Erster Weltkrieg Der Feind, dem der Kaiser Urlaub gab

Erster Weltkrieg: Der Feind, dem der Kaiser Urlaub gab Fotos
Time & Life Pictures/Getty Images

Großes Herz für einen kleinen Soldaten: Ein britischer Historiker hat eine berührende Geschichte aus dem Ersten Weltkrieg aufgedeckt. Offenbar erlaubte Kaiser Wilhelm II. einem britischen Kriegsgefangenen, seine sterbenskranke Mutter in England zu besuchen. Einzige Bedingung - er müsse freiwillig zurückkehren. Von Lazar Backovic

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Der Brief, den Robert Campbell im Sommer 1916 von seiner Schwester Gladys bekam, dürfte ihm in seiner Lage wohl so ziemlich den Rest gegeben haben: Es war die Hochphase des Ersten Weltkriegs, der britische Offizier Campbell war zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Jahre als Kriegsgefangener in Magdeburg interniert. Die Deutschen hatten ihn in das Offizierslager gesteckt, nachdem Campbell im wallonischen Mons gekämpft hatte und schließlich schwerverletzt in ein Krankenhaus nach Köln gebracht wurde. Nach mehreren schmerzhaften OPs war Campbell - trotz Kriegsgefangenschaft - in diesem Sommer nunmehr auf dem Weg der Besserung. Bis dieser Brief aus der Heimat kam.

Das Schreiben der Schwester war einigermaßen deutlich: Robert Campbells Mutter - Louisa - lag zu Hause im Sterben, Krebs, ein paar Wochen, vielleicht ein paar Monate hatte sie noch zu leben. Niedergeschmettert von den Wirren des Krieges und der Nachricht, wagte Campbell in seiner Not eine Verzweiflungstat: Er schrieb dem Deutschen Kaiser einen Brief. Er wolle das Gefangenenlager kurz verlassen, um seine Mutter in England noch ein letztes Mal sehen zu können, so die Bitte.

Obwohl Campbell selbst kaum daran glaubte, erhielt er binnen weniger Tage Antwort. Ja, er könne gehen, ließ der Kaiser überraschenderweise ausrichten. 14 Tage lang gewährte ihm Wilhelm II. Sonderurlaub - danach müsse er jedoch zurückkommen. Als Sicherheit reichte dem Deutschen Kaiser Campbells Ehrenwort.

Kurz darauf machte sich Campbell auf den Weg gen England - über den Westen des Kaiserreichs und die Niederlande, per Bahn und Schiff, vorbei an Grenzposten, denen er Bericht über seine Aufenthaltsorte und Route erstattete. Am 7. Dezember 1916 schließlich soll Campbell in seinem Heimathaus in Gravesend in der Grafschaft Kent angekommen sein, wo er eine Woche am Bett seiner kranken Mutter verbrachte - nur um anschließend wieder brav nach Magdeburg in seine Zelle zurückzukehren.

Diese kleine, bislang unbekannte Weltkriegsrandnotiz, die nun der britische Historiker Richard van Emden erstmals in seinem Werk "Meeting the Enemy: The Human Face of the Great War" aufschrieb, zeichnet ein überraschendes Bild der deutsch-britischen Beziehungen zur Zeit des Ersten Weltkriegs. Wie konnte es sein, dass Wilhelm II. sich auf den Deal mit dem Soldaten tatsächlich einließ? Und vor allem: Warum ließ Campbell die offensichtliche Chance zur Flucht ungenutzt?

"Als echter britischer Offizier hat ihm sein Ehrenwort wohl ziemlich viel bedeutet", erklärt van Emden. Außerdem habe Campbell womöglich auch an andere Gefangene in einer ähnlichen Situation gedacht und sich deshalb an die Vereinbarung gehalten, so der Autor. Mit einer Flucht hätte Campbell wohl definitiv jedem seiner eingesperrten Kameraden die Chance auf Freigang verbaut.

Zumindest seinem Kriegsgegner scheint Campbell mit der Aktion jedoch nicht unbedingt geholfen zu haben: Aus der Akte mit dem Zeichen FO 383/203, in der van Emden auch Campbells Geschichte aufspürte, wird deutlich, dass praktisch zeitgleich ein weiterer Militär einen ähnlichen Wunsch wie Campbell hegte - ein deutscher Soldat namens Peter Gastreich, 25, Kriegsgefangener in England, dessen Mutter ebenfalls im Sterben lag.

Andere Soldaten hatten weniger Glück

Doch während Campbells Wunsch vom Kaiser höchstpersönlich abgesegnet wurde, zeigten sich die britischen Behörden bei Gastreichs Anfrage deutlich schroffer: "Wir sehen uns außerstande, P. Gastreichs Entlassung zuzustimmen. Captain Campbells Fall darf nicht als Präzedenzfall angesehen werden." Gastreichs Mutter starb nur eine Woche, nachdem die Familie den Antrag gestellt hatte.

Aus Angst davor, Campbells Beispiel könne weiter Schule machen, kanzelten die britischen Behörden auch die Freiheitsgesuche eigener Landsmänner ab. So erzählt van Emden in seinem Buch von einem britischen Offizier, der im Oktober 1917 nach Hause wollte, um seine kranke Mutter zu sehen - und dessen Familie dafür das Foreign Office in London kontaktierte.

Die Behörde antwortete britisch höflich, aber bestimmt: "Es gab einmal einen Fall, in dem die Deutschen einem britischen Offizier Hafturlaub gewährt haben - allerdings ohne uns vorher zu konsultieren." Seitdem hätten deutsche Offiziere diesen Fall - Campbell - immer wieder zu nutzen versucht, um in ihre Heimat zu gelangen, so die Behörde. Auf ähnliche Deals wolle man sich in Großbritannien nicht einlassen, so die klare Ansage.

"Campbell hat wirklich enormes Glück gehabt", sagt van Emden. "Wahrscheinlich hat er den Kaiser zufällig in guter Laune erwischt und Wilhelm II. dachte sich, als er den Brief las: 'Warum eigentlich nicht?' - es war ein kompletter Einzelfall."

Den lange ersehnten Fluchtversuch unternahm der Soldat nach seiner Rückkehr ins Magdeburger Lager schließlich aber doch noch - nachdem er sein Ehrenwort gehalten hatte. Genützt hat es nichts: Deutsche Soldaten spürten Campbell an der niederländischen Grenze auf und brachten ihn zurück ins Lager, wo er den Rest des Ersten Weltkriegs verbrachte. Campbells Mutter Louisa sollte übrigens noch zwei Monate nach dem Überraschungsbesuch ihres Sohnes weiterleben. Dann starb sie.

Zum Weiterlesen:

Richard van Emden: "Meeting the Enemy: The Human Face of the Great War". Bloomsbury Publishing, London, 2013, 400 Seiten.

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1.
Mathias Völlinger 06.09.2013
Ach ja, der Kaiser. Der war ja halber Engländer. Sentimentaler Gefühlsausbruch einer verkorksten Person mitten im Weltuntergang.
2.
Christian Schmitt 06.09.2013
Das hat nichts mit "sentimentaler Gefühlausbruch" zu tun, es war einfach eine andere Zeit in der die Ehre ein hohes Gut war. Charles de Gaulle hätte in Deutscher Gefangenschaft auch Freigang um die Festung bekommen, in der er eingesperrt war, vorrausgesetzt er hätte sein Ehrenwort gegeben nicht zu fliehen. Er meinte aber, dieses könne er nicht geben, da er es als Pflicht eines französischen Offiziers ansieht jede Möglichkeit zur Flucht zu nutzen.
3.
Ulrich Scholz 06.09.2013
Im amerikanischen Bürgerkrieg kam es nicht selten vor, dass Wachposten der sich gegenüber liegenden feindlichen Armeen miteinander kommuniziert haben. Man hat Zigaretten gegen Kaffee und Schokolade und Nachrichten ausgetauscht. Am nächsten Tag hat man sich dann wieder bis aufs Messer bekriegt. Trotz aller geschichtlich und kulturell bedingten trennenden Konventionen und Feindseligkeiten gab es immer wieder Gesten von Nächstenliebe. Wir sind so gemeint!
4.
Wolfgang Baumann 06.09.2013
1919/20 lag meine Urgroßmutter im Sterben. Mein Großvater war in französischer Gefangenschaft. Sie haben in nicht mal zur Beerdigung seiner Mutter, obwohl der Krieg vorüber war, entlassen. War halt kein Offizier, sondern normales Kanonenfutter.
5.
Stefan Albrecht 06.09.2013
Es ist eigentlich nicht besonders verwunderlich, was passiert ist. Es zeigt vielmehr, daß nichts unmenschlicher ist, als das verbissene Festhalten an Regeln, deren Sinn nicht hinterfragt wird. Dieses Festhalten zeichnet die Bürokratie aus. Der Mensch ist nicht mehr Mensch, sondern ein Objekt, auf das diese hirnrissigen Regeln angewandt werden soll. In der Bibel sind es die Phariäer, die vor lauter Regeln unmenschlich werden, eine Parabel für das Fehlen von Liebe zugunsten von Bürokratie. Vermutlich hatte Wilhelm II einfach die Situation betrachtet und nach seinem menschlichen Empfinden gehandelt. Von mir bekommt er dafür einen Pluspunkt, als Mensch, der vielleicht selbst in einem Regelwerk aus Hofleben und Untertanen, die gern nach unten traten und nach oben buckelten, gefangen war aber es wenigstens einmal geschafft hat, Mut zu fassen.
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