Botschaften auf der Brust Schau mir auf mein Shirt, Baby

Botschaften auf der Brust: Schau mir auf mein Shirt, Baby Fotos
Taschen Verlag

Er versorgt Hollywoods Prominenz mit coolen T-Shirts. Doch die besten behält er selbst: Sammler und Ladenbesitzer Patrick Guetta hat inzwischen 15.000 Vintage-Oberteile in seiner Kollektion - und präsentiert sie nun in einem famosen Bildband. einestages zeigt die schönsten, schrägsten, schmuckvollsten. Von

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Zusammen mit seinem Bruder Marc betreibt Patrick Guetta seit mehr als zehn Jahren "World of Vintage Tee Shirts". In dem Laden in der Melrose Avenue, einer der angesagtesten Einkaufsmeilen von Los Angeles, deckt sich die Prominenz von Hollywood mit bedruckten T-Shirts aus den siebziger und achtziger Jahren ein. Nun haben die Geschwister ihrer Leidenschaft einen Bildband gewidmet. In einem Telefon-Interview sprach einestages mit Patrick Guetta über merkwürdige Promis, die goldene Ära des T-Shirt-Aufdrucks - und seine Eheprobleme als T-Shirt-Sammler.

einestages: Herr Guetta, was für ein T-Shirt tragen Sie gerade?

Guetta: Ein weißes ohne Aufdruck.

einestages: Ein schnödes, weißes T-Shirt? Das ist doch geschäftsschädigend.

Guetta: Das stimmt. Aber ich trage ja auch ein Hemd darüber.

einestages: Es gibt also Tage, an denen selbst Sie keine Lust auf bunte T-Shirts haben?

Guetta: Wenn du ein T-Shirt mit Aufdruck anhast, trägst du deine Einstellung auf der Brust. Ich zeige mit den Shirts, die ich trage, wie ich mich an diesem Tag fühle. Aber manchmal brauche auch ich eine Pause davon, mit einem Spruch auf der Brust herumzulaufen.

einestages: Wie viele T-Shirts braucht man denn im Kleiderschrank, um für jede Stimmung das richtige Motiv zu haben?

Guetta: Ich habe immer ein paar hundert zu Hause und außerdem ein Archiv mit etwa 15.000 weiteren Shirts, die ich nach Themen wie Politik, Musik, Slogans und so weiter sortiert habe. Das, was wir im Laden verkaufen, ist nur die Spitze des Eisbergs. Die meisten T-Shirts horte ich für mich. Es ist wie eine Droge. Ich will sie alle besitzen und alle tragen. Fast jeden Abend komme ich mit Tüten voller neuer Eroberungen nach Hause - für mich, für meine Familie, für Freunde. Meine Kinder wachsen zwischen Bergen von T-Shirts auf.

einestages: Haben Sie deswegen schon mal Ärger mit Ihrer Frau gehabt?

Guetta: Eigentlich schlägt sie sich recht wacker. Nur einmal hat Sie sich geweigert, mit mir vor die Tür zu gehen. Da trug ich ein T-Shirt mit der Aufschrift "Meine nächste Frau wird normal sein".

einestages: Wie hat ihre Liebe zu T-Shirts begonnen?

Guetta: Ich handele mit T-Shirts seit ich ein Teenager war. Ich kaufte und verkaufte und stellte später in Zusammenarbeit mit Disney und Warner T-Shirts mit ihren Cartoon-Figuren darauf her. Aber ich dachte nie darüber nach, die Dinger zu sammeln - bis ich eines Tages ein T-Shirt von The Police in den Händen hielt. Ich liebe diese Band - und auf einmal wurde mir klar, dass das mehr war als ein T-Shirt. Es war ein Stück meiner Erinnerung auf Stoff gebannt. Mein Bruder war immer eher an der Grafik interessiert, dem Look, den Farben. Mir geht es um die Gefühle, die ich damit verbinde - der Witz, den das Shirt erzählt, an was es erinnert, an welchen Moment in der Geschichte oder welchen politischen Skandal.

einestages: Haben sie sich von dem Police-Shirt trennen können?

Guetta: Nein, als ich dieses Shirt sah, dachte ich: Wir können dieses Shirt niemals verkaufen. Es ist von The Police! Wenn ich es mir überziehe ist es, als würde ich ein Teil ihrer Welt werden. Und so begann ich, wie ein Besessener T-Shirts zu sammeln.

einestages: Werden Sie bei so viel Liebe zu alten T-Shirts nicht manchmal ein bisschen traurig, wenn die Stylisten der Stars in Ihren Laden kommen und eine Ladung Shirts für ihre prominenten Kunden einkaufen? Das meiste davon wird vermutlich niemals getragen.

Guetta: Das passiert ja nicht. Vintage-T-Shirts kann kein anderer für dich kaufen. Denn die wahre Freude ist es ja, selbst den Laden zu durchstöbern und das richtige für sich auszuwählen.

einestages: Heißt das, die Stars gehen bei Ihnen persönlich ein und aus?

Guetta: Das kann man wohl sagen! Sängerinnen wie Britney Spears, Christina Aguilera und Gwen Stefani kaufen bei uns ein. Schauspieler wie Kiefer Sutherland und Winona Ryder gehören zu unseren Kunden. Bruce Willis kam mit seinen Kindern. Und Tom Hanks war wirklich nett. Er sagte, es müsse ein echter Traumjob sein, so einen Laden zu haben. Wir haben eine Wand, auf der jeder Star, der bei uns war, unterschrieben hat. Die erste war Angelina Jolie. Es war Weihnachten vor fast zehn Jahren, ich war ganz allein im Laden, und plötzlich kam Angelina Jolie rein. Sie suchte ein Geschenk für ihren damaligen Mann, den Schauspieler Billy Bob Thornton, und fand ein wunderschönes Carlos-Santana-Shirt.

einestages: Welcher Promi hat am meisten Geschmack bewiesen?

Guetta: Der Schauspieler Tim Robbins kaufte vor einiger Zeit ein wirklich rares Shirt von den Plasmatics, einer völlig durchgeknallten amerikanischen Punkband.

einestages: Und der merkwürdigste Auftritt?

Guetta: John McEnroe war wirklich witzig. Er kam nur rein und sagte: "Hast du Kleingeld?" Ich antwortete: "Natürlich habe ich Kleingeld." Daraufhin er: "Wenn du mir Geld für die Parkuhr gibst, gebe ich dir ein Autogramm für deine Wand." Gekauft hat er nichts.

einestages: Gibt es eigentlich eine goldene Ära des T-Shirt-Aufdrucks?

Guetta: Das waren die späten siebziger und die frühen achtziger Jahre. Die Revolution der Achtundsechziger hatte den Geist der Menschen befreit. Ende der Siebziger machte sich dann auch die Allgemeinheit ein bisschen locker - und traute sich, witzigere T-Shirts zu tragen.

einestages: Das beste Motiv dieser Zeit?

Guetta: Oh, da gibt es einige! Auf einem meiner absoluten Favoriten steht: "Vermeiden Sie den Weihnachtsansturm, betrinken Sie sich jetzt". Außerdem bin ich ein Fan von T-Shirts, die einfach nur vermitteln: Ihr könnt mich alle mal. Ich besitze ein schwarzes Shirt, auf dem steht: "Fuck taxes! Fuck therapy! Fuck girl scout cookies! Fuck work! Fuck war!" und immer so weiter. Da ist doch für jeden was dabei.

einestages: Hatten Sie schon als Kind Shirts mit Aufdruck an?

Guetta: Ich bin in Frankreich aufgewachsen. Da stand meistens nur die Marke auf dem Hemd. In Europa sind die Menschen reservierter als in den USA. Man wird dort einfach anders erzogen. Deshalb sind die Menschen zurückhaltender mit dem, was auf ihren Shirts steht. Es gibt nirgendwo auf der Welt eine T-Shirt-Kultur, die mit der in Amerika vergleichbar ist.

einestages: Wie meinen Sie das?

Guetta: Bei vielen Aufdrucken kann ich mir nicht vorstellen, dass sie in Europa, Japan oder sonst wo entstehen könnten. Es gibt da zum Beispiel dieses T-Shirt von Monica Lewinsky. Auf dem hat sie einen weißen Milchbart auf der Oberlippe und darunter steht "Keine Milch". Das Irre daran ist doch: Da ist jemand nicht nur auf diesen völlig absurden Witz gekommen. Er hat ihn auch noch auf Hunderte T-Shirts drucken lassen - und es gibt tatsächlich Leute, die sie tragen. Das ist Amerika!

Das Interview führte Benjamin Maack

Zum Weiterlesen:

Marc und Patrick Guetta: "Vintage T-Shirts". Taschen-Verlag, 2010, 392 Seiten.

Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL Shop.

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