Bombenkrieg Tod aus heiterem Himmel

Bombenkrieg: Tod aus heiterem Himmel Fotos
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"Du wirst doch nie alt!", schmeichelte Jakob Cahn seiner Frau Meta beim Spazierengehen in Mainz. Wenige Minuten später passierte die Tragödie: Die Stadt wurde Opfer eines der ersten Fliegerangriffe im Ersten Weltkrieg. Das Ereignis wurde Literatur - und markierte den Beginn einer neuen Art der Kriegsführung im 20. Jahrhundert. Von

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Der 9. März 1918 versprach ein schöner Frühlingstag zu werden. Vom Morden an der Somme und am Isonzo, an der Düna und im Balkan bekamen die Menschen in Mainz nur vereinzelt etwas mit. Noch war die Heimatfront stark. Alles war beim Alten: Kaiser Wilhelm II. regierte in Berlin, und Großherzog Ernst Ludwig von Hessen in Darmstadt.

Meta Cahn und ihr Mann Jakob, die einer angesehenen Mainzer Kaufmannsfamilie ("Papier-Cahn") entstammten, waren vormittags am Neubrunnenplatz spazieren gegangen, um das warme und sonnige Wetter zu genießen. Sie beklagte - gerade 29 Jahre alt - während des kleinen Ausflugs, dass ihr neues Kleid sie so alt mache. Um sie aufzuheitern, sagte ihr Mann: "Du wirst doch nie alt". Jakob war der Schrecken der Front erspart geblieben, da er aufgrund einer Wundinfektion ein steifes Bein hatte - seine zwei Brüder Leo und Michel hingegen hatten ihr Leben auf den Schlachtfeldern Frankreichs und Belgiens gelassen.

Gegen Mittag besuchten sie Jakobs Eltern am Kirchplatz, dem heutigen Bonifatiusplatz. Dann machten sie sich auf den Heimweg in die Schulstraße 54 (heute: Adam-Karrillon-Straße), wo bereits ihre beiden Kinder Heinrich und Margarete mit einem neuen Kindermädchen auf sie warteten. In der Schulstraße 17, bei Familie Kohl, betrat derweil der Vater das Haus. Seine Frau und seine Kinder Trudel und Carl August erwarten ihn bereits. Ein wenig weiter, vor dem Haus von Eduard Goldschmidt (Schulstraße 23) - dem Großvater des Schriftstellers Carl Zuckmayer - putzten die beiden Dienstmädchen Maria Mattes und Maria Winsiffer die Treppe.

Alle unterschätzten die Gefahr

Plötzlich ertönten Motorengeräusche - Frau Kohl, die mit ihrer Tochter am Fenster stand, befürchtete feindliche Flugzeuge. "Ach wo," meinte ein vorbeigehender Soldat, "es hat doch gar kein Alarm gegeben." Ein fataler Irrtum - neun französische Flugzeuge näherten sich der Stadt! Normalerweise wurde der Anflug feindlicher Flieger telefonisch an die Wache in der Schillerschule durchgegeben, die dann mit Böllern und Raketen die Bevölkerung warnen sollte - leider machte diese gerade Mittagspause.

Hinzu kam, dass solche Angriffe auf die Zivilbevölkerung im ersten Weltkrieg eher eine Ausnahme waren. Zwar hatten deutsche Zeppeline in den Jahren zuvor mehrfach London bombardiert und Frontflieger wie Manfred von Richthofen, Max Immelmann und Ernst Udet galten als Helden. Im Deutschen Reich hatte es Fliegerattacken auf die Zivilbevölkerung bisher aber kaum gegeben. Entgegen aller Warnungen der Behörden für diesen Ernstfall, gingen daher zahlreiche Menschen auf die Straße, um das Schauspiel zu betrachten. Jakob Cahn zog seine Frau in einen Hauseingang, um dort Schutz zu suchen, doch diese hatte Sorge um ihre daheimgebliebenen Kleinen und rannte los in Richtung ihres Hauses. Plötzlich fielen Bomben - von Hand aus dem Flugzeug geworfen. Krachend explodierten sie auf der Straße vor dem Lebensmittelgeschäft von Friedrich Gallei.

Der Soldat, der sich kurz zuvor noch so unbekümmert gezeigt hatte, war sofort tot. Die zwei Dienstmädchen, erlagen ihren Verletzungen und verbluteten - das Auge der einen wurde erst eine Woche später im Nachbargarten gefunden. Die kleine Trudel Kohl, acht Jahre alt, wurde vom Luftdruck an das Treppengeländer geschleudert und starb ein halbes Jahr später an einer Darmumstülpung. Meta Cahn, die bereits die Forsterstrasse erreicht hatte, wurde dort in die großen Platanen geschleudert und erlag ihren schweren Verletzungen. Außerdem kamen ums Leben: Telegraphenbauwart Richard Flöter, Gefreiter Heinrich Wörner, Musketier Wilhelm Schmidt, Marie Willmuth, der vierzehnjährige Alfred Hoffmann, Festungsbauwart Flöter, Wirt Karl Codini und der Steuermann Heinrich Wolf. In den Mainzer Zeitungen wurde ein französischer Armeebericht zitiert, der von "Zerstörungen von Bahnanlagen und Fabriken" berichtete.

Anna Seghers und Carl Zuckmayer berichten vom Angriff

Die Bevölkerung war schockiert. Die Stadtverwaltung mit Oberbürgermeister Karl Göttelmann an der Spitze übernahm die Organisation der Trauerfeierlichkeiten. Das Hofmarschallamt in Darmstadt sandte ein Beileidstelegramm des großherzoglichen Paares. Die halbkreisförmige Detonationsstelle vor dem Geschäft wurde mit weißen Kalksteinen und einem schwarzen Kreuz ausgefüllt, um dieses schrecklichen Augenblicks zu gedenken. Später wurde aus Respekt vor der Familie Cahn, die jüdischen Glaubens war, das Kreuz entfernt.

Gleich zwei Schriftsteller haben dieses blutige Ereignis Jahrzehnte später literarisch verarbeitet. Anna Seghers erzählt in ihrem Aufsatz "Zwei Denkmäler" aus dem Jahr 1965 die Geschichte einer gewissen Frau Eppstein, "die für ihr Kind Milch holen wollte". Vorbild für die Figur Frau Eppstein war Meta Cahn, die wiederum gut mit der Mutter von Anna Seghers, Hedwig Reiling, bekannt war. Die Reilings wohnten in Mainz nur wenige Straßen von den Cahns entfernt. Seghers erklärte später sie habe das Pseudonym Eppstein gewählt, um die Familie Cahn nicht zu exponieren. Dass Seghers der Bombenangriff von 1918 noch gut in Erinnerung war, zeigt eine Bemerkung in einem Interview von 1941, vier Jahre vor dem endgültigen Untergang des alten Mainz: "Ich bin schon einmal der Kriegszerstörung meiner Heimatstadt entgangen".

Carl Zuckmayer, der den Krieg als Kriegsfreiwilliger im Feldartillerieregiment 27 in Flandern erlebte, erwähnt die Fliegerattacke in seinen Lebenserinnerungen "Als wär's ein Stück von mir". Er beschreibt, wie die Bombe vor dem Haus seines greisen Großvaters niederging und die beiden Haushaltshilfen in den Tod riss.

Wendepunkt der modernen Kriegsführung

Abgesehen von diesen beiden literarischen Zeugnissen ist die Erinnerung an die Ereignisse im Frühjahr 1918 weitgehend verblasst. Zu nachhaltig hat der Bombenterror zwischen 1942 und 1945, bei dem 80 Prozent der Mainzer Innenstadt ausgelöscht wurden, das kollektive Gedächtnis geprägt. Erst nach 75 Jahren wurde nach einigen Recherchen des Autors unter anderem durch den Kontakt mit Margarete Oppenheimer, der Tochter Meta Cahns, die heute in Buenos Aires lebt, und dem Bruder von Trudel Kohl (der in diesem Jahr seinen 99. Geburtstag feierte) der tatsächliche Hergang recherchiert. Mit Hilfe von Spenden von Anwohnern, Schülern der benachbarten Gymnasien und zahlreicher engagierter Bürgern konnte nun eine Stele errichtet werden, auf der alle Opfer namentlich aufgeführt sind.

Auch wenn der Fliegerangriff aus dem Jahr 1918 nur eine Fußnote der Geschichte des 20. Jahrhunderts ist, so markiert er doch einen wichtigen Wendepunkt der Kriegsführung - den Beginn des Bombenkriegs, der nicht mehr zwischen Front und Heimat unterschied und bewusst Opfer in der Zivilbevölkerung in Kauf nahm. Die weiteren Kapitel dieser Geschichte tragen die Überschriften Guernica, Rotterdam, Coventry, Dresden, Hiroschima.

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1.
Katrin Koelle 17.08.2011
Interessant. Aber wie ist es möglich, dass der Begriff "Bombenterror" im vorletzten Absatz unredigiert übernommen wurde?! Das ist Nazisprachgebrauch.
2.
Christoph Bathelt 18.08.2011
>Interessant. Aber wie ist es möglich, dass der Begriff "Bombenterror" im vorletzten Absatz unredigiert übernommen wurde?! Das ist Nazisprachgebrauch. Welchen Ausdruck würden Sie denn vorziehen? Ich nehme an, Sie haben auch etwas gegen Vegetarier und Nichtraucher.
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