Gangsterduo Bonnie und Clyde Liebe, Mord und Kopfgeldjäger

Sie waren die ersten Reality-Stars: Das Mörderpaar Bonnie Parker und Clyde Barrow faszinierte einst Amerika. Im Mai 1934 starben sie - nach einer zweijährigen Verfolgungsjagd. Ihr echtes Leben war weit unromantischer als die Geschichten über sie.

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Sie starben so brutal, wie sie lebten. Schon die erste Kugel war tödlich, sie durchschlug das Autofenster und dann Clyde Barrows Schädel, direkt über dem linken Ohr. Auch Bonnie Parker sank getroffen zusammen, schrie aber noch lange. Exranger Frank Hamer und seine fünf Männer feuerten weiter. Bei der Obduktion fanden sich später insgesamt 43 Einschusslöcher an den Leichen.

So blutig endete die Karriere des legendärsten Gangsterduos der Geschichte: Auf dem Highway 154 zwischen Gibsland und Sailes, zwei Kaffs im Norden Louisianas, hatte Hamers Truppe sie in einen Hinterhalt gelockt, nach zweijähriger Verfolgungsjagd. Die Häscher begannen sofort zu schießen - und hörten erst auf, als der Ford mit seinen zersiebten Insassen rauchend im Graben lag. "Clyde Champion Barrow und Gefährtin Bonnie Parker erschossen", meldete FBI-Agent Gus Jones in einem lakonischen Telegramm an die Zentrale. Betreffzeile: "Flüchtling Nr. 1121."

Jener 23. Mai 1934 war der letzte Akt für das Räuberpärchen, das man bald nur noch unter seinen Vornamen kennen sollte. Zugleich verankerte er einen Mythos, der sie bereits zu Lebzeiten verklärt hatte. Bonnie und Clyde inspirierten Dutzende Nachahmer und Bücher, ein Broadway-Musical und einen Hollywood-Film, der Warren Beatty und Faye Dunaway zu Weltstars machte. Die Faszination hält bis heute an: 2012 erzielten ihre Habseligkeiten, inklusive zweier Pistolen, auf einer Auktion mehr als eine Million Dollar - ein Vielfaches von dem, was sie während ihrer ganzen kriminellen Laufbahn hatten erbeuten können. Doch mit der unromantischen Realität ihres kurzen Daseins hat dieser Fankult nur wenig gemein.

Die ersten Reality-Stars

Gebannt verfolgten ihre Landsleute die blutige Odyssee schon damals mit, von Texas über Oklahoma, Arkansas, Missouri, Iowa und Minnesota bis zurück nach Louisiana. Die Zeitungen schmückten ihre Taten mit schrillen, fiktiven Details aus. Körnige Schwarz-Weiß-Fotos verwandelten die kaum den Teenagerjahren entronnenen Gelegenheitskiller zu Idolen. Kurzum: Sie waren so etwas wie die ersten Reality-Stars.

In Wahrheit steckten dahinter zwei verlorene, verängstigte und zuletzt verzweifelte Seelen. Kriminalität war der einzige Weg nach oben, den sie je gelernt hatten - von Anfang an: Sie trafen sich 1930, Parker war 19, Barrow 21. Es war Liebe auf den ersten Blick. Als Barrow wegen schweren Diebstahls hinter Gittern landete, schmuggelte Parker ihm eine Pistole ins Gefängnis. Barrow brach aus, wurde schnell wieder geschnappt, kam 1932 aber auf Bewährung frei. Und damit begannen sie ihre Verbrechertour durch das Land.

Am Ende kreidete die Polizei ihnen mehr als hundert Straftaten an: Morde, Entführungen, Bank- und andere Raubüberfälle, Autodiebstähle. Doch anders als in den sie umrankenden Legenden waren es meist nur kleine Coups, die lediglich einstellige Summen einbrachten - ein buchstäblicher Hungerlohn.

Was blieb ihnen auch anderes übrig? Es war die Zeit der großen Weltwirtschaftskrise, Millionen darbten, vor allem im sandstaubigen Inneren Amerikas. Parker, deren Großvater aus Deutschland kam, war bei ihrer Mutter aufgewachsen, einer verwitweten Näherin. Sie schrieb Gedichte, jobbte als Kellnerin, wollte Sängerin und Schauspielerin werden und füllte ihre Tagebücher mit der Sehnsucht nach Prominenz und großer Welt. Notfalls eben als Gangsterbraut.

Wer ihnen in die Quere kam, wurde getötet

Doch obwohl sie sich als Killerin gerierte, etwa mit dem berühmten Foto, auf dem sie mit Waffe und Zigarre posiert, drückte Parker kein einziges Mal selbst ab. Trotzdem machte das Bild, das die Polizei 1933 zusammen mit anderen Aufnahmen an die Presse lancierte, aus Parker und Barrow "kriminelle Superstars" und Sexsymbole, so der Historiker Jeff Guinn: "Clyde Barrow und Bonnie Parker waren wild und jung, und zweifellos schliefen sie miteinander."

Barrow war die treibende Kraft. Der Sohn bettelarmer Farmer hatte im berüchtigten Eastham-Gefängnis einen Mithäftling, der ihn sexuell belästigt hatte, zu Tode geprügelt. Anschließend war der Kleinkriminelle zum gewissenlosen, brutalen Mann mutiert.

Sie arbeiteten zu zweit oder als Gang. Andere schlossen sich ihnen an, darunter Barrows Bruder Buck und seine Frau Blanche, verschwanden dann aber wieder oder wurden geschnappt. Doch Barrow und Parker hielten sich immer die Treue. Sie zogen durchs Land, und Barrow erschoss einfach jeden, der ihnen in die Quere kam. Dabei wurden sie jedoch unvorsichtig, sogar fahrlässig. Sie machten keine Anstalten, sich zu verstecken, und entkamen den Sheriffs oft nur durch Zufall - oder in spektakulären Schusswechseln.

Folgenschwerer Unfall

Zugleich wuchs ihr Ruhm. Ihre Konterfeis zierten die Titelseiten aller US-Zeitungen. Was ihnen die Flucht nicht erleichterte: Die Leute erkannten sie nun. Sie mussten im Freien schlafen und begannen, sich zu zanken. Auch das FBI hatte sich inzwischen eingeschaltet und eine Akte angelegt, die bald um die tausend Seiten umfasste.

Im Juni 1933 fuhr Barrow einen geklauten Wagen von einer kaputten Brücke in einen Fluss. Auslaufende Batterieflüssigkeit verätzte Parkers Bein schwer. Für den Rest ihres Lebens humpelte sie oder musste sich tragen lassen. Es war der Anfang vom langen Ende.

Im Januar 1934 befreiten sie ihren alten Komplizen Raymond Hamilton und vier weitere Häftlinge aus dem Eastman-Gefängnis. Die spektakuläre Aktion brachte die geballte Polizeikraft von Texas endgültig gegen sie auf. Frank Hamer, ein pensionierter, für seine Gnadenlosigkeit bekannter Ranger, setzte sich an die Spitze der Suche. Er war stolz, 53 Verbrecher erschossen zu haben. Als Nächste auf seiner Liste standen Barrow und Parker.

Nach dem Tod getrennt

Nach drei besonders brutalen Morden kippte die öffentliche Stimmung. Die Behörden setzten Kopfgelder aus - auf Barrows und Parkers "leblose Körper". Das Ende kam am Highway 154, wo ihnen Hamer und fünf weitere Cops auflauerten. Als Lockvogel hatten sie den Vater eines Exkomplizen gezwungen, auf der Straße eine Autopanne vorzutäuschen.

Der nur 16 Sekunden währende Kugelhagel war so laut, dass die Polizisten vorübergehend taub wurden. Die zerfetzten Leichen konnte der Gerichtsmediziner später kaum mehr richtig einbalsamieren. Parker trug noch den alten Ehering ihres ersten Mannes am Finger.

Sie wurden getrennt beigesetzt, gegen ihren Willen. Die Legende aber lebte fort: Der Film "Bonnie und Clyde" von 1967 machte das Gangsterpaar zu glamourösen Helden, die sie nie gewesen waren. Und der durchlöcherte Ford landete als Museumstück im Kitsch-Casino "Whiskey Pete's" in der Wüste südlich von Las Vegas.

Am Ort des Hinterhalts am einsamen Highway 154 steht heute ein zerschossener Gedenkstein. Ein zweiter, haltbarerer aus Metall wurde geklaut.



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Robert Kuhlmann, 22.05.2014
1. Der Fluch des Copy&Paste
"...W.D. Jones; Henry Methvin AND L.C. Barrow. " in der Bildunterschrift zum Prozess gegen Komplizen des Gangsterpaares. ;)
Tom Freyer, 22.05.2014
2. Mord
Also es bleibt hier auch seitens der "Gesetzhueter" bei Mord. Es wurden 2 Menschen regelrecht hingerichtet ohne den Versuch einer Festnahme. Es ist zwar richtig, dass eine der beiden personen ein Moerder war, aber hier wurde staatlicher Seite ungesuehnt geworden. Zumindest aus historischer Sicht muss hier noch der Gerechtigkeit genuege getan werden.
Florian Kirschenhofer, 22.05.2014
3. Schon komisch
Wir leben schon in einer komischen Zeit. Über die Mörder und Verbrecher heißt es: "Was blieb ihnen auch anderes übrig?". Sie waren ja die wahren Opfer der Gesellschaft. Für den Ranger, der unter Gefahren für sich selbst dem mörderischen Treiben ein Ende setzte, hat man dagegen keine guten Worte. Er wird als gnadenlos und mordlustig dargestellt ("Frank Hamer, ein pensionierter, für seine Gnadenlosigkeit bekannter Ranger, setzte sich an die Spitze der Suche.". Unglaublich, die beiden hatten 13 Unschuldige umgebracht. Bei den gefunden Waffen im Auto ist davon auszugehen, dass sie auch weitere Menschen getötet hätten. Sorry, ich habe kein Mitleid mit den beiden...
Susanne Stohl, 22.05.2014
4. optional
Sorry, aber noch verharmlosender kann man die beiden wohl kaum darstellen. Dieser Artikel klingt nach "Nur weil sie ein bisschen geraubt und mal ein wenig gemordet haben, waren die bösen Polizisten hinter ihnen her". Das ist eine Beschreibung, die weder Hr. Barrow und Frl. Parker noch ihren Opfern gerecht wird.
Klaus Hellmann, 22.05.2014
5. Zweifelhafte Helden
Wenn in dem Bericht einiges über àla "Was blieb Ihnen zu der Zeit auch sonst übrig", "Der Sohn bettalarmer Eltern der nach einer Vergewaltigung und Totschlags des bösen bösen Mithäftlings" und "der grausame Hamer der Ihre Leichen in Fetzen schoss" usw. usw. folgt finde ich es schon komisch aus welcher Sicht hier Stellung genommen wird. Wenn jeder dazumal zur Waffe geriffen hätte und gemordet um sich ein besseres Leben zu gönnen wäre es sicher nicht schöner geworden. Die beiden waren skrupellose Mörder und die Welt sicher keine schlechtere die sich anschließend ohne sie wiederfand.
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