Braune Wiesn Wie Hitler das Oktoberfest stahl

Gaudi, Trachten, Hakenkreuze - und die Maß Bier für 90 Pfennige: Obwohl er sich selbst dort nie blicken ließ, war das Oktoberfest für Adolf Hitler etwas "Heiliges". Doch die Pflege der Münchner Tradition bedeutete für die Nazis keineswegs, dass Schausteller und Zeltwirte unantastbar waren.

Stadtarchiv München

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Hunderttausende Schaulustige säumten am ersten Wiesn-Sonntag des Jahres 1935 die Straßen, als sich anlässlich des 125-jährigen Oktoberfestjubiläums ein riesiger Festzug lautstark trommelnd durch die Münchner Innenstadt schlängelte. Von einem "Festzug, der zum Triumphzug der Verbrüderung von Bauern und Städtern wurde", schwadronierte der "Völkische Beobachter" am folgenden Tag.

Zehntausend bayerische Schützen, so berichtete das Nazi-Blatt, zuvorderst die Armbrustschützengilde, zeigten ihre Waffen. Ihnen folgte die Bauernschaft in bunten Trachten und das Münchner Handwerk in seinen festlichen Gewändern. Auch die Hitler-Jugend marschierte "von lebhaften Heilrufen begrüßt" mit, notierte der "Völkische Beobachter". Das Motto des Jubiläumszuges "Stolze Stadt - Fröhlich Land" sollte für die angebliche Überwindung der Schichten und Klassen stehen.

Aus ganz Bayern pilgerten die Menschen zum Festzug, die Reichsbahn setzte 67 Sonderzüge ein. Auch bei den Münchnern, die der braunen Mörderbande bislang skeptisch gegenübergestanden hatten, konnten die neuen Machthaber mit der Inszenierung punkten. Schließlich lag der letzte dieser in München so beliebten Umzüge lange zurück. Es sollte nicht das einzige Ereignis bleiben, das die Wiesn-Besucher stark beeindruckte. Nur wenige Jahre später hatten die Nazis das Volksfest ganz in ihrer Hand - und verpassten ihm einen anderen Namen.

Der Bierpreis als Instrument der Macht

Von Beginn an nutzten die neuen Machthaber die Wiesn für ihre Zwecke: Um sich als Freund des "arbeitenden Volkes" zu gebären, setzte das Regime 1933 den Preis für die Maß Bier auf 90 Pfennig fest. Außerdem verzichtete der von der NSDAP dominierte Stadtrat auf das bis dahin obligatorische Eröffnungsessen der Ratsherren. Stattdessen gab es - medial aufbereitet - jedes Jahr eine "Arbeitslosenspeisung" mit Festbraten und Wiesn-Maß. "Der bewegte Dank der hundert Bedürftigen", so berichtete etwa der "Oberbayrische Gebirgs-Bote" 1935, "fand seinen Ausdruck in einem begeisterten Sieg-Heil auf den Führer und sein Reich."

Abseits der Kameras und Mikrofone gingen die Nazis auf dem Oktoberfest dagegen wenig zimperlich mit den Ärmsten der Stadt um: Die braune Stadtspitze erließ rasch ein striktes Bettelverbot auf der Theresienwiese. Das Münchner Wirtschaftsreferat wies Polizei und Wachdienste an, die Bedürftigen ausnahmslos zu vertreiben. Schließlich versuchten "diese meist arbeitsscheuen Elemente", sich durch das Betteln lediglich "einen angenehmen Gelderwerb zu verschaffen", heißt es in einem Schreiben.

Boxen für die Bonzen

Die Parteibonzen scherten sich bei ihren Besuchen der ab 1934 fast vollständig beflaggten Festwiese wenig um die ideologisch verordnete "Volksgemeinschaft". Sie hatten ihre eigenen Tribünen und Boxen. Die ab Mitte der dreißiger Jahre vor allem für die Zeltsicherheit zuständige Wach- und Schließgesellschaft wurde verpflichtet, "Persönlichkeiten des Staats, der Partei und der Stadt" auch ohne Reservierung in die Boxen zu lassen. Auch kam es vor, dass sich Parteifunktionäre bei der Stadt beschwerten, der ihnen zugewiesene Platz auf der Festzugstribüne sei ihrer Position nicht angemessen.

Viele NS-Größen nutzten die Wiesn, um ihre angebliche Volksverbundenheit zu zeigen: Der spätere Hitler-Stellvertreter und Reichsmarschall Hermann Göring aß bei einem Auftritt zunächst öffentlichkeitswirksam einen Steckerlfisch, bevor er von der Menge belagert, in einem Bierzelt Brezen und Schokoherzen an jubelnde Kinder verteilte. Auch Propagandaminister Goebbels zählte zu den geladenen Gästen.

Hitler, der selbst strikter Antialkoholiker gewesen sein soll, ließ sich auf dem Oktoberfest nie blicken. Dass allerdings auch der Diktator um den propagandistischen Wert der Wiesn wusste, belegt eine "Führer"-Anordnung aus dem Jahre 1938: Darin sprach er sich zur Vorsicht bei einer möglichen Umgestaltung der Theresienwiese aus. Er erteilte früheren Plänen von NS-Architekten, die den Abriss der Ruhmeshalle samt Bavaria vorsahen, eine Absage. Die Wiesn sei, so der Diktator, "für die Münchner etwas Heiliges, mit ihr verbindet sich eine alte Tradition und sie darf nicht angetastet werden".

Schausteller denunziert

Der Großteil der Schausteller und Wirte passte sich schnell dem neuen Regime an: Standlbesitzer lockten schon bald die Kundschaft mit dem Versprechen auf "echt deutschen Käse", "deutsches Obst" oder "deutschen Traubenmost" an. Dennoch gab es auch auf dem Oktoberfest Formen des Protests gegen den Unrechtsstaat: Ein Schausteller namens Schieri etwa zog im Herbst 1938 den Ärger der Parteispitze auf sich. Der gläubige Betreiber einer Kindereisenbahn hatte vor seinem Fahrgeschäft Hunderte Fähnchen mit dem päpstlichen Vatikan-Wappen an Kinder verteilt.

Ein nationalsozialistischer Parteigänger, der darauf aufmerksam wurde, denunzierte den Schausteller bei der NSDAP-Kreisleitung. Die Gestapo beschlagnahmte umgehend die verbliebenen Fähnchen und verhörte den Schausteller. Schirie behauptete schließlich, er habe die Geschenk-Flaggen beim Kauf "nicht angesehen". Wohl nur deshalb beließ es das städtische Wirtschaftsreferat bei einer "ernsthaften" Verwarnung.

Linientreue war für die Nazis auch bei der Auftragsvergabe beim Oktoberfest das entscheidende Kriterium. Unternehmer, die sich den Zwängen der Diktatur verweigerten, lebten gefährlich oder mussten um ihre wirtschaftliche Existenz fürchten. Das bekam auch der Münchner Konditor Gerlinger zu spüren, der in den Vorjahren die städtische Losbude "Glückshafen" auf der Wiesn beliefert hatte. Der Bäcker weigerte sich trotz mehrfacher Drohungen, dem NS-Verband NSV beizutreten. In einem Brief an das Wirtschaftsreferat forderte ein NSDAP-Funktionär im Juni 1937 die Stadt deshalb auf, Gerlinger zukünftig von Aufträgen für das Oktoberfest auszuschließen, "da er nach seinem Verhalten als ein Gegner des nationalsozialistischen Staates zu betrachten ist". Den Auftrag bekam daraufhin ein anderer Konditor.

Bereits 1936 musste eine der bekanntesten Münchner Brauer-Dynastien, die jüdische Familie Schülein, vor den Nazis nach Amerika fliehen. Hermann Schülein hatte Löwenbräu durch die schwierigen zwanziger Jahre gebracht. Sein Vater Josef, der wegen seiner Mildtätigkeit und Arbeitnehmerfreundlichkeit auch "König von Haidhausen" genannt wurde, hatte das von ihm gegründete Unionsbräu einst mit Löwenbräu fusioniert. 1933 verboten die Nazis Juden, auf dem Oktoberfest zu arbeiten.

"Großdeutsches Volksfest"

Glänzte das Oktoberfest in den zwanziger Jahren durch ein hohes Maß an kultureller und musikalischer Vielfalt, sorgte das prüde, NS-geführte Kulturpolitische Amt dafür, "dass die Schausteller ihre Darbietungen in einem für die Volksseele gesunden Rahmen brachten". Außerdem hielt der Militarismus der Nazis auf der Festwiese Einzug. Schießübungen wurden fester Bestandteil des Programms. Das Landesschießen 1933 stand unter dem Motto: "Üb Aug und Hand fürs Vaterland".

1938 erreichte die Instrumentalisierung des Oktoberfests durch die Nazis ihren Höhepunkt: Nachdem sich Hitler auf der Münchner Konferenz in der Sudetenfrage auf ganzer Linie durchgesetzt hatte und die Regierungschefs Großbritanniens und Frankreichs dem Anschluss des Sudetenlandes ans Deutsche Reich zugestimmt hatten, tauften die Nazis die Wiesn kurzerhand um. Das Oktoberfest hieß nun "Großdeutsches Volksfest". Scharenweise karrte die NS-Führung daraufhin Sudetendeutsche auf die Festwiese.

Noch viele Jahre später kamen bei manchen Oktoberfest-Besuchern die Erinnerungen an die braune Wiesn-Demagogie wieder hoch. "Das Fest ist schön, aber wenn ich gegangen bin an die Zelte und das Gejohle gehört habe, habe ich gespürt die Veranlagung des Übersprungs des Funkens von Volkstümlichkeit zur Tierischkeit. Goebbels hat das ausgenutzt", sagte der nach Israel emigrierte deutsche Jude Rudi Hiller einmal.

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