Brasilianische Wohnmaschine Riesenwelle im Betonmeer

Utopie auf 116.000 Quadratmetern: In São Paulo begann 1957 der Bau des weltgrößten Wohngebäudes. "Copan" wurde vom Architektengenie Oscar Niemeyer ersonnen und sollte die brasilianische Gesellschaft in einem Haus vereinen - doch beinahe wäre das Projekt als Ruine geendet.

REUTERS

Wer Anfang der fünfziger Jahre einen Blick durch den Bretterzaun der Großbaustelle im Herzen São Paulos riskierte, musste zwangsläufig stutzen: Was die hölzernen Baugerüste umhüllten, war ganz anders als das rechteckige Beton-Einerlei, das sich sonst überall in den brasilianischen Himmel reckte. Eine sanft geschwungene S-Kurve schlängelte sich dort inmitten eines Dickichts aus Asphalt, Wolkenkratzern und Kolonialbauten.

Dass der Bau, der hinter dem Zaun entstand, außergewöhnlich werden sollte, verrieten auch seine Ausmaße: Mehr als 6000 Quadratmeter – nahezu ein Fußballfeld – wies die Companhia Pan-Americana de Hotéis e Turismo für ihr Projekt aus, mit dessen Umsetzung sie den Architekturstar Brasiliens beauftragt hatte: Oscar Niemeyer. Dessen Entwürfe für das Gesundheitsministerium in Rio de Janeiro 1937 oder das Uno-Hauptgebäude 1947 hatten mit ihren futuristisch anmutenden Glasfronten schon weltweit für Aufsehen gesorgt.

Was Niemeyer indes 1951 für São Paulo plante, war angesichts der gespaltenen Gesellschaft Brasiliens geradezu revolutionär: Denn das "Copan", wie das Bauwerk nach seinem Auftraggeber genannt wurde, sollte nicht nur ein Wohnkomplex der Superlative mit Platz für mehrere tausend Menschen werden. Vor allem sollte es allen Paulistas offen stehen – ganz gleich, welcher sozialen Schicht sie angehören. Ein Wahrzeichen der Stadt und Spiegelbild seiner gesellschaftlichen Verwerfungen.

Die Welle im Hochhausmeer

Kurvig wie seine Fassade verlief auch die Geschichte des Copans. Viel hatte nicht gefehlt, und die hochfliegenden Pläne wären als Ruine geendet. Nach dem Baubeginn 1957 verzögerte sich die Fertigstellung des Kolosses immer wieder. Die Companhia Pan-Americana verhob sich mit dem Großprojekt und ging pleite. Und auch für das Architektengenie Niemeyer wurde das Projekt zum Desaster - am Ende ähnelte es nur noch am Rande seinen ursprünglichen Entwürfen.

Als der Meister das Copan plante, drohte der Moloch São Paulo zu kollabieren, die Metropole am Rio Tietê benötigte dringend Platz. Mit der einsetzenden Industrialisierung zu Beginn der vierziger Jahre war die Stadt der Kaffeebarone zur pulsierenden Boom-Town aufgestiegen. Die Anbindung an das Eisenbahnnetz und die Nähe zum Atlantikhafen Santos verliehen der aufstrebenden Stadt zusätzlichen Schub und hatte bereits große Einwanderer-Ströme aus Europa und Asien angelockt. Dann folgte die brasilianische Landbevölkerung. Die Einwohnerzahl "Sampas" verdreifachte sich binnen zwanzig Jahren nahezu und betrug 1960 über 3,5 Millionen.

Für architektonische Träumereien blieb im schnell wuchernden São Paulo eigentlich kaum Zeit. Gebaut wurde, wo Platz war. Vor allem in die Höhe. Längst wurden die prunkvollen Industriellen-Villen an der Prachtstraße Avenida Paulista von immer neuen, seelenlosen Wohntürmen und Bürogebäuden überragt. Beliebig, aber funktional. Ein graues Hochhausmeer, durch das sich 1966 eine mächtige, sandfarbene Betonwelle pflügte: Das Copan.

Ein Gigant mit 32 Stockwerken

Der geschwungene Klotz, in neunjähriger Bauzeit entstanden, wurde umgehend zu einem architektonischen Symbol der Stadt. São Paulo feierte das Copan als "Stolz der Moderne" und als das größte Wohnhaus der Welt - das es bis heute geblieben ist. 5000 Menschen leben auf insgesamt 116.000 Quadratmetern Fläche. Die 1160 Wohnungen variieren zwischen 26 Quadratmeter großen Ein-Zimmer-Apartments und 350 Quadratmeter großen Nobelbehausungen. 32 Stockwerke zählt der 140 Meter hohe Gigant, in dem gläubige Mieter selbst eine Kirchengemeinde finden. Im Erdgeschoss ist eine komplette Einkaufswelt mit 85 Geschäften eingebettet – ein sozialer Mikrokosmos, den sich Schönheitschirurgen, Künstler, Arbeiter und Bankangestellte teilen und der sogar eine eigene Postleitzahl besitzt, 01066-900.

Der Aufwand, diese Wohnmaschine am Leben zu halten, ist auch heute noch enorm. 100 Hausmeister kümmern sich täglich um die Infrastruktur. Sie halten die Technik der 20 Aufzüge instand und erledigen nahezu sämtliche Reparaturarbeiten in den Wohnungen. Putzkolonnen reinigen im Dauereinsatz die endlosen Flure und Gänge: Mit 300 Litern Seife und 100 Litern Desinfektionsmittel täglich. Die Verbrauchswerte der Bewohner sind nicht minder beeindruckend: 600.000 Liter Wasser rauschen täglich durch die Rohrleitungen, drei Tonnen Müll müssen jeden Tag entsorgt werden.

Dass das Copan aufgrund dieser Dimensionen nicht umgehend als klobige Bausünde in die Geschichte einging, sondern noch immer als Ausdruck visionärer Architekturkunst gilt, verdankt es seiner ungewöhnlichen Form, vor allem aber seiner Fassade: Sie besteht an der Frontseite aus horizontal verlaufende Betonlamellen. Drei pro Stockwerk sind es und sie wirken, als habe jemand eine riesige Jalousie am Gebäude herabgelassen. Ein permanenter Sonnenschutz, der nach außen verheimlicht, dass es sich beim Copan eigentlich um sechs nicht miteinander verbundene Wohnblöcke handelt. Niemeyer selbst begründete seinen spektakulären Entwurf mit den Gegebenheiten vor Ort: "Als ich das Copan gemacht habe, war die Straße kurvig, und es folgt nur dieser Kurve."

Vom Sündenpfuhl zum sicheren Ort

Doch die finanziellen Schwierigkeiten beim Bau der Wohnmaschine hatten auch Auswirkungen auf die Arbeit des Architekten. Im Laufe der Zeit wurde der ursprüngliche Entwurf Niemeyers immer mehr eingedampft. Die geplante Anzahl großflächiger Luxusapartments wurde zugunsten kleiner Wohnungen reduziert. Ein angeschlossener Hotelkomplex sowie das hauseigene Kino für 3500 Zuschauer fielen ganz weg. Auch von hängenden Gärten an der Hausfassade, wie Niemeyer sie vorgesehen hatte, sprach niemand mehr.

Niemeyer zog Konsequenzen und gab die Copan-Mission genervt ab. Als São Paulo mit einiger Verspätung 1966 doch noch die Eröffnung seines Jahrhundertbaus feierte, war der Stararchitekt längst mit einem anderen Monument beschäftigt: Dem Aufbau der Retorten-Hauptstadt Brasilia.

Das Copan blieb indes nur 15 Jahre eine friedliche Oase des klassenlosen Wohnens. Anfang der Achtziger wurde Brasilien von einer tiefen Wirtschaftskrise erschüttert, der Beginn der "verlorenen Dekade" in der Geschichte des Landes. Ihre Symptome – Arbeitslosigkeit, Inflation, Armut und steigende Kriminalität – bekam vor allem die Wirtschaftsmetropole Sao Paulo zu spüren. Das Copan verkam zu einem Sündenpfuhl, dessen zentrale Lage Kleinkriminelle, Drogendealer und Prostituierte gleichermaßen schätzten.

Erst die rigide Politik einer neuen Hausverwaltung zu Beginn der neunziger Jahre stoppte den Verfall. Vermehrte Polizeipräsenz und ein hauseigener Sicherheitsdienst, der das Innere des Gebäudes mit 128 Kameras überwacht, machten aus der Betonwelle wieder einen ruhigen Ort - und das Spiegelbild der Gesellschaft, als das Copan ursprünglich erdacht worden war. Die Wohnungen sind heute gefragter denn je – von Bürgern aus allen sozialen Schichten.



insgesamt 15 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Wolfram Weiss, 20.02.2012
1.
Ein schöner Artikel. Aber den Herrn Architekten zum Genie zu stilisieren, ist eine verbreitete Unsitte: ebenso wie Le Courbusier hat Niemeyer Betonwüsten geschaffen, in denen Sie nicht tot über dem Zaun hängen wollten. Da die Aufgabenstellung "Wohnraum" lautet, darf man das Ergebnis getrost als Themaverfehlung bezeichnen. Auch wenn es im Coffee Table Book toll aussieht.
Günter Vrauer, 20.02.2012
2.
Daran musste ich auch denken. Schade das Beton nicht brennt. Ich erinner mich noch, wie uns die Betonwüsten von Walter Gropius Ende der 70iger bei einer Klassenfahrt als architektonische Meisterleistung verkauft wurden. Da wollte ich nicht tot über den Zaun hängen. Ihme-Zentrum Hannover. Sollte Heim Arbeitsplatz und Hort für seine Bewohner werden. Ein zugiges düsteres Betongebirge. Oft fielen Feuerlöscher und manchmal auch Menschen von den Dächern. zigmal wurde eine "Aufhübschung" angedacht und aus Kostengründen wieder verworfen. Weil Abreissen billiger käme.
Stephan Hackenberger, 20.02.2012
3.
Wieder so ein Betonklotz, der von architekturbegeisterten frenetisch bejubelt wird ... nur wohnen möchten auch die lieber in der ruhigen Vorstadt im "Häuschen" ;)
Robert Wagner, 20.02.2012
4.
Meinem Vorschreiber ist nahezu nichts mehr hinzuzufügen. Zu viele Menschen auf engsten Raum ist ein nahezu bombensicherer Grund zum Scheitern derartiger Wohnraumprojekte. Obwohl das Copas hier wohl doch noch eher zu en rühmlichen Ausnahmen gehört... wenn auch nur mit erhöhtem sicherheitstechnischen Aufwand. Andere Projekte zur großflächigen Schaffung von Wohnraum gingen da gehörig in die Hose... "schönstes" Beispiel hierfür ist wohl Pruitt Igoe in St. Louis.
Stefan Kepler, 20.02.2012
5.
Na, da bin ich mal gespannt: Wie hätten denn die Herren "Klugsch..." das Problem fehlenden Wohnraumes für das Präkariat gelöst? Allen billig Vorstadt-Eigenheime im Grünen gebaut?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.