Legendäres Konzert in New York Die magische Nacht der Falschsänger

Legendäres Konzert in New York: Die magische Nacht der Falschsänger Fotos

Chaos made in Ipanema: Mit sanften Rhythmen und unwiderstehlichen Melodien wurde der Bossa Nova vor 50 Jahren zum Welterfolg. Sein Siegeszug begann 1962 in der New Yorker Carnegie-Hall. Da traten die Stars aus Brasilien erstmals im Ausland auf - und erlebten ein Beinahe-Desaster. Von

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Der Abend, der alles verändern soll für ihn, für seine Freunde und für seine Musik, ist für Roberto Menescal bis jetzt ein einziger Alptraum. An diesem Mittwoch, 21. November 1962, will der Brasilianer überall sein, nur nicht hier, in der berühmten Carnegie Hall in New York.

Gleich muss er raus auf die Bühne. Und dort soll der Gitarrist etwas machen, was er noch nie gemacht hat. "Ich habe immer nur komponiert und Gitarre gespielt. Und auf einmal wollten alle, dass ich singe", erinnert sich Menescal bei einem Besuch von einestages. Fischen im Atlantik, das wär’s jetzt, denkt Menescal hinter der Bühne. Oder in einer der kleinen Bars zu Hause an der Copacabana Gitarre spielen, vor ein paar Leuten. Aber hier warten 3000 auf seinen Auftritt, darunter die Jazzgrößen Miles Davis, Dizzy Gillespie und Herbie Mann. Vor der Carnegie Hall stehen weitere rund tausend Musikfans im strömenden Regen, die nicht reingekommen sind.

Sie alle wollen diesen neuen Sound aus Brasilien hören. Bossa Nova nennt sich diese eigenartige Mischung aus Jazz und Samba, mit diesen hingehauchten, irgendwie angenehm aus dem Rhythmus gefallenen Liedern, die den Hörer in einer Stimmung zwischen Schwermut und Leichtigkeit hinterlassen. In Brasilien, vor allem an den Stränden von Rio de Janeiro, haben die sanften Klänge bereits den Samba verdrängt, mit dessen altmodischer Theatralik die Jugend nichts mehr anfangen kann. Bossa Nova, die neue Welle, entstanden in den Wohnungen der weißen, intellektuellen Boheme, bildet den Soundtrack für das neue Brasilien, für die Aufbruchsstimmung in Land.

Der sozialistische Präsident Juscelino Kubitschek, bis 1961 im Amt, wollte das Land in fünf Jahren hundert Jahre voranbringen, wie sein Slogan verkündete. Architektonisch wird der Fortschritt in Oscar Niemeyers Bauten in Brasilia gegossen, der aus dem Nichts in die Steppe gestampften neuen Hauptstadt. Gerade ist die Nationalelf zum zweiten Mal hintereinander Fußballweltmeister geworden. Das Land, das stets unter seinem Status als unterentwickelte Kolonie gelitten hat, beginnt endlich eine Rolle in der Welt zu spielen. Aber noch denken vor allem die Nordamerikaner bei Brasilien an nicht viel mehr als an Kaffee und Karneval. Der Bossa Nova soll dabei helfen, das zu ändern.

Dafür hat die brasilianische Regierung zusammen mit dem amerikanischen Außenministerium das Konzert in der Carnegie Hall organisiert. Und alle Stars der Szene aus Ipanema und der Copacabana sind gekommen: Antônio Carlos Jobim, der Komponist, den alle Welt Tom nennt, und João Gilberto, der exzentrische Sänger - zusammen mit dem Schriftsteller und Diplomaten Vinicius de Moraes gelten sie als die Erfinder des Bossa Nova. Begleitet werden beide von elf weiteren Künstlern und zwei Bands, darunter spätere Weltstars wie Carlos Lyra, Sérgio Mendes, Bola Sete und eben Roberto Menescal.

Doch das Konzert droht im Desaster zu enden - nichts will zunächst klappen. João Gilberto, der scheue Sänger mit dem Hundeblick, der mit seinem federleichten Gitarrenspiel und Gesang sein Publikum verzaubern kann, dessen zwanghafter Perfektionismus die Kollegen aber oft zur Weißglut treibt, läuft hinter der Bühne auf und ab: Seine Hose hat eine Falte. Für ihn eine Katastrophe, das Publikum werde nur auf diese Falte schauen, jault er den anderen Musikern vor. Auf der Bühne ist die Stimmung nicht besser. Immer wieder fallen die Mikrofone aus. Der ohnehin eher genuschelte Gesang, der den Bossa Nova ausmacht, ist nun gar nicht mehr zu verstehen. Stattdessen peinliche Stille, immer wieder.

Ein alternder Saxofonist sieht seine Chance

Und in diese Stille hinein soll nun Roberto Menescal singen. "Roberto, sing dein bekanntestes Lied, sing 'O barquinho'" rufen sie ihm hinter der Bühne zu. "Aber ich war schrecklich nervös, meine Kehle war trocken wie Löschpapier", erinnert sich Menescal heute. Und so gerät das Lied über eine Schifffahrt mit allerlei Hindernissen selbst ins Schlingern. Menescal vergisst eine Strophe, kämpft sich mehr schlecht als recht durch. Geknickt geht er wieder ab. Vor allem wurmt ihn der Gedanke, seine amerikanischen Freunde enttäuscht zu haben, Stan Getz und Charlie Byrd.

Der Saxofonist und der Gitarrist haben Bossa Nova in den USA salonfähig gemacht. Ein Jahr zuvor war Charlie Byrd nach Brasilien gekommen, auch das eine Mission der US-amerikanischen Regierung. Lateinamerika sollte eigentlich für Jazz begeistert werden. Doch stattdessen eroberte der Bossa Nova das Herz des US-Musikers. In Rio de Janeiro traf Byrd Tom Jobim, Carlos Lyra, Roberto Menescal und Co. "Wir haben ihn in die Straße Beco des Garrafas, die 'Straße der Flaschen', mitgenommen, in den Little Club, Bottle's Bar, Baccara, and Ma Griffe", erzählt Menescal. Byrd sei hin und weg gewesen. Musik, die derart dahinfließt, die trotz der vielen unaufgelösten Dissonanzen ihre Melodie nicht verliert, so eine Musik hatte er noch nie gehört.

Byrd nahm alle Platten, die in sein Gepäck passten, zurück in die USA. Zu Hause spielte er sie Stan Getz vor. Der Saxofonist hatte stets mit Drogensucht und der Polizei zu kämpfen. Hier sah er seine Chance, die Karriere wieder in die Spur zu bringen. Die beiden spielten "Jazz Samba" ein, eine Platte mit Bossa-Nova-Liedern wie "Desafinado" (Falschsänger). Nur vier Stunden dauerten die Aufnahmen. 70 Wochen hielt sich das Album in den Charts. Für Jazz eine unvorstellbar lange Zeit.

Der Pianist Carlos Lyra erklärt sich den Erfolg so: "Bossa Nova ist die ideale Musik für die Mittelklasse. Er verarbeitet Einflüsse des Jazz, des brasilianischen Samba, aber auch des französischen Impressionismus von Ravel und Debussy. Das ergibt die richtige Mischung aus Vertrautem und Exotik." Davon lässt sich auch der US-amerikanische Reeder Sidney Fry infizieren. Er hat die Idee für das Konzert in der Carnegie Hall, fährt nach Brasilien. Als er seine Kontakte zur brasilianischen Regierung spielen lässt, können die Vorbereitungen bald beginnen.

Trotz aller Pläne geht beim Konzert weiterhin alles schief. João Gilberto läuft hinter den Kulissen in Unterhose rum, davor bringt Tom Jobim die Strophen von "Samba de uma Nota Só" durcheinander. Danach setzt er zu "Corcovado" an, und wieder ab. Man hört verlegenes Räuspern.

Doch dann kommt es zu einem magischen Moment. Jobim setzt noch einmal an, diesmal aber singt er abwechselnd Portugiesisch und Englisch. Das Publikum reißt es von den Sitzen, frenetisch singt und klatscht es mit. Gleich im Anschluss betritt João Gilberto die Bühne, mit akkurater Bügelfalte, die Theaterschneiderin hat sie zurechtgebügelt. Sein "Samba da Minha Terra" und vor allem "Desafinado" lösen Begeisterungsstürme aus.

"Jeder machte danach sein eigenes Ding"

Das Konzert wird doch noch zum Triumph. Zwei Wochen später treten die brasilianischen Musiker im Weißen Haus vor Jacqueline Kennedy auf. Viele Musiker bleiben in den USA und unterschreiben lukrative Plattenverträge. Jobim und Gilberto nehmen mit Stan Getz eine Platte auf. Und vor allem ein Song von ihr wird Geschichte schreiben. "Garota de Ipanema", das "Girl from Ipanema", ist bis heute der meist gespielte Popsong nach "Yesterday" von den Beatles.

Roberto Menescal ist einer der wenigen Künstler, die nach Brasilien zurückkehren. Er träumt von einem gerechteren Land. Doch die Desillusion folgt bald. Mit dem Putsch von 1964 übernimmt der Militär Humberto Castelo Branco die Präsidentschaft. In die Clubs und die Wohnungen, in denen sich Menescal früher täglich mit seinen Musikerfreunden getroffen hat, kommt keiner mehr. "Jeder machte danach sein eigenes Ding, das ist der Preis des Erfolges", sagt der heute 75-Jährige. Verbittert ist er deswegen nicht. "Das Konzert in der Carnegie Hall war für uns wie die Öffnung der chinesischen Mauer. Dank des Bossa Nova habe ich die ganze Welt gesehen".

Gesungen aber hat Roberto Menescal seit jenem Abend in New York nie wieder.

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insgesamt 5 Beiträge
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1.
Robert Goldmund 23.11.2012
Mir fehlt zumindest bei der Erwähnung von The Girl from Ipanema ein Hinweis auf Astrud Gilberto. Seufz......
2.
Werner von Schleiden 23.11.2012
Schuld ist nur "Schuld war nur der Bossa Nova" Man sollte sich allmählich mal zu DIE Bossa Nova durchringen. Es spricht alles dafür und nichts - außer dem Duden, also nichts - dagegen. Der Begriff ist im Portugiesischen Femininum, die Übersetzung "neue Welle" ist weiblich und etliche Tänze (DIE Samba, DIE Rumba) sowieso.
3.
Uwe Potthast 24.11.2012
Im Portugiesischen ist Samba aber maskulin: o samba. Und die Genus-Festlegung ist bei Fremdwörtern im Deutschen nicht absolut systematisch (man denke nur an "das Foto", der Kurzform von "die Fotografie"). >Schuld ist nur "Schuld war nur der Bossa Nova" > >Man sollte sich allmählich mal zu DIE Bossa Nova durchringen. > >Es spricht alles dafür und nichts - außer dem Duden, also nichts - dagegen. Der Begriff ist im Portugiesischen Femininum, die Übersetzung "neue Welle" ist weiblich und etliche Tänze (DIE Samba, DIE Rumba) sowieso.
4.
Sabina Neumaier 24.11.2012
Manchmal hilft der Blick ins Wörterbuch, wenn´s für die Unterhaltung auf portugiesisch nicht reicht. O samba o bossa nova (o (port.) = der (deutsch) Nicht mal die Brasilianer wissen, daß es es nach Herrn von Schleidens Meinung DIE Samba heißt? Kann ja sein, daß es sich in manchem deutschen Sprachgebrauch, besonders in der Tanzszene eingebürgert hat, Samba weiblich zu machen. Aber ich werd mich sicher nie dazudurchringen. Ansonsten gefällt mir vor allem der Schlußsatz des Videos. Etwas frei übersetzt: Von jetzt an wurde die ganze Musik Brasiliens in der Welt respektiert. (andere Übersetzungen willkommen) Für mich stimmts, Bosso nova oder modern. Ich liebe die brasilianische Musik
5.
Werner von Schleiden 25.11.2012
Vielleicht sollten Sie das Wörterbuch austauschen. In meinem (Pons) steht hinter "bossa" ein kursives f. Und "neu" heißt (immer noch Pons) "novo (m) und "nova (f)". Aber gewiss haben Sie Recht: (f) steht bestimmt, wie in allen Wörterbüchern dieser Welt, für maskulin ...
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