"Doktor Schiwago" - das verbotene Buch "Sie sind zu meiner Hinrichtung eingeladen"

Für "Doktor Schiwago" erhielt der russische Dichter Boris Pasternak 1958 den Nobelpreis - und musste daheim um sein Leben fürchten. Ein Buch enthüllt nun, wie die CIA die Sowjetunion literarisch zu bekämpfen versuchte.

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Ein Schwein sei dieser Pasternak, geiferte Wladimir Semitschastny am 29. Oktober 1958 im Moskauer Olympiastadion. Tosender Beifall. Nein, doch nicht: "Nicht einmal ein Schwein tut, was Pasternak getan hat!" Vor Tausenden hetzte der erste Sekretär der kommunistischen Jugendorganisation Komsomol gegen den Schriftsteller: "Er hat das Land besudelt, dessen Brot er isst! Er hat das Volk beschmutzt, von dessen Arbeit er lebt!" Radio und Fernsehen übertrugen die Tirade in den hintersten Winkel der Sowjetunion.

Deren Bürger waren derartige Angriffe auf Boris Pasternak gewohnt. Zeitungen beschimpften den Künstler wahlweise als "Verräter" oder "Gegner des Volkes". Dabei hatte Pasternak nur einen Roman geschrieben. Einen ziemlich guten sogar. Für seinen "Doktor Schiwago", dessen Handlung sich um den Ersten Weltkrieg, die Oktoberrevolution und den russischen Bürgerkrieg dreht, erhielt er 1958 den Literaturnobelpreis. In der Sowjetunion machte ihn das Buch dagegen zum Staatsfeind - gehasst, verhöhnt und beinahe zum Suizid getrieben.

Die Autoren Petra Couvée und Peter Finn beschreiben in ihrem nun auf Deutsch erschienenen Buch "Die Affäre Schiwago", wie es passieren konnte, dass der Dichter und sein Roman in den Fünfzigerjahren zum Spielball im Kalten Krieg wurde.

Einladung zur Hinrichtung

Begonnen hatte das Drama demnach mit dem Besuch eines jungen italienischen Literaturagenten, der sich in der Sowjetunion nach neuen Stoffen umsah. Sergio D'Angelo hatte davon gehört, dass der Dichter Pasternak erstmals einen Roman fertiggestellt habe. "In der UdSSR wird der Roman nicht erscheinen", erklärte Pasternak dem Italiener bei ihrer Begegnung am 20. Mai 1956. "Er geht nicht mit den offiziellen Kulturrichtlinien konform."

Boris Pasternak
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Boris Pasternak

Zu ätzend hatte der 66-jährige Autor seiner Romanfigur Juri Schiwago die Kritik am sozialistischen Experiment in den Mund gelegt: Angesichts des Blutvergießens nach der Oktoberrevolution 1917 verliert der Arzt Schiwago jegliche Hoffnung in den Kommunismus. Revolutionäre entlarvte Pasternak kurzerhand als "fanatische Sektierer", die mörderische Zwangskollektivierung der Bauern verurteilte er als "falsche Reform".

Als D'Angelo Pasternak verließ, hatte er ein Päckchen bei sich. Darin, in alte Zeitungen verpackt, das 433 Seiten starke Manuskript. Pasternak wusste um das Risiko, im Ausland ohne Genehmigung der sowjetischen Behörden zu veröffentlichen. Von dem Italiener verabschiedete er sich mit den Worten: "Hiermit sind sie zu meiner Hinrichtung eingeladen."

Ende 1957 erscheint "Doktor Schiwago" in italienischer Sprache - und wird ein Erfolg. Es folgten englische, französische, deutsche und zahlreiche weitere Ausgaben. Nur eine russische Version fehlte zunächst.

Geschmuggelt in der Tamponschachtel

Im Januar 1958 lasen auch CIA-Agenten den Roman, britische Kollegen hatten eine Kopie in russischer Sprache besorgt. Für den US-Geheimdienst war der Kalte Krieg mehr als eine politische Auseinandersetzung. Es war ein Kampf der Kulturen - hier Demokratie und Meinungsfreiheit, dort Diktatur und Gulag. In diesem Konflikt konnten Bücher mächtige Waffen sein.

Von "Doktor Schiwago" waren die CIA-Leute begeistert. "Pasternaks humanistische Botschaft - dass jeder ein Recht auf Privatleben hat und als menschliches Wesen Respekt verdient, ungeachtet des Ausmaßes seiner politischen Loyalität oder seines Beitrags zum Staat - stellt die sowjetische Ethik, dass das Individuelle dem kommunistischen System zu opfern sei, grundlegend in Frage", schrieb John Maury als Leiter der "Soviet Russia Division" der CIA.


Trailer der Buchverfilmung von 1965 mit Omar Sharif und Julie Christie


Die Weltausstellung 1958 in Brüssel bot eine erste Gelegenheit, das verbotene Buch unter Sowjetbürgern zu verteilen. Hunderte Privilegierte aus der UdSSR besichtigten die Pavillons der vertretenen Nationen. Ein besonderes Geschenk hielt der Vatikan bereit. Im blauen Einband verteilten Priester "Doktor Schiwago" in russischer Sprache. Die CIA hatte das Buch mit Hilfe niederländischer Kollegen in seiner Ursprungssprache drucken lassen.

Bald war das Ausstellungsgelände mit blauen Buchdeckeln übersät. Viele sowjetische Besucher hatten das Buch zerteilt, portioniert in Tampon-Verpackungen, Konservendosen und anderen abenteuerlichen Verstecken schmuggelten sie es in die Sowjetunion. In Moskau zahlten die Menschen Wochenlöhne, um ein Exemplar zu ergattern.

"Schönen guten Tag, Mikrofönchen!"

Pasternaks Situation wurde hingegen immer brisanter - erst recht, nachdem ihm die Schwedische Akademie am 23. Oktober 1958 den Nobelpreis für Literatur zuerkannt hatte. "Ungemein dankbar, bewegt, stolz, erstaunt, beschämt", telegrafierte der Geehrte nach Schweden.

Für seine Leistung musste er büßen: Einstimmig verstieß ihn der allmächtige sowjetische Schriftstellerverband aus seinen Reihen, der KGB überwachte ihn rund um die Uhr. "Schönen guten Tag, Mikrofönchen!", begrüßte er die geheimen Lauscher, wenn er die Wohnung seiner Geliebten betrat.

Während Pasternak und sein Werk überall auf der Welt gefeiert wurden, spritzten die sowjetischen Blätter Gift. "Literarisches Unkraut", wetterte die "Prawda", "Geschmiere", ätzte die " Literaturnaja Gaseta". "Das Radio, von fünf Uhr morgens bis 12 Uhr nachts, das Fernsehen, die Zeitungen, die Zeitschriften, die Illustrierten, sogar jene für Kinder, alle waren voll von Artikeln und Angriffen auf den abtrünnigen Schriftsteller", erinnerte sich der Schriftsteller Ismail Kadare.

Pasternak selbst brach weinend zusammen. Der hoch gewachsene Mann mit dem langen Gesicht ging von nun an gebeugt, hegte Selbstmordgedanken. Als Geste der Beschwichtigung lehnte er den Nobelpreis ab. Er wäre "unverdient".

"Einen Ausweg hab' ich nicht"

Weltweit organisierte sich Widerstand gegen die Behandlung Pasternaks. "Wir fordern Sie auf im Namen der großen literarischen Tradition Russlands, für die Sie stehen, diese nicht dadurch zu entehren, dass Sie einen Autoren bestrafen, den die ganze zivilisierte Welt verehrt", appellierten berühmte Schriftsteller wie Aldous Huxley, T. S. Eliot oder Graham Greene an die Sowjetführung. Ernest Hemingway bot Pasternak Unterkunft an, auch der indische Premierminister Jawaharlal Nehru kritisierte die Sowjetunion heftig. Die Verkaufszahlen von "Doktor Schiwago" schnellten mit jeder neuen Gängelung Pasternaks in die Höhe.

"Genug. Er hat seine Fehler eingestanden", verfügte Regierungschef Nikita Chruschtschow nach der Protestwelle. In einem in der "Prawda" im November 1958 veröffentlichten Brief musste der große Schriftsteller Reue bekunden.

Am 30. Mai 1960 starb der Dichter, zermürbt und einsam. Seinen Sarg begleiteten der offiziellen Ächtung zum Trotz Hunderte Menschen und begruben ihn unter einem Meer von Blumen. Studenten zitierten am Grab seine Gedichte:

"Bin umstellt, verloren, Beute.

Weit - wo Freiheit, Menschen, Licht.

Hinter mir der Jagdlärm, Meute.

Einen Ausweg hab' ich nicht".

Bis zum Zusammenbruch der UdSSR sollten Sowjetbürger und westliche Touristen noch zahlreiche Exemplare von "Doktor Schiwago" hinter den "Eisernen Vorhang" schmuggeln. Offiziell erschien das Buch in der Sowjetunion erst 1988 - drei Jahre bevor die ehemalige Supermacht zerfiel.

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insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
Ferenc Csapó, 07.03.2016
1. Danke!
Eine gelungene, wunderbare Zusammenfassung. Danke! Werde mir das Buch auf jeden Fall kaufen. Eine akzeptable, informative und gute "Produktempfehlung".
Tatiana Mints, 07.03.2016
2. Tamponproblematik
"Viele sowjetische Besucher" konnten das Buch nicht in Tampon-Verpackungen schmuggeln, weil es in Sovjetunion keine Tampons gab! Was das Roman betrifft, ist der Autor viel besserer Dichter als Romanist ;))
Stephan Kellner, 07.03.2016
3. Unklar
Zitat aus dem Artikel: Ende 1957 erscheint "Doktor Schiwago" in italienischer Sprache - und wird ein Erfolg. Es folgten englische, französische, deutsche und zahlreiche weitere Ausgaben. (...) Im Januar 1958 lasen auch CIA-Agenten den Roman, britische Spione hatte eine Kopie in russischer Sprache besorgt. Wieso eigentlich sollten CIA-Agenten den Roman im Januar 1958 auf Russisch lesen, wenn er bereits Ende 1957 in englischer Sprache erschienen war?
Markus Döring, 07.03.2016
4. Erst denken, dann schreiben
@ Tatiana Mints: Mit dem verstehenden Lesen haben Sie es nicht so, was? Nirgendwo in dem Artikel steht, dass die Tamponverpackungen sowjetischen Ursprungs gewesen sein. Und vermutlich genau deshalb, WEIL es in der SU keine Tampons gab, waren sie anscheinend ein beliebtes und unauffälliges Mitbringsel aus dem Westen und die Verpackung somit bestens zum Schmuggeln geeignet.
martin finzsch, 07.03.2016
5. Tamponproblematik
Es wurde in Brüssel in Tamponpackungen gesteckt. Dort gab es sie. ;-)
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