Legendäres Messie-Brüderpaar Collyer New Yorks traurigste Geschichte

Polizisten waren fassungslos, als sie 1947 ein Haus in Harlem betraten. Mehr als 100 Tonnen Schrott hatten die Brüder Homer und Langley Collyer angehäuft. Zwischen den Müllbergen wartete ein grausiger Fund.

AP

Meterhoch stapelte sich der Müll. Zeitungen, Bücher, Schrott. Tonnenweise. Dazu ein Gestank, atemberaubend. Und irgendwo in diesem Chaos sollte sich eine Leiche befinden. Das zumindest hatte ein Anrufer der Polizei berichtet, die am 21. März 1947 Beamte zur Adresse 2078 Fifth Avenue in Manhattans nördliches Viertel Harlem schickte.

In New York war das Haus seit Jahren berühmt-berüchtigt. Darin hausten die Brüder Homer und Langley Collyer, Eigenbrötler und legendäre Messies. Gerüchte besagten, sie würden in ihrem verbarrikadierten Heim in "orientalischem Luxus" schwelgen.

Schätze fanden die Polizisten keine, als sie sich Zutritt verschafften. Nur Berge von Müll, in jedem Raum bis zur Decke gestapelt. Und schließlich die sterblichen Überreste von Homer Collyer. Aber wo war sein Bruder Langley? Landesweit fahndeten Polizei und Presse nach dem Vermissten, während Arbeiter sich Meter für Meter durch die Abfallberge im Haus vorkämpften. Tausende Schaulustige bestaunten von der Straße aus, welche Mengen an Unrat die Brüder im Laufe der Jahre angesammelt hatten.

Stress mit der Telefongesellschaft

1909 hatten die Collyers das vornehme Brownstone-Haus mit vier Stockwerken in Harlem bezogen. Eine gutbürgerliche Familie, die ihre New Yorker Wurzeln bis ins 17. Jahrhundert verfolgen konnte. Beide Brüder besuchten die Columbia-Universität. Homer, 1881 geboren, wurde Jurist, sein vier Jahre jüngerer Bruder Langley Ingenieur.

Exzentrik lag in der Familie. Der Vater Herman Collyer pflegte den Weg zur Klinik, in der er als Arzt arbeitete, per Kanu über den East River zurückzulegen. Die Mutter Susie Gage dominierte die Brüder offenbar mit ihrer starken Persönlichkeit. Das zumindest vermutete die Journalistin Helen Worden, die Langley 1938 befragen konnte.

Wahrscheinlich lag die Reporterin damit richtig. Bis zum Tod der Mutter 1929 wohnten Homer und Langley mit ihr zusammen in dem Haus in Harlem, der Vater war bereits Jahre zuvor ausgezogen. Keiner von beiden sollte jemals allein leben oder eine Familie gründen.

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Collyer Brothers: Klaviere, Zeitungen, tonnenweise Schrott

Bis Anfang der Dreißigerjahre führte das Brüderpaar ein mehr oder weniger normales Leben. Homer arbeitete unter anderem in einer Anwaltskanzlei, der talentierte Klavierspieler Langley trat sogar in der Carnegie Hall auf.

Eigenwillig war das Geschwisterpaar seit jeher: Um das Geld für die Metro zu sparen, ging Homer meilenweit zu Fuß zu seinem Büro. Die Sohlen seiner Schuhe waren papierdünn, wie ein Kollege bemerkte. Seit 1917 war das Collyer-Haus ohne Telefonanschluss. Ihnen seien "Ferngespräche berechnet worden, die sie nicht geführt" hätten, empörte sich Langley Collyer noch Jahre später. Strom, Wasser? 1927 klemmten die Versorger wegen Differenzen die Leitungen ab.

Leichen im Keller?

Homer und Langley heizten fortan mit Kerosin, zur Unterhaltung bastelte Langley ein Detektorradio, das ohne externe Stromversorgung auskam. Immer mehr zogen sich die Collyers von der Außenwelt zurück. Aus Angst vor ihrer Nachbarschaft. Nach Harlem, einst ein weißes Viertel der mittleren und gehobenen Mittelschicht, zogen spätestens nach dem Ersten Weltkrieg mehr und mehr Schwarze.

Ebenso wie die Collyers ihre Nachbarschaft fürchteten, waren die Nachbarn vor ihnen auf der Hut. Sie hätten die Leichen ihrer Eltern irgendwo im Haus versteckt, hieß es. Als "Geist" war insbesondere Langley Collyer verschrien: "Weil er nur bei Nacht herauskommt", sagte eine Anwohnerin der Reporterin Helen Worden.

Im Schutz der Dunkelheit wanderte Langley Nacht für Nacht in den Park, um Wasser zu holen. Oder um in Läden Lebensmittel einzukaufen. Massenhaft schleppte der Zwangsneurotiker alte Zeitungen ins Haus, Autoteile, Regenschirme und andere Gegenstände, die für seine Mitmenschen lediglich Abfall waren. Gekleidet war er dabei in alte Lumpen. "Ich muss mich so kleiden", sagte Langley der Reporterin. "Sie würden mich ausrauben, wenn ich es nicht täte!"

Für seinen Bruder Homer herrschte mittlerweile ewige Nacht. 1934 war er wegen Blutungen in seinen Augen erblindet. Auf ärztliche Hilfe verzichteten die Medizinersöhne aus panischer Angst, die Ärzte könnten Homers Sehnerven durchtrennen. Stattdessen wollte Langley seinen Bruder mit einer Spezialdiät heilen und verabreichte ihm 100 Orangen pro Woche.

Ausbau zur Festung

Das Haus der Collyers glich derweil immer mehr einer Festung. Mit Brettern verrammelte Langley die Scheiben, die übermütige Kinder ihnen immer wieder eingeschmissen hatten. Im Inneren schichtete er den Müll zu Bergen auf. Dazwischen verwinkelte Tunnel und Gänge. Fallen mit Schlingen, in denen man sich verheddern konnte, sollten Dieben den Garaus machen, riesige Schrottstapel Eindringlinge erschlagen. Wie in einem ägyptischen Grab habe er sich gefühlt, erinnerte sich der Makler Claremont Morris, den die Brüder einmal ins Haus gelassen hatten.

Jahrelang pflegte Langley seinen Bruder. Las ihm aus Büchern vor, zerkleinerte sein Essen, wusch und unterhielt ihn, unerschütterlich im Glauben, dass der Blinde dereinst sein Augenlicht zurückbekommen würde. "Ich hebe diese Zeitungen für Homer auf", erklärte er 1942 und sagte zuvor einer Nachbarin: "Er ist alles, wofür ich lebe."

Immer wieder erhielten die Brüder ungebetenen Besuch. 1939 bauten Arbeiter die Stromzähler aus, die Aktion geriet zu einem Massenauflauf. Tausende versuchten von außen einen Blick auf die sagenhaften Collyers zu erhaschen. Langleys Aussehen enttäuschte sie nicht. Ein mächtiger Schnauzbart, wirre Haare und Kleidung, die vor Jahrzehnten in Mode gewesen war, ließen ihn wie einen Spuk erscheinen.

1942 versuchte die Polizei, das Collyer-Haus zu räumen, weil die Brüder ihre Hypothek nicht bezahlt hatten. Nach langer Suche fanden die Beamten Langley in einer Lichtung im Müll. Ohne zu zögern, zählte er Tausende Dollar ab - die Brüder konnten bleiben. In der Öffentlichkeit genoss das merkwürdige Duo Bewunderung. Als "Nonkonformisten" lobte sie 1942 der "New York Herald Tribune".

Ganz New York wartete auf Neuigkeiten, nachdem Homer Collyer am 21. März 1947 tot inmitten der Abfallberge aufgefunden worden war. Er war verhungert. Die Polizei rätselte: War Langley der anonyme Anrufer, der sie zum Haus gerufen hatte? Das FBI schaltete sich ein. Einmal wurde Langley in einem Bus Richtung New Jersey gesichtet. Fehlanzeige. Dann in North Carolina. Vor den Vereinten Nationen scherzte der sowjetische Botschafter Andrej Gromyko: "Wer weiß, vielleicht finden wir heute heraus, wo Langley Collyer steckt?"

Im Tod vereint

Unterdessen räumten Arbeiter und Polizisten das Haus aus: 14 Klaviere, Geigen und Kinderwagen, Regenschirme und Pferdeknochen. Dazu die Bestandteile eines T-Modells von Ford, Gemälde, Büsten, Gewehre, Säbel, Nähmaschinen und vieles mehr. Gut 50 Tonnen Müll entfernten die Arbeiter - und das allein aus dem Erdgeschoss.

Am 8. April 1947 fand man Langley Collyer schließlich: nur wenige Meter von Homer entfernt. Als Langley ihm Essen bringen wollte, hatte er vermutlich eine seiner eigenen Fallen ausgelöst. Müll stürzte auf ihn herab, wahrscheinlich erstickte er. Polizeibeamte berichteten, Langley habe im Sterben die Hand in Richtung seines Bruders ausgestreckt - der nun zum Hungertod verurteilt war.

Mehr als 120 Tonnen Müll hatten die Collyers im Laufe der Jahre zusammengetragen. Reichtümer fanden sich nicht darunter. Eine Auktion brachte lediglich ein paar Tausend Dollar ein. Nachdem die letzten Arbeiter das Haus 1947 verlassen hatten, ließ die Stadt es abreißen.

Ihren Mitmenschen blieb das schräge Brüderpaar noch lange in Erinnerung. Bei Homers Beerdigung trauerte die Nachbarin Laura Sullivan: "Er war ein guter Mann. Vielleicht ein wenig exzentrisch."

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insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
Jan-Peter Munk, 02.03.2017
1. Da kommen doch glatt Erinnerungen auf...
...an das schöne Buch "Homer & Langley" von E. L. Doctorow.
Werner Zehe, 02.03.2017
2. 120 Tonnen in einem so alten Haus ?
Na da hatten die aber Glück, dass nicht die Decken runter gekommen sind, oder das Haus war für die damalige Zeit hervorragend gebaut.
Joe Sarian, 02.03.2017
3. Joe Sarian
In Frankfurt gibt es ein 3 Familienhaus, das ist genau so Messi-vollgestopft. Inklusive Hof. Waren bis vor kuzem Nachbarschaft. Das Ehepaar fährt in zwei Autos ständig Müll hin- und her. Alle Rollläden runter. Spooky war, als ich den Mann mittags am Auto sah und er einen Baustellenhelm inkl. Grubenlampe auf dem Kopf hatte....... Manchmal habe ich da auch an das maximale Belastungsgewicht einer Wohnungsetage gedacht..... oder Tiefbauarbeiten um mehr Platz zu generieren.. Aber, wie in New York, machen (oder helfen) kann man nicht. Privates Eigentum. Das wird der Mega-Dorf-Tratsch wenn das Haus mal ausgeräumt wird.
Stefanie Tolop, 02.03.2017
4. Ein paar Gedanken
@ Sarian Das Schlimmste sind aber gewöhnlich die Vorurteile anderer - z.B. der Nachbarschaft. Schön ist es vielleicht nicht, solange diese Leute aber anderen nix antun ist es ihre Sache. @ Zehe Es ist genau das Gegenteil: Das Verrückte ist doch, dass heute Häuser gebaut werden, die man manchmal nach 30 Jahren komplett sanieren und nach 50 Jahren abreissen muss. Während es immer noch eine Menge Häuser gibt, die schon ein paar Hundert Jahre stehen und ihren Zweck erfüllen.
Frank Leonhard Watz, 02.03.2017
5. offen gesagt...
es gib schlimmere Geschichten. die beiden Brüder waren wohl glücklich in ihrer Einsamkeit, jedenfalls spricht nichts in dem Artikel dagegen. das ist mehr, als viele von sich behaupten können. und das Ende, so tragisch es ist, hat auch etwas rührendes....
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