Brandanschläge von Mölln "Wenn ich Böller höre, kommt alles wieder hoch"

Brandanschläge von Mölln: "Wenn ich Böller höre, kommt alles wieder hoch" Fotos
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Sie fanden ihn in nasse Tücher gewickelt und starr vor Schock: Wie durch ein Wunder überlebte Ibrahim Arslan 1992 den Anschlag von Mölln, drei Angehörige starben. Auf einestages erinnern sich der 27-Jährige und sein Vater an ein Verbrechen, das die Familie zerstörte und die Welt erschütterte. Von

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Eine an den Seiten angesengte Puppe. Ein Paar Babyschuhe von Yeliz, schwarz, mit Schleifchen. Und ein Koran, die Vorder- und Rückseite verkohlt, der Text jedoch völlig unversehrt: Viel mehr ließen die Flammen nicht übrig in jener Nacht, die das Leben der Familie Arslan für immer zerstört hat.

"Wenn auf dem Herd etwas anbrennt, wenn ich Böller höre, ein Feuerwerk am Himmel sehe, kommt sofort alles wieder hoch. Früher habe ich mich in jeder Silvesternacht versteckt", sagt Ibrahim Arslan und hustet. Es ist ein kurzer, bellender Laut, der sich zwischen die Wörter drängt, die Sätze abhackt. Der trockene Husten ist ihm zum ständigen Begleiter geworden. "Traumabedingt, das hört nie mehr auf", sagt der junge Mann mit dem weißen Hemd und blickt zu Boden.

Ibrahim Arslan hat seinen 18 Monate alten Sohn mitgebracht, in das Café einer Stadt irgendwo in Deutschland, später kommt sein Vater dazu. Wo die Arslans heute leben, möchten sie nicht preisgeben. Schließlich sind Michael P. und Lars C. wieder auf freiem Fuß. Jene Männer, die vor 20 Jahren zwei brennende Molotow-Cocktails in das Wohnhaus der Familie warfen und dabei drei Menschen ermordeten: Yeliz, die Schwester von Ibrahim, zehn Jahre. Ayse, seine Cousine, 14 Jahre. Und Bahide, die Großmutter, 51 Jahre.

Die Täter schlugen in der Nacht zum 23. November 1992 zu, einem Montag. Zu jenem Zeitpunkt schlief Ibrahim, damals ein kleiner Junge von sieben Jahren, längst tief und fest - ebenso wie Yeliz und Ayse, die mit ihm das Zimmer teilten.

Michael P. und Lars C. hatten sich um Mitternacht vor der Möllner Videothek getroffen. Vorher trank "Pitti" - ein damals 25-jähriger Hilfsarbeiter, der schon in der Grundschule gescheitert war, das neue Jahr gern mit "Heil Hitler" begrüßte und regelmäßig die Reichskriegsflagge aus dem Fenster hängte - noch ein paar Schnäpse und spielte eine Partie Schach mit der Mutter.

Lars C., damals 19 und Azubi im Supermarkt, hatte in der Pubertät damit begonnen, Runen und Hakenkreuze in Schulhefte zu kritzeln. Er verbrachte den Abend mit ein paar Bieren und Joints vor dem Fernseher. Kurz vor Mitternacht schnappte er sich eine mit Molotow-Cocktails gefüllte Bierkiste, sprang in seinen beigen VW-Polo und holte Michael P. ab.

Zunächst rasten die beiden in die Ratzeburger Straße 13 in Mölln und warfen je zwei Brandsätze in ein von sechs türkischen Familien bewohntes Haus. Als das Haus schon lichterloh brannte, riefen sie um 0.31 Uhr bei der Feuerwehr an: "In der Ratzeburger Straße brennt es. Heil Hitler!" Die Bewohner des Hauses kletterten und sprangen aus dem Fenster, viele verletzten sich schwer - doch alle kamen lebend raus.

Dann fuhren die jungen Männer weiter zur Mühlenstraße 9, dem Wohnhaus der Arslans, gossen Benzin in den Flur und warfen Brandsätze. Der Trödel, der sich im Erdgeschoss in einem ehemaligen Laden stapelte, ging sofort in Flammen auf. Blitzschnell griff der Brand aufs Treppenhaus über: dem einzigen Fluchtweg für die schlafende Familie.

Erneut ging ein Anruf bei der Feuerwehr ein, diesmal um 1.08 Uhr. "In der Mühlenstraße brennt es. Heil Hitler!", schrien die Täter ins Telefon und brausten davon. Bei den Arslans schrillte derweil die Türglocke - das Feuer hatte den Klingelmechanismus ausgelöst.

"'Wir haben es zuerst nicht geglaubt"

Großvater Nazim seilte sich vom Laternenmast ab, Mutter Hava warf ihren damals acht Monate alten Sohn Namik in die Arme von Helfern und sprang aus dem zweiten Stock in die Tiefe. Genau wie ihre Schwägerin Ayten mit ihrem damals sechs Jahre alten Sohn Emra im Arm. Währenddessen versuchte Großmutter Bahide die anderen Kinder zu retten. Ibrahim wickelte sie in nasse Handtücher und trug ihn in die Küche, die von den Flammen verschont blieb.

An "den brennenden Hintergrund und Töpfe" erinnert sich Ibrahim heute, dann sei er ohnmächtig geworden. Als die Feuerwehr den kleinen Jungen in den frühen Morgenstunden entdeckte, hatte er vier Stunden in der Küche des brennenden Hauses ausgeharrt, völlig durchnässt von den Tüchern und starr vor Kälte. Doch er lebte. Anders als die Großmutter, die Cousine, die Schwester.

"'Papa!', war ihr letztes Wort, als Yeliz mich sah. Dann ist sie von uns gegangen", erinnert sich Faruk Arslan an sein Kind, das im Krankenwagen vor dem weißgestrichenen Klinkerbau starb. Er wird, so sagt der heute 48-Jährige, "niemals aufhören", sich vorzuwerfen, dass er in jenen Stunden nicht bei seiner Familie war. Denn Faruk Arslan verbrachte den Abend bei seinem Bruder in Hamburg. "Ein Freund rief mich an: 'Euer Haus brennt!', schrie er ins Telefon. Wir haben es zuerst nicht geglaubt", sagt Faruk. Als die Brüder in Mölln ankamen, loderten die Flammen noch immer.

Täter zum Frühstück beim Opfer

Dass ausgerechnet Michael P. sein Haus anzündete, seine Angehörigen ermordete, lässt Faruk noch heute perplex zurück. Klar, als Skinhead sei er stadtbekannt gewesen. Aber ein Mörder? "Michael ging jahrelang mit meiner Schwester in die gleiche Klasse", sagt er. "Und wenn Bahide morgens ihren kleinen Imbiss öffnete, war er einer, der regelmäßig bei meiner Mutter aß." Warum eine solche Untat? Warum ausgerechnet die Arslans?

Bahide und Nazim lebten bereits seit Anfang der siebziger Jahre in der "Eulenspiegelstadt" Mölln, einer beschaulichen Kleinstadt in Schleswig-Holstein, knapp 50 Kilometer nordöstlich von Hamburg. Die Arslans hatten ihren Heimatort Carsamba am Schwarzen Meer verlassen und kamen als Gastarbeiter in die Bundesrepublik.

"Meine Mutter Bahide arbeitete 20 Stunden am Tag, sie war die Seele und Chefin der Familie, in Mölln eine sehr beliebte Frau", sagt Faruk. Ganz anders als er, den man anfangs gar als Brandstifter im Verdacht hatte. "Sie wollten mich als Täter hinstellen", empört sich der untersetzte Mann, der beim Sprechen über die Vergangenheit so angespannt ist, dass er beim Interview fast permanent mit dem Fuß wippt.

"Deutsche Nazis ermorden wieder 'Untermenschen'"

Faruk bestattete die Toten von Mölln im Herkunftsort der Arslans am Schwarzen Meer. Auf Spruchbändern, die wütende Einheimische bei der Beerdigung in die Luft hielten, wurde Vergeltung angedroht: "Ihr Schweine, weckt die Osmanen nicht auf." Doch nicht nur in der Türkei, sondern weltweit wurde das Verbrechen mit einem Aufschrei des Entsetzens quittiert.

"Deutsche Nazis ermorden wieder 'Untermenschen'", alarmierte der "Boston Globe" seine Leser, als "Paradies für Neonazis" charakterisierte das niederländische "Algemeen Dagblad" das Nachbarland. Und der ehemalige Chef des israelischen Geheimdienstes, Isser Harel, schlug gar vor, Mossad-Agenten in die Bundesrepublik zu schicken, um die rechtsextreme Terrorszene auszuheben.

Nachdem Rechtsradikale in den Monaten zuvor bereits Ausländer in Hoyerswerda und Rostock terrorisiert hatten, setzte nach Mölln ein Umdenken ein: Erstmals zog ein Generalbundesanwalt die Ermittlungen an sich, die rechtsradikale Untat galt als "Anschlag auf die innere Sicherheit" des unlängst wiedervereinigten Deutschlands.

Martyrium nach Mölln

Ein knappes Jahr nach den Brandanschlägen, am 8. November 1993, ab 11.02 Uhr, verkündete Hermann Ehrich, Vorsitzender des II. Strafsenats am Oberlandesgericht Schleswig, das Urteil: Michael P. und Lars C. wurden für schuldig erklärt. Des dreifachen Mordes, des 39-fachen Mordversuchs und der besonders schweren Brandstiftung. P. wurde zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt, C. bekam zehn Jahre Jugendstrafe. Für die Justiz war der Fall abgeschlossen - für die Überlebenden ging der Alptraum weiter.

Die Arslans hatten nicht nur drei Familienmitglieder verloren, sondern auch mit finanzieller Not zu kämpfen: "Direkt nach dem Brand hatten wir nicht einmal mehr Unterwäsche", sagt Faruk, alles war verbrannt. Die Familie fühlte sich vom Sozialamt schikaniert, von den Medien gedemütigt, von Mölln geschnitten. Nach dem Mordanschlag habe die Stadt die Überlebenden vor die Wahl gestellt: entweder in einen Wohncontainer oder zurück ins renovierte Brandhaus in der Mühlenstraße 9. Die Arslans entschieden sich für ihr altes Zuhause.

"Die Jahre dort waren die Hölle. Immerzu musste ich über die Stelle laufen, wo meine Oma lag, im Zimmer schlafen, wo Yeliz und Ayse gestorben sind, aus dem Fenster schauen, aus dem meine Mutter sprang", sagt Ibrahim. Und Vater Faruk hielt anfangs bis morgens um sechs, sieben Uhr Wache, aus Angst vor einem erneuten Anschlag. "Erst als die Kinder aufgewacht sind, bin ich schlafen gegangen", sagt er.

"Man hat uns doch hergebeten"

Im Jahr 2000 zog Faruk mit seiner Familie weg aus Mölln. Doch die Vergangenheit holt die Arslans ein, wohin sie auch gehen: Faruk leidet unter einer chronifizierten posttraumatischen Belastungsstörung, kann nicht arbeiten und bekommt Geld vom Amt. Seine Ehefrau Hava, die bei ihrem Sprung einen doppelten Beckenbruch erlitt, nimmt noch immer starke Schmerzmittel. Und Ibrahim kämpft mit seinen chronischen Hustenanfällen und mit Schlafstörungen.

Nur wenn er im Ausland sei, gehe es ihm besser. "Dann ist der Husten fast weg", sagt Ibrahim. Trotzdem harrt er hier in Deutschland aus. Und fährt jedes Jahr im November wieder nach Mölln. Auch wenn es wehtut, die alten Wunden immer neu aufbrechen. Warum? "Weil ich daran erinnern muss, was passiert ist", sagt Ibrahim. "Wir bleiben und kämpfen. So lange es die Arslans gibt", ergänzt Faruk.

"Das Erinnern erkämpfen" lautet das Motto der diesjährigen Gedenkveranstaltung: laut dem Freundeskreis der Familie Arslan die allererste, die nach dem ausdrücklichen Wunsch der Opfer ablaufen wird. Doch selbst 20 Jahre danach wird es den Trauernden in Mölln nicht gelingen, die zentrale Frage zu beantworten: die Frage nach dem Sinn des Verbrechens. Niemand stellte sie so deutlich wie einst Nazim, Ibhrahims Großvater, der überlebte, weil er sich vom Laternenmast abseilen konnte.

"Es ist mir auch so unverständlich, wofür, warum meine Frau und die zwei Mädchen sterben mussten. Weil sie Türkinnen waren? Weil diese Männer unmenschliche politische Ideen ausführen wollten?", rief der schmale, grauhaarige Mann kurz vor der Urteilsverkündigung im Gericht in Schleswig aus. "Man hat uns doch hergebeten, wir kamen als Gastarbeiter. Wir waren hier Gäste. Wissen Sie, was Gastfreundschaft in der Türkei bedeutet?"

Lars C. wurde im Juni 2000 nach siebeneinhalb Jahren Haft aus dem Gefängnis entlassen. Und Michael P. kam im November 2007 frei - fast auf den Tag genau 15 Jahre nach den Brandanschlägen von Mölln.

Der Dokumentarfilm "Nach dem Brand. Eine Familie aus Mölln" wird in der Nacht vom 20. auf den 21. November um 0.00 Uhr im NDR ausgestrahlt.

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insgesamt 24 Beiträge
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1.
Hubert Westerbeck, 20.11.2012
Was mir an dem Artikel zum Brandanschlag von Mölln auffällt: Wieder einmal werden die Täter geschützt ("Michael P.", "Lars C."), während die Opfer mit vollem Namen genannt werden ("Yeliz Arslan", "Ayse Yilmaz"). Dabei kann man bei Wikipedia die vollen Namen der Täter offen nachlesen. Warum ist das so? Warum werden Täter geschützt?
2.
Christian Hanke, 20.11.2012
>Was mir an dem Artikel zum Brandanschlag von Mölln auffällt: Wieder einmal werden die Täter geschützt ("Michael P.", "Lars C."), während die Opfer mit vollem Namen genannt werden ("Yeliz Arslan", "Ayse Yilmaz"). Dabei kann man bei Wikipedia die vollen Namen der Täter offen nachlesen. >Warum ist das so? Warum werden Täter geschützt? Weil die Opfer der Nennung ihres Names sicherlich zugestimmt haben, macht ja auch keinen Sinn die zu kürzen. Schlimmer finde ich, dass die beiden Täter keine Sicherungsverwahrung bekommen haben, 15 Jahre Gefängnis für 3 fachen Mord, also Bitte!
3.
Gregor Kronenberger, 20.11.2012
"Für die Justiz war der Fall abgeschlossen - für die Überlebenden ging der Alptraum weiter." Stellt sich die Frage, ob der Albtraum mit einer öffentlichen Hinrichtung der Täter für die Überlebenden nicht trotzdem weitergehen würde?!
4.
Peter Meisel, 20.11.2012
für mich nicht akzeptabel das solche typen jemals wieder raus kommen aus dem knast - da wäre sicherugnsverwahrung angebracht. der eine 7jahre knast, das ist doch lächerlich, derwar also mit 26jahrne wieder auf freiem fuß.
5.
Töremis Bülent, 20.11.2012
Das Leben einer Familie zerstört und die Täter wieder auf freiem Fuß, Armutszeugniss unseren Rechtsstaates. Sehr Traurig das der NDR solch einen Beitrag zu besten Sendezeit 0:00 Uhr ausstrahlt. Schon alleine die aktuelle lage sollte doch anlass geben mit viel mehr Aufklärung in den Medien gegen Rechts entgegen zu wirken. Es wäre sehr zu begrüssen wenn die Medien in Deutschland diese Aufgabe mit mehr Verantwortung übernehmen den Sie hat einen grossen Beitrag dazu geleistet den Islam zu verdunkeln und den Hass zu stärken. Scheinbar gewinnen die guten nur in Filmen. Der Hass macht mich einfach nur Traurig...
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