Bostoner Sirupflut Leichen unter Zuckerguss

Bostoner Sirupflut: Leichen unter Zuckerguss Fotos
AP

Auf ein Donnern folgte eine Explosion, dann rollte der süße Tod durch die Straßen: Im Januar 1919 platzte im Bostoner Hafenviertel ein Melassetank, Millionen Liter Zuckersirup überschwemmten die Stadt. Die Welle walzte Häuser und Menschen nieder - zurück blieb nur klebrige Verwüstung. Von Danny Kringiel

  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
  • Zur Startseite
    4.6 (150 Bewertungen)

Die Helfer, die am 15. Januar 1919 auf das Schlachtfeld eilten, hatten nicht die geringste Chance: Nicht die 116 Marinekadetten, die vom nahegelegenen Ausbildungsschiff USS Nantucket herbeigeeilt waren, nachdem sie einen gewaltigen Knall und Schreie gehört hatten. Nicht die Feuerwehrmänner, die mit ihren Autos in dem zähen Schleim, der hüfthoch in den Straßenzügen rund um den Copp's Hill stand, steckenblieben. Und nicht die Polizisten und Krankenschwestern, die auf der Suche nach Überlebenden todesmutig in die braune Masse tauchten, aber sich nach wenigen Augenblicken in dem Fäden ziehenden Sirup nicht mehr bewegen konnten.

Über mehrere Häuserblocks im North End der Bostoner Innenstadt waren Gebäude von ihren Fundamenten gefegt und zerfetzt worden. Wie riesenhafte Granatensplitter umherfliegende Eisenteile hatten die Hochbahn zum Einsturz gebracht und einen Zug aus den Schienen gehoben. Autor Stephen Puleo beschrieb 2004 in seiner historischen Rekonstruktion des Unglücks mit dem Titel "Dark Tide", wie inmitten der zähen Springflut immer wieder amorphe, zuckende Gebilde zum Vorschein kamen. Man konnte nicht sagen, ob es Mensch oder Tier war, was sich da in Panik freizukämpfen versuchte und dabei nur tiefer im Schleim versank.

Die Brandung, die an jenem 15. Januar 1919 einen Großteil der Bostoner Innenstadt unter sich begrub, hatte die Gewalt eines Tsunamis - und doch war es keine gewöhnliche Flut, die diese Verwüstungen verursacht, 21 Menschen getötet und 150 verletzt hatte. Es waren 8,7 Millionen Liter Zuckersirup. Gegen Mittag schoss die bis zu neun Meter hohe Woge mit einer Geschwindigkeit von über 50 Kilometern pro Stunde durch die Straßen Bostons. Wer die Schuld an dieser als "Boston Molassacre" - das Bostoner Melassaker - in die Geschichtsbücher eingegangenen Katastrophe trug, musste in einem jahrelangen Rechtsstreit ausgefochten werden und wurde zum Politikum. Denn hinter der Todesflut steckte ein großes staatliches Unternehmen.

Schreie, erstickt vom Zuckerschleim

Um 1919 war Melasse in den USA ein gefragter Rohstoff. Der zähe Sirup, der als Nebenprodukt bei der Zuckerherstellung entsteht, wurde für verschiedenste Zwecke verwendet: Zum Süßen von Keksen, bei der Zubereitung von Baked Beans, als Bindemittel in Rinderfutter, bei der Herstellung von Munition und vor allem zur Herstellung von Rum. Daher war es wenig überraschend, dass in Boston - damals eines der Zentren der amerikanischen Schnapsbrennerei - an vielen Stellen der Stadt riesige Melassetanks aufragten. Einer der größten von ihnen, 27 Meter im Durchmesser und 15 Meter hoch, stand auf dem Gelände der staatlichen United States Industrial Alcohol Company, mitten im Bostoner North End. Und nach einer frischen Lieferung aus Puerto Rico war er am 15. Januar randvoll.

Arthur Jell, jener Mitarbeiter der Firma, der für die Überwachung der Anlage zuständig war, nahm es mit der Wartung nicht besonders genau. Auf Sicherheitstests, die Lecks an der riesigen Eisenkonstruktion sichtbar gemacht hätten, verzichtete er. Vielleicht, weil diese Lecks ohnehin nicht zu übersehen waren: An den Eisenwänden lief so viel von der braunen, klebrigen Flüssigkeit herab, dass Anwohner sich bereits an dem Melasse-Reservoir bedienten. Jell reagierte darauf, indem er den Tank einfach braun anstreichen ließ. So fielen die Risse und Löcher weniger auf. Zu allem Überfluss war die Temperatur vom 14. Januar auf den nächsten Tag ungewöhnlich plötzlich von minus 14 Grad auf plus 5 Grad Celsius angestiegen - und hatte den Druck im ohnehin baufälligen Tank schlagartig erhöht.

Gegen 12.30 Uhr vernahmen Zeugen in der Nähe des Tanks einen Klang wie von Maschinengewehrschüssen. Es waren die Nieten, die aus ihren Löchern herausschossen. Dann war ein gewaltiges Dröhnen zu hören. Der Boden der umliegenden Straßen bebte. Der Tank explodierte, und die Sirupwelle rollte wie ein Bulldozer über das North End. Immerhin, so berichtete der Journalist Edwards Park in seiner Rekonstruktion der Ereignisse 1983 für das "Smithsonian Magazine", war die Polizei sofort im Bild über das Geschehen: Ein Polizist stand gerade an einer nahegelegenen Straßenecke und gab eine telefonische Meldung an sein Revier durch, als er die Straße herunterblickte und die riesige, braune Schleimwand auf sich zurasen sah.

Der kleine Anthony di Stasio befand sich zu dieser Zeit wie viele seiner Mitschüler gerade auf dem Heimweg von der Schule. Die Melassewelle ergriff ihn, trug ihn auf ihrem Wellenkamm ein ganzes Stück weiter und schlug dann über ihm zusammen. Als er aus den Fluten auftauchte, hörte er seine Mutter nach sich rufen, konnte aber nicht antworten. Die klebrige Masse hatte seinen Rachen völlig verstopft. Er verlor das Bewusstsein. Als er wieder erwachte, sah er in die entsetzten Gesichter seiner Schwestern. Sie hatten ihn unter einem Leichentuch gefunden - inmitten eines provisorisch eingerichteten Totenlagers.

Siruptank mit Dynamit gesprengt

Erst nach Tagen zeichnete sich allmählich auch das Ausmaß des Sachschadens ab. Die Zerstörung der Häuser, Autos und der Hochbahntrasse war bei Weitem nicht alles. Auch der Einsatz von Polizei und Rotem Kreuz hatte enorme Geldmengen verschlungen. Die Feuerwehr musste Millionen Liter Salzwasser aus dem Hafenbecken pumpen, um damit die an allem und jedem klebende Melasse abzuspülen, da das Süßwasser aus den Hydranten kaum Wirkung zeigte. Die Kosten beliefen sich auf etwa 600.000 Dollar - nach heutigem Wert über sechs Millionen Dollar.

Doch die United States Industrial Alcohol Company weigerte sich, die Verantwortung zu übernehmen. Auch, als in Folge der Katastrophe insgesamt 125 Kläger gegen die Firma, die die Wartung ihres Tanks so vernachlässigt hatte, vor Gericht zogen. Edwards Park berichtet, in dem sechs Jahre währenden Mammutprozess seien rund 3000 Zeugen vernommen und so viele Anwälte beschäftigt worden, dass diese nicht mehr zugleich in den Gerichtssaal gepasst hätten. Die staatliche Destillerie wies die Anschuldigungen mit der Erklärung ab, Anarchisten hätten ihre Anlage mit Dynamit gesprengt. Tatsächlich hatte es in Boston und Umgebung alleine im vorangegangenen Jahr 40 Bombenexplosionen gegeben, denn in der Hauptstadt von Massachusetts existierte eine äußerst aktive politische Untergrundbewegung.

Doch mangels Beweisen für diese Theorie entschied das Gericht 1925 schließlich zugunsten der Kläger: Das Unglück, so das Urteil, sei alleine durch strukturelle Schwächen des Tanks verursacht worden. Die Destillerie musste rund eine Million Dollar als Wiedergutmachung an Geschädigte der Sirupflut zahlen. An die Hinterbliebenen jedes in den braunen Fluten Ertrunkenen wurden einmalig 7000 Dollar gezahlt - ein Spottpreis für ein Leben.

Die wahre Ironie der Katastrophe zeigte sich jedoch schon Jahre vor dem milden Urteilsspruch, noch während der Rettungsaktionen unmittelbar nach dem Unglück: Während die Feuerwehrmänner, Helfer und Reinigungstrupps im North End am Abend des 16. Januar noch immer knietief in dem zur Rumherstellung verwendeten Zuckerschleim steckten, läuteten plötzlich die Kirchenglocken. Die Gemeinden feierten die soeben abgeschlossene Verabschiedung des 18. Zusatzartikels zur US-Verfassung - der in Amerika die Prohibition in Kraft setzte und den Genuss von Alkohol über viele Jahre verbieten sollte.

Artikel bewerten
4.6 (150 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen