Braune Vorgeschichte Der Contergan-Erfinder

Braune Vorgeschichte: Der Contergan-Erfinder Fotos

Als Forschungsleiter der Firma Grünenthal Chemie entwickelte Dr. Heinrich Mückter das verhängnisvolle Medikament Contergan. Hinweise auf Missbildungen ignorierte er - ein Verhalten, dass er so ähnlich schon Jahre zuvor an den Tag gelegt hatte. Doch im größten Arzneimittelskandal der Nachkriegsgeschichte interessierte sich offenbar niemand für seine Vergangenheit. Von Armin D. Steuer

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"Von Ende 1940 bis August 1945 war ich Soldat, zuletzt Stabsarzt und Leiter des Instituts für Fleckfieber- und Virusforschung des Oberkommandos des Heeres in Krakau": Soweit die lakonische Aussage von Dr. Heinrich Mückter im Prozess zum größten Arzneimittelskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte. Als medizinischer Direktor des Pharmaherstellers Grünenthal Chemie, der das verhängnisvolle Medikament Contergan auf den Markt gebracht hatte, stand Mückter damals, im Januar 1968, im Rampenlicht.

Was dieser Dr. Mückter während des Krieges in Krakau genau getan hatte, danach fragte ihn während des Prozesses 1968 niemand. Weder Richter und Nebenklägervertreter noch Staatsanwaltschaft und Journalisten. Schließlich ging es in dem bis dato größten Strafprozess in der bundesdeutschen Geschichte um die Verantwortung für die durch Contergan verursachten Missbildungen an Neugeborenen - und nicht um das "Dritte Reich".

Zwanzig Jahre nach Ende des Krieges ließ man sich gegenseitig in Ruhe mit der braunen Vergangenheit, zu viele hatten Dreck am Stecken. Ein Stillschweige-Kartell dürfte das Nachfragen verhindert haben; es hieß, einer der ermittelnden Staatsanwälte wäre früher selber bei der Waffen-SS gewesen. Auf Seiten der Verteidiger der Angeklagten gab es etliche, die schon im "Dritten Reich" Karriere gemacht hatten.

Läuse am Bein

Was Mückter zwischen 1940 und 1945 getan hatte - es wäre ein Leichtes gewesen, dies zu ermitteln.

Die Bekämpfung des gefährlichen Fleckfiebers hatte während des Zweiten Weltkrieges oberste Priorität. Zu diesem Zweck wurden infizierte Läuse gezüchtet und anschließend gemolken. Aus der gewonnenen Substanz ließ sich Impfstoff erzeugen. Zum Züchten der Läuse brauchte es zahlreiche Menschen, die bereit waren, die Läuse an ihren Beinen zu tragen und sie mit dem eigenen Blut zu ernähren -Infektionsgefahr nicht ausgeschlossen.

Da es keine Freiwilligen gab, behalf sich Mückter, stellvertretender Direktor des Instituts für Fleckfieber und Virusforschung in Krakau, mit zwangsrekrutierten Polen; vermutlich auch mit Juden aus dem Ghetto.

Um die Wirksamkeit der gewonnenen Impfstoffe zu erproben, wurden KZ-Insassen in Buchenwald, eventuell auch in Auschwitz, zunächst mit dem neu entwickelten Stoff geimpft und nach zwei oder drei Wochen absichtlich mit dem Fleckfiebervirus infiziert. Die Zahl der sterbenden Häftlinge gaben Mückter und seinem Spiritus Rector, Professor Hermann Eyer, einen Anhaltspunkt für die Wirksamkeit des neuen Impfstoffes.

Verdrängte Wahrheit

Solche Versuchsreihen wurden während des Krieges mehrfach wiederholt, wobei die Wissenschaftler beim KZ-Kommandanten auch schriftlich darum baten, ihnen "gesunde Probanden mit einem dem deutschen Soldaten vergleichbaren Gesundheitszustand" zur Verfügung zu stellen - die allzu stark geschwächten Häftlinge seien kein gutes Vergleichsmaterial für die Mediziner.

Dass im KZ Buchenwald Menschenversuche auch mit Fleckfieberimpfstoffen stattfanden, war 1968 längst bekannt - jeder konnte es in Eugen Kogons "Der SS-Staat" nachlesen, ein Werk, das 1946 veröffentlicht worden war.

Doch keiner wollte die Grausamkeiten wahrhaben. 1968 nicht, und auch nach Kriegsende nicht. Zwar verhörten die Amerikaner Mückter und übergaben auch den Großteil der von ihm in Polen geraubten Laboreinrichtungen wieder an die Krakauer Universität. Doch das inzwischen in Polen gegen Mückter eröffnete Strafverfahren wegen "Diebstahl des Institutsmaterials und fortgesetzter Misshandlung der polnischen Angestellten" sowie den gegen ihn erlassenen Haftbefehl ignorierten sie. Die Lektüre der Verhörprotokolle von Mückter und Eyer legt nahe, dass möglichen Straftaten der beiden Wissenschaftler keine große Rolle spielten.

Illegale Penicillin-Stämme

Mückter blieb unbehelligt - und begann eine steile Nachkriegskarriere. Im August 1945 ging er nach Bonn, um an der dortigen Universität sein Diplom als Chemiker zu machen. Ein knappes Jahr später, im Sommer 1946, stieg Mückter in die neu gegründete Chemie Grünenthal, kurz CG, ein. Innerhalb von drei Jahren verschaffte er der Firma ein blühendes Geschäft: Als erstes deutsches Unternehmen brachte CG Penicillin-Präparate auf den Markt. Der Frage, wie Mückter damals in den Besitz von Penicillin-Stämmen gekommen war, verweigert sich die Firma bis heute. In einer späteren Festschrift hieß es über ihren Medizinischen Direktor: "Sein Weg führte von den Feld-, Wald- und Wiesenpräparaten konsequent zu den Antibiotika. Die während seiner ärztlichen Tätigkeit am Fleckfieberinstitut in Krakau gewonnenen Erfahrungen und Einsichten führten an seinem neuen Arbeitsplatz in Stolberg konsequent zu Versuchen mit Schimmelpilzkulturen."

Doch gibt es auch eine andere Version aus dem Umfeld von Chemie Grünenthal: Mückter hätte sich 1946 in die Firma "eingekauft", indem er die Penicillin-Stämme als Startkapital mitbrachte. Woher auch immer er diese hatte, auf legale Weise hätte er sie nicht erwerben können, denn die westlichen Besatzungsmächte hatten Forschung an und Herstellung von Penicillin durch deutsche Unternehmen strikt verboten. Mückter setzte sich über dieses Verbot hinweg und erschlich sich im Januar 1948 unter falschen Angaben bei der britischen Militärregierung die Erlaubnis, mit Penicillin zu experimentieren.

Sechs Monate später kamen die ersten Penicillin-Lutschtabletten von Chemie Grünenthal auf den Markt. Die Vermarktung der Penicillin-Präparate rettete die Firma vor dem fast sicheren Konkurs, und auch Mückter selbst hatte etwas davon: Er erhielt eine Umsatzbeteiligung für die unter seiner Leitung entwickelten Medikamente. Neun Jahre später bescherte Mückter seinen Arbeitgebern den nächsten großen Umsatz: Contergan.

Eine kleine Nachtmusik

Mitarbeiter in seinem Labor hatten eher zufällig den Wirkstoff Thalidomid entdeckt. Bei Tierversuchen stellte sich die einschläfernde Wirkung heraus. Mückter veranlasste die Entwicklung eines Schlafmittels, das den Namen Contergan erhielt. Es wurde rezeptfrei verkauft und entwickelte sich schnell zum Renner. In seinen besten Zeiten bescherte Contergan der CG knapp die Hälfte des Umsatzes. In Zeitungen schaltete die Firma Anzeigen mit der Partitur von Mozarts "Kleiner Nachtmusik" - Contergan sei so harmlos wie Zucker.

Derweil bemühte sich der Pharmaproduzent um Zulassung seines Präparates in den USA. Aber die Arzneimittelinspektorin der zuständige US-Behörde FDA, Francis Kelsey, stellte sich quer. Sie verlangte von Chemie Grünenthal den Nachweis, dass Thalidomid sich nicht auf "die Organbildung in den ersten Wochen der Schwangerschaft" auswirkte. Dies hätte mit einer Versuchsreihe an trächtigen Tieren überprüft werden können - Dr. Mückter hielt dies für überflüssig.

Jeden Monat ein neues Auto

Schon bald nach der Markteinführung von Contergan häuften sich die ersten Meldungen über Nervenschäden - Mückter maß dem keine Bedeutung bei. Selbst als Indizien auf Missbildungen auftauchten, spielte er noch auf Zeit. Weitere Opfer nahm er damit billigend in Kauf - ein Verhalten, dass er 15 Jahren zuvor schon bei den KZ-Häftlingen von Buchenwald an den Tag gelegt hatte. Oder verstellte ihm die Umsatzbeteiligung den Blick für das wissenschaftlich Offensichtliche und das moralisch Gebotene? Immerhin fiel seine Umsatzbeteiligung so großzügig aus, dass er sich jeden Monat einen neuen Mittelklassewagen hätte kaufen können.

1970, kurz vor der Verjährung, wurde der Strafprozess gegen Mückter und die weiteren Angeklagten der Chemie Grünenthal vom Gericht wegen "mangelnden öffentlichen Interesses" an der weiteren Verfolgung der Schuldfrage eingestellt. Zuvor hatte sich die Firma bereit erklärt, einmalig 110 Millionen DM in eine Stiftung einzuzahlen, wenn sie damit im Gegenzug von allen künftigen, weiteren Ansprüchen befreit würde.

Mückter verließ das Gericht als freier Mann, ging noch unbehindert seiner Arbeit nach, besuchte als gläubiger Katholik regelmäßig die Gottesdienste - und verstarb vor 20 Jahren, ohne noch einmal zur Rechenschaft gezogen worden zu sein. Weder für seine Tätigkeit in Krakau noch für sein Wirken bei Chemie Grünenthal.

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1.
Ulrich Desbarats 20.11.2007
Schön, was habt Ihr denn ???, Wie schon gesagt, der Mann ist katholisch, hat seine Sünden wohl jeweils gebeichtet, bereut und kommt damit in den Himmel ... Das ist halt das System und es funktioniert seit 2007 Jahren. Verstehen tuts keiner so richtig. Ich auch nicht.
2.
Jens Völler 20.11.2007
>Derweil bemühte sich der Pharmaproduzent um Zulassung seines Präparates in den USA. Aber die Arzneimittelinspektorin der zuständige US-Behörde FDA, Francis Kelsey, stellte sich quer. Sie verlangte von Chemie Grünenthal den Nachweis, dass Thalidomid sich nicht auf "die Organbildung in den ersten Wochen der Schwangerschaft" auswirkte. Nicht Grünenthal, sondern die William S. Merrell Company bemühte sich um die Zulassung in den USA. In den USA gab es in zweifacher Hinsicht bessere Voraussetzungen als in Deutschland, eine Thalidomid-Tragödie abzuwenden. Da der Antrag auf Zulassung erst im September 1960 gestellt wurde - also knapp ein Jahr nachdem in Deutschland erste Hinweise auf nervenschädigende Nebenwirkungen auftauchten - konnten aus den Erfahrungen anderer Länder Schlüsse gezogen werden. Zudem besaßen die USA, anders als Deutschland, mit der FDA eine Kontrollbehörde, die die Zulassung eines Medikaments verweigern konnte. >Dies hätte mit einer Versuchsreihe an trächtigen Tieren überprüft werden können - Dr. Mückter hielt dies für überflüssig. In einem wissenschaftlichen Artikel von 1964 heißt es dazu: "Wie wir heute wissen, hätten jedoch darüber hinaus auch gezielte tierexperimentelle teratologische Untersuchungen vor der Einführung des Thalidomids kaum Anhaltspunkte für die inzwischen bekannt gewordenen keimschädigenden Wirkungen erbringen können, da sich die Mehrzahl der getesteten Laboratoriumstiere als Modell für die Erzeugung des Dysmelie-Syndroms als ungeeignet erwies." Quelle: http://www.springerlink.com/content/h05501h2n45432vp/fulltext.pdf
3.
Günter Dr. Heil 21.11.2007
>>Derweil bemühte sich der Pharmaproduzent um Zulassung seines Präparates in den USA. Aber die Arzneimittelinspektorin der zuständige US-Behörde FDA, Francis Kelsey, stellte sich quer. Sie verlangte von Chemie Grünenthal den Nachweis, dass Thalidomid sich nicht auf "die Organbildung in den ersten Wochen der Schwangerschaft" auswirkte. > >Nicht Grünenthal, sondern die William S. Merrell Company bemühte sich um die Zulassung in den USA. In den USA gab es in zweifacher Hinsicht bessere Voraussetzungen als in Deutschland, eine Thalidomid-Tragödie abzuwenden. Da der Antrag auf Zulassung erst im September 1960 gestellt wurde - also knapp ein Jahr nachdem in Deutschland erste Hinweise auf nervenschädigende Nebenwirkungen auftauchten - konnten aus den Erfahrungen anderer Länder Schlüsse gezogen werden. Zudem besaßen die USA, anders als Deutschland, mit der FDA eine Kontrollbehörde, die die Zulassung eines Medikaments verweigern konnte. > >>Dies hätte mit einer Versuchsreihe an trächtigen Tieren überprüft werden können - Dr. Mückter hielt dies für überflüssig. > >In einem wissenschaftlichen Artikel von 1964 heißt es dazu: "Wie wir heute wissen, hätten jedoch darüber hinaus auch gezielte tierexperimentelle teratologische Untersuchungen vor der Einführung des Thalidomids kaum Anhaltspunkte für die inzwischen bekannt gewordenen keimschädigenden Wirkungen erbringen können, da sich die Mehrzahl der getesteten Laboratoriumstiere als Modell für die Erzeugung des Dysmelie-Syndroms als ungeeignet erwies." > >Quelle: http://www.springerlink.com/content/h05501h2n45432vp/fulltext.pdf
4.
Günter Dr. Heil 21.11.2007
Das hier von Dr. Mückter gezeichnete Bild kann man so nicht stehen lassen. Es bedarf dringend der Ergänzung. Daß Herr Mückter nach dem 2. Weltkrieg Penicillin in Deutschland einführte, kann doch nur positiv bewertet werden. Seine "illegalen" Präparate haben vielen Patienten geholfen, die unter den damaligen schlechten Bedingungen an ihren Infektionen gestorben wären. Verbot für Forschung und Anwendung von Penicillin für deutsche Firmen nach Kriegsende war im Grunde eine moralisch nicht zu rechtfertigende Maßnahme der Sieger, die allein darauf hinauslief, den ehemaligen Gegner noch nach dessen Niederlage im gesamten Bevölkerungsspektrum, einschließlich der Kinder, weiter zu schädigen. Hier hat Herr Mückter vorbildlich gehandelt. Dr. Mückter hat es sich mit Contergan nicht leicht gemacht. Ich habe ihn als vorbildlichen, motivierenden und ethisch handelnden Forschungsleiter in meiner Zeit bei Grünenthal 1972 - 1975 kennen gelernt, mit dem ich auch nach seiner Pensionierung noch Kontakt hatte. Er hat unter den Ergebnissen von Contergan persönlich sehr gelitten. Die damaligen medizinisch vorgeschriebenen Kontrollversuche bei der Medikamentenentwicklung konnten die teratogenen Wirkungen nicht ans Licht bringen. Mit großer Hingabe hat sich Herr Mückter u.a. der Weiterentwicklung von Antibiotika, Antidiabetika, der Therapie des septischen Schocks und der Krebsforschung bis zu seinem Lebensende gewidmet. Tragisch ist, daß er selbst an Krebs sterben musste.
5.
Armin D. Steuer 21.11.2007
Sehr geehrter Herr Völler, herzlichen Dank für Ihren Kommentar zu meinem Beitrag. Sie schrieben: EBEN, das sage ich ja, und nicht nur das: nicht umsonst war die Inspektorin Francis Kelsey auf die Frage der Auswirkung von Medikamente auf die Organogenese von Embryonen gekommen. Das hat sie sich nicht als "Schikane" für das Prüfverfahren ausgesucht, sondern hatte zuvor schon beängstigende Erfahrungen mit Chinin bei trächtigen Kaninchen gemacht. Soll heißen: als verantwortungsvoller Mediziner hätte man darauf kommen müssen. Und dann führen Sie noch einen wissenschaftlichen Artikel von 1964 an, dem ich allerdings nicht ohne weiteres eine große Beweiskraft geben kann. Wer hat den Beitrag geschrieben, in wessen Diensten stand er? Wir sollten nicht vergessen, das war die Zeit, in der die CG-Vreantwortlichen sich gegen die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen wehren mussten, und da waren deren Anwälte in der Wahl der Verteidigungsmittel nicht zimperlich. Noch beim Prozeß ab 1968 wurde eine Reihe von vermeintlichen medizinischen Experten aufgebracht, die allen Ernstes die Ursächlichkeit von Contergan für die Mißbildung in Frage stellten. Und was mir noch weiter auffällt an Ihrem Beitrag: Sie sagen kein Wort zu Mückters Tätigkeit in Krakau und seine Verwicklung in die Menschenversuche an KZ-Häftlingen. Ist das nicht interessant?
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