Beckers Wimbledon-Sieg Es war Liebe - irgendwie

Boris Becker, Tennisgott: 1985 gewann der Deutsche als jüngster Spieler aller Zeiten das Turnier. Sein treuester Fan fieberte vor dem Fernseher mit. Martin Bommersheim erinnert sich an eine echte Liebe.

imago/Colorsport

Wir spielten Skat an jenem Sonntagnachmittag im Juni. Mein Vater, mein zehn Jahre älterer Bruder und ich. Im Wohnzimmer nebenan lief die Sportreportage, sie brachten einen Kurzbericht von einem Tennisturnier. Queens. Nie gehört. Der Kommentator berichtete von einem Deutschen, der das Endspiel gewonnen hatte. Mein Bruder, damals Sportjournalist im Ruhrgebiet, meinte: Der Junge ist echt gut.

Der Junge hieß Boris Becker. Drei Wochen später sollte er das Wimbledon-Turnier gewinnen und weltberühmt werden. Wie ein Aufschlag donnerte dieser Becker ins Leben vieler Deutscher. Auch in meines, das Leben eines damals 20-Jährigen aus Wattenscheid. Emotionen hat er mir gegeben. Mentale Unterstützung und Anfeuerung gab ich ihm vor dem Fernseher zurück.

Natürlich hatte ich mit meinem Bruder zugeschaut, als Becker sein erstes Halbfinale auf dem Londoner Rasen spielte. Es musste abends abgebrochen werden und wurde am Samstag fortgesetzt. So meine ich mich zu erinnern. Ich habe für diesen Text keinen Faktencheck betrieben. Finale dann am Sonntag gegen Kevin Curren. Mein erstes Tennisspiel von Anfang bis Ende. Vier Sätze. Sieg. Die Szene, die wohl jeder kennt. Ein Junge von 17 Jahren mit Trommelschritten auf dem Weg ans Netz. Becker hatte es tatsächlich geschafft. Doll fanden wir das im Wohnzimmer.

Zu Gast in Beckers Wohnzimmer

Was dann kam, teilten wir mit vielen Deutschen. Becker-Spiele vor dem Fernseher waren Pflichttermine. Das nächste Turnier, die nächste Davis-Cup-Runde gegen die Tschechoslowakei. Ralf, ein auf der Straße gegenüber wohnender Schulfreund, hat sich lustig gemacht über die unbeholfenen Interviews des frühen Becker: Äh, äh, äh. Mir war das egal.

Ich war ihm nah, diesem Becker. Sicher hat neben meinem ähnlichen Alter dazu beigetragen, dass mein Bruder in seiner Sportredaktion als Tennisexperte galt. Jedes Jahr reiste er zum Turnier nach Wimbledon. Geliebt habe ich seine Geschichten, aufgesogen seine Texte über die teuren Erdbeeren mit Sahne, die U-Bahn-Fahrten hinaus zum Turnier und die peniblen Rasenpfleger.

Und da ich im August Geburtstag habe, brachte er mir jedes Jahr ein Original-Wimbledon-Handtuch mit. Die konnte ich gut nutzen, wenn ich im Garten meines Elternhauses mit, nein, gegen meinem besten Freund Gottfried "Family Tennis" spielte - mit Kunststoffschlägern und Schaumstoffball. Ein Seil bildete das Netz, acht Boccia-Kugeln markierten das Feld. Wir haben oft gestritten, ob ein Ball aus war.

Ich habe die sattgrünen Handtücher alle noch. 1986, 1987 (Zweitrunden-Aus!), 1988 und so weiter. Mein Bruder war Becker-Fan wie ich. Vielleicht noch mehr als ich. Er kam ihm ja auch sehr nah. In Pressekonferenzen, auf der Pressetribüne.

Und in jenem Jahr, als Becker ein Finale verlor. Längst war der Centre Court in Wimbledon mehr als ein Rasen-Viereck. Es war Beckers Wohnzimmer. An jenem Tag, wenn ich mich recht erinnere im Jahr 1991, war ein anderer Deutscher zu Gast in Boris' Heiligstem: Michael Stich.

Kauen an den Fingernägeln

Den mochte ich gar nicht. Norddeutscher, wirkte wie ein emotionaler Kühlschrank im Vergleich zum Vulkan Becker. Ja, Stich konnte sehr gut spielen. Aber mit Becker konnte ich mich freuen und mit ihm leiden. Und abergläubisch sein. Was sogar dazu führte, dass ich nicht wagte, mich auf dem Sofa zu bewegen, wenn es gerade bei ihm auf dem Platz gut lief. Konnte ja sein, dass meine Körperhaltung Einfluss auf den Spielverlauf nähme. Rechtes Bein anwinkeln oder lieber linkes? Wie auch immer ich mich daheim verhielt, ich fürchtete, ich könnte etwas falsch machen. Verrückt, war aber so.

Stich gewann also das Finale. In Wimbledon gegen Becker. Muss ich erwähnen, dass ich den Tränen nahe war? Es war Liebe - irgendwie. Da teilt man auch die traurigen Momente.

Hier kommt wieder mein Bruder ins Spiel. Er hat mir von den Stunden danach berichtet. Davon, was kein Fernseher übertrug. Nach dem Finale fand ein Empfang statt. Im größten Raum versammelten sich die Honoratioren und Journalisten. Alle umringten Michael Stich. Boris, so erzählte mir mein Bruder, saß draußen im Garten auf einer Bank. Allein mit dem Mann, der ihm immer die Schläger bespannte. Verlierer sind nicht gefragt.

Mein Bruder erzählte, wie er sich zu Becker auf die Bank setzte. Der aber schien, obwohl noch immer im weißen Dress, in einer anderen Welt. Haderte mit sich, mit den Umständen, mit dem Ergebnis dieses Tennisspiels, kaute an seinen Fingernägeln, schüttelte immer wieder mit seinen Kopf. Die Schuhe hatte er ausgezogen. Die Füße waren aufgequollen.

"Sieht das so aus, wenn man 14 Tage über den Rasen jagt?", fragte mein Bruder.

"Ja."

Er sprach in diesem Moment nicht viel.

"Was möchtest du machen, Tennis spielen?"

"Ich weiß nicht!"

"Aber du weißt doch, was du am besten kannst?"

"Ja."

"Demnächst gehen die Turniere in den Staaten weiter."

"Pause machen!"

Am Ende, sagte mein Bruder, hatte er Boris eingeladen zu uns nach Hause. "Komm nach Wattenscheid, wir gehen einen trinken. Und dann sieht alles schon wieder anders aus."

Soweit ich weiß, steht Beckers Besuch noch aus.



insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
sucram otto, 04.07.2015
1. Genau so war's
Ich kann jeden einzelnen Satz unterschreiben. Genau so war's! Ich war zwar damals erst 15, aber sonst stimmt alles. Ich weiß noch, wie wir auf der Straße Softtennis gespielt haben bis zum Matchbeginn. Und an dem Tag, als Becker gegen Stich verloren hat, waren wir im Freibad und haben Radio gehört. Mein damaliger Kumpel war für Stich, ich war todtraurig! Wie viele Nächte haben wir uns um die Ohren gehauen, um Becker auf anderen Kontinenten live spielen zu sehen. Oder das legendäre Davis-Cup-Halbfinale gegen Thomas Smid (?) aus der CSSR. Beim anschließenden Finale gegen Schweden in der Münchener Olympiahalle war ich an dem Sonntag live dabei. Becker hat gegen Wilander zum 2:2 ausgeglichen. Dann gewann Westphal auch noch den ersten Satz gegen Edberg. Die Halle bebte und Edberg muss wohl kurz vor der Aufgabe gewesen sein ob des höllischen Lärms. Er hat letztlich dann doch gewonnen. Das waren schon großartige Zeiten und Becker mein Held!
Christian Horschmann, 04.07.2015
2.
Genauso war's! Bei allen Spielen von Boris wurde fortan mitgefiebert, egal in welcher Zeitzone, egal ob er jammerte, mit sich haderte, fast flennte, schimpfte...aber dann unglaubliche Duelle z.B. gegen McEnroe oder diverse Schweden doch noch drehte. Es war fast immer höchst unterhaltsam, teilweise dramatisch, immer wert dabei zu bleiben. Und dann? Egal was alle über Boris lästern, egal wie er ab und zu zum Fremdschämen Anlass gibt - für mich persönlich war er eine große Bereicherung meines Sportfanlebens. Dafür herzlichen Dank Boris!
Otto Waibel, 04.07.2015
3. possierlich
aber mir ging es damals ganz genau so.
Hanno Stamm, 05.07.2015
4. Wer war Boris
Ich war in diesem Sommer zu Besuch in Deutschland. Ich lebte damals in Kenia und interessierte mich nicht fuer Tennis und hatte noch nie von Boris Becker gehoert. Ich errinnere mich dass es ein schoener Sonntag war und ging an den Badesee in Weinheim. Es war fast kein Mensch da und ich fragte an der Pommesbude was den los sei. Ich glaube die Leute dort dachten dass ich sie verar.....; sie knnten einfach nicht glauben dass ich noch nie von Bummbumm Becker gehoert hatte.
Helge Nielsen, 05.07.2015
5. Becker nach seiner triumpfalen Zeit
zum Frühstück nach Paris, zum Abendessen nach New York jetten. Ist doch in. Wer es nicht kann, ja der ist nicht zu beachten. Dann irgendwann das Aus. In seinem Wohnzimmer geschlagen. Nicht mehr in Nr. 1 im Tennis, in den Medien. Da helfen nur noch irgendwelche Taten, wie der Samenraub. Um wieder ganz oben in den Printmedien zu stehen. Und heute, Trainer mit Spieler in Wimbledon. Wird hin und wieder gezeigt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.