Bombenangriffe auf Dresden 1945 Das Ende der Legenden

Bombenangriffe auf Dresden 1945: Das Ende der Legenden Fotos
DEUTSCHE FOTOTHEK/Walter Hahn

Wieviele Tote forderten die alliierten Bombenangriffe auf Dresden 1945? Hundertausende? Eine halbe Million? Nach über 60 Jahren haben jetzt erstmals Wissenschaftler versucht, die Zahl der Opfer präzise zu ermitteln - sie kommen auf maximal 25.000 Opfer, wahrscheinlich weniger. Von Hans Michael Kloth

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Der Name dieser Stadt ist seit über sechzig Jahren das Symbol für die Schrecken des Bombenkrieges, für Zerstörung, Feuersturm und Tod: Dresden. Kaum drei Monate vor Kriegsende, in der Nacht vom 12. auf den 13. Februar 1945 und den darauffolgenden Tagen, griffen britische und amerikanische Bomberverbände in vier Wellen die bis dahin weitgehend unzerstört geblieben sächsische Metropole an. Die Bomben und der resultierende Feuersturm verschlangen die barocke Pracht des weltberühmten "Elbflorenz" für immer, nach dem letzten Angriff am 15. Februar war die Stadt auf einer Fläche von 17 Quadratkilometern schwer getroffen, die Altstadt um den historischen Altmarkt wie abrasiert. Es gab zigtausende Tote.

Zigtausend - aber wie viele genau? Die Zahl der Bombenopfer von Dresden erhitzt seit Jahrzehnten die Gemüter. Waren es "nur" 25.000, wie die ersten, im Chaos nach dem Inferno erstellten Statistiken besagen? Oder war es ein Vielfaches davon - 250.000, ein halbe Million? Solche Zahlen lassen sich in vielen Büchern zum Thema nachlesen, sogar von einer Million Toten ist die Rede. Um Opferzahlen in der Elbmetropole ist längst ein bizarrer Kult entstanden - als ob sich die Tragweite der Katastrophe an einer abstrakten Zahl manifestiere und nicht am unsagbaren Leid der Opfer, wie viele auch immer es wirklich gewesen sind.

Die nicht enden wollende Debatte hat aus Dresden ein manchmal zwiespältiges Symbol gemacht. Einerseits steht das furchtbare Schicksal der Stadt heute stellvertretend für die Leiden der Zivilbevölkerung überall im Bombenkrieg, ob in Guernica, Rotterdam, Coventry, Hamburg oder eben Dresden. Zum anderen werden der Untergang Dresdens und speziell Opferzahlen, die um ein Vielfaches über denen von Hiroshima liegen, von Rechtsextreme und Revisionisten benutzt, um einen angeblichen Vernichtungswillen der "Anglo-Amerikaner" gegenüber den Deutschen zu belegen. Das wortwörtliche Hoch-Rechnen der Dresden-Opfer war für solche Zeitgenossen nicht selten das Gegenstück zum pseudowissenschaftlichen Herunterrechnen der KZ-Toten.

"Personengenau gesichert"

War - denn damit ist es jetzt endgültig vorbei. Eine unabhängige Historikerkommission, 2004 vom damaligen Dresdener Oberbürgermeister eingesetzt, hat in jahrelanger, mühseliger Kleinarbeit erstmals alles nur denkbare Material zusammengetragen und ausgewertet, das Aufschluss geben kann über die tatsächliche Zahl der Opfer der Bombennächte von Dresden 1945. Fast unglaublich erscheint es angesichts der Kontroverse, dass dies bisher noch nicht geschehen ist. Die Zahl jedenfalls, die die Fachleute ermittelt haben, zerstört gleich mehreren Legenden, die das Inferno von Dresden bis heute umgeben: 18.000 Tote durch die Angriffe des 13. bis 15. Februar 1945 hat die Kommission "personengenau gesichert". Dazu kommt eine Dunkelziffer von maximal 7000 damals möglicherweise nicht registrierten Bombentoten, eher deutlich weniger. Man habe "keine Beweise oder belastbaren Indizien" gefunden, so der Kommissionsvorsitzende Professor Rolf-Dieter Müller vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Potsdam, dass die Zahl der getöteten bei den Februarangriffen höher als 25.000 liegen könne.

Statt 250.000 oder einer halben Million also "nur" 25.000. Das ist immer noch eine unfassbare Zahl an Opfern für Angriffe, die zusammen gerade einmal wenige Stunden dauerten, und vermutlich auch ein Kriegsverbrechen, zumindest vom moralischen Standpunkt aus. Aber die mit wissenschaftlicher Unbestechlichkeit um den Faktor 10 oder gar 20 zurechtgerückte Zahl der Opfer macht es nun leichter, sich mit dem historischen Geschehen im Februar 1945 auseinanderzusetzen.

Dresden erscheint nun nicht mehr als das "deutsche Hiroshima", das vor allem durch seinen unglaublichen Blutzoll hervorsticht. Gemessen an der zynisch wirkenden militärtechnokratischen Betrachtungsweise, die Tote pro Tonne abgeworfener Bomben misst, war Dresden mit 7,7 Toten pro Tonne zwar stärker betroffen als etwa Würzburg (4,4 Tote), aber weniger als Hamburg (14,9 Tote). Was nun in den Blick rückt, ist die perverse Logik, die es für militärisch sinnvoll erklärt, überhaupt eine Großstadt per Flächenbombardement auszuradieren.

Eine angehängte Null

Aber wie konnte sich eine nach den jetzigen Ergebnissen so grotesk überhöhte Opferzahl in der kollektiven Erinnerung festsetzen und über Jahrzehnte halten - zumal die erste Quantifizierung der Tragödie durch deutsche Stellen sich nun als ziemlich exakt erweisen? 20.000 Opfern meldete der Höhere SS- und Polizeiführer Elbe am 22. März 1945 nach Berlin, mit 25.000 Toten sei zu rechnen.

Diese Zahl allerdings war damals geheim. Öffentlich vermeldeten schwedische Zeitungen bereits am 16./17. Februar die Zahl von 70.000 bis 100.000 Toten, der Berliner Korrespondent des "Svenska Dagbladet" berichtete in der Ausgabe vom 26. Februar von 250.000 Opfern. Das konnte zu diesem Zeitpunkt nur Spekulation sein, zumal keine ausländischer Berichterstatter in Dresden war. Aber die NS-Propaganda befeuerte diese Art von Berichterstattung - im März wies das Auswärtige Amt seine Auslandvertretungen an, die Mär von bis zu 200.000 Toten zu verbreiten; an den ursprünglichen Bericht der SS aus Dresden wurde einfach eine Null angehängt. Erst 1966 wurde das Dokument in einem Prozess gegen den revisionistischen Historiker David Irving als Fälschung entlarvt.

Nach Kriegsende setzte Dresdens kommunistischer Oberbürgermeister Walter Weidauer 1946 erstmals eine Kommission ein, um die tatsächliche Zahl der Opfer zu ermitteln; sie einigte sich auf 35.000. Auf welcher Grundlage diese Zahl ermittelt wurde, lässt sich nicht mehr nachvollziehen, denn die Bestandaufnahme wurde damals "nicht transparent" durchgeführt, wie Thomas Widera vom Dresdner Hannah-Arendt-Institut, Mitglied der aktuellen Kommission, konstatiert. Selbst die damaligen Mitglieder konnten sich später nicht einigen, wie die Zahl eigentlich zustande gekommen war - dennoch wurde sie 1965 die DDR-offiziöse Opferzahl für Dresden.

Überforderter Kommandant

Als Kronzeuge für die Theorie von einer Viertelmillion Toten wurde in jüngerer Zeit gerne der damalige Stabschef des Dresdner Festungskommandanten Eberhard Matthes angeführt. Mitte der achtziger Jahre behaupte der Ex-Wehrmachtsmajor, der später in der Bundeswehr diente, seinerzeit sei die entsprechende Opferzahl nach Berlin gemeldet worden. Dies sei "nachweislich falsch", sagt jetzt Militärhistoriker Müller: "Es gibt keine militärische Quelle, die ein höhere Opferzahl nahelegt." Die Behauptung sei aber einflussreich gewesen, weil Offizieren meist ein nüchternes Urteil und hohe Glaubwürdigkeit zugebilligt werde. Der Major und sein Kommandant seien damals aber völlig überfordert gewesen und bald nach dem Angriff abgelöst worden; sie hätten nicht einmal geschafft, die Zahl ihrer eigenen Toten zu ermitteln. Das hat die Kommission jetzt für sie nachgeholt: Von rund 17.000 Wehrmachtssoldaten in der "Festungsstadt" Dresden wurden gerade einmal rund einhundert als tot gemeldet.

Wenn insgesamt 18.000 Todesfälle belegbar sind - sind Hunderttausende von Leichen einfach verschwunden? Liegt der Untergrund Dresdens noch voll von verschütteten Bombenopfern, die nie geborgen wurden? Verglühten die Körper von Fliehenden im Feuersturm auf den Straßen der Altstadt? Wieder ist das Ergebnis der Experten erfreulich ernüchternd. Dass Dresden noch tausende, gar zehntausende Leichen im Keller habe, schließt Thomas Westphalen, Leiter des sächsischen Landesamtes für Archäologie, kategorisch aus.

Denn seit 1994 sind bei systematischen Grabungen in der gesamten Altstadt gerade an drei Stellen die Überreste von 14 Menschen entdeckt worden, davon elf mit Sicherheit Bombenopfer. Die Bergung der Toten sei damals "überaus gründlich" und "viel koordinierter abgelaufen als gedacht", weiß Westphalen - wegen der Seuchengefahr hatten die Behörden ein hohes Interesse daran, möglichst alle Toten zu finden. Bereits Ende März 1945 waren 80 Prozent der Bombenopfer geborgen, registriert und begraben; in den ersten Nachkriegsjahren wurden "nahezu alle Keller der Altstadt" begangen, geräumt und versiegelt.

Überleben im Auge des Infernos

Dass der Feuersturm hunderttausende Menschen verschlang, ohne eine Spur von ihnen zu hinterlassen, ist nun ebenfalls widerlegt. Der auf das Bombardement folgende Feuersturm entfesselte in Dresden nicht solche Hitze, dass von Menschen nur noch Asche geblieben wäre, jedenfalls nicht großflächig. Anhand der Verformungen und Veränderungen an Fundstücken aus der Bombennacht konnten Materialprüfer feststellen, dass solch hohe Temperaturen nicht erreicht wurden - insbesondere auf Straßenniveau war die Gluthitze zwar noch absolut tödlich, aber eben nicht alles verzehrend. Auch wurde der Feuersturm in der Nacht auf den 13. Februar erst durch die zweite Angriffswelle der Briten entfacht. So ist wohl auch zu erklären, dass in selbst im Auge des Infernos viele Menschen überlebten. In der regelrecht ausradierten Mathildenstraße kam immerhin noch fast jeder vierte Anwohner (23 Prozent) mit dem Leben davon, in der ebenfalls vollständig zerstörten Pirnaschen Straße mehr als jeder Dritte (34 Prozent). Legt man diese Quote auf die weniger betroffenen Stadtteile zugrunde, kommt man auf eine Opferzahl, die nicht über 25.000 liegen kann.

Bei den verschwundenen Toten hätte es sich ohnehin nur um unregistrierte Flüchtlinge handeln können, denn die Dresdner Opfer sind so gut wie alle dokumentiert. Doch Dresden war gar nicht in dem Maße mit unregistrierten Flüchtlingen überfüllt, wie oft kolportiert wird. Die Wehrmacht jedenfalls bemühte sich gerade darum, die Flüchtlingsströme aus Schlesien um die "Festungsstadt" herum zu leiten - und wenn sie hinein durften, mussten sie sich registrieren, wie Zeitzeugen aussagten. Eine Auswertung von Todeserklärungen im zentralen Standesamt Berlin 1 durch den Militärhistoriker Rüdiger Overmans ergab, "dass die Zahl der getöteten Flüchtlinge in Dresden nur ein paar Hundert, kaum Tausende oder gar Zehntausende" betragen kann.

Zum Mythos Dresden gehört auch die Erzählung von den Tieffliegern. Alliierte Jagdflugzeuge, so erinnern sich viele Zeitzeugen, hätten während der Angriffe im Tiefflug gezielt Hatz auf aus der Stadt fliehende Menschen gemacht. Nach der Befragung von 270 Zeitzeugen ließ die Kommission darum den Kampfmittelräumdienst an mehreren konkret benannten Stellen, etwa auf den Elbauen, nach Spuren von Bordgeschossen suchen - ohne jedes Ergebnis. In den Einsatzberichten gibt es ebenfalls keinen einzigen Beleg für Tieffliegerangriffe. Die US-Piloten durften Tiefangriffe ohnehin nur fliegen, wenn keine deutschen Jäger zu erwarten waren; in Dresden gab es aber Luftkämpfe, wie aus deutschen Abschusslisten hervorgeht. "Wir haben keine Beweise gefunden, dass amerikanische Jäger Flüchtlinge beschossen haben", resümiert Kommissionsmitglied Helmut Schnatz.

Tiefflieger ja - Tiefangriffe nein

Schnatz glaubt, dass die Zeitzeugen, damals allesamt noch Kinder, wahrscheinlich Luftkämpfe beobachtet haben. Bei dieser "Kurbelei", so der Pilotenjargon für Kurvenkämpfe, verloren die Flugzeuge sehr schnell an Höhe; in Bodennähe versuchten sich die deutschen Jäger dann im Tiefflug zu entziehen, verfolgt von US-Maschinen. Dass es dabei zu Feuerstößen mit Toten am Boden gekommen sein könnte, ist nicht völlig undenkbar, aber mit Sicherheit die absolute Ausnahme. Fazit der Kommission: Es gab Tiefflüge - aber es gab keine Tiefangriffe.

Ob sich die Aufregung jetzt legt? Kommissionschef Müller ist sich im Klaren, dass solche "erheblichen Zahlenveränderungen" immer "praktische Einwirkungen auf die Geschichtsbücher und die Geschichtskultur" haben. Er setzt aber auf eine "Versachlichung nach der Emotionalisierung durch die wahnsinnigen Zahlenspekulationen". Vor allem ist Müller stolz, dass durch die Puzzlearbeit der Kommission endlich die "meisten Opfer einen Namen, ein Gesicht bekommen". Die personengenaue Dokumentation der Katastrophe, so Müller, ermögliche nun eine "Form des Erinnerns, die eine menschliche Dimension eröffnet" und nicht anhand spekulativer Opferzahlen anonymes Grauen kultiviert. Sein Vorschlag: "Die Stadt Dresden wird jetzt zum Beispiel ein Opferbuch anlegen können."


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