Boston-Marathon Startnummer 261 - die verbotene Frau

Eine US-Läuferin schrieb 1967 Sportgeschichte: Als erste Frau absolvierte Kathrine Switzer den Boston-Marathon mit offizieller Startnummer - die zornigen Rennchefs versuchten, sie von der Strecke zu rempeln.

AP

Sie läuft locker, gelöst. Nach den ersten Kilometern hat Kathrine Switzer ihre Wollmütze abgenommen, die sie beim Start des Boston-Marathons an diesem 19. April 1967 vor der Kälte und den Schneeflocken geschützt hatte. Jeder kann nun ihre schulterlangen, dunklen Haare sehen. Dass eine Frau mitläuft, hatten vorher bereits einige der 740 Männer im Teilnehmerfeld bemerkt und Switzer mit reichlich Komplimenten bedacht.

Doch mit der guten Stimmung ist es jäh vorbei, als Switzer auf dem Asphalt hinter sich hart und hastig Ledersohlen klackern hört. So ein Geräusch macht kein Marathonläufer. Schon spürt sie eine Hand am Rücken, dreht sich um und sieht in ein wütendes Gesicht: "Verlass verdammt noch mal mein Rennen und gib mir die Startnummer", faucht Rennleiter Jock Semple. Eine Frau im Männerrennen - das gab es noch bei keinem Marathon, das durfte auch bei der 71. Auflage des Langstreckenklassikers in Boston nicht sein.

Semple greift nach der Startnummer 261 auf Switzers Rücken, erwischt aber nur die rechte obere Ecke. Denn von links rauscht Switzers Freund Tom Miller heran, Hammerwerfer und Ex-Footballspieler. Der 115-Kilo-Mann rempelt Semple mit einem wuchtigen Schubs einfach weg.

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Kathrine Switzer: Sie läuft und läuft und läuft

"Er hat ihn durch die Luft gejagt", sagt Switzer und lacht. Die rund 30 Zuhörer vor ihr schmunzeln mit. An diesem Freitag, dem 14. April 2017, steht die Läuferin im ersten Stockwerk eines Telekommunikationskonzerns auf der Boylston Street in Boston. Draußen werden im Marathon-Zielbereich die Tribünen aufgebaut, drinnen erzählt Switzer die Story ihres legendären Rennens vor einem halben Jahrhundert.

Bizarre Einwände gegen Frauensport

Die Amerikanerin trägt eine blaue Trainingsjacke, eine dunkle Jogginghose, Laufschuhe. Sie ist mittlerweile 70 Jahre alt, aber sie will noch einmal die 42,195 Kilometer von Hopkinton hinein nach Boston laufen. Diesmal nicht, um wie damals zu zeigen, dass Frauen in der Lage sind, einen Marathon zu bestehen. Nein, diesmal wolle sie einfach ankommen und den Fortschritt ein wenig feiern.

Kathrine Switzer hat ihre Geschichte in den Tagen vor dem Marathon oft bei Pressekonferenzen, Sponsorenterminen und in Interviews erzählt. An jenem 19. April 1967 hat die kleine, zierliche Frau Großes geleistet: einen Beitrag zur Gleichstellung in einer Männerdomäne.

BBC: Kathrine Switzer beim Boston-Marathon

Damals vertraten Sportfunktionäre geschlossen die Auffassung, Frauen seien zu einem Marathon körperlich nicht imstande. Ihnen könne "beim Laufen die Gebärmutter herausfallen" - von solchen Mythen berichtet Switzer. Deshalb war ihnen eine maximale Wettkampfstrecke von 2,4 Kilometern erlaubt.

Dabei legte Switzer in ihrer Trainingsgruppe an der Syracuse University, als einzige Frau im Männerteam, weit größere Distanzen zurück. Bei fast jeder Einheit erzählte Trainer Arnie Briggs Stories vom Boston-Marathon, den er 15 Mal gelaufen war. Eines Tages im Dezember 1966 sagte eine eher schlecht gelaunte Switzer: "Arnie, lass uns aufhören, darüber zu reden. Lass uns den Boston-Marathon laufen."

Generalprobe: Trainer platt

Zu ihrer Überraschung hörte die 20-Jährige vom 30 Jahre älteren Trainer, dass "Frauen zu schwach und zu anfällig für einen Marathon sind". Noch zorniger entgegnete sie: "Was erzählst du für einen Quatsch? Ich bin gerade mit dir 16 Kilometer im Schneesturm gelaufen."

Zuvor hatte Schwitzer in der "Sports Illustrated" von einer Bobbi Gibb gelesen, die 1966 bereits den Boston-Marathon bestritt - allerdings ohne Startnummer. Gibb hatte sich beim Veranstalter offiziell für den Klassiker anzumelden versucht, aber die damals übliche Absage bekommen. Also versteckte sie sich kurz hinter dem Start in einem Gebüsch und reihte sich ein, als die Hälfte des Feldes vorbeigelaufen war. Im Ziel war sie mit einer Zeit von 3:21:40 Stunden schneller als knapp zwei Drittel der Männer.

Switzer erzählte Briggs davon, doch der blockte ab: Nein, es gebe keine Frau, die einen Marathon gelaufen sei. Niemals. Nur dieses eine Mal habe Briggs geschrien, so Switzer. Der sture Coach sah aber ihre Begeisterung, ihren unbedingten Willen und bot an: Wenn sie ihm im Training beweise, dass sie einen Marathon laufen könne, werde er sie anmelden.

Als beide die 42,195 Kilometer drei Wochen vor dem Boston-Rennen absolviert hatten, schlug Switzer vor, sofort acht weitere Kilometer dranzuhängen. Danach sei Briggs vor Erschöpfung zusammengebrochen, erzählt sie.

"Zur Not auf Händen und Knien"

Dass sie in die Sportgeschichte einging, hat die im bayerischen Amberg geborene Tochter eines US-Soldaten "gewissen Umständen zu verdanken", wie sie selbst sagt. Seit ihrem zwölften Lebensjahr hatte sie ihren Namen nicht mehr als Kathrine Virginia Switzer geschrieben, sondern nur noch K.V. Switzer. Genau so füllte sie auch den Anmeldebogen für den Boston-Marathon aus. Niemand ahnte, dass hinter den Initialen eine Frau steckte.

Da Switzer und ihre drei Mitläufer - darunter Arnie Briggs und Tom Miller - als Gruppe angemeldet waren, konnte einer für alle die Startnummern abholen. Zudem trug Switzer am Wettkampftag der Kälte wegen dicke, graue Trainingskleidung sowie eine Wollmütze.

Nach dem Zwischenfall mit Renndirektor Semple sei sie verängstigt, aber auch wütend gewesen, sagt Switzer. Vor allem aber fest entschlossen, diesen Marathon "auf jeden Fall zu beenden - zur Not auf Händen und Knien". Das gelang ihr nach 4:20 Stunden, somit als erste Marathonteilnehmerin mit einer offiziellen Startnummer. Am Abend erfuhr sie aus der Zeitung, dass Bobbi Gibb 1967 ebenfalls gelaufen war: wieder ohne Startnummer, diesmal aber von Beginn an und fast eine Stunde vor Switzer im Ziel.

Semple schrieb später in seinem Buch "Just call me Jock", ihm sei es lediglich um die Startnummer gegangen. Switzer spricht von einer späteren engen Freundschaft, sie denke jeden Tag an ihn: Wie könne man einen Mann nicht lieben, der einem geholfen habe, die Sportwelt zu verändern? Entscheidend aber, so betont sie, sei gewesen, dass Fotografen die Szene festhielten. Vor allem drei Bilder von Harry Trask gehörten "zu den bemerkenswertesten in der Geschichte des Frauenlaufens".

Für immer die Nummer 261

Kathrine Switzer wie auch Bobbi Gibb, die sich ohne Nummer an den Start schlich - sie waren Schrittmacherinnen des Frauensports. "Ich verehre beide", sagt die deutsche Spitzenläuferin Uta Pippig, die Mitte der Neunzigerjahre dreimal in Folge den Boston-Marathon gewann und derzeit ebenfalls in Boston ist. "Für mich ist Bobbi die Frau, die das mehr im Stillen vollzogen hat, die wahre Pionierin" - während Switzer so ihre öffentliche Mission entdeckte.

Der Marathon vor 50 Jahren habe ihr Leben "komplett verändert", sagt Switzer heute, ihr "eine Vision sowie ein Ziel für meine Zukunft gegeben". Nach dem Ende ihrer Wettkampfkarriere schrieb sie ein Buch und entwickelte ein Programm mit 400 Frauenläufen in 27 Ländern und mehr als einer Million Teilnehmerinnen, das eine entscheidende Rolle für die Aufnahme des Frauen-Marathons ins Olympische Programm spielte. Als ihre Landsfrau Joan Benoit 1984 bei den Sommerspielen in Los Angeles Marathongold holte, saß Switzer im Stadion und kommentierte für das US-Fernsehen.

Heute ist sie, mit inzwischen 70 Jahren, immer noch aktiv und setzt sich für Frauen ein, die aufgrund von Religion, Hautfarbe oder Rasse benachteiligt werden. Ihr Projekt heißt "261 fearless", in Anlehnung an ihre Startnummer, es ist eine weltweite Lauf-Community von und für Frauen.

Im Zuge des Lauf-Booms haben sich die großen Städte-Marathons enorm verändert. Am Start in Boston werden am heutigen Montag knapp 30.000 Teilnehmer erwartet, darunter 13.700 Frauen. Eine von ihnen: Kathrine Switzer.

Wieder wird sie die 261 tragen. Genau wie vor fünfzig Jahren.

insgesamt 4 Beiträge
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Rüdiger Stoy, 17.04.2017
1. sexismus
der renndirektor war ein sexist aber immerhin hat er später das unterdrückt um weiter renndirektor zu bleiben. als Funktionär wäre er mit der Haltung auch als ewiggestriger in der Versenkung der Geschichte verschwunden wo er auch hingehört denn ich Glaube nicht dass er sich geändert hat. das schreibt ein Mann.
S. P., 18.04.2017
2. 1967....
Es ist unfassbar, dass diese Geschichte im Jahr 1967 stattgefunden hat. Sie mutet eher an, als käme sie aus dem Jahr 1877. Diese Geschichte zeigt genau das, was ich in meinem Leben als Frau (BJ 1979) ebenfalls zu spüren bekommen habe: männliche Gewalt gegen Frauen ist kein Ammenmärchen aus dem Mittelalter und die zivilisatorische Decke über dieser Gewalt ist sehr dünn. Auch heute gibt es noch genug Sexisten und der Feminismus - man darf ihn ruhig hier und da kritisieren - ist nach wie vor notwenig.
Sven Gaertner, 18.04.2017
3.
Das Verhalten von 1967 liest sich so weit weg wie das Mittelalter - gruselig. Andererseits auch super, zu sehen, dass sich seitdem so viel zum Besseren verändert hat. Auch dank des mutigen Einsatzes der willensstarken Frauen. Respekt!
Dr. Andreas Reck, 21.04.2017
4. Erschütternd, aber wahr
Tja. So war das eben, vor noch gar nicht allzulanger Zeit. Können sich alle mal auf der Zunge zergehen lassen, die routinemäßig gegen "Feminismus" hetzen. Meine Mutter musste theoretisch noch den Ehemann fragen, ob sie Führerschein machen und arbeiten gehen durfte. Das BGB wurde erst in den Siebziger Jahren dem Grundgesetz angeglichen. Bis dahin duldete MANN verfassungswidrige Zustände.
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