Bombenkrieg Gefangen im Glut-Orkan

Bombenkrieg: Gefangen im Glut-Orkan Fotos
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Es war ein wahres Inferno, dass alliierte Bomber heute vor 65 Jahren in Hamburg entfesselten: Durch die "Operation Gomorrha" wurden 40.000 Menschen getötet - die meisten kamen nicht durch Bomben um, sondern im Feuersturm. Von

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Das fünfte Kriegsjahr hatte für Nazi-Deutschland verheerend begonnen. Die Katastrophe von Stalingrad Anfang 1943 markierte den psychologischen Wendepunkt des Zweiten Weltkrieges. Es war auch das Jahr, in dem Hermann Görings Luftwaffe ihre Überlegenheit an Europas Himmel verlor und zu den Nachtangriffen der Royal Air Force auf Deutschlands Städte noch Tagesangriffe der US-Luftwaffe hinzukamen.

Während Hitlers Soldaten an allen Fronten den Rückzug antraten, waren ihre Familien in den großen Städten der "Heimatfront" nun einem nie gesehenen Trommelfeuer aus der Luft ausgesetzt. Nachdem die Deutschen in den ersten Kriegsjahren die Zivilbevölkerung von London, Coventry oder Rotterdam aus der Luft angeriffen hatten, drehten die Alliierten den Spieß nun um. Nahezu ungestört drangen die Bomberverbände der Alliierten Tag für Tag, Nacht für Nacht tief in das Reichsgebiet ein. Längst warfen sie ihre tödliche Fracht nicht mehr nur auf militärische und industrielle Ziele, sondern auch auf Wohngebiete. Das "Moral Bombing" sollte die Industriearbeiter demotivieren und den Widerstandswillen der Bevölkerung schwächen.

Bereits im Frühjahr 1942 hatten die britische Royal Air Force (RAF) mit ihrem Angriff auf die altehrwürdige Hansestadt Lübeck demonstriert, dass sich durch den kombinierten Abwurf von Spreng- und Brandbomben unter bestimmten Wetterbedingungen ein regelrechter Feuersturm entfachen ließ - eine Art des Flächenbombardements, mit der sich besonders in dicht bebauten Altstädten ganze Viertel mit geringem Aufwand vernichten ließen.

Ein Schutzplatz für jeden Bürger - theoretisch

Hamburg war durch seine Bedeutung als kriegswichtiger Hafen für Luftangriffe besonders gefährdet. Der Anflug für feindliche Bomberverbände war durch die Nähe zu England zudem leichter als etwa auf Berlin. Bereits 1937 hatten die Nazis Hamburg darum zum "Luftschutzort erster Ordnung" erklärt und den Bau von Flakstellungen und Schutzräumen besonders vorangetrieben. Anfang Juli 1943 konnte so die gesamte Hamburger Bevölkerung von damals rund 1,6 Millionen Einwohnern wenigstens einen splittersicheren Schutz finden. Dazu zählten neben 139 bombensicheren Bunkern und 1442 öffentlichen Luftschutzräumen aber auch simple Betonunterstände und einfache Splitterschutzgräben, die besonders in den Vororten meist den einzigen Schutz neben ausgebauten Kellerräumen boten.

Während im Frühjahr 1943 andere deutsche Städte - Kiel, Duisburg oder Köln - von schweren Angriffen getroffen wurden, blieb es in Hamburg trügerisch ruhig. Auch an der Elbe bereitete man sich aber seit April auf eine "Großkatastrophe" (so die euphemistische NS-Sprachregelung) vor, denn es war nur noch eine Frage der Zeit, bis die Alliierten versuchen würden, Deutschlands zweitgrößte Stadt in Schutt und Asche zu legen. Wenn jedoch die Vorstellungskraft nicht ausreicht, nützt die beste Planung nichts, bei dem, was der Stadt und ihren Bewohnern nun bevorstand.

Geplant wurde nämlich auch seit Monaten in England: der perfekte Großangriff, der eine ganze Weltstadt vollständig vernichten würde. Auf den Flugplätzen der Insel warteten die Bomberbesatzungen nur noch auf die nächste Vollmondperiode, wenn die Elbe nachts silbern schimmernd von der Nordsee aus den Weg nach Hamburg weisen würde.

Auftrag: "Hamburg zerstören"

Während die U.S. Air Force sich nur die Hafenanlagen vornehmen sollte, wollte die britische Royal Air Force Innenstadt und dicht besiedelte Wohnviertel der Arbeiter ins Visier nehmen. Arthur Harris, Chef des Bomber Command, träumte von Zerstörungen biblischen Ausmaßes und gab dem Plan zur Vernichtung Hamburgs den Codenamen "Operation Gomorrha", nach dem 1. Buch Mose: "Da ließ der Herr Schwefel und Feuer regnen vom Himmel herab auf Sodom und Gomorrha und vernichtete die Städte und die ganze Gegend und alle Einwohner der Städte und was auf dem Lande gewachsen war...". Der Einsatzbefehl Nr. 73 für die RAF-Piloten endete mit dem Auftragspunkt Nummer 4: "Hamburg zerstören".

Nachdem am Mittag des 24. Juli 1943 ein RAF-Aufklärer einen klaren Himmel nördlich von Hamburg meldete, hob um 21:45 Uhr der erste Bomber vom Typ Stirling ab; bis 23 Uhr starteten von 42 Rollfeldern in England über 700 Maschinen und nahmen Kurs auf Hamburg. Um 23:58 Uhr erreichten die ersten Bomber den Luftraum über Hitler-Deutschland. Zusammen trugen sie fast dreitausend Tonnen Bomben in ihren Bäuchen. Von den Funkmessstellungen der deutschen Luftabwehr kamen derweil immer die gleichen Meldungen: "Gerät durch Störung ausgefallen." Mit dem großflächigen Abwurf einfacher Staniolstreifen hatte die RAF die deutsche Radarortung ausgeschaltet - das erste Mal, dass diese Taktik eingesetzt wurde.

Dieser erste von sieben Großangriffen Juli galt zunächst den nordwestlichen Stadtteilen. Die Hoheluft, Eimsbüttel, Altona und die nordwestliche Innenstadt wurden besonders schwer getroffen, Gas-, Wasser- und Stromversorgungsleitungen unterbrochen. Die Brandbomben erzeugten Flächenbrände von bisher nicht gekanntem Ausmaß - viele Hamburger hatten Kohlevorräte eingelagert, die nach dem Angriff noch wochenlang weiterglimmten und immer wieder für ein Entflammen längst gelöschter Brände sorgten.

Die Ruhe vor dem Sturm

Erstmals wurden bei diesem Angriff auch die Verkehrsbetriebe der Hansestadt erheblich in Mitleidenschaft gezogen. Volltreffer durch Tunneldecken und auf Viadukte der Hochbahn sorgten dafür, dass zwischen St. Pauli und Hoheluftbrücke für 127 Tage keine U-Bahn mehr verkehren konnte. Der Zielmarkierungspunkt der Bomberverbände war die St.-Nikolai-Kirche im Hamburger Zentrum, der höchste Turm der Stadt und der dritthöchste Deutschlands. Das neogotische Gotteshaus, erbaut von dem englischen Architekten George Gilbert Scott, wurde von mehreren Spreng- und Brandbomben getroffen und stürzte teilweise ein.

Die Rauchwolken des ersten "Gomorrha"-Angriffs hingen noch in der Luft, als in den Mittagsstunden des 25. Juli der erste Tagesangriff amerikanischer Bomberverbände folgte, der wie geplant schwere Verwüstungen im Hamburger Hafen anrichtete. Am Vormittag des folgenden Tages erschienen die amerikanischen Bomber erneut über Hamburg, gefolgt von einem vierten Angriff in der Nacht vom 26. auf den 27. Juli, der nur am Stadtrand geringe Schäden anrichtete. Doch es war die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm - dem Feuersturm.

Das Wetter war seit Tagen hochsommerlich Tagsüber lagen die Temperaturen bei 27 Grad, auch in der Nacht kühlte es sich nicht merklich ab. Seit längerem war kein Regen mehr gefallen, die Stadt war regelrecht ausgetrocknet. In der waidwunden Stadt machten allerlei Gerüchte die Runde. Viele Bürger hatten das Gefühl, dass "es" noch nicht vorbei sei, dass nun die bisher nahezu verschonten östlichen Stadtteile "dran kämen". Und so kam es. Während sich am Abend des 27. Dunkelheit über die Stadt legte, hier und dort von Feuerschein erhellt, starteten in England rund 740 Maschinen. Ihr Ziel diesmal: die Stadtteile in Hamburgs Osten: Eilbek, Hamm, Hammerbrook - die dicht an dicht bebauten Wohngebiete der Arbeiter, einfachen Angestellten und kleinen Gewerbetreibenden.

Unbarmherzig leuchteten die Zielmarkierungen

Aufgrund des hohen Grundwasserspiegels in den Stadtteilen südlich der Geestkante waren die Häuser in Vierteln wie Hammerbrook und Rothenburgsort selten unterkellert. Zu ihrem Schutz waren sie Bewohner auf die vielen Hochbunker angewiesen, die dort errichtet worden waren. Manche Familien hatten sich in den Luftschutzbunkern bereits häuslich eingerichtet. Doch die vielen Fehlalarme hatten auch zur Folge, dass mancher bei Alarm doch lieber im Bett, am Fenster oder im Hauseingang der Dinge harrte.

Der letzte Fehlalarm um 21:20 Uhr war noch nicht lange her, da heulten die Sirenen um 23:38 Uhr erneut. Trotzdem blieben viele Hamburger noch in ihren Betten, angezogen, den Notkoffer mit wichtigen Papieren griffbereit. Wer wusste schon, ob es nicht wieder ein Fehlalarm war? Auch als Flakscheinwerfer anfingen, wie nervöse Finger den klaren Sternenhimmel abzutasten, ahnte noch niemand, was der Stadt unmittelbar bevorstand. Erst die erneute Warnung um 00:19 Uhr trieb die Menschen aus den Betten - da war die Katastrophe nur noch 38 Minuten entfernt.

Aufgeregt blickten die Flakbeobachter vom hohen Wasserturm in Rothenburgsort in Richtung Westen, von wo das Feuer der Abwehrgeschütze vor Hamburg zuerst zu sehen war. Kurz darauf erstarb die Hoffnung, dass die Bomberflotte Hamburg nur überfliegen würden. Die an Fallschirmen hell leuchtend herabschwebenden Zielmarkierungen zeigten unbarmherzig an, wo die schweren Bomber in wenigen Minuten tonnenweise Sprengstoff und brennendes Phosphor abladen würden.

Ausgetrocknet wie Mumien

Die Bomben verwandelten die betroffenen Stadtteile kurz darauf in ein flammendes Inferno. In weniger als drei Stunden fielen dem Angriff rund 20.000 Menschen zum Opfer. Der Tod kam auf vielerlei Weise - mal blitzschnell, wenn ein Volltreffer einen vollbesetzten Bunker zerfetzte, mal quälend langsam, wenn Verschüttete elend unter den Trümmern ihrer Häuser erstickten. Sicher war man am Boden in den ersten vier, fünf Stunden des neuen Tages nirgendwo. Als um 1:55 Uhr der letzte Bomber abdrehte, wütete bereits der Feuersturm über Hamburgs Osten. Entfacht von tausend Brandbomben, fand er in den zerstörten und von der Hitze der letzten Wochen ausgetrockneten Häusern reiche Nahrung.

Angst, Hitze und der Mangel an Sauerstoff trieben die Menschen aus den Bunkern und Luftschutzkellern. Auf der Straße aber brachte der Feuersturm den Tod. Flammenwirbel fegten durch die Straßen und erfassten die Fliehenden wie Spielzeug. Dennoch versuchten Tausende, aus unerträglich aufgeheizten Schutzräumen ins Freie zu gelangen. Viele von ihnen fand man noch Wochen später; angezogen saßen sie zusammengesackt in den Kellern eingestürzter Häuser, von der Hitze ausgetrocknet wie Mumien, gemeinsam mit Nachbarn und Familie den Hitzetod gestorben oder durch Kohlenoxydvergiftung binnen Minuten erstickt.

Es waren Abertausende von Einzelschicksalen, die sich in dieser Nacht zu einem fürchterlichen kollektiven Verhängnis verdichteten. An der Hamburger Straße etwa, wo in einem Luftschutzbunker 317 Menschen ohne Chance auf Entkommen eingeschlossen wurden, weil tausende Tonnen Schutt des darüber eingestürzten Karstadt-Kaufhauses die Eingänge verschüttet hatten. Am Morgen nach der Feuersturmnacht drang die Sonne nur mit Mühe durch die 7000 Meter Hohe Rauchsäule über Hamburg. Im fahlen Licht bewegte sich ein Strom traumatisierter Überlebender aus den zerstörten Vierteln, nach Wasser flehend und mit dem einzigen Ziel, schnell aus der Stadt zu entkommen.

Eine Stadt im Schockzustand

Die Szenen wiederholten sich, als die Bomber in der Nacht vom 29. auf den 30. Juli zurückkehrten und beim sechsten Angriff der Operation "Gomorrha" die Stadtteil östlich der Alster von Barmbek bis hinüber nach Winterhude zerstörten. Der letzte Großangriff am 3. August zerstreute sich in einer Gewitternacht, die Bomben fielen großenteils in die bereits zerstörten Gebiete und richteten dort keine großen Schäden mehr an. In den Tagen nach Inferno dem Schockzustand. Dort, wo in den Jahren zuvor die jüdische Bevölkerung Hamburgs zur Deportation in die in die Vernichtungslager zusammengetrieben worden war, sammelten sich nun verstörte und verletzte Bombenopfer, um mit hunderten Omnibusse und Lkws aus der zerstörten Stadt in die umliegenden Städte und Gemeinden gebracht zu werden.

Für 40.000 Hamburger kam die Evakuierung zu spät. Die meisten wurden anonym in rasch ausgehobenen Massengräbern beigesetzt.

Zum Weiterlesen:

Ulrich Alexis Christiansen: "Hamburgs dunkle Welten. Der geheimnisvolle Untergrund der Hansestadt", Ch. Links Verlag, Berlin 2008

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insgesamt 7 Beiträge
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1.
Thomas Gross 24.07.2008
meine mutter, geburtsdatum 20.07.23, hatte in den besagten tagen bereits zwei kleine kinder an der hand. das erste von einem mann, der an der ostfront starb, das zweite von einem mann, der nach dem krieg für tot erklärt wurde. sie maschierte durch diese tage allein und ohne familiäre hilfen. sie lebten in altona, welches in der ersten welle zerstört wurde. ihr platz war im tiefbunker der reeperbahn. ich, 1959 geboren, war ein "spätzünder", mein vater verstarb 1960. bis zuletzt litt meine mutter unter dem trauma des erlebten, was mir erst sehr sehr spät bewusst wurde. ich brauchte lange, um zu verstehen, warum meine mutter so war wie sie war. in der rückschau hatte ich eine beschissene kindheit mit häuslicher gewalt. heute verstehe ich vieles besser, dank der aufklärung über das wesen meiner mutter und ihrer erlebnisse, die sie mir nie persönlich mitgeteilt hat und ich viel später durch dritte erzählt bekommen habe.
2.
Hans Mueller 25.07.2008
Diese Simplifizierungen und Interpretationen ärgern mich. Die Bombardements sollten die dt. Zivilbevölkerung nicht demoralisieren, sondern töten.
3.
Jan Koennig 25.07.2008
Bild 5 zeigt leider keine Avro Lancaster sonder eine Short Stirling!
4.
Zaphod Beeblebrox 25.07.2008
Auf die Gefahr hin, kleinlich zu wirken: 1. Bild 4 zeigt keinen Kradmelder, da diese nur selten auf Fahrrädern unterwegs waren. Ich vermute, es war ein Luftschutzmelder? 2. Bild 5 zeigt eine Short Stirling, keine Avro Lancaster. Und sind Sie sicher, dass das Bild in El-Alamein aufgenommen wurde?
5.
Patrick Wegwart 25.07.2008
Der britische Bomber auf Bild Nr. 5 ist nicht, wie angegeben, eine Avro Lancaster sondern eine Short Stirling. Dieser Typ wurde zwar auch bei vielen "Tausend Bomber" - Angriffen eingesetzt, allerdings war 1943 die Avro Lancaster der britische Standardbomber.
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