Bonner Republik Chauffeur der Mächtigen

Unterwegs mit der Queen auf dem Rücksitz: Mehr als 20 Jahre lenkte Wolfgang Wöstendieck die Geschicke der Weltpolitik - am Steuer der bundesdeutschen Staatskarosse. Im Fond seines Mercedes 600 Pullmann saßen Präsidenten, Prinzen, Potentaten. Peinlich, wenn dann ein Reifen platzte.

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Tom Grünweg

Egal ob Helmut Kohl oder Carl Carstens, Leonid Breschnew oder Erich Honecker, die Königin von England oder den Kaiser von Japan - Wolfgang Wöstendieck kennt sie alle. Denn wann immer ein Staatsgast in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn erwartet wurde, war er es, der die hohen Häupter mit dem Mercedes 600 Pullmann vom Flughafen Köln-Bonn zum Gästehaus auf dem Petersberg, zur Villa Hammerschmidt, zum Kanzleramt oder zum Bundestag gefahren hat.

Dabei stand Wöstendieck nicht einmal in Diensten der Bundesregierung. "Weil es im offiziellen Fuhrpark der Republik keine derart repräsentativen Autos gegeben hat, wurden die Wagen zu offiziellen Anlässen regelmäßig bei Mercedes ausgeliehen - und zwar mit Fahrer", berichtet der heute 72-jährige. Wöstendieck, bis dahin Fahrlehrer bei der Bundeswehr, kam 1968 als Fahrer "zum Daimler". Als Cheffahrer der Republik nahm er zum ersten Mal 1971 hinter dem Lenkrad des schwarzen, überlangen 600er Platz.

"Mein erster Staatsgast war Hassan bin Talal, der Bruder von König Hussein von Jordanien", erinnert sich Wöstendieck, "mein letzter 1993 Kaiser Hiroito von Japan." In den 22 Jahren dazwischen hatte er über hundert weitere Gäste im Fond seiner Limousine - und damit deutlich mehr als seine drei Chauffeurskollegen, mit denen er sich die Arbeit in der Fahrbereitschaft teilte, erinnert sich der schwäbische Exil-Friese. Wöstendieck blättert durch zwei abgegriffene schwarze Fotoalben, die dick sind wie Telefonbücher und neben vielen Zeitungsausschnitten und Erinnerungsfotos die Unterschriften fast all seiner Fahrgäste enthalten. "Nur die Queen hat nicht unterschrieben, aber das macht sie halt grundsätzlich nicht", bedauert Wöstendieck, der ansonsten selbst von Zimbawes Diktator Robert Mugabe, von Papst Johannes Paul II. und dem chinesischen Ministerpräsidenten Zhao Ziyang Autogramme für seine Sammlung illustrer Fahrgäste bekommen hat.

Unterwegs im Prunkwagen der Politiker und Stars

Wöstendiecks Dienstwagen war das längste, vornehmste, komfortabelste und bei weitem teuerste Auto, das es seinerzeit zu kaufen gab. Mit dem 600er Pullman versuchte der Stuttgarter Automobilkonzern 1963 an die Geschichte des legendären "Adenauer-Mercedes" aus den Wirtschaftswunderjahren anzuknüpfen und - so die zeitgenössischen Prospekte - einen "luxuriösen Groß-Reise- und Repräsentationswagen" auf die Räder zu stellen. Schon die Kurzversion kostete 56.500 D-Mark, und für den 6,24 Meter langen Pullman wurden gar 63.500 Mark fällig - eine Summe, für die man in den Sechzigern auch ein Einfamilienhaus im Grünen bekam. Noch teurer war nur der Landaulet, ein halbes Cabrio, bei dem sich der hintere Teil des Daches aufklappen ließ. Für das exquisite Sondermodell, in dem die Queen 1965 bei ihrem ersten Deutschlandbesuch durch Berlin chauffiert worden war, brauchten die Arbeiter im Werk Sindelfingen fast hundert Montagetage.

Der Luxusliner auf Rädern wurde nur in kleinsten Stückzahlen gebaut. Dennoch galt das Edelautomobil dem Baureihencode W 100 fast 20 Jahre lang als die deutsche Antwort auf die Staatskarossen von Rolls Royce und stand als beliebter Prunkwagen in den Garagen der allermeisten Regierungen und Königshäuser rund um den Globus. Und auch bei den Showstars war der 600 sehr beliebt; John Lennon hatte einen, Max Grundig, Elvis und Herbert von Karajan.

Doch keiner der insgesamt 2677 Wagen aus dieser Baureihe konnte es an Exklusivität mit dem Gefährt aufnehmen, das Wolfgang Wöstendieck lenkte. Denn für den Einsatz in der Bonner Republik hatte Mercedes zwei Pullmann-Limousinen mit einer Spezialausstattung bestückt, die alle anderen Kunden nicht einmal für Geld und gute Worte kaufen konnten. So waren seine beiden Autos etwas höher als das Standardmodell - "angeblich, damit der große Staatspräsident Charles de Gaulle sich nicht den Kopf stößt", wie der rüstige Rentner mit dem schlohweißen Haar ausplauscht. Und Wöstendiecks Wagen waren ausgestattet mit schusssicherem Glas und einem Käfig aus Titanplatten. Leichten Schutz gegen Schusswaffeneinwirkung mochte es für jedermann geben, der es bezahlen konnte - die Staatskarosse war fast schon ein Panzer auf Rädern - wenngleich ein ziemlich eleganter.

Wagenwäsche in 6000 Metern Höhe

Wirklich gebraucht hat Wöstendieck diesen Schutz allerdings nie - obwohl in seine zwei Jahrzehnte am Steuer der Staatskarosse auch die Hochphase des RAF-Terrors fiel. Aber an brenzlige Situationen kann sich Wöstendieck nicht erinnern, schließlich fuhr er stets im Konvoi mit großer Eskorte und Begleitschutz. Andere Pannen oder Probleme? Natürlich hatte auch der Pullmann ein paar Macken, weil viele technische Lösungen - etwa die aufwendige Komforthydraulik - kompliziert und neuartig waren. Doch wie man bei dem für diese Begegnung eigens aus Stuttgart geholten Museumswagen den etwas bockigen Anlasser überwindet, weiß Wöstendieck auf Anhieb.

Dabei musste er sich um die Technik nie kümmern - im Tross fuhren immer auch ein paar Mechaniker aus Stuttgart. Nur für die Pflege war der Chauffeur selbst zuständig. Und zwar nicht nur auf der Straße: Wenn der Zeitplan so eng war, dass der Pullman an Bord einer Bundeswehr-Transall durch die Republik geflogen wurde, hat er sogar in 6000 Metern Höhe die Wagen gewienert, erinnert er sich an die wohl spektakulärste Autowäsche seines Lebens.

Kritisch war es in seinen mehr als 20 Bonner Jahren eigentlich nur ein einziges Mal: Ausgerechnet mit dem sowjetischen Staats- und Parteichef Leonid Breschnew an Bord platzte dem Pullmann ein Reifen: "Auf der Fahrt von Gymnich nach Bonn ist hinten rechts die Decke weggeflogen und hat mich vorn überholt", erzählt Wöstendieck. Kurz habe es den Wagen geschüttelt, bevor er die Limousine abbremste und auf dem Seitenstreifen zum Stehen brachte.

Der Prinz hat Angst vorm Reifenplatzer

"Noch bevor der russische Sicherheitsdienst eingreifen konnte, stand das baugleiche Ersatzauto bereit", erinnert sich Wöstendieck lebhaft. "Die Standarten wurden ummontiert, Breschnew ist umgestiegen, und nur 67 Sekunden später war er wieder unterwegs." Unter der Politprominenz habe sich das Malheur allerdings herumgesprochen wie ein Lauffeuer: "Als zwei Tage später Prinz Phillip zu Besuch in Bremen war, galt sein kritischer Blick als erstes den Rädern des Pullmans", berichtet Wöstendieck, mit spitzbübischem Grinsen habe der Gemahl von Königin Elizabeth II. gefragt, ob denn die Reifen auch in Ordnung seien.

Und sonst ist ihm in all den Jahren nichts passiert? "Nein, einen Unfall hat es nie gegeben", sagt Wöstendieck stolz. Ganz ehrlich? Na ja, beinahe: Nur ganz kleinlaut gesteht er ein, dass er die chromglänzende Stoßstange seines Pullman einmal beim Rangieren doch ein wenig angekratzt hat. Einen Poller hatte er übersehen, in München, weil man durch das armdicke Panzerglas so schlecht schauen konnte und ausnahmsweise kein Einweiser da war. "Aber in zehn Minuten war die Stoßstange ausgetauscht und alles wieder in Ordnung."

Ach ja, geblitzt worden sei er auch ein paar Mal. "Aber nur im Dienst und in der Kolonne mit Eskorte", schränkt der Chauffeur der Republik unumwunden ein - das sei halt wie ein Freifahrtschein. Seinen ersten Punkt in Flensburg hat er deshalb erst kürzlich bekommen, und zwar ganz privat.

Ein Kuss von der Präsidentin

Die politischen Brennpunkte der Bonner Republik kennt Wöstendieck noch heute wie seine Westentasche: dass man vor der Villa Hammerschmidt, zu Bonner Zeiten der Sitz des Bundespräsidenten, nur mit der Fahrzeugschnauze nach Norden parkt. Wie man am besten zum Flughafen Köln-Bonn kommt. Den schnellsten Weg über den Rhein findet er im Schlaf, und an Spree, Neckar und Isar ist es wahrscheinlich genauso.

Allerdings gibt es auch Strecken, die im in besonderer Erinnerung geblieben sind. Zum Beispiel als er mit dem russischen Präsidenten Boris Jelzin auf den Betonpisten im Osten der wiedervereinigten Republik unterwegs war und die Straßen noch so schlecht waren, dass es ihm um seinen Pullman Angst und Bange wurde. Oder die Auffahrt zum Gästehaus auf dem Petersberg, deren Serpentinen es problemlos mit einem Alpenpass aufnehmen können. Nicht dass der 6,3 Liter große und 250 PS starke V8-Motor seiner Edellimousine ernsthaft Mühe gehabt hätte, obwohl sie immerhin 4,4 Tonnen auf die Wage bringt. "Doch dort so hinauf- oder herunter zufahren, dass es den Gästen im Fond nicht schlecht wurde, das war schon eine Herausforderung", sagt Wöstendieck.

Auch 15 Jahre nach der letzten Dienstfahrt lässt der oberste Taxifahrer der Hauptstadt auf seine Fahrgäste nichts kommen. Über kaum einen verliert er ein schlechtes Wort, nur ein Kanzler sei arg muffig gewesen und eine Königin ziemlich arrogant. "Aber im Großen und Ganzen waren sie alle ganz nett", erinnert sich Wöstendieck, während er im Album blättert. Und von der Präsidentin von Nicaragua hat's zum Abschied sogar einen Kuss gegeben, erzählt er und wird noch heute ein bisschen rot.

Zwei Kokosnüsse vom König von Togo

Auch ein paar Präsente hat er bekommen: Von Honecker gab's ein 24-teiliges Essbesteck "Made in GDR", von König Hussein zwei Armbanduhren, vom spanischen Königspaar den Silbernen Verdienstorden, und von einem Potentaten aus Togo wurde er ganz konspirativ zur Entgegennahme seines Geschenkes aufs Hotelzimmer gebeten. "Nur um dort zwei Kokosnüsse in Empfang zu nehmen", erzählt er und schüttelt sich noch immer ein bisschen vor Lachen.

Weniger gut zu sprechen ist Wöstendieck auf die Herren vom Protokoll: "Oft musste ich stundenlang beim Wagen bleiben und bekam nicht einmal was zu essen", schimpft er. So hatte er für den Notfall immer ein Survival-Paket an Bord - eine kleine Kühltasche mit ein paar Chips, einer Cola, ein paar Nüssen und etwas Schokolade dabei. "Ich konnte ja schließlich zwischendurch schlecht zum Kiosk gehen." Das serienmäßige Barfach im Fond des Wagens blieb dagegen meist leer.

In den letzten Jahren hat Wöstendiecks Beruf viel Glanz verloren. Chauffeure wie ihn gibt es nicht mehr, am Steuer sitzen jetzt in der Regel Sicherheitsleute der Bundespolizei oder aus dem Kanzleramt. Und auch die Autos haben viel von ihrem Flair verloren - die Limousinen von Merkel und Co. kann man ohne weiteres mit jedem besseren Leihwagen verwechseln. Dass Mercedes über 25 Jahre nach Produktionsende jetzt einen neuen Pullmann plant und die aktuelle S-Klasse im Herbst 2008 auf ein Paradeformat von rund 6,70 Metern streckt, freut Pullmann-Chauffeur Wöstendieck. Er selbst ist mittlerweile vom längsten auf den kürzesten Mercedes umgestiegen: Der Chauffeur der Republik fährt heute Smart.



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Florian Grißmer, 18.06.2008
1.
Kaiser Hiroito ist 1989 gestorben. Also entweder wurde ein Skelett spazieren gefahren oder es war Kaiser Akihito.
Tobias Burger, 19.06.2008
2.
Auch wenn es unter jedem Bild steht - der 600 stammt aus einer Zeit, in der es bei Mercedes noch kein allumfassendes Klassensystem gab. Die erste S-Klasse kam erst 1972 auf den Markt und war deutlich unter dem 600 positioniert, einen S 600 mit vorangestelltem "S" gab es erst in den 90ern. Das moderne Pendant des 600 heißt übrigens nicht S 600, sondern Maybach. Aber trotzdem ein schöner Artikel.
Christian-Alexander Wäldner, 19.06.2008
3.
Zudem ist die Republik Togo niemals Königreich gewesen. Entweder handelt es sich um das Südsee-Königreich TONGA oder um das Land TOGO in Afrika. Bitte korregieren.
Benson Hedges, 19.06.2008
4.
Der MB W100 heisst schlicht "600". Nichts mit "S 600". Die ersten "S-Klassen" W116 mit ebenjener Bezeichnung kamen in den 70er und hiessen dann "280 S, 350 SE, 450 SEL" und ähnlich. Erst in 90er drehte Benz die Bezeichnnungen um (C 180, E xxx, und halt "S irgendwas"). Mit diesen "Klassen" hat der 600er aber nichts zu tun, er ist vielmehr die Entsprechung zum heutigen Maybach. Im entsprechenden Artikel der SZ Online wurde dieser Fehler mittlerweile bereinigt, den User-Kommentaren sei dank...
Daniel Bernbeck, 19.06.2008
5.
Sehr richtig, Herr Grissmer... ... und ähnlich ärgerlich ist der Fehler des Verfassers, den Mercedes 600 (Baureihe W 100) permanent als "S 600" zu bezeichnen. Der Mercedes 600 ist 1963 vorgestellt worden, während die Bezeichnung "S" für die Oberklasse des Hauses (allerdings nicht für diese einzigartige Repräsentationslimousine, denn eine solche sollte wohl erst der Maybach werden) erst mit der Baureihe 116 ab 1972 verwendet wurde. Und die Bezeichnung "S 600" gab es erst ab 1994 (die hat Hirohito auch nicht mehr erleben können!), für ein Auto, das nicht an den Mercedes 600, das "besten Auto der Welt" heranreicht... Der Fehler des Verfassers ist wohl seiner Jugend zuzuschreiben. So wie dem Lehrling, der auf englisch nach Airbags (= Bälge für die Luftfederung) für einen W 100 Baujahr 1971 befragt, antwortet, einen 600-er Mercedes habe es es vor 1994 nicht gegeben - und schon gar nicht mit Airbags... Aber nichts für ungut: schöne Fotos!!
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