Bombenschütze im Zweiten Weltkrieg "Irgendetwas wurde ja immer getroffen"

Bombenschütze im Zweiten Weltkrieg: "Irgendetwas wurde ja immer getroffen" Fotos

Kaltblütig tötete er nachts aus 7000 Metern Höhe, riskierte auf Torpedoeinsätzen über dem Meer sein Leben. Doch anders als viele Flieger-Kollegen kehrte Bombenschütze Otto Hemmer jedes Mal unversehrt zur Basis zurück - mit den ungewöhnlichsten Methoden.

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Als sich der Euskirchener Otto Hemmer 1938 freiwillig zum Kriegsdienst meldete, war er 17 Jahre alt. Der junge Mann wurde nach Nürnbrecht verfrachtet, wo er sich ein halbes Jahr beim Arbeitsdienst aufhielt, um anschließend in Ostpreußen einem MG-Bataillon zugewiesen zu werden. Mit diesem nahm Hemmer als Flakschütze am Polen-Feldzug teil und besuchte anschließend die Fliegerschule in Torn/Westpreußen. Als ausgebildeter Bombenschütze flog er im September 1940 mit dem Kampfgeschwader II unter anderem Nachtangriffe auf London. Für den jungen Soldaten folgte ein Beobachterlehrgang und die Torpedoschule in Italien. Auf dem Höhepunkt des Krieges kam er im Mai 1942 auf die Halbinsel Krim im Schwarzen Meer und flog Kampfeinsätze bis Stalingrad. 1943 gelangte er nach Sardinien, wo seine Hauptaufgabe darin bestand, Schiffsverbände der Alliierten in der Nähe Nordafrikas per Flugzeug zu torpedieren. Den Rest vom Krieg verbrachte er als Ausbilder und im Frühjahr 1945 als Feldwebel im Infanterieeinsatz bei Neubrandenburg.

Alexander Kuffner unterhielt sich im November 2000 mit dem damals 78-jährigen Rentner, der während des Krieges 176 Feindeinsätze flog und als einer der wenigen Überlebenden seines Fliegerbataillons nach der Gefangenschaft wieder in seine Heimat zurückkehren konnte. Otto Hemmer verstarb im Dezember 2002 in Euskirchen.

Frage: Herr Hemmer, Sie haben sich als Jugendlicher ohne irgendeine Berufsausbildung zum Militärdienst gemeldet. Wie sind Sie dann zur Fliegerei gekommen?

Otto Hemmer: Als der Polen-Feldzug vorbei war, kam eines Tages eine Delegation zu unserem Bataillon und fragte einfach in die Runde: "Wer hält sich für tauglich genug, um zur Luftwaffe zu kommen?" Ich habe aufgezeigt und das war's. Als Flieger gehörte man natürlich zur Elite und es war ein begehrter Posten. Außerdem musste man auf viele Schulungen und Lehrgänge, was auch toll war. Ich fand mich dann schnell in der Fliegerschule in Torn wieder, wo man mich zum Bombenschützen auf der HE-111 ausbildete.

Frage: Was genau waren die Aufgaben eines Bombenschützen im Einsatz?

Hemmer: Mit dem einfachen "Klappe aufmachen" war es natürlich nicht getan. Ein Bombenschütze war zu großen Teilen für die Navigation des Fliegers zuständig, musste auch eine der Bord-MGs bedienen und das Bombenzielgerät auf feste Ziele einpendeln. Man lag während des Einsatzes auf dem Boden des Cockpits und sah hinaus. Die Nase der HE-111 bestand ja zu großen Teilen aus Glas.

Frage: Sie sind auch Nachteinsätze über London geflogen. Wie konnten Sie denn damals in der Dunkelheit Ihre Ziele anpeilen?

Hemmer: Gar nicht. Erst recht nicht während des Fluges. Insgesamt war ich viermal über London, und immer flogen wir über einer dichten Wolkendecke. Wir waren angewiesen, auf 3000 Metern Höhe zu bleiben, aber unser Flugzeugführer stieg immer auf 7000 Meter. "Ich will doch von den anderen keine Ladung auf den Kopf kriegen!", hat er immer gesagt. Bei der Navigation halfen uns Sender in Norwegen und Calais. "Knickebein-Verfahren" nannte man das. Beide Sender waren auf London ausgerichtet und ich konnte im Kopfhörer ausmachen, wann sich beide Signale trafen - das hieß dann, dass wir genau über London waren und ich abwerfen konnte. Irgendetwas wurde ja immer getroffen.

Frage: Haben Sie sich auf dem Rückflug nie die Frage gestellt, wie viele Ihrer Bomben kurz zuvor unschuldige Zivilisten getötet haben mögen?

Hemmer: Nein, damals nicht. Man konnte nichts sehen, machte die Luke auf und das war's. Das war wie eine ganz normale Arbeit für uns damals, da haben wir nicht groß drüber geredet oder nachgedacht.

Frage: Wie muss man sich denn Einsätze als Torpedoschütze aus einem Flugzeug heraus vorstellen?

Hemmer: Ich war bei zwanzig Torpedierungen von der Krim und von Sardinien aus dabei. Man hat damals gesagt, wer drei Torpedoeinsätze überlebt, hat Glück gehabt. Und wirklich - nach einigen Monaten konnten wir nicht mehr fliegen, weil unser Trupp auf sechs Leute zusammengeschrumpft war. Wir mussten bei Torpedierungen sehr tief fliegen, so etwa fünf Meter über dem Meer, damit uns die Flakgeschütze der Schiffe nicht erwischen konnten. Wir mussten so nah an das Schiff heranfliegen, dass wir fast das Gesicht der Flakschützen auf Deck erkennen konnten. Erst dann wurde der Torpedo abgeworfen. Anschließend versuchten wir, im absoluten Tiefflug durch die Schiffe des Verbandes hindurch wieder herauszukommen.

Frage: Hatten Sie bei solchen Einsätzen nicht eine Heidenangst?

Hemmer: Natürlich, aber darüber durfte man nicht nachdenken. Ich habe sowieso bei jedem Einsatz damit gerechnet, nicht mehr zur Basis zurückzukehren und war jedes Mal froh, wenn wir es doch wieder einmal geschafft hatten. Teilweise haben mir im Flakfeuer der Schiffe die Hände so gezittert, dass ich es nicht einmal geschafft habe, mir eine Zigarette anzuzünden. Von überall her sah man die Feuerpunkte der Geschütze genau auf sich zukommen, nur kurz vor dem Cockpit drehten sie dann immer wie von Zauberhand zur Seite weg und trafen uns einfach nicht. Eigentlich waren das fast Kamikaze-Einsätze die wir da geflogen sind. Einmal hatten wir auf dem Rückflug bemerkt, dass ein Torpedo noch nicht abgeworfen worden war. Der Flugzeugführer wollte umdrehen und noch einmal angreifen. Aber das wäre Irrsinn gewesen, denn der Himmel hinter uns war schwarz vor Flakfeuer. Ich habe dann still und heimlich auf den Knopf gedrückt, das Ding ins Meer fallen lassen und gemeldet, das da doch gar kein Torpedo mehr sei. Man hat nachher trotz Untersuchungen am Flugzeug nicht herausbekommen, wo der abgeblieben sein könnte.

Frage: Was war für Sie das schlimmste Erlebnis im Einsatz?

Hemmer: Sehr schlimm war ein Torpedierungskommando, bei dem wir getroffen wurden. Ein Schuss ging direkt in die Kanzel und unser Flugzeugführer schrie auf. Ich habe nach ihm gerufen, aber er sagte nur, es sei alles in Ordnung, es wäre nur ein Streifschuss. Tatsächlich wurde er aber schwer im Genick getroffen und ist gleich nach unserer Landung tot zusammengebrochen.

Frage: Haben Sie während der ganzen Jahre irgendwann einmal Skrupel im Einsatz gehabt?

Hemmer: Skrupel kannte ich nicht, nein. Erstens war ich jung und zweitens durch die Propaganda so geimpft, dass ich überzeugt davon war, alles richtig zu machen. Wie viele Menschen durch meine eigene Hand draufgegangen sind, das habe ich immer aus dem Kopf verbannt und einfach das getan, was meine Pflicht war. Ich habe einmal einen amerikanischen Veteranen, der im Zweiten Weltkrieg über der Eifel im Einsatz war, gefragt, warum er sich damals freiwillig dazu gemeldet habe, in den für ihn weit entfernten Krieg einzugreifen. Er hat kurz überlegt und meinte dann: "Aus purer Abenteuerlust!"

Gekürzte und leicht überarbeitete Fassung eines Interviews, das 2000 in "EM Das Eifelmagazin" erschien.

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Sascha Noelke, 16.05.2008
"Kaltblütig tötete er nachts aus 7000 Metern Höhe,..." - sowie die vielen alliierten Bomber, die in Dresden, Hamburg, Nürnberg und anderen Städten Unheil, Verderben und Not brachten? Antwort: JA. Die selben totbringenden Flieger, die es nicht versuchten, die Gleise und Schienen zu zerstören, die nach Auschwitz führten - obwohl die Alliierten weit vor Befreiung des Lagers wussten, was Auschwitz war!
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