Boxer René Weller wird 65 Der Goldjunge

Er hatte die Haare schön, dazu ein loses Mundwerk und schnelle Beine: René Weller, Pforzheims Antwort auf Muhammad Ali, galt einmal als "Golden Boy" des deutschen Boxsports. Rappen konnte er auch noch.

imago/ Sven Simon

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Als Fünfjähriger steht er mit seinem Vater im Garten. Harald Weller hat einen kleinen Heizungsmonteur-Betrieb und ist Boxer. Jetzt möchte er klären, ob der Sohn nicht nur sein hübsches Gesicht geerbt hat, sondern auch zuschlagen kann. "Jetzt hau mir mal so doll, wie du kannst, ins Gesicht." René haut ihm die Nase blutig. Papa ist stolz: "Aus dir wird mal ein guter Boxer!"

Als René Weller 14 ist, stirbt sein Vater überraschend an Krebs. Mit 42. "Das Schlimmste war", sagt der Sohn im November 2018, "dass mein Papa nicht miterleben konnte, was dann aus mir wurde."

Der schöne René. Der selbst ernannte Golden Boy. Frauenheld. Macho Man. Box-Pimp. Die föhnfrisierte, Oberlippenbart tragende, Goldschmuck verkaufende, löwenmähnige Pforzheimer Antwort auf Muhammad Ali. Ein Aufschneider, Liebling des Boulevards. Knacki. "Big Brother"-Kandidat. Frauentauschler. Vor allem aber: ein echter Champion.

Und ein verflucht guter Boxer.

Los geht das alles am 25. Februar 1964, als 7800 Kilometer von Wellers Geburtsstadt entfernt der Faustkämpfer Cassius Clay den schier unbesiegbaren Sonny Liston umschwirrt wie ein Schmetterling und zersticht wie eine Biene, bis Liston nach der sechsten Runde auf seinem Hocker hocken bleibt. Clay ist Weltmeister im Schwergewicht. So eine Type hat die Welt noch nicht gesehen: Sieht gut aus, ist black and proud, mit gigantisch großer Klappe. Und statt wie jeder vernünftige Boxer eine Schlägerei anzufangen, tanzt er durch den Ring, als wäre das hier kein Kampf, sondern ein Musical oder Varieté, die ganz große Show.

Der "schöne René" macht die Hallen voll

René Weller sieht Ausschnitte des Kampfes und weiß jetzt, was er mal werden will: so wie Clay. Der schönste, beste, tollste und stärkste Junge der Welt. Mit zwölf meldet er sich in einem Pforzheimer Boxklub an.

Warum fängt einer an zu boxen? Weil er kämpfen kann. Und etwas beweisen will. Zum Beispiel, dass man auch ein dünnes Hemd ernst nehmen sollte, will man keine dicke Lippe riskieren. Wie die Jungs, die Wellers Schwester auf dem Schulhof zehn Pfennig abluchsen wollen und dafür vom Siebenjährigen Dresche kassieren. Wie so viele andere Gegner in den Sechzigerjahren.

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René Weller: Ein Mann vom richtigen Schlag

"Es war völlig egal, ob du der Größte, Schwerste oder Älteste warst", sagt Weller. "Es ging darum, wer der Stärkste war. Und das war meistens ich." Wie die Fußballer seiner Generation legt Weller das Fundament für seine spätere Karriere auf der Straße. Bloß ist kein 14-Jähriger stark genug, um den Tod des Vaters zu verkraften. René versucht es zumindest. Er verkauft seine Briefmarkensammlung und finanziert sich so die ersten richtigen Boxschuhe plus Hose und Tiefschutz.

1972 heißt Cassius Clay längst Muhammad Ali. Der schrille Boxer ist jetzt globale Sportikone, afroamerikanischer Superheld, Kriegsdienstverweigerer, Frauenschwarm. René Weller wird mit 18 durch einen Sieg gegen Hans Pillarz erstmals Deutscher Meister im Bantamgewicht. Wie sein Idol lässt er im Ring lässig seine Arme hängen, federt schmetterlingsgleich die Angriffe seiner Gegner ab. Und wenn die ihre Deckung freigeben, um sich selbst davon zu überzeugen, ob der Weller wirklich so gut aussieht, wie er immer behauptet, schlägt er eiskalt zu.

Ehe er 1980 ins Profilager wechselt, bestreitet er 355 Kämpfe als Amateur - 338 Siege. 1976 nimmt er an den Olympischen Spielen von Montreal teil, wird Deutscher Meister in Serie und 1979 Vizeeuropameister. Noch wichtiger als all die Kampfrekorde: Der Weller macht die Hallen voll. "Ich musste auffallen, um populär zu werden. Wer interessiert sich in Deutschland schon für einen ganz normalen Leichtgewichtsboxer?"

Weltmeister in Runde eins

Er lernt dabei vom Größten aller Zeiten. In den späten Siebzigerjahren tourt Muhammad Ali, seit seinem Triumph beim Rumble in the Jungle gegen George Foreman endgültig legendär, im Auftrag eines Getränkeherstellers durch Deutschland und bekommt dafür tatsächlich René Weller zu Seite gestellt. Der wird im folgenden Jahrzehnt unter anderem:

  • sich auf Fotos im Leoparden-Tanga zeigen
  • kühn behaupten, außer Max Schmeling und ihm gebe es keine berühmten deutschen Boxer
  • die Hauptrolle in dem Film "Macho Man" spielen (und Jahre später mit einer Klage dafür sorgen, dass die Sexszenen rausgeschnitten werden)
  • mit vielen Hundert Frauen verkehren, auch neun Jahre lang mit einer Ex-"Miss World"
  • den "René-Weller-Rap" aufnehmen, Untertitel: "To be or not to be"
  • und bis heute seine spätere Gattin mit einem von Ali gelernten Zaubertrick verulken

Als Weller 1981 seinen ersten Profikampf gewinnt, schreibt "Bild": "Selten gab es einen Sportler, der so hartnäckig dafür gesorgt hat, dass er im Gespräch bleibt." Ab 1980 ist er bei Wilfried Sauerland unter Vertrag und bekommt nach drei Jahren einen Titelkampf um die Europameisterschaft. Über 15 Runden ist er gegen den Sizilianer Lucio Cusma der bessere Mann, doch die Ringrichter werten den Kampf als Unentschieden. Cusma behält seinen Gürtel - Skandal. Vor dem Fight hatte es konkrete Morddrohungen der örtlichen Mafia gegeben, zwei bewaffnete Leibwächter weichen Weller nicht von der Seite.

1983 bekommt er gleich die nächste Chance, Champion zu werden, als der Vater von Weltmeister James Ortega aus Frust über hohe Abgaben an Funktionäre einen eigenen Verband gründet. Den Sohn haut Weller in Runde eins K.o. und ist Weltmeister der World Athletic Association. Im März 1984 ist auch Cusma fällig, im Rückkampf schlägt Weller ihn klar nach Punkten und wird Europameister.

Raus aus dem Ring, rein in den Knast

So erreicht der Pforzheimer den Zenit. Jeder Kampf ist großes Spektakel, der Ring seine Manege, im Publikum sitzt ganz Deutschland: Arme wie Reiche, Hässliche und Schöne, Ehrliche wie Unehrliche, Sparkassenangestellte und Bordellbesitzer. Wellers Auftritte versprühen den matten Glanz des Halbseidenen. Den Zeitungen diktiert er solche Sätze: "Ich bin der einzige deutsche Mann, der nackt besser aussieht als angezogen."

Im Ring trägt er grelle Outfits, dem durchtrainierten Leichtgewichtsboxerkörper sieht man nicht mal die Tortenstücke an, die er in den Stunden zwischen Wiegen und Kämpfen wegatmet. Mit so einer Bauschaumfrisur plus Schnäuzer gehen heute Studenten zu Achtzigerjahre-Partys, damals bekam man damit schöne Frauen. Nicht er, seine Frau erzählt die Geschichte von der Französin, die den René einst am Flughafen erst fragte, ob er der berühmte Boxer sei, und dann die Finger küsste. Wie ging die Story aus? "Der René setzte seine damalige Freundin ins Bistro und ging mit der Französin auf die Toilette."

Frauen finden ihn bekloppt oder sexy, Männer finden ihn entweder super oder hoffen darauf, dass ihm endlich einer die Fresse poliert. So oder so: Man kennt ihn, er polarisiert. Jahre vor Graciano Rocchigianis Bösewicht-Image und Henry Maskes Wiedervereinigungsgeboxe auf Privatsendern ist Weller der bekannteste Faustkämpfer des Landes.

Im Mai 1993 beendet er seine Boxkarriere und bleibt der Szene erhalten. Schon mit 19 hat er seine Kampfbörsen mit Schmuckverkauf aufgebessert und gründet 1996 das Goldschmucklabel "Rewell". Offenbar weckt sein Geschäftsgebaren so viel Argwohn, dass eine seiner Freundinnen als V-Frau angeworben wird und ihn 1999 anstiftet, die Satteltaschen seiner Harley mit 200.000 Mark zu füllen, um damit auf einem Hotelparkplatz Kokain zu kaufen. Die Polizei nimmt ihn gleich in Handschellen mit.

98 Euro für einen Gruß vom Champion

"Einer der schlimmsten Momente meines Lebens", sagt Weller heute. Vier Jahre sitzt er im Knast. Schon früher hat er sich beim Malen von Kämpfen entspannt, nun schreibt er Gedichte. Die mögen nicht ganz so schön sein wie einst ihr Verfasser, geben aber einen Einblick ins Seelenleben des Autors:

Hier gibt's die schlimmsten Kreaturen
Doch auch viele Frohnaturen
Fast alle Gefangenen sagen mir:
Scheiße, ich bin schuldlos hier!
Jetzt wird mit klar
Wie schön die Freiheit war
Früher Kaviar und flotte Bienen
Heute schwedische Gardinen

Seit 2003 ist René Weller ein freier Mann, sofern man seine Wochen im Big-Brother-Haus ausgeklammert. Vor fünf Jahren heiratete er seine langjährige Lebensgefährtin Maria Dörk, eine Journalistin, die ihn einst abblitzen ließ und über die ihr Gatte jüngst in einem Interview sagte: "Auseinanderbringen kann uns nur der Tod." Frau Weller antwortete: "Wobei ich für René hoffe, dass er vor mir stirbt. Ohne mich wäre er hilflos." Eine völlig normale, gut funktionierende Beziehung also.

Wer möchte, kann sich via WhatsApp Video-Grußbotschaften vom Champion zuschicken lassen. 98 Euro kostet das, irgendwoher muss das Geld ja kommen, wenn ein Boxer nicht mehr boxt. René Weller versucht, im Gespräch zu bleiben, eine Biografie ist in Planung. Der Goldjunge, er glitzert immer noch ein bisschen.

"Jeder Mensch sollte eitel sein", hat der schöne René mal dem SPIEGEL gesagt, "das unterscheidet uns von den Tieren." Ali selbst hätte es kaum besser formulieren können.

insgesamt 9 Beiträge
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none.of.my.business, 21.11.2018
1. Beste Mann
als Boxer hab ich ihn nicht so verfolgt, dafür als Schauspiellegende
Angela Merkel, 21.11.2018
2. eine tragische Figur
deutscher Meister im "Superfedergewicht" und dann wegen Drogenhandels vorbestraft und lebt heute von Hartz IV und Auftritten im Dschungelcamp. Das ist schon tragisch. Was hier nicht erwähnt wird ist, dass der schöne Rene mit seinem Glitzer und Glamour zu seiner Zeit eine Ikone der deutschen Schwulenbewegung war. In seiner Tragik erinnert mich Herr Weller an Frau Kramp-Karrenbauer, die das Amt der Ministerpräsidentin eines Zwergstaats aufgab um höhere Weihen zu erringen und dann auch mit leeren Händen dastand.
Harald Wenk, 21.11.2018
3. Legende
Was für ein Blödsinn. Schlecht recherchiert. Nicht mit Goldschmuck , sondern mit glitzernden REWELL Bomberjecken ist Rene gestartet. Ich durfte Ihn selbst in den 90ern die Hand schütteln, als er am Rande eines Fights von Willi de Ox in Frankfurt seinen Tapeziertisch mit Jacken aufbaute. Ebby Thust schulterklopfend mit Kippe im Mund vorbei. Gigantisch !!!
Dietmar Poth, 21.11.2018
4. Happy Birthday René
Ich mag ihn wegen seiner Sprüche. "Wo ich bin ist oben. Wenn ich unten bin ist unten oben"
Rainer Haller, 21.11.2018
5. Ganz ehrlich ?
Ein wundervoller Artikel. Ohne die Person René Weller mit all seinen Stärken und Schwäche auch nur ein einziges Mal zu beleidigen oder hämisch und überheblich ins Lächerliche zu ziehen. Im Gegenteil. Ein Genuss zu lesen. Danke.
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