Britische Antarktis-Expedition Der Ruhm des Scheiterns

Britische Antarktis-Expedition: Der Ruhm des Scheiterns Fotos
Getty Images

Zwei Pole, zwei Teams, ein Held: Vor 100 Jahren wollten gleichzeitig zwei Gruppen unter Leitung des Polarforschers Ernest Shackleton als Erste den magnetischen und den geografischen Südpol erreichen. Halb verhungert erreichte nur ein Team sein Ziel - doch gefeiert wurde ein Gescheiterter. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
    3.1 (154 Bewertungen)

Plötzlich war Socks weg. Völlig lautlos verschwand das letzte Pony in einer Gletscherspalte. "Nirgends eine Spur von Socks", schrieb Expeditionsleiter Ernest Shackleton am 7. Dezember 1908 konsterniert in sein Tagebuch. "Wir legten uns flach auf den Boden und sahen in den Schlund hinab, doch kein Laut drang zu unseren Ohren. Es schien eine schwarze, bodenlose Tiefe zu sein." Die vier Männer starrten nicht aus Tierliebe so lange in den Abgrund. Sie standen selbst am Abgrund. Der Verlust des letzten Pferdes gefährdete ihren ehrgeizigen Plan, als Erste den geographischen Südpol zu erreichen - und ihr Leben.

Denn Socks sollte nicht nur die 350 Kilogramm schwere Ausrüstung ziehen. Sein Tod war eingeplant, sein Fleisch eine feste Größe im knappen Speiseplan der vier Polarforscher Shackleton, Adams, Marshall und Wild. Drei Pferde hatten die Männer schon in den letzten Wochen erschossen, als die Tiere früher schlapp machten als erwartet. Für die Exekutionen schütteten sie extra einen Sichtschutz aus Schnee auf, um die lebenden Ponys nicht zu erschrecken. Tagsüber kauten sie das rohe Pferdefleisch und verbuddelten wie Eichhörnchen den Rest in Depots. Eine "ernste Sache" war für Shackleton daher Socks plötzliches Verschwinden. Doch der Dauer-Optimist tröstete sich mit Tierfutter. "Den Mais essen wir nun selber", notierte er lakonisch. Ungekocht.

Außerdem wusste Shackleton, dass seine Mannschaft nur knapp einer Katastrophe entgangen war: Beinahe hätte das Gewicht des Pferdes Frank Wild, der mit einem Seil an Socks hing, mit in den Abgrund gerissen. Doch die marode Ausrüstung rettete sein Leben. Socks Geschirr brach, Wild schlitterte zwar in eine Gletscherspalte, konnte sich aber festkrallen - und auch der Schlitten wurde geborgen. Ohne den, so Shackleton, "wären nur zwei Schlafsäcke übrig geblieben und ich bezweifle, ob wir jemals wieder zu den Winterquartieren zurückgekommen wären." Doch so konnten die Männer weiter von Ruhm und Ehre träumen, die sie erwarteten - falls sie es schaffen sollten, einen der letzten unberührten Flecken der Erde für das britische Empire zu erobern.

Ein glückliches Omen

Gerade einmal zwei Monaten war es her, als zwei Teams unter der Gesamtleitung des Briten Ernest Shackleton von ihrer Basisstation bei Cape Royds losgezogen waren - ungestüm und übermotiviert, nach den langen Wintermonaten in der Antarktis. Sie hatten zwar wissenschaftliche Messungen vorgenommen, aber monatelang kein Sonnenlicht gesehen. In der Enge ihrer selbst errichteten Holzhütte nervten sich die Männer an, gingen sich fast an die Gurgel, verfluchten den Zimmernachbarn heimlich in ihren Tagebüchern.

Im Oktober 1908 war die Zeit des Wartens vorüber. Sieben Männer, aufgeteilt in die zwei Gruppen, wollten zwei exponierte Orte für die britische Kolonialmacht erforschen und beanspruchen: Den magnetischen und den geografischen Südpol. Beide Ziele lagen mehr als tausend Meilen auseinander. Shackletons Team zog Richtung Süden, zum geographischen Südpol. Entfernung: 747 Meilen, 1200 Kilometer - eine Strecke. Alistair Mackay, Edgeworth David und Douglas Mawson marschierten nordwärts, um den magnetischen Pol zu finden - die kürzere und vermutlich einfachere Route. Doch beim Abschied wusste niemand, ob es Ende Februar 1909 zum Wiedersehen kommen würde. Shackleton verfasste für den Todesfall schon einmal einen letzten Liebesbrief an seine Frau.

Seine Stimmung trübte das nicht. "Ein herrlicher Tag für den Aufbruch", schrieb er am 29. Oktober 1908 enthusiastisch, "glänzender Sonnenschein und ein wolkenloser Himmel." Die Sonnenstrahlen fielen in der Hütte auf die Porträts von König Edward und Königin Alexandra, für Shackleton ein "glückliches Omen", um erfolgreich "die Flagge der Königin am entferntesten Punkt der Welt zu hissen."

Einsamkeit in eisiger Kälte

Für so viel Optimismus gab es keinen Anlass. Von Beginn an hatte die britische Antarktis-Expedition unter keinem guten Stern gestanden. Das erste Pferd starb schon während der Reise auf dem alten Schiff "Nimrod", ein Offizier verlor ein Auge, nach der ersten Exkursion musste einem Forscher ein erfrorener Zeh amputiert werden, das mitgebrachte Automobil überhitzte trotz der Kälte und kam im Schnee kaum voran, und die angeblich widerstandsfähigen Mandschurei-Ponys starben wie die Fliegen. Mit mindestens sechs wollte Shackleton losziehen. Ende Oktober lebten nur noch vier. Das Nord-Team zog ganz ohne Pferde und erfahrenes Personal los. Shackletons eigene Expertise beschränkte sich auf eine Expedition, von der er wegen einer Skorbut-Erkrankung frühzeitig nach Hause geschickt worden war. Seine Kalkulationen waren überambitioniert: Mindestens 16 Meilen pro Tag.

Beide Teams zogen in entgegengesetzte Richtungen - und machten doch die gleichen Erfahrungen. Unzählige Male sollten plötzliche Schneestürme, unüberwindbare Steilwände oder tiefe Gletscherspalten alle Planungen durcheinander wirbeln. Die Forscher kämpften mit der eisigen Kälte und der erdrückenden Einsamkeit, sie mussten Ausrüstung und Proviant durch tiefen Schnee ziehen, ohne Skier brachen sie Dutzende Male in Gletscherspalten ein, hatten Erfrierungen, ihre Körpertemperatur sank, sie wurden schneeblind, litten unter der Höhenkrankheit und verloren die Orientierung im unendlichen Weiß.

Mindestens genauso hart kämpften sie gegen sich selbst, gegen den nachlassenden Optimismus, gegen den aufkeimenden Hunger, gegen den unterdrückten Zorn. Jeder beschwerte sich über jeden. Marshall über Shackleton: "Shackleton zum Pol zu folgen ist wie einer alten Frau zu folgen. Andauernd Pausen." Wild über Marshall: "Ich wünsche mir aufrichtig, er würde in eine tausend Fuß tiefe Spalte stürzen." Wild über Adams: "Ich glaube wirklich, dass Adams sein Bestes gibt. Aber es ist ein armseliges Bestes. Armer Shackleton arbeitet wie zehn Teufel."

Zwei Fotos für die Ewigkeit

Die Zeit und der Hunger wurden zu den Hauptfeinden. Während beide Gruppen ihre tägliche Kilometerleistung ständig steigerten, um im Zeitplan zu bleiben, mussten sie die Rationen kürzen. "Die Essensknappheit macht sich bemerkbar", schrieb Douglas Mawson aus dem Nord-Team. "Wir sind wirklich schwach." Der schon 50-jährige Teamleiter Edgeworth David sei "so fertig, dass er kaum helfen kann, das Zelt aufzubauen und den Schlitten zu packen."

Trotzdem näherte sich Davids Team langsam dem magnetischen Südpol. Doch wo genau war er? Der Pol entpuppte sich als äußerst unstetes Ziel, dessen Lage sich täglich veränderte. Am 15. Januar berechnete Mawson, dass der Pol zu ihnen kommen würde, wenn sie nur 24 Stunden warten würden. Eine Beleidigung der eigenen Ambitionen - sie wollten den Pol aufspüren, nicht umgekehrt. Und so legten sie am 16. Januar 1909 die letzten 13 Meilen zurück. Bei 72 Grad 15 südlicher Breite pflanzten sie die britische Flagge in den Schnee und verewigten sich auf einem Foto. "Hiermit beanspruche ich dieses Gebiet", sagte David feierlich, "für das Britische Empire." Die drei Männer ließen dreimal den König hochleben und machten sich auf den Rückweg.

Mehr als 1100 Meilen südwärts hatte genau eine Woche zuvor auch Ernest Shackleton eine Fahne in den vereisten Boden gerammt, den Messingzylinder mit britischen Hoheitsdokumenten eingegraben und ein Foto machen lassen. Doch dies bedeutet das Ende seiner Träume. Sein Team war zwar südlicher vorgedrungen als je ein Mensch zuvor - doch der Pol war noch 97 Meilen entfernt. "Ich muss die Dinge vernünftig betrachten und an das Leben meiner Kameraden denken", hatte Shackleton schon am 2. Januar 1909 resigniert notiert. "Ich fürchte, wenn wir zu weit gehen, wird es unmöglich sein, zurückzukehren und all unsere Ergebnisse werden für die Welt verloren sein."

Blutsauce und gebratene Pferdeleber

Dennoch riskierte er für einen zweifelhaften Rekord noch einmal Kopf und Kragen. Wenigstens die symbolische 100-Meilen-Grenze bis zum Pol wollte er knacken. Nur mit der allernötigsten Ausrüstung und Essen für genau zehn Tage trieb er sein Team in Gewaltmärschen Richtung Süden - und erreichte am 9. Januar 1909 die Position 87 Grad 23 südlicher Breite, wo er das Foto knipsen ließ. Ein Erfolg, den Historiker später anzweifeln würden, da sie nicht glaubten, dass die geschwächten Männer sogar noch am letzten Tag mehr als 16 Meilen liefen.

Direkt nach den Erinnerungsfotos begann für beide Teams der Überlebenskampf. Die Tagesrationen waren so knapp kalkuliert, dass jeder Irrweg den sicheren Tod bedeutet hätte. Tagelang gab es nur Kekse, als die ausgingen, Aufputschtabletten. Die angelegten Pferdefleisch-Depots schienen Welten voneinander entfernt. Für manche der Teilstrecken blieb nur halb so viel Zeit wie auf dem Hinweg - bei gekürzter Ration. "Zwei oder drei Tage schlechtes Wetter würde uns ins Jenseits befördern", prophezeite Wild. Doch Shackletons Team hatte Glück. Ungewöhnlich gutes Wetter und starker Rückenwind trieb die Männer voran - und ihr Hunger. Jetzt schmeckte alles. "Hervorragende Sauce mit gefrorenem Blut", notierte Marshall, Pferdeleber "in Fett gekocht. Sehr zart und weich."

Dennoch kollabierte Wild, wurde immer schwächer, schluckte Medizin, schlief beim Laufen fast ein. Da spendierte ihm Shackleton, selbst völlig am Ende, sein eigenes Frühstück, das nur noch aus einem Keks bestand. "Ich glaube nicht, dass überhaupt jemand auf dieser Welt begreifen kann, wie viel Opfermut und Mitgefühl sich darin offenbart", schrieb Wild später ins Tagebuch und unterstrich jedes Wort. "Ich weiß es, und bei Gott, ich soll es nie vergessen." Es waren solche Gesten, nicht sein neuer Polarrekord, die Shackleton zur Legende machten. Als seine größte Stärke erwiesen sich Einfühlungsvermögen und ein unautoritärer Führungsstil, der noch heute auf Managerseminaren als Vorbild dient.

Vergessene Rekordhalter und ruhmreich Gescheiterte

Vielleicht war es pures Glück. Vielleicht war es Shackletons Motivationskunst und seine Willensstärke. Doch irgendwie schafften es dann doch alle. Trotz des heftigen Durchfalls, den sie vom Pferdefleisch bekamen, trotz Ohnmacht und Zusammenbruch kurz vor dem Ziel. Sogar die "Nimrod" konnte Shackleton filmreif stoppen, als der schon totgeglaubte Expeditionsleiter an der Küste noch gerade rechtzeitig ein Signalfeuer abbrannte. Kurz danach hätte sich das Schiff auf den Rückweg gemacht, allerdings nicht, ohne ein Team in der Antarktis überwintern zu lassen, um nach den Verschollenen oder ihren Leichen zu suchen.

An Bord war bereits das erfolgreiche Nord-Team, das sich vom magnetischen Südpol zur Küste durchgeschlagen hatte, Pinguine gejagt hatte und dann von der "Nimrod" gesichtet wurde. Doch obwohl sie ihren Auftrag vor 100 Jahren hundertprozentig erfüllten, würden David, Mawson und Mackay immer im Schatten ihres charismatischen Chefs stehen, der noch 1909 zum Ritter geschlagen wurde.

Vielleicht liebten die Menschen das knappe Scheitern mehr als Rekorde. Und Shackleton würde auch bei seiner nächsten Expedition grandios scheitern, als sein Schiff "Endurance" vom Packeis zermalmt wurde, der Brite aber erneut seine Mannschaft nach Hause brachte und vollends zum Helden aufstieg.


Weiter zur Homepage von einestages!

Die Jahrzehnte durchstöbern mit der einestages-Zeitmaschine!

Alle einestages-Zeitgeschichten als praktischen RSS-Feed abonnieren!


Artikel bewerten
3.1 (154 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH