Skurrile Weltkriegstaktik Bomben aus dem Baumarkt

Skurrile Weltkriegstaktik: Bomben aus dem Baumarkt Fotos
Presses du Midi

Britischer Humor mit Knalleffekt: Alliierte Bomber sollen im Zweiten Weltkrieg Flugzeugimitate der Wehrmacht angegriffen haben - mit Munitionsattrappen aus Holz. Beweise gab es dafür nicht. Bis ein Hobbyforscher dem Rätsel um die sonderbare Taktik nachging. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 5 Kommentare
    4.2 (25 Bewertungen)

Es war eine dieser Geschichten aus dem Krieg, die Lucien Courouble seinem Sohn Pierre-Antoine erzählte, als sie im Sommer 1973 auf dem Weg zu ihrem neuen Haus in Templeuve am Flughafen von Lesquin vorbeikamen. Die Deutschen hätten dort im Krieg Holzflugzeuge aufgestellt, berichtete der Vater. Sie wollten die Alliierten glauben machen, dass sie noch immer große Mengen an Fluggeräten besäßen. Doch die Alliierten hätten den Trick durchschaut. Statt echte Munition zu vergeuden, warfen die Engländer Holzbomben über den Holzflugzeugen ab. "Wood for Wood" soll darauf gestanden haben.

Eine hübsche Anekdote. Dem Journalisten Pierre-Antoine Courouble fiel sie wieder ein, als er mehr als 30 Jahre später für ein Buch über die Geschichte des Flugplatzes in der Nähe von Lille in Nordfrankreich recherchierte. Er machte sich auf die Suche nach Zeugen der mysteriösen Holzbombenabwürfe - in der Umgebung von Lesquin, aber auch im Internet. Doch die Reaktionen auf seine Nachforschungen stimmten ihn nicht eben optimistisch.

Die Geschichte mit den Holzbomben sei totaler Quatsch, belehrten ihn Nutzer einschlägiger Militärforen. Warum hätten die Briten für eine solche Aktion ihre Flugzeuge und Besatzungen riskieren sollen? Warum hätten sie dem Gegner zeigen sollen, dass sie von den Attrappen wussten? Kein Tagesbefehl, keine Einsatzmeldung sei bekannt, in denen davon berichtet worden wäre. Auch technisch, so musste Courouble lesen, wäre es ganz unmöglich gewesen, mit so leichtem Material einen gezielten Abwurf zu tätigen. Geschichten dieser Art erzähle man sich an vielen Flugplätzen, so der Tenor. Es sei wohl eher eine weit verbreitete Legende.

Doch Courouble gab so schnell nicht auf. Denn er hatte auch einige positive Rückmeldungen erhalten - per E-Mail, von Personen, die sich nicht öffentlich in einem Forum äußern wollten.

Der Zeuge

Courouble lernte etwa André Maéro kennen. Der Franzose war als 18-Jähriger in Salon-de-Provence, im Süden des Landes, zusammen mit anderen jungen Männern von den deutschen Besatzern dienstverpflichtet worden, um den dortigen Flugplatz nach Bombenangriffen wiederherzurichten. Dabei hatte er beobachtet, wie einer seiner Kumpel heimlich Notizen machte. Der Freund verriet ihm, dass er auf englischen Generalstabskarten die echten und die falschen Flakstellungen der Deutschen markierte, um sie den Alliierten zu übergeben.

Tage später, Ende Mai 1944, seien sie wieder auf dem Flugplatz gewesen, und es habe einen Luftangriff gegeben. Noch während sie sich in Bombenkratern versteckten, sei ihnen aufgefallen, dass keine Explosionen zu hören waren. Nachdem die britischen Flugzeuge fort waren und Entwarnung gegeben wurde, hätten sie auf dem Gelände verstreut herumliegende Holzbalken entdeckt, an einem Ende angespitzt. Sie seien mit Tarnfarbe bemalt gewesen und hätten eine weiße, gut sichtbare Aufschrift getragen: Wood for Wood. "Das war die Reaktion der Engländer auf unsere Generalstabskarten", schlussfolgerte André Maéro, einer der wenigen noch lebenden Augenzeugen.

Was Courouble stutzig machte: In alten Zeitungsartikeln und Tagebuchnotizen von Kriegsreportern las er nicht nur von britischen Holzbomben. Englische Militärs hatten berichtet, dass auch die Deutschen bei ihrem Feldzug in Nordafrika Holzbomben abgeworfen hätten. Und auch an der russischen Front habe es ähnliche Fälle gegeben. Sollte es sich also um eine wechselseitige Aktion gehandelt haben? Courouble allerdings schien es unwahrscheinlich, dass die Deutschen während der Schlacht um England, des Feldzugs in Nordafrika oder der Belagerung von Leningrad so viel Freizeit gehabt haben könnten, um Holzbomben zu basteln.

Die Vermutung

Ein Foto brachte ihn zu einer anderen Erklärung: Es zeigte deutsche Waffenmeister beim Beladen eines Bombers vom Typ Heinkel 111 - mit Holzbomben. So sah es jedenfalls aus. Eine Analyse durch Experten allerdings ergab, dass es sich zumindest in diesem Fall um Übungsbomben handelte, mit einem Körper aus Beton und einem Steuerschwanz aus Blech. Sie waren mit Holz verkleidet, um daran Glasampullen zu befestigen, die beim Aufschlag Rauch entwickelten und dem Piloten den Einschlag anzeigten. So war es wohl zu erklären, dass man jenseits des Ärmelkanals auch dann von Holzbomben sprach, wenn die Deutschen eine Übungsbombe in die Scheinanlagen warfen.

Die Annahme, dass es sich um eine wechselseitige Aktion gehandelt haben könnte, verwarf Courouble damit wieder. Dagegen war ihm bei den Berichten der Augenzeugen etwas anderes aufgefallen: Häufig war vom französischen Widerstand die Rede. War die Holzbombe also das Signal, dass die Aufklärungsdienste funktioniert hatten?

Andererseits: Auch die Deutschen konnten auf diese Weise erfahren, dass der Widerstand ganze Arbeit geleistet hatte. Was also steckte tatsächlich dahinter? Courouble hätte das gern einen Veteranen der Royal Air Force (RAF) gefragt, einen, der selbst eine solche Holzbombe abgeworfen hatte. Doch er fand keinen.

Wer sich bei ihm meldete, waren Kinder von Weltkriegsveteranen, die ihre Väter von Holzbomben hatten reden hören - jedoch ohne Details zu kennen. Der Krieg lag inzwischen mehr als 60 Jahre zurück, die meisten Piloten lebten nicht mehr oder konnten nicht mehr befragt werden.

Eine neue Spur

Stuart Usher, ein ehemaliger Fotograf der britischen Luftstreitkräfte, immerhin schrieb: "Ich bin geneigt zu glauben, dass sich diese Geschichten wirklich ereignet haben." Er vermute, dass es sich dabei um einen "Akt der Belustigung über den Feind" gehandelt habe, weniger um einen offiziellen Vorgang. Ob "solche Dummheiten" registriert wurden, "hing von der Einstellung des Staffelkommandeurs ab". Eine ähnliche Ansicht vertrat auch David Whiting, ehemaliger Ingenieur der britischen Luftfahrt und Adoptivsohn von Lord Downing, dem Kommandeur der RAF während der Schlacht um England. Auch Whiting hielt die Abwürfe für ein Werk der Beobachtungs- und Aufklärungseinheiten.

Den Einwand, dass solche Art von Humor zu riskant gewesen wäre, ließ er nicht gelten. Durch ihre Zuträger aus dem französischen Widerstand hätten die britischen Aufklärer gewusst, dass die wenigsten Scheinflugplätze über eine eigene Flugabwehrverteidigung verfügten.

Blieb die Frage, ob es sich tatsächlich um vereinzelten "Dummheiten" oder doch gezielte Aktionen handelte. Denn Courouble hatte auch Hinweise auf die britische Geheimdiensteinheit Special Operations Executive (SOE) erhalten. Der Nachrichtendienst für Spezialoperationen agierte weitgehend autonom. Seine Aufgabe war es, gesellschaftliche Umsturzversuche und die Widerstandsbewegungen in den besetzten Gebieten zu unterstützen.

Demnach könnte es durchaus im strategischen Interesse gelegen haben, die Deutschen moralisch zu schwächen, indem man sie wissen ließ, dass man ihre Tricks durchschaut hatte. Der Bevölkerung in den besetzten Gebieten wiederum machte man mit solchen Signalen womöglich Mut zum Widerstand. Prüfen konnte Courouble seine Hypothese nicht: Ein Brand hatte Ende 1945 das Archiv des SOE fast vollständig zerstört.

Die Entdeckung

Dann aber schien der französische Hobbyhistoriker doch noch fündig zu werden: Wenn schon nicht hinsichtlich des Piloten, so immerhin bezüglich der Munition. Er entdeckte sie in einem Film, einer Dokumentation des Kanadiers Robert Verge zum 50. Jahrestag der Landung in der Normandie. Ganz am Rande ging es dabei auch um eine Holzbombe - ausgestellt im Museum der US-Fallschirmjäger in Sainte-Mère-l'Eglise.

Courouble fuhr zu diesem Museum, stand vor einer Vitrine und las: "Holzbombe, abgeworfen 1944 von der alliierten Luftwaffe auf einen deutschen Scheinflugplatz in der Normandie. Die alliierten Piloten hatten Sinn für Humor!" Was vor ihm lag, war ein Geschoss von kaum 40 Zentimetern Länge und zwölf Zentimeter Durchmesser. Der Museumsdirektor erzählte ihm, dass ein US-Veteran sie 1970 dem Museum geschenkt und dazu erklärt hatte, dass es sich um eine Übungsbombe handle, amerikanische und britische Piloten sie aber auch benutzt hätten, um sie zum Spaß auf deutsche Scheinflugplätze zu werfen.

Das Projektil war hohl, hatte vorne und hinten eine Öffnung und im Inneren Brandspuren. Es war ursprünglich eine der schwimmenden Rauchbomben, die in großer Zahl in den USA hergestellt worden waren und üblicherweise für Markierungen auf See und auf dem Lande verwendet wurden.

Courouble gelang es, drei solcher Exemplare zu erwerben. Er packte sie ein und fuhr damit ins Département Pas-de-Calais an den ehemaligen Atlantikwall.

Noch ein Zeuge

Dort, zwischen Prédefin und Heuchin, hatten die Deutschen Ende 1943 ein Zentrum für Funkortung eingerichtet. Die Radarstation zur Luftverteidigung des Reiches war mit einem Peilgerät ausgestattet, das 30 Meter in die Höhe ragte. Um die Alliierten zu täuschen, war zwei Kilometer entfernt davon eine hölzerne Scheinanlage errichtet worden.

Der Mann, den Courouble im Pas-de-Calais aufsuchte, hatte daran mitgebaut - auf Befehl der Deutschen. René Merlier hatte außerdem gesehen, wie später Holzbomben darauf fielen. Sie seien aus einem kleinen Aufklärungsflugzeug abgeworfen worden, hatte der Landwirt erzählt. Als Courouble schließlich seine drei jüngst erworbenen Rauchbomben aus der Tasche holte, rief der alte Merlier erstaunt aus: "Ah! Ja! So sahen sie aus!"

Courouble war zufrieden. Er hatte das Rätsel der Holzbomben zwar nicht vollständig klären können, schrieb er später in seinem Buch, viele Fragen blieben offen. Doch die Geschichte seines Vaters schien tatsächlich glaubhaft. Zudem habe er den Eindruck gehabt, dass auch der alte Merlier sehr zufrieden gewesen sei mit dem "jungen Forscher", der ihm nach mehr als 60 Jahre den Beweis dafür lieferte, dass er sich nicht getäuscht hatte.

Zum Weiterlesen:

Pierre-Antoine Courouble: "Das Rätsel der Holzbomben". Presses du Midi, Toulon 2010, 262 Seiten.

Das Buch erhalten Sie bei amazon.fr .

Artikel bewerten
4.2 (25 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Günter Kieckeben 26.06.2012
Solches war weit verbreitet: Den Anschein zivilen Wohllebens hatte sich die Kaserne in Neu Tramm gegeben, wenn auch nur zur Tarnung. Als sich in den letzten Kriegstagen 1945 amerikanische Soldaten durch die Wälder der Ostheide kämpften, stießen sie auf ein schmuckes Rundlingsdorf mit Fachwerkhäusern. Zu ihrem Erstaunen entpuppte es sich als Militäranlage, zudem bis zum Rand gefüllt mit dort montierten Vl Raketen. Viele Grüße RK
2.
Thomas Kraft 26.06.2012
Spaß muss sein - immer!!!
3.
Regina Rosalund 26.06.2012
Hier gibt es noch einen Artikel zu der Geschichte und dem Hobby-Historiker: http://www.vintagewings.ca/VintageNews/Stories/tabid/116/articleType/ArticleView/articleId/355/language/en-CA/Wood-For-Wood.aspx
4.
Hartmut Staats 26.06.2012
Ist ein ganz alter Hut.... Die Nazis betrieben in Braunschweig eine Luftfahrtforschungsanstalt. Um von dieser abzulenken entstand bei Bortfeld (zwischen BS und Peine) ein Scheinflughafen mit Gebäuden und Flugzeugen aus Holz. Ein ehemaliger Zwangsarbeiter erzählte 1996: "Eines Tages kam ein britisches Flugzeug in großer Höhe angeflogen. Ein Fallschirm öffnete sich, und eine Bombe segelte auf den Bortfelder Flugplatz herunter. Es war eine Bombe aus Holz mit der Aufschrift: Holz auf Holz." Ich zitiere dies aus dem hervorragend recherchierten Buch "Der Löwe unterm Hakenkreuz", Hrg. Reinhard Bein und Ernst-August Roloff.
5.
Sean Fold 27.06.2012
Im Roman "Stuka" von Valentin Mikula wird ebenfalls von einem Belgischen Scheinflughafen berichtet, auf den Holzbomben abgeworfen werden.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH