Dresden-Bombardement 1945 "Die Luftangriffe waren schrecklich, aber nicht einzigartig"

Im Dresdner Feuersturm starben Menschen zu Tausenden. Die Luftangriffe im Februar 1945 sind ein bis heute umstrittenes Kapitel des Zweiten Weltkriegs - Historiker Moritz Hoffmann über die Instrumentalisierung einer Tragödie.

DEUTSCHE FOTOTHEK/ Walter Hahn

Ein Interview von


Zur Person
  • Privat
    Moritz Hoffmann ist freier Historiker. Er verfasste eine Masterarbeit über frühe Holocaustleugnung in der Bundesrepublik und war von 2013 bis 2015 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Public History der Universität Heidelberg. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Antisemitismus und Geschichtsvermittlung in den Neuen Medien.

einestages: Herr Hoffmann, am 18. Januar 2017 haben Sie in einem Tweet die Argumentation des AfD-Politikers Björn Höcke in seiner umstrittenen Rede vom Vortag widerlegt. Ihre Kritik wurde weithin bekannt, Sie selbst bezeichneten die Tage danach in ihrem Blog als "unvorhersehbar anstrengend". Mit welchen Reaktionen hatten Sie gerechnet?

Hoffmann: Ich mache solche Sachen in kleinerem Rahmen häufiger. Gerade habe ich zum Beispiel mit Freunden ein Forschungsprojekt zu historisch aufgeladenen Hassreden abgeschlossen, wo wir auch Gegenrede betrieben haben. Insofern war mir das nicht ganz neu - ich wusste, dass ich mit etwas Gegenwind rechnen muss. Normalerweise sind das nur ein paar positive und ein paar negative Rückmeldungen. Dass das Ganze ein solches Ausmaß erreichen würde, hatte ich nicht geahnt. Eine der unverschämtesten Kontaktaufnahmen kam über das "Artikel weiterempfehlen"-Formular von SPIEGEL ONLINE in einem Artikel, der meinen Tweet zitierte. Das startete mit persönlichen Beschimpfungen und ging schnell über in eine große Litanei über die "jüdische Weltverschwörung" und so weiter - alles unterfüttert mit vorbereiteten Links zu rechtsradikalen Quellen, vermutlich aus der privaten Datenbank des Absenders.

einestages: Gab es auch positive Überraschungen?

Hoffmann: Durchaus - zum Beispiel, dass auch unter den Kritikern viele waren, mit denen ich lange und konstruktiv diskutieren konnte. Selbst wenn manche bisweilen ins Postfaktische abglitten.

einestages: In der rechten Szene wird häufig behauptet, die deutschen Kriegsopfer würden verdrängt, etwa die der Luftangriffe auf Dresden vom 13. bis 15. Februar 1945. Wie stark haben diese Bombardements generell die deutsche Wahrnehmung des Zweiten Weltkriegs geprägt?

Hoffmann: Dresden wird in der Diskussion um das deutsche Erinnern an den Weltkrieg geradezu überhöht, sowohl von links als auch von rechts. So schrecklich die Luftangriffe auch waren - einzigartig waren sie nicht. Auch etliche andere deutsche Städte wurden großflächig zerstört. In Pforzheim etwa starb binnen einer Nacht fast ein Viertel der Bevölkerung, dort gab es Leid in einer ganz anderen Dimension, das aber heute außerhalb der Region weitgehend vergessen ist. Einen Grund dafür zu finden, fällt mir schwer. Vielleicht hat es mit der subjektiven einstigen Pracht des Elbflorenz zu tun. Einen starken Einfluss auf das Erinnern haben die Angriffe fraglos - der hat sich mit der Zeit aber stark gewandelt.

einestages: Inwiefern?

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Bombardierung Dresdens: Als der Himmel brannte

Hoffmann: Die Art des Erinnerns war immer stark abhängig von den gegenwärtigen Umständen. Zunächst war es ein ganz unpolitisches Gedenken in Dresden, etwa zum ersten Jahrestag. Das wurde jedoch schnell politisiert: Unter den sowjetischen Machthabern spielte es eine große Rolle, dass hier eine ostdeutsche Stadt von West-Alliierten bombardiert worden war. Gegenwärtig haben wir im Grunde drei Gedenken: erstens eine Stadt, die verständlicherweise einfach ihrer Toten gedenken will. Zweitens ein rechtes Gedenken, das versucht, eine wahrgenommene Leerstelle auszufüllen und für eigene Zwecke zu nutzen. Und drittens ein linkes Gedenken, das als Reaktion darauf entstand.

einestages: Ist es nicht abwegig, Deutsche in einer Opferrolle zu sehen?

Hoffmann: Deutschland hat den Zweiten Weltkrieg begonnen, große Teile Europas verwüstet und Millionen Menschen getötet. Warum sollte man sich in der Rolle als "Die Deutschen" als Opfer verstehen, wenn man historisch betrachtet zu dieser Zeit klar zuvorderst Täter war? Das schmälert doch die Einzelschicksale jener, die in Dresden gestorben sind, überhaupt nicht.

einestages: Kann man umgekehrt von einem "doitschen Opfermythos" sprechen, wie jüngst St. Pauli-Fußballfans, die Fans des Gegners Dynamo Dresden verhöhnten:"Schon eure Großeltern haben für Dresden gebrannt"?

Hoffmann: Natürlich haben die St. Pauli-Fans, die sich ja dezidiert als antifaschistischer Club verstehen, die Absicht, den Anfängen zu wehren. Verständlich, wenn man sich die Beliebtheitswerte ansieht, die Höcke in seiner Blase erzeugt. Dass man aber nun ein Zeichen gegen diesen in rechten Kreisen in der Tat gepflegten Opfermythos setzt, indem man direkt die Großeltern auf solche Weise in den Blick nimmt, halte ich nicht nur für beleidigend, sondern auch für furchtbar kontraproduktiv. Denn genau das werfen die Rechten allen anderen vor: dass man sich über die Toten lustig mache.

einestages: Wie beurteilen Sie als Historiker Vergleiche der Dresden-Luftangriffe mit den US-Bombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki?

Hoffmann: Wer diese Kriegsereignisse auf die gleiche Stufe hebt, suggeriert eine Vergleichbarkeit der Opferzahlen. Die rechte Szene operiert mit der falschen, nie belegten Opferzahl von 250.000 Menschen in Dresden. Die ist jedoch etwa um das Zehnfache zu hoch. Die Überbetonung deutscher Kriegsopfer ist ja ein altbewährtes Stilmittel der Rechten - immerhin war Höcke schlau genug, das NPD-Schlagwort vom "Bomben-Holocaust" zu vermeiden.

einestages: Wie stehen Sie zu der Behauptung, Dresden sei ohne jeglichen strategischen Grund angegriffen worden, der Krieg doch Anfang 1945 bereits klar entschieden gewesen?

Hoffmann: Heute glauben wir als Historiker zu wissen, dass der Krieg schon mehr als drei Jahre zuvor nicht mehr zu gewinnen war - mit dem Feststecken der deutschen Offensive vor Moskau. Tatsächlich hatten die Alliierten durchaus Angst davor, was die Deutschen Anfang 1945 vielleicht noch auspacken könnten, etwa wegen der Gerüchte von der "deutschen Wunderwaffe", die bald fertig sei. Das waren eigentlich Durchhalteparolen für die Deutschen, wurde aber natürlich auch im Ausland registriert. Zudem hatten die Deutschen gerade vier Wochen vor Dresden die Ardennenoffensive gestartet, einen Angriff, mit dem keiner mehr gerechnet hatte. Hätten die Alliierten tatsächlich gewusst, dass Deutschland bereits chancenlos war - dann hätten sie ja zu kämpfen aufhören und schlicht abwarten können.

einestages: Und was ist mit der These, Dresden habe keinerlei kriegswichtige Bedeutung gehabt, die einen alliierten Angriff gerechtfertigt hätte?

Hoffmann: Dresden war durchaus eine kriegswichtige Stadt mit bedeutenden Verwaltungseinheiten. Es waren dort zudem, das wird oft vergessen, auch immer noch 12.000 Soldaten stationiert. Sicher haben die alliierten Luftstreitkräfte dort keine Heldentat vollbracht. Aber es ist eben, so schrecklich es auch war, ein normaler Kriegsakt gewesen - so weit man bei diesem entsetzlichen Kriegsgeschehen überhaupt von Normalität sprechen kann.

insgesamt 36 Beiträge
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Klaus Mnatrid, 14.02.2017
1. Mord bleibt Mord!
Die Angriffe auf Städte im zweiten Weltkrieg hatten die Absicht, Terror unter der Bevölkerung zu verbreiten um sie damit zu demoralisieren. Damit ist jede Bombardierung eienr Stadt ohne den geringsten Zweifel ein Kriegsverbrechen, gleichgültig ob es sich um Dresden, Pforzheim, Hamburg, Rotterdam, Warschau, Coventry, London, Hiroshima, Nagasaki usw. handelte. Ganz entscheiden muss Herrn Hoffmann wegen der Opferzahlen widersprochen werden. Um ein Verbrechen zu sein, ist es völlig unerheblich ob die Zahlen 100, 1000 oder Millionen erreichen. Mord bleibt Mord!
Wolfgang Aichinger, 14.02.2017
2. Kriegsverbrechen!
Unabhängig von der kontrovers geführten Diskussion ist bei Betrachtung mit dem sogen. gesunden Menschenverstand festzuhalten: Der Angriff erfolgte aus keinerlei militärischen Notwendigkeit, auch hinsichtlich der durch die Bombardements beabsichtigten Demokratisierung der Bevölkerung war zu diesem späten Zeitpunkt keine Erfordernis gegeben. Es bleibt nur noch die Erklärung, dass Harris seinen Ruf als Schlächter verfestigen wollte!
Swanhild Bernstein, 14.02.2017
3. Das letzte Mahnmal für die Toten des Krieges
Für mich waren in Dresden immer die Schrecken des Krieges erlebbar. Wer so etwas schreibt wie St. Pauli überzeugt mich in keiner Weise, da wird Krieg verharmlost! Heute wird ja Krieg immer nur gegen Leute geführt, die das verdient haben. Vielleicht sollte man in St. Pauli mal darüber nachdenken was Krieg wirklich bedeutet und nein, es ist kein Computerspiel wo wir immer die Sieger sind!
Klumpe-Scheel Bernd, 14.02.2017
4. Mord ist Mord ist Mord
Die Zerstörung von Innenstädten mit ihren entsetzlichen Folgen für Menschen und Kultur ein "normaler Kriegsakt"? Also etwas, was sozusagen achselzuckend hingenommen wird? Shit happends? Wenn wir uns dran gewöhnen oder - wie Herr Hoffmann - solche Dinge irgendwie für unvermeidbar halten, machen wir was falsch. Wir sollten die Mörder nicht so einfach davon kommen lassen. Das gilt für alle diese Untaten, die mit Ende des 2. Weltkriegs ja nicht aufgehört haben. Aleppo wird nicht lange der Endpunkt sein.
David Bergemann, 14.02.2017
5. Und man sollte nicht vergessen...
... dass das Bombardieren von zivilen Zielen spätestens seit der Bombardierung von Guernica durch die Legion Condor im spanischen Bürgerkrieg gängige Kriegspraxis wurde, allen Protesten und Verurteilungen zum Trotz. Im Prinzip gilt das leider bis heute, schaut man sich die moderne Dronenkriegsführung an. Geister, die wir selbst riefen...
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