Briefe an Bismarck "Größter aller Zeiten des Kontinents"

Briefe an Bismarck: "Größter aller Zeiten des Kontinents" Fotos
Otto-von-Bismarck-Stiftung

Liebesgrüße von Pennälern und Turntipps vom Arzt: Selbst im Ruhestand konnte sich Reichsgründer Otto von Bismarck vor Fanpost nicht retten. Jetzt haben Schüler zum ersten Mal einen Teil der 6000 noch unerforschten Huldigungsbriefe an den "Eisernen Kanzler ausgewertet. Von

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In prächtigen Uniformen stehen Hunderte von Offizieren dicht gedrängt um das Podest im Spiegelsaal von Versailles. Die Säbel in die Luft gereckt, jubeln sie Wilhelm I. entgegen. Der Monarch selbst schaut erstarrt von der obersten Stufe auf sein begeistertes Gefolge hinunter, die Arme hat er fest an den Körper gepresst. Schwer scheint die Bürde des historischen Augenblicks auf ihm zu lasten: Er ist nun nicht mehr nur König von Preußen, sondern soeben zum Kaiser des neugegründeten Deutschen Reiches ausgerufen worden.

Der eigentliche Held der berühmten Szene, die der Maler Anton von Werner 1871 in Öl festgehalten hat, ist nicht der neue Kaiser. Die wirkliche Hauptperson steht unterhalb der Siegertreppe: Otto von Bismarck. Mit geschwellter Brust und in strahlend weißer Paradeuniform hält er die Pergamentrolle in den Händen, aus der er, der preußische Ministerpräsident und angehende Reichskanzler, soeben die Kaiserproklamation verlesen hat.

Es ist der Beginn eines in der deutschen Geschichte einzigartigen Heldenmythos. Bismarck wird für das deutsche Bürgertum in den folgenden Jahrzehnten, was heute die Beatles für die Popmusik sind - das Maß aller Dinge. Kein deutscher Staatsmann hatte es jemals zuvor zur lebenden Legende gebracht, seit der Reichsgründung liegen dem Architekten des ersten deutschen Nationalstaats Millionen von Anhängern zu Füßen.

Fan-Sonderzüge zum Alterssitz

Zwar polarisierte der "Eiserne Kanzler" die Deutschen auch: Sein Verbot der Sozialdemokratie und der Versuch, mit aller Macht den Einfluss der katholischen Kirche zu brechen, schufen ihm viele Feinde. Andererseits trat er als Reformer hervor - er gab entscheidende Impulse für den Wirtschaftsaufschwung des Reiches und führte die weltweit erste gesetzliche Kranken- und Rentenversicherung ein.

Doch über allem strahlte Bismarcks unauslöschlicher Nimbus als Einiger der Deutschen und Gründer des Reiches. Auch als der junge, ungestüme Wilhelm II. 1888 das Zepter übernimmt und den "Eisernen Kanzler" 1890 aus dem Amt drängt, nimmt die Verehrung der Deutschen für Bismarck nicht ab - in Scharen pilgern sie zum Alterssitz der nationalen Kultfigur in Friedrichsruh bei Hamburg. Zu Bismarcks 80. Geburtstag am 1. April 1895 reisen rund 7000 Studenten mit Sonderzügen an, um ihrem Idol ein Ständchen zu singen.

Auch heute noch ist Friedrichsruh ein Wallfahrtsort - der alte Bahnhof ist Sitz der Otto-von Bismarck-Stiftung, gegenüber dem Herrenhaus wird das Leben des Reichsgründers in einem kleinen Museum gefeiert. Dort, im Hort der Bismarck-Verehrung, machte eine Schülergruppe aus dem nahe gelegenen Geesthacht kürzlich eine erstaunliche Entdeckung: 6000 nie ausgewertete Briefe an den berühmtesten aller deutschen Staatsmänner, dessen Leben in allen denkbaren Facetten bekannt, beschrieben, ausgeleuchtet schien und der Gegenstand zahlloser Biografien ist.

Ein Schatz im Archiv

Was als Klassenausflug begonnen hatte, verwandelte sich so bald zu einem großangelegten Forschungsprojekt über Bismarck und die Deutschen. In mühsamer Detailarbeit entzifferten und analysierten die Gymnasiasten rund 600 der unbekannten Briefe an den Superhelden Bismarck. Für ihre Pioniertat bekam die zwölfte Klasse des Geesthachter Otto-Hahn-Gymnasiums kürzlich einen ersten Preis beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten zuerkannt.

Die Briefe an Bismarck sind voll von Kitsch, unfreiwiliger Komik, ihr nationales Pathos und ihre unkritische Heldenverehrung wirken nach mehr als hundert Jahren und zwei Weltkriegen befremdlich. Gelegentlich klingt die Begesiterung für den Pickelhaubenträger wie Teenie-Rummel um einen Rockstar von heute: "Bismarck forever and forever" heißt es in einem Brief von damals - auf Englisch. Meist aber wirken die Stilisierungen skurril bis altbacken: Bismarck wird gepriesen als "Größter aller Zeiten des Kontinents und schon Unsterblichen" oder der "Einzige, der in der Geschichte unauslöschbar sein wird".

Ein besorgter Arzt etwa riet "Seiner Durchlaucht" zu "Zimmerturnen im Bett", und "zwar gleich nach dem Aufwachen das Fußkreisen mit beiden Füßen zugleich beim Anfang zehn Mal rechtsrum und zehn Mal linksrum; welches anfänglich Schmerzen verursachen würde, sich nach und nach verliere und die Blutzirkulation eine bessere wird". Die Verehrung für den weißhaarigen Politiker mit dem Walrossschnauzer vereinte alle Klassen, Landstriche und Generationen. "Lieber Fürst Bismarck", schrieb etwa der siebenjährige Kurt Reiner aus Jenneritz dem greisen Fürsten, "jetzt habe ich schreiben gelernt und jetzt kann ich dir sagen, dass ich dich lieb habe und dass ich so gern werden möchte wie du."

Bismarck-Merchandising - auch im 21. Jahrhundert

Dass sich mit so viel Heldenverehrung ein gutes Geschäft machen ließ, begriffen gewiefte Zeitgenossen schnell: Der Personenkult um Bismarck äußerte sich bald nicht nur in unzähligen Bismarck-Denkmälern im ganzen Reich, sondern auch in allerlei Souvenir-Kitsch, mit dem Geschäftemacher Profit aus der Popularität des großen Preußen schlugen: Bismarck-Tassen, Bismarck-Büsten oder gestickte Bismarck-Sprüche schmückten schon zu dessen Lebzeiten so manchen Haushalt im wilhelminischen Deutschland. Eine besondere Reliquie konnte man bei Bismarcks Haus- und Hoffriseur erwerben: Der Figaro bot Broschen mit Bismarcks Konterfei an, auf deren Rückseite jeweils drei echte Haare des "Eisernen Kanzlers" eingeklemmt waren.

Bis heute vertreiben Andenkenhändler allerlei Artikel aus der Abteilung Bismarck-Merchandising. Im Internet kann man etwa T-Shirts erwerben, die der "Eiserne Kanzler" samt Pickelhaube ziert. Fast prophetisch muten da die Zeilen an, die ein Bismarck-Begeisterter vor hundert Jahren seinem Helden widmete: "Durchlaucht! Wir ehren immer / in dir den Eisenmann / und wir vergessen nimmer / was Großes du getan". Das Forscher-Fazit der Geesthachter Gymnasiasten fällt da viel nüchterner aus: "Wir würden dem Bismarck-Mythos ein Denkmal setzen", schreiben die Schüler: "Das könnte dazu anregen, das Absurde dieses Personenkultes zu erkennen".

Dieser Artikel basiert auf dem preisgekrönten Beitrag "Der Bismarck-Mythos im Spiegel privater Huldigungsbriefe" für den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten 2009 von Schülern des Otto-Hahn-Gymnasiums Geesthacht. Mehr Informationen gibt es auf der Website des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten.

Text: Lena Wendte

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1.
Andreas von Seggern 23.11.2009
Sehr geehrte Damen und Herren der Redaktion, löblich, dass Sie das herausragende Engagement der Geesthachter Schüler so gewürdigt haben: Die haben jedes Lob verdient! Leider enthält der Artikel auch einige Ungenauigkeiten bzw. Falschinformationen bezüglich des Ortes Friedrichsruh und der dort ansässigen Otto-von-Bismarck-Stiftung. Die Bismarck-Stiftung ist nicht - wie beschrieben - im "Herrenhaus" tätig. Dort lebt nach wie vor die Familie von Bismarck, die mit der Stiftung nur mittelbar zu tun hat. Die Bismarck-Stiftung ist eine von fünf sogenannten "Politikergedenkstiftungen" der Bundesregierung, angegliedert an das Referat des Staatsministers für Kultur und Medien und wird zu 100% von dort finanziert. Sitz der Stiftung ist das historische Bahnhofsgebäude in Friedrichsruh. Familie von Bismarck und Stiftung sind nicht nur räumlich getrennt; auch inhaltlich setzt die Bismarck-Stiftung andere Prioritäten, als der Artikel - einem leider noch immer virulenten Klischee folgend - vermuten läßt. Es geht bei der Arbeit der Stiftung keineswegs um eine Fortschreibung der Bismarck-Verehrung, sondern um eine historisch-kritische Würdigung der Arbeit des ersten deutschen Reichskanzlers, auch und gerade kontrovers und nach Möglichkeit immer auf der Höhe der aktuellen Forschung. Diesem Ziel dient im Übrigen auch die sukzessive Herausgabe der Bismarckschen Schriften in einer verbesserten und kritisch annotierten Form ("Neue Friedrichruher Ausgabe", Schöningh-Verlag Paderborn), die die alte affirmative Ausgabe aus den 1920er/1930er Jahren für die Forschung entscheidend erweitert. Man sollte zudem darauf hinweisen, dass die Arbeit der Stiftung durch Namen wie Gall, Kolb, Langwiesche, Tenfelde, Ullrich, Afflerbach, Urbach, Frevert u.a. von einem ausgesprochen kompetenten und anerkannten wissenschaftlichen Beirat begleitet wird. Das im Artikel erwähnte Bismarckmuseum befindet sich ebenfalls nicht im Herrenhaus, sondern im benachbarten "Landhaus Friedrichsruh", das aufgrund seines erheblichen konservatorischen Bedarfs seit drei Monaten von der Stiftung organisatorisch betreut wird. Eine Neugestaltung ist sicher in nicht allzu ferner Zeit wünschenswert, jedoch aufgrund der bekannten Haushaltslage des Bundes vorerst nicht zu finanzieren. Die Stiftung bekennt sich aber hier zunächst einmal zu ihrer dringenden Aufgabe, in diesem Fall nationales Kulturerbe (u.a. Anton von Werners Kaiserproklamation) vor dem Verfall zu schützen. Auch wenn es mitunter etwas mühsam ist, darauf hinzuweisen: Die Bismarck-Stiftung ist eine anerkannte Einrichtung der geschichtswissenschaftlichen Forschung und der historisch-politischen Bildungsarbeit, was neben der erfolgreichen Editionsarbeit eben nicht zuletzt in der Betreuung der Geesthachter Schüler zum Ausdruck kommt. Es ist in der Tat mitunter schwierig, an einem nach wie auch von Bismarck-Huldigung heimgesuchten Ort dieser vom Bund und unserem Stiftungs-Team gestellten Aufgabe nach zu kommen und Bildungsarbeit im besten, demokratischen Sinne zu leisten. Die im Artikel durchscheinenden Fehlurteile sind dabei - sehr zu unserem Leidwesen - nicht besonders hilfreich. Namens der Otto-von-Bismarck-Stiftung Dr. Andreas von Seggern
2.
Rupert Kalkofen 07.10.2011
Das Engagement der Geesthachther Schüler hat in der Tat jedes Lob verdient, das Ergebnis ihres Engagements nicht unbedingt. Im Jahre 2009 nahmen sie an jenem Schülerwettbewerb teil, aber fast 20 Jahre zuvor war ein der interessierten Öffentlichkeit leicht zugängliches, gut lesbar geschriebenes Taschenbuch erschienen, dem sich entnehmen lässt, dass die wie fotorealistische Qualität der Wernerschen Gemälde täuscht bzw. ein Missverständnis ist. Das abgebildete und von den Schülern nacherzählte Gemälde der Proklamierung des deutschen Kaiserreiches ist die letzte von drei Fassungen. Die von ihr gezeigte Begeisterung und die darum gezogenen Säbel sind nicht historisch. Es gibt erzählende Quellen, die beklagen, dass die Begeisterung bzw. ihr Ausdruck nicht so augenfällig war, wie es das Gemälde darstellt. Bismarck hatte seine weiße Paradeuniform der Gardekürassiere tatsächlich nicht an, weil er sie nicht auf den Feldzug mitgenommen hatte, den Orden Pour le Mérite, den auf dem Bild trägt, hat er erst später bekommen, und der neben bzw. hinter ihm sichtbare preußische Kriegsminister von Roon war bei der Zeremonie nicht dabei. Und überhaupt sind alle Beteiligten so alt dargestellt, wie sie zur Entstehungszeit des Gemäldes waren, also 1885, nicht aber so alt wie zur Zeit des dargestellten Ereignisses, 1871. All das und mehr findet man bei: Thomas W. Gaehtgens: Anton von Werner, Die Proklamierung des Deutschen Kaiserreiches, ein Historienbild im Wandel preußischer Politik. Frankfurt: Fischer Taschenbuch-Verl., 1990.
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