dunklen Uniformen angetrieben wurden. Einige der halb Verhungerten rissen Grasbüschel vom Straßenrand und aßen davon. Nur eine dünne Fensterscheibe trennt uns von dem Grauen auf der Kreisstraße. Wir sahen nicht lange zu, wir wollten nicht in das Gesichtsfeld der Söldner geraten.

In der Zivilbevölkerung ging die Angst um: nichts sehen, nichts hören und nichts laut. Wer waren die Männer, woher kamen sie, wohin sollten sie und was sollte aus ihnen werden? Die Fragen sind uns nie beantwortet worden. Unsere Betroffenheit half den Geschundenen nicht. Heute muss ich sagen, zu viele haben damals so gehandelt wie wir. Haben nur zugesehen - ohne zu handeln.

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1.
Ernst Pelzing 14.01.2010
Späte Zeugen der Bombardierung der Sperrmauer der Möhnetalsperre Die Bombardierung erfolgte im Mai 1943 durch eine Spezialeinheit der Royal Air Force unter Einsatz viermotoriger Avro Lancaster Bomber durch Abwurf so genannter Roll- oder Rotationsbomben. Die Sperrmauer des vollen Sees wurde getroffen und brach, die Folgen waren katastrophal, wie Herr Keuter berichtet. Über 1200 Menschen fanden den Tod. Das Ruhrtal wurde überflutet. In Bochum-Dahlhausen war die Flutwelle noch fünf Meter hoch, wie http://www.pro-dahlhausen.de/chronik_1926-1950.htm zu entnehmen ist. Die damalige Ponton- oder Schwimmbrücke, die diesen Bochumer Stadtteil mit Essen-Altendorf verbindet, wurde stark beschädigt und durch die jetzige ersetzt. Was jedoch heute noch sozusagen als seinerzeitiger Überflutungsrückstand Zeugnis von der Bombardierung ablegt, ist eine Lehmschicht auf dem Leinpfad entlang der Ruhr z. B. auf der Höhe des Kemnader Sees und weiter flußabwärts. Allerdings tritt das ursprüngliche robuste Kopfsteinpflaster des Pfads durch den Erosionsabtrag des Lehms und die Begehung durch die zahlreichen Spaziergänger, insbesondere an Sommertagen, stellenweise deutlich zu Tage. Die Geschichte verblasst. Ernst Pelzing
2.
Ernst Pelzing 14.01.2010
Berichtigung zum obigen Beitrag: Es muss Essen-Burgaltendorf heißen.
3.
Ferdi Keuter 15.01.2010
Sehr geehrter Herr Ernst Pelzing, danke für Ihre Ergänzung, meine Recherchen gingen nicht so weit, toll!! Mit herzlichen Grüßen Ferdinand Keuter >Späte Zeugen der Bombardierung der Sperrmauer der Möhnetalsperre >Die Bombardierung erfolgte im Mai 1943 durch eine Spezialeinheit der Royal Air Force unter Einsatz viermotoriger Avro Lancaster Bomber durch Abwurf so genannter Roll- oder Rotationsbomben. Die Sperrmauer des vollen Sees wurde getroffen und brach, die Folgen waren katastrophal, wie Herr Keuter berichtet. Über 1200 Menschen fanden den Tod. Das Ruhrtal wurde überflutet. In Bochum-Dahlhausen war die Flutwelle noch fünf Meter hoch, wie http://www.pro-dahlhausen.de/chronik_1926-1950.htm zu entnehmen ist. Die damalige Ponton- oder Schwimmbrücke, die diesen Bochumer Stadtteil mit Essen-Altendorf verbindet, wurde stark beschädigt und durch die jetzige ersetzt. >Was jedoch heute noch sozusagen als seinerzeitiger Überflutungsrückstand Zeugnis von der Bombardierung ablegt, ist eine Lehmschicht auf dem Leinpfad entlang der Ruhr z. B. auf der Höhe des Kemnader Sees und weiter flußabwärts. Allerdings tritt das ursprüngliche robuste Kopfsteinpflaster des Pfads durch den Erosionsabtrag des Lehms und die Begehung durch die zahlreichen Spaziergänger, insbesondere an Sommertagen, stellenweise deutlich zu Tage. Die Geschichte verblasst. > >Ernst Pelzing
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