Bruder des NS-Verbrechers Der gute Göring

Bruder des NS-Verbrechers: Der gute Göring Fotos

Hermann Göring war einer der mächtigsten Männer des NS-Staates und glühender Antisemit - doch jahrelang torpedierte ausgerechnet ein Familienmitglied die Politik des Hitler-Bewunderers: der eigene Bruder. Ein Buch beschreibt jetzt, wie Albert Göring Dutzenden Juden das Leben rettete - und dem Regime am Ende nur knapp entkam. Von

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Sie wollten die alte Frau demütigen. Die Menge in der Wiener Innenstadt johlte, als die SA-Männer ihr das Schild mit der Aufschrift "Ich bin eine Saujüdin" umhängten. Dann kam dieser großgewachsene Mann mit der hohen Stirn und dem dichten Schnauzer, er boxte sich wütend durch den Mob und befreite die Frau. "Dabei kam es zum Handgemenge mit zwei SA-Männern; ich schlug sie und wurde zugleich verhaftet", gab der Retter später nüchtern zu Protokoll.

Trotz des offenen Widerstands wurde der Mann sofort wieder freigelassen. Dazu brauchte er nur zwei Worte - seinen Namen: Albert Göring. Bruder von Reichsmarschall Hermann, dem Oberbefehlshaber der Luftwaffe und Hitlers engstem Vertrauten.

Jahre später, das "Dritte Reich" war gerade untergegangen, sitzt Albert Göring erneut in Haft, diesmal in US-amerikanischer. Wieder nennt er seinen Namen. Doch diesmal bewirkt er das Gegenteil.

"Das Ergebnis der Vernehmung von Albert Göring", notiert US-Ermittler Paul Kubala am 19. September 1945 zornig, "ist einer der plattesten Versuche der Ehrenrettung und Reinwaschung, die das SAIC (Seventh Army Interrogation Center) je erlebt hat." Alberts "Mangel an Raffinesse" lasse sich "allenfalls noch mit der Körpermasse seines fettleibigen Bruders vergleichen." Und auch Kubalas Dolmetscher Richard Sonnenfeldt war skeptisch. "Albert erzählte eine faszinierende Geschichte, an die ich damals nicht recht glauben mochte."

Görings Bruder ein Widerstandskämpfer, kann das sein?

Das Leben von Hermann Görings jüngerem Bruder ist in der Tat eine faszinierende Geschichte, die auch fast sieben Jahrzehnte nach dem Ende der NS-Diktatur nahezu unbekannt ist. Vielleicht liegt es daran, dass einen noch heute reflexartig derselbe Unglaube befällt wie 1945 die US-Fahnder: Kann das denn wirklich sein, dass der Bruder von Hermann Göring ein Widerstandskämpfer war? Ein Menschenfreund, ein Judenretter, der Dutzenden Verfolgten mit Devisen und falschen Ausweisen half und sogar für die Entlassung von KZ-Internierten sorgte?

"Nun sind es vier Monate, seit ich der Freiheit beraubt worden bin", schrieb Albert Göring im September 1945 betrübt in einem Brief an seine Frau, und das, "ohne zu wissen, warum". Freiwillig hatte er sich am 9. Mai 1945 den Amerikanern gestellt. Jahrelang hatte er versucht, die Politik seines Bruders im Kleinen zu hintertreiben. Jetzt fühlte er sich betrogen.

Also nahm er Stift und Papier und schrieb in alphabetischer Reihenfolge 34 Namen auf. Der Titel seiner Liste: "Menschen, denen ich bei eigener Gefahr (dreimal Gestapo-Haftbefehle!) Leben oder Existenz rettete".

Eine verstaubte Liste

Jahrzehntelang verstaubten diese Liste und die wenigen Dokumente, die es über Albert Göring gibt, in den Archiven. Hermann Görings Leben wurde bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet - von seiner Morphinabhängigkeit, seiner Rolle als Kunsträuber bis hin zu seinem Wirken als Reichsjägermeister. Albert Göring hingegen geriet in Vergessenheit.

Schließlich waren es Journalisten, nicht renommierte Historiker, die den jüngeren Bruder erstmals einer etwas breiteren Öffentlichkeit bekanntmachten. 1998 drehte ein britisches Filmteam die Dokumentation "The Real Albert Göring". Auf sie stieß im fernen Sydney auch William Hastings Burke - eine Geschichte, die den damals 18-Jährigen jahrelang nicht mehr loslassen sollte. "Die Vorstellung, jenes Monster, das wir aus dem Geschichtsunterricht kennen, hätte einen Oskar Schindler zum Bruder gehabt, schien mir geradezu unglaublich", schrieb er später.

Also kratzte Burke nach Abschluss seines Wirtschaftsstudiums sein Geld zusammen und flog nach Deutschland. Er lebte in einer Freiburger WG, jobbte in einem Irish Pub - und machte sich ansonsten drei Jahre lang auf die Suche nach Albert Göring: Er durchforstete Archive und traf ehemalige Weggefährten oder Angehörige von Menschen, denen Albert Göring geholfen haben soll. Daraus ist 2009 ein Buch entstanden, das im Mai nun auch auf Deutsch erscheinen wird.

Es beschreibt einen Mann, der sich von seinem berüchtigten Bruder gar nicht mehr hätte unterscheiden können. "Er war stets das genaue Gegenteil von mir", gab Hermann nach dem Krieg zu Protokoll. "Er interessierte sich nicht für Politik oder das Militär; ich schon. Er war still, zurückgezogen; ich liebe Menschenansammlungen und die Geselligkeit. Er war schwermütig und pessimistisch, ich bin ein Optimist."

Der Bruder ist groß, schlank und ein Bonvivant

Auch äußerlich waren die Gegensätze so frappierend, dass es schon früh Gerüchte gab, Albert sei in Wahrheit das Ergebnis eines Seitensprungs seiner Mutter Franziska. Hermann war blauäugig, Albert hatte braune Augen. Hermann war gedrungen und dick, Albert groß und schlank. Hermann liebte den autoritären, bombastischen Auftritt, Albert war ein Bonvivant: musikalisch, kultiviert, charmant - ein Frauenheld, viermal verheiratet, immer für Affären zu haben.

Anfangs versuchte Albert lediglich, den Nationalsozialisten aus dem Weg zu gehen. Der diplomierte Maschinenbauer trat nicht in die NSDAP ein, ging als Verkaufsleiter von Heizungsboilern 1928 nach Wien und nahm die österreichische Staatsbürgerschaft an. Doch die ihm so verhasste Großmachtpolitik, die sein ehrgeiziger Bruder vorantrieb, holte ihn mit dem "Anschluss" Österreichs 1938 auch dort ein.

Irgendwann wollte er nicht mehr weggucken. Sondern helfen. Etwa Menschen wie Oskar Pilzer, dem ehemaligen Präsidenten der Tobis-Sascha-Filmindustrie, der größten Filmproduktionsgesellschaft Österreichs. Pilzer war Jude. Das hatte den Nationalsozialisten den perfekten Vorwand geboten, Filme aus seinen Studios in Deutschland zu verbieten - um schließlich das schwächelnde Unternehmen selbst zu übernehmen. Als die Gestapo den gestürzten Filmmogul im März 1938 verhaftete, intervenierte Albert Göring.

Göring schrubbt aus Solidarität den Straßenboden

"Mit Hilfe seines Nachnamens", sagte Pilzers Sohn George später aus, "setzte Albert Göring alle Hebel in Bewegung, um erstens herauszufinden, wo mein Vater war, und zweitens für seine sofortige Freilassung zu sorgen."

Kein Einzelfall. Nach 1945 gab es etliche solcher Aussagen, etwa von Alexandra Otzop: "Im Herbst 1939 wurden mein Mann und dessen Sohn aus erster Ehe verfolgt. Herrn Göring gelang es, statt einer KZ-Inhaftierung ihre Ausweisung nach dem Ausland zu erwirken." Einmal soll Albert sogar aus Solidarität mit von der SA schikanierten Frauen den Wiener Straßenboden geschrubbt haben - auf allen vieren. Als er gefragt wurde, wer er denn sei, erschraken die Peiniger.

Während sein Bruder mit Hochdruck am Ausbau der Luftwaffe feilte, besorgte Albert falsche Papiere, warnte Freunde vor drohenden Verhaftungen und stattete Flüchtlinge mit Geld aus. Amtsträger schüchterte er immer wieder geschickt mit seinem Namen ein.

Eine bizarre Situation. Der überehrgeizige Hermann wusste von den Aktivitäten Alberts - und ließ ihn trotzdem gewähren. Später sagte Albert aus, sein Bruder habe ihm gesagt, es sei "seine Sache", wenn er Juden schützen wolle - Hauptsache, er bringe ihn damit nicht in "endlose Schwierigkeiten". Umgekehrt hatte Albert ein fast schizophrenes Verhältnis zu Hermann, indem er versuchte, zwischen der Privatperson und dem Staatsmann zu trennen. "Als Brüder standen wir uns nahe", sagte er.

Doch mit der Zeit ließ Albert Göring die eingeforderte Vorsicht fallen, zumal er seit Ende 1939 selbst eine einflussreiche Position bekleidete: Er war Exportleiter der Skoda-Werke im tschechischen Brünn. Von hier aus unterstützte er auch den tschechischen Widerstand, wie Aktivisten später beteuerten. Stimmen deren Aussagen, dann verriet Albert Göring nicht nur "die genaue Lage einer U-Boot-Werft", sondern auch den geplanten Bruch des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts. Die brisanten Informationen seien erfolgreich nach Moskau und London weitergegeben worden, sagten tschechische Widerstandskämpfer später aus.

Damit nicht genug: 1944 soll Göring KZ-Internierte aus Theresienstadt gerettet haben. "Er sagte: Ich bin Albert Göring, Skoda-Werke. Ich brauche Arbeiter", erzählte Jacques Benbassat, Sohn eines Weggefährten, später. "Er füllte die Lastwagen mit den Arbeitern. Der Leiter des Konzentrationslagers stimmte zu, weil es Albert Göring war. Er fuhr in den Wald und ließ sie frei."

Flucht nach Salzburg

Dass solche Geschichten nicht frei erfunden sein dürften, lässt sich auch einigen deutschen Aktennotizen entnehmen. So monierte die Prager Gestapo, Görings Büro in den Skoda-Werken sei "eine wahre Einsatzzentrale für 'arme' Tschechen". Und der General der Prager Polizei, SS-Obergruppenführer Karl Hermann Frank, hielt Albert Göring "mindestens für einen Defätisten übelster Art" und bat 1944, ihn wegen "schwerwiegender Verdachtsmomente" verhaften zu dürfen.

Der Fluchthelfer wurde nun selbst zum Gejagten. Mehrmals musste Hermann Göring für Albert intervenieren - und warnte ihn, dass er das bald nichts mehr tun werde. Denn mit jedem abgeschossenen Flugzeug sank auch der Stern des einst unantastbaren Luftwaffen-Chefs. Schließlich flüchtete Göring kurz vor Kriegsende ins österreichische Salzburg.

Noch einmal, im US-Gefangenenlager in Augsburg, trafen die beiden ungleichen Männer aufeinander. "Du wirst bald frei sein", soll Kriegsverbrecher Göring am 13. Mai 1945 zum Judenretter Göring gesagt haben. "Dann nimm dich meiner Frau und meines Kindes an. Leb wohl."

Während der in Nürnberg verurteilte Herrmann Göring seiner Hinrichtung im Oktober 1946 durch Selbstmord entging, war Albert Göring den Amerikanern immer noch suspekt. Sein Nachname wurde nun endgültig zum Fluch. Obwohl der letzte von mehreren Sachbearbeitern schließlich seine Entlassung empfahl, wurde Göring an die Tschechen ausgeliefert und in Prag wegen möglicher Kriegsverbrechen angeklagt. Schließlich gehörten zum Skoda-Konzern auch Waffenfabriken.

Erst als etliche ehemalige Skoda-Mitarbeiter für Göring aussagten, wurden die Vorwürfe fallengelassen und Göring im März 1947 freigesprochen. 1966 starb er in einem Münchner Vorort - als verarmter und verbitterter Mann. Der hochqualifizierte Ingenieur hatte im Nachkriegsdeutschland keine Stelle mehr gefunden. Zum Verhängnis geworden war ihm seine Verwandtschaft mit Hermann Göring, die ihm Jahre zuvor noch das Leben gerettet hatte.

Zum Weiterlesen:

William Hastings Burke: "Hermanns Bruder - Wer war Albert Göring?". Aufbau Verlag, Berlin 2012, 237 Seiten.

Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.

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insgesamt 11 Beiträge
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1.
Patrick Oliver Ott 23.04.2012
Ich habe während eines Studienaufenthaltes in den USA schon 1999 auf dem "History Channel" einen sehr guten Bericht über den "Bruder Göring" gesehen, der wohl auch einen Baum in der Allee der Gerechten hat wie Schindler und ebenso wie dieser nach dem Krieg nie mehr an seine früheren wirschaftlichen Erfolge anschließen konnte. Schon damals fand ich es schade, dass ich davon bei uns Deutschland nie etwas gehört habe. Auch wenn wir uns immer darüber bewusst sein müssen, dass die breite Masse mitgemacht oder weggeschaut hat und wir, wie Weizsäcker mal sagte, eine Kollektivscham davon geerbt haben, gilt es doch auch die wenigen positiven Beispiele zu würdigen und nicht zu vergessen
2.
ernst friedrich ziegler 23.04.2012
Ihr Artikel erweckt den Eindruck, als läge bisher über Albert Göring kein anderes als das von Ihnen erwähnte, demnächst zu erscheinende Buch vor. Mir liegt vor: James Wyllie "Albert Göring", aus dem Englischen von Ursula Locke-Groß. Deutsche Ausgabe: Magnus Verlag, Essen 2006.
3.
Oswald Koslowsky 24.04.2012
Herr Ziegler, das Ihnen vorliegende ist wahrscheinlich nicht im SPIEGEL SHOP erhältlich. Ein Schelm, der ...
4.
Stephan Dunkel 24.04.2012
Das ist faszinierend, einfach unglaublich. Man sollte meinen, dass man so etwas im Geschichtsunterricht lernen sollte, aber wie bei Schindler, müssen uns solche "Neuigkeiten" aus dem Ausland über ein anderes als das uns eingebläute Bild erreichen. Auch finde ich interessant, dass Hermann Göring es scheinbar nicht sehr interessiert hat, dass sein Bruder die Endlösung mit all seinen gegebenen Möglichkeiten und mehr oder weniger mit seiner Hilfestellung sabotiert hat.
5.
Jens Schuetz 24.04.2012
"""Auch wenn wir uns immer darüber bewusst sein müssen, dass die breite Masse mitgemacht oder weggeschaut hat und wir, wie Weizsäcker mal sagte, eine Kollektivscham davon geerbt haben, gilt es doch auch die wenigen positiven Beispiele zu würdigen und nicht zu vergessen""" Seh ich auch so. Ein paar positive Beipiele zum Nachahmen waeren paedagogisch viel sinnvoller als immer nur schlechte Beispiele, wie mans nicht machen soll.
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