Box-Legende Peter Müller "Da hab ich ihn ausgemacht"

Weltberühmt mit einem Schlag! Er fühlte sich vom Ringrichter benachteiligt, also haute Peter Müller ihn einfach um. Der Ausraster vor 1952 machte den Profiboxer zur Kultfigur, brachte ihn aber in die Psychiatrie. Doch der Heißsporn kämpfte sich zurück - und produzierte weiter Skandale.

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Der Mann mit dem Allerweltsnamen mochte es gar nicht, wenn jemand seinen Allerweltsnamen nicht kannte. Wie etwa dieser ignorante Kölner Straßenbahnschaffner.

Also machte Peter Müller das, was Peter Müller zeitlebens am besten konnte. Er schlug den Schaffner mit einem satten Haken K.o. Der würde sich künftig schon merken, wer ihn da niedergestreckt hatte: Gestatten, Peter Müller, angehender Box-Star, von seinen Fans auf Kölsch liebevoll "de Aap", der Affe, genannt. Wegen seiner starken Brustbehaarung, dem knautschigen Gesicht und seiner Unbeherrschtheit.

Anfang der fünfziger Jahre soll sich dieser Vorfall abgespielt haben. Wenig später dürfte es tatsächlich kaum einen Straßenbahnschaffner in ganz Deutschland gegeben haben, der "den Affen" mit der harten Rechten nicht mehr kannte: Denn vor 60 Jahren, am 7. Juni 1952, schickte Peter Müller wieder einen Unbeteiligten ins Reich der Träume. Es sollte der Knockout seines Lebens werden.

Kämpfen im Hurra-Stil

Bis zu diesem Tag galt Peter Müller als ein technisch mittelmäßig talentierter Profiboxer, der aber wegen seiner mitunter selbstzerstörerischen Angriffslust und dem ungeheuren Kampfeswillen auffiel. Seine wilde, draufgängerische Kampfweise machte ihn nicht nur in seiner Heimatstadt Köln zum umjubelten Lokalmatador, sondern ließ ihn schnell zum Liebling der einfachen Arbeiter werden: Die Menschen sahen in ihm einen, der sich im Ring ebenso schindete, wie er es zuvor als Melker in der Eifel oder als Bananenverkäufer auf dem Kölner Früchtemarkt gemacht hatte. "Rä-de-wumm, de Pitter fällt nit um", reimten seine Fans nicht nur in der Karnevalszeit.

Auch an jenem 7. Juni 1952 hofften die meisten der 12.000 Zuschauer in der Kölner Eissporthalle, dass ihr Peter nicht umfällt. Zum vierten Mal stand er seinem Erzrivalen Hans Stretz gegenüber. Gegen Stretz hat Müller 1949 seinen Titel als Deutscher Meister im Mittelgewicht verloren; von Stretz hat er sich den Titel ein Jahr später wiedergeholt. Den letzten Kampf sechs Wochen zuvor in Berlin verlor der Kölner aber erneut, weil er auf Stretz auch dann noch einprügelte, als der schon längst am Boden lag. Müller wurde disqualifiziert. Jetzt will er seinen Titel zurück.

Es ist ein offener Fight zweier vollkommen unterschiedlicher Boxertypen. Der nur 1,65 Meter kleine Müller will seinen deutlich größeren Gegner unbedingt K.o. schlagen, zumal Stretz nach Punkten führt. Er tänzelt um Stretz herum, sucht immer wieder die Attacke. Seine Wut steigt, als er merkt, dass ihm das nicht gelingt, und dafür macht er auch Ringrichter Max Pippow verantwortlich. Pippow trennt die Kontrahenten immer wieder, dabei sieht der kleine, quirlige Müller seine Stärken im Nahkampf.

"Do Jeck!"

Schon beim letzten Aufeinandertreffen mit Stretz hatte sich Müller vom Ringrichter, damals ebenfalls Pippow, benachteiligt gefühlt. Und so kommt es in der achten Runde, als Pippow Müller zum wiederholten Male wegen Haltens seines Gegners ermahnt, zu einem im Boxsport einmaligen Wortwechsel:

Müller: "Wat trennste mich dann dauernd, do Jeck! Dä Mann is jroß, un ich bin klein, ich will dä in de Ribbe bumse."

Pippow: "Halten Sie den Mund, weiterkämpfen!"

Da rastet "der Affe" völlig aus. Er schlägt Pippow mit einem mächtigen rechten Haken bewusstlos, verpasst den schon fallenden Schiri noch eine Linke auf den Kopfscheitel, dann stürzt er sich auf Stretz. Endlich kann er so kämpfen, wie er es die ganze Zeit wollte: von Mann zu Mann, nach seinen eigenen Regeln, ohne dieses ständige Trennen durch den Richter.

Doch nun stören diese lästigen Box-Sekundanten und der Manager seines Gegners, die in den Ring stürmen, um Müller zur Raison zu bringen. So geht er auch auf sie mit den Fäusten los, einen von ihnen wirft er durch die Seile aus dem Ring. Auch sein eigener Manager Joseph Thelen, gleichzeitig sein Schwiegervater, kann ihn nicht stoppen - vor Schreck war er ohnmächtig geworden, als sein Schützling den Unparteiischen wie eine morsche Eiche fällte. Schließlich reckt Müller, mit Adrenalin vollgepumpt, siegesbewusst die Hände in Höhe. Nicht wenige im Kölner Stadion jubeln.

Einweisung in die Psychiatrie

Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Peter Müller wird disqualifiziert und noch im Stadion von einem Mitglied des Bunds deutscher Berufsboxer (BdB) auf Lebenszeit ausgeschlossen. Der verständliche, aber vorschnelle und juristisch daher nicht einwandfreie Rauswurf aus dem BdB sollte später seine Karriere retten.

Müller verteidigte seinen Ausraster mit der angeblichen Benachteiligung durch den Richter und behauptete, Pippow habe ihn als "Zigeuner" beschimpft. Unbekümmert fasste er seine Reaktion in einem Satz zusammen: "Da hab ich ihn ausgemacht." Kurz danach wurde der Boxer kurzfristig in eine Psychiatrie eingeliefert, um sich, wie er später in Interviews durchblicken ließ, vor möglichen Regressansprüchen zu schützen. Sollten die Leute ihn doch für unzurechnungsfähig halten!

Im wahrsten Wortsinne mit einem Schlag war Peter Müller weltberühmt geworden. Selbst im Ausland wurde über den spektakulär-unsportlichen Kampf berichtet. Langfristig sollte der Skandal dem Disqualifizierten jedoch nicht schaden, zumindest nicht, was die Zuneigung seiner Fans anging: viele, die schon vorher seine kernige, emotionale Art geliebt hatten, fühlten sich bestätigt, dass "de Pitter" eben ein Original sei. Zumal es nicht sein einziger Ausrutscher war.

Schlag in die Steinmauer

Schon als sich Peter Müller nach dem Zweiten Weltkrieg entschied, sein Glück als Profiboxer zu versuchen, verweigert ihm der Boxverband zunächst die Lizenz. Denn der Amateurboxer war zuvor wegen Diebstahls zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. Der BdB erteilte ihm schließlich die Zulassung nur auf Probe - und das auch nur, weil Müller glaubhaft machte, dass er das Diebesgut gar nicht für sich, sondern für "arme Leute" verwendet hatte.

Auch sein ungestümes Temperament wurde schon früh sichtbar. Mal prügelte Müller mit der nackten Faust in eine Steinmauer, nur um zu beweisen, dass er seine Handverletzung auch wirklich auskuriert hatte. Dann wieder wurde er aus dem bayrischen Urlaubsort Rottach-Egern verwiesen, weil er dort angeblich Frauen belästigt hatte. Und kurz nach seinem Skandalkampf schubste er einen Polizisten einfach zur Seite, weil der ihn nicht mit dem Auto zu seinem Würstchenstand auf den überfüllten Bonner Pützchens Markt fahren lassen wollte.

Doch irgendwie verzieh man dem Kölner alles. Selbst die lebenslange Sperre warf ihn nicht um, auch dafür wurde er geliebt. Erst arbeitete er als Taxifahrer, dann verdiente er sich mit kahl rasiertem Schädel sein Geld als Catcher. Wie etliche gescheiterte Boxer.

Nazi-Hymne auf der Mundharmonika

Doch weil Veranstalter glaubten, mit Müller viel Geld verdienen zu können, bekam er schon bald eine zweite Chance. Erst stattete ihn der Verband Westdeutscher Faustkämpfer mit einer Notlizenz aus, so dass er schon ein Jahr nach seinem Ausraster in NRW wieder kämpfen konnte. Dann musste auch der Bundesverband einlenken, weil er bei dem schnellen Ausschluss Verfahrensfehler begangen hatte. Ende 1954 war Müller wieder rehabilitiert.

Die ganz großen Erfolge wollten dem Rückkehrer aber nicht gelingen. Er erkämpfte sich zwar 1956, 1962 und 1964 drei weitere Titel als Deutscher Meister, aber auf internationaler Ebene gelang der Durchbruch nie. Gegen Box-Stars wie Bubi Scholz fiel er eher wegen seiner verbalen Attacken auf: Er werde dem von den Medien umgarnten Scholz schon sein Filmgesicht kaputthauen, tönte er. Doch im Ring hatte der Draufgänger keine Chance. Scholz konterte ihn kühl aus und besiegte ihn zweimal mit einem K.o. Ähnlich chancenlos blieb Müller auch gegen den ungarischen Olympiasieger Laszlo Papp.

Dazu kamen weitere Fehltritte: Bei einem Wettkampf in den USA soll er etwa mit seiner Mundharmonika das Horst-Wessel-Lied intoniert haben, weil die deutsche Hymne nicht gespielt wurde - und er die einstige Parteihymne der NSDAP fälschlicherweise für das Deutschlandlied hielt. "Das hatte ich doch noch im Ohr", zitierte ihn später die "Welt" entschuldigend.

Sein letzter Kampf

Seine Fans feierten ihn trotzdem oder gerade wegen solcher Ausfälle. Auch am 9. Februar 1966, als er vor 20.000 Zuschauern im Müngersdorfer Stadion seinen letzten von 175 Kämpfen ausfocht - und verlor.

Reich war Müller, der 1992 im Alter von nur 65 Jahren an den Folgen einer Tumorerkrankung starb, nicht geworden. Und so musste er, trotz 132 Profisiegen, nach seiner aktiven Karriere erneut ungewöhnliche Wege gehen.

Mit seiner Frau Grete stieg er erfolgreich ins Spielautomatengeschäft ein. Eigenhändig reparierte der pensionierte Boxer nun in Kölner Kneipen Flipper, daneben versilberte er seine Popularität: In der Karnevalszeit war "de Aap" einer der am häufigsten gebuchten Büttenredner, bis zu 40-mal pro Saison trat er auf. Und weil seine Worte nicht immer so treffsicher waren wie seine Fäuste, versuchte er es auch als Schlagersänger und spielte sogar zusammen mit der Kultband Bläck Fööss.

Und doch zog es ihn Ende der Siebziger auf Schaukämpfen noch ein paar Mal in den Ring zurück - ausgerechnet als Ringrichter. Vielleicht hielten die Veranstalter ihn inzwischen für altersweise oder hatten sich etwas von seinem rheinischen Humor abgekupfert.



insgesamt 6 Beiträge
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Juergen Frey, 03.06.2012
1.
"De Aap" war fuer mich als Junge ein Vorbild,neben Max Schmeling und Hein ten Hoff.Mae habe ich als Junge einmal boxen gesehen gegen Walter Neussel. Leider ist der Artikel ueber Peter Mueller herablassend geschrieben. ob seiner Herkunft oder weswegen. Peter Mueller ist und war ein Koelner Original, genau so wie der Millowitsch. Wie waers mit einem Peter Mueller Platz oder -Strasse, so wie Hans Albers mit seinem Platz oder Heidi Kabel? Hans Albers wird auch so manche Anekdote nachgesagt. Da haette er, weil eine Dame nicht so lange auf ihr Wuerstchen warten wollte, ein Broetchen geschnappt, es aufgeschnitten und sein Wuerstchen dazwischen gelegt mit der Bemerkung, " Nehmen Sie so lang mit meinem Wuerstechen vorlieb.
Josef Blum, 03.06.2012
2.
Als Schaffner habe ich damals erlebt, dass Herr Müller ein gutes Werk tun wollte und in Köln an der Haltestelle Ebertplatz mehrmals älteren Damen ungefragt beim Einsteigen half, indem er sie, von hinten zupackend, in Straßenbahnwagen hob.
Gerd Diederichs, 03.06.2012
3.
Herrlich! Vielen Dank - und nur mal in Erinnerung: Wieviel besser erzählt sich das Leben von Müllers Aap als zum Beispiel das des anderen "Originals" im Boxsport, des Prinzen von Homburg, Norbert Grupe.
Christian Schauer, 03.06.2012
4.
Hier ist das Video von Müllers Kampf gegen Stretz: http://www.youtube.com/watch?v=IhBbIiMZ9b8 Leider ist ausgerechnet der Niederschlag des Ringrichters nicht richtig zu sehen...
Christian DuBaire, 03.06.2012
5.
Schöne Geschichte. Allerdings sieht es auf dem Videomaterial wohl eher so aus, als ob Müller den Ringrichter in der Hitze des Gefechts per Unglück trifft: http://www.youtube.com/watch?v=IhBbIiMZ9b8 (ab ungefähr 1.20). Zugegebenermaßen ist die entscheidende Stelle jedoch auch in diesem Video nicht ganz deutlich.
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