"Brain Chips"-Experimente Science-Fiction im Kopf

Rasende Kampfstiere blieben stehen, aggressive Affen wurden friedfertig: In den sechziger Jahren sorgten dramatische Experimente in der Hirnforschung für weltweites Aufsehen. Zum Pionier der "Brain Chips" wurde José Delgado, der Tiere mithilfe von Chips im Kopf manipulierte - und davon träumte, auch den Menschen zu steuern.

Corbis

José Manuel Rodriguez Delgado steht in der Stierkampfarena von Córdoba, Spanien und hält ein rotes Tuch in der rechten Hand. Er provoziert an diesem heißen Tag 1965 einen ausgewachsenen Kampfstier, bis dieser auf ihn zustürmt. Delgado bewegt sich nur leicht. Gleich wird ihn der Stier aufspießen, nur noch wenige Meter ist er von dem Mann mit dem Tuch entfernt. Dann drückt Delgado einen Knopf auf der Fernbedienung, die er in der anderen Hand hält. Der Stier bremst aus vollem Lauf ab, dreht ab, trottet davon.

Und José Delgado ist berühmt.

Der gebürtige Spanier, 50 Jahre alt, lehrt zu dieser Zeit als Hirnforscher an der Yale-Universität – und in der Arena hat er mit seinem Stier-Experiment der Weltöffentlichkeit auf spektakuläre Weise demonstriert, wozu seine Wissenschaft fähig ist: Sie kann direkt in das Verhalten von Lebewesen eingreifen. Per Knopfdruck. Die "New York Times" schwärmt von der "aufseheneregendsten Beeinflussung des Tierverhaltens durch Fernsteuerung des Gehirns".

Der Tag in Córdoba ist ein bleibendes Datum für die Hirnforschung und die vielleicht wichtigste Wegmarke in der Ära der "Brain Chips". Jenes heute ins Abseits geratenen Forschungszweigs, der es sich zum Ziel gesetzt hatte, mittels ins Hirn verpflanzter Elektroden Regungen wie Lust und Unlust, Wut und Freundlichkeit, Hunger und Durst gezielt zu steuern. Delgado, der dem Stier erst mit Elektroden elektrische Pulse ins Hirn gejagt und dann einfach den Strom abgeschaltet hatte, wird mit seinem zum bekanntesten "Brain Chips"-Pionier.

Delgado will Gehirne aktiv steuern

1915 in der andalusischen Bergstadt Ronda geboren, träumt Delgado noch als Jugendlicher davon, Augenarzt zu werden, wie sein Vater. In Madrid beginnt er ein Medizinstudium, doch bald ist es nicht mehr das Auge, das Delgado interessiert. Er wendet sich dem menschlichen Gehirn zu, über das die Wissenschaft wenig weiß. Seit er den ersten Aufsatz des Schweitzers Walter Rudolf Hess gelesen hat, ist er fasziniert von diesem unbekannten Organ und will ihm seine Geheimnisse entlocken.

Hess ist zu dieser Zeit bereits ein international angesehener Wissenschaftler, der seit 1912 bis zu seiner Emeritierung 1951 am Physiologischen Institut der Universität Zürich lehrt. Hier begann Hess in den dreißiger Jahren, intensiv das Gehirn zu erforschen. Er pflanzte Stahl-Elektroden in die tieferen Schichten des Gehirns von Hauskatzen und fand so heraus, dass das Reizen von einzelnen Hirnbereichen völlig unterschiedliche Auswirkungen hervorrufen kann. Gezielte Stromstöße, das zeigte Hess, können einen Drang zum Fressen, Schlafen, Trinken auslösen. Es war der Einstieg in die Forschung mit "Brain Chips", und Walter Rudolf Hess, der für seine Arbeit 1949 den Nobelpreis bekommt, einer der Lehrmeister des jungen Spaniers.

Delgado jedoch geht noch einen Schritt weiter. Er will eine aktive Umsteuerung von tierischem Verhalten erreichen. Delgado möchte die Kontrolle, er ist davon beseelt, menschliches und tierisches Verhalten von außen zu lenken, indem er das Hirn direkt steuert.

Die Forscher lassen nichts unversucht

Anfang der fünfziger Jahre haben viele Wissenschaftler diesen Traum. Es sind meist junge Männer, die wie Delgado, der 1946 nach Yale kommt, am renommierten physiologischen Institut von John Fulton arbeiten. Fulton war als Wissenschaftler bei der Erforschung von Penicillin beteiligt gewesen; berühmt aber wurde er 1936, als der portugiesische Mediziner António Monz mit Fultons Hilfe die erste Lobotomie vornahm. Dabei wurden bei psychisch kranken Menschen die Nervenbahnen zwischen dem Thalamus und den Frontlappen durchtrennt. Intensiv wird an Fultons Lehrstuhl zudem die Arbeit von Wilder Penfield diskutiert, der in den dreißiger Jahren die Gehirne von Epileptikern mit Elektroden stimuliert, die Versuche aber wieder abgebrochen hatte. Zu groß war die Spannbreite der Reaktionen, zu unkontrollierbar die hervorgerufenen Effekte.

Die "Brain Chip"-Forscher in den fünfziger und sechziger Jahren lassen dagegen so gut wie nichts unversucht: Sie pflanzen Elektroden in die Hirne von männlichen Ratten und beobachten einen typisch weiblichen Brutpflege-Trieb. Sie schießen Hähnen Stromstöße in den Kopf und notieren aufbrechende Rangordnungskämpfe. Von einer vollständigen Kontrolle, einer umfassenden Symbiose zwischen Mensch und Maschine, wie sie etwa der US-Schriftsteller Alvin Toffler in dem Buch "Der Zukunftsschock" beschreibt, bleiben die Forscher jedoch meilenweit entfernt. Auch Delgado, der von einer Welt träumt, die "weniger zerstörerisch und ausgeglichener ist", wird diese Kontrolle niemals gelingen.

Allerdings: Sein Experiment mit dem Schimpansenmännchen Paddy wird 1970 zum Höhe- und zugleich Wendepunkt einer zunehmend anmaßenden Wissenschaft, die versucht, Verhalten elektronisch zu steuern.

Die Gefahr, dass der Mensch programmierbar wird

Knapp 18 Monate dauern die Vorbereitungen für das von der amerikanischen Luftwaffe finanzierte Experiment, an dessen Ende ein computergezähmtes Affenmännchen stehen soll. Ort des Geschehens ist eine künstliche Insel auf dem Luftwaffenstützpunkt Holloman im US-Bundesstaat New Mexico. Mit dem "Stimoceiver", einem kleinen, von Delgado entwickelten Gerät, macht der Hirnforscher aus einem aggressiven, tyrannischen Alpha-Männchen ein friedfertiges, sanftmütiges Mitglied der Schimpansen-Sippe.

"Wir können mit einem Gehirn ohne die Zwischenschaltung von Sinneswahrnehmungen sprechen", jubelt Delgado. Und es finden sich Kollegen, die sogleich einen Hirnschrittmacher prophezeien, durch dessen elektrische Stimulation Krankheiten wie Parkinson bald vollständig geheilt werden könnten. Durch den allerdings ebenso die Gefahr entstünde, dass der Mensch zukünftig zu einem beliebig programmierbaren Wesen werde. Delgado selbst fasst den Entschluss, fortan computergestützte Gehirnsteuerung auch am Menschen zu praktizieren.

Die Science-Fiction-Grusel-Vision der Mensch-Maschine ist zum Glück nicht Wirklichkeit geworden. Aber der Hirnschrittmacher findet mittlerweile erfolgreich Anwendung und erleichtert zum Beispiel Parkinson-Patienten das Leben.

José Delgado, heute 95 Jahre alt, hat sich Mitte der neunziger Jahre aus der Wissenschaft zurückgezogen und beklagt noch ab und an, dass seine Forschung aus purer Ignoranz nicht weiter beachtet werde. Ansonsten genießt er mit seiner Frau Caroline das Leben in Kalifornien. Und noch immer bekommt er jährlich Post. Es sind Briefe von Menschen die behaupten, Delgado würde ihre Gedanken kontrollieren.



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Steve Schöllner, 28.03.2015
1.
Traurig was aus der entarteten alles beherrschen wollenden Rasse des Tierreiches geworden ist. Er haette lieber doch mal sich grundlegende Dinge die jedes neugeborene Wesen besitzt sich in sein realtime zu steuerndes Bewußtsein rufen sollen anstatt anderen irgendwelche metalelektronen in den kopf zu stecken. Das praktiziert jeder vogel der in ner Formation ganz vorne fliegt. Jedes bewußt kleinstteielchen ausstroemende lebensform besitzt diese Fähigkeit. Und unbewusst steuern laesst die affenbande sich schon viel länger durch den zwang nach mehr. Vor sehr langer zeit auf natürliche Weise durch die Natur heute natürlich von affen durch affen. Er haette vielleicht mal zu sippi ein auf Freundschaft basierendes vertrauen aufbauen sollen. Der affe haette sich sicher gewundert wie sippi sich auf vertrauensbasis beeinflussen lassen hatte. Aber schade ist es wirklich das dies viele der menschen verlernt haben ich wuerde sagen durch künstlich verursachten Stress bedingt. Sprechen und schreiben koennen wir ja jetzt auch da habe ich meine Abstriche gemacht(stress bedingt) ;)
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