Bürgerrechtlerin Rosa Parks Die Frau, die nein sagte

Bürgerrechtlerin Rosa Parks: Die Frau, die nein sagte Fotos
AP/MONTGOMERY SHERIFFS DEPARTMENT

Als der Busfahrer ihren Platz forderte, blieb sie sitzen: Die Aktion kostete Rosa Parks Job und Heim, doch sie inspirierte Martin Luther King und wurde so zur Mutter der Bürgerrechtsbewegung. Parks war nicht die erste Frau, die im Bus protestierte - aber die erste, die das Zeug zur Ikone hatte. Von Johanna Lutteroth

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Es war ein ganz normaler Nachmittag. Rosa Parks kam wie immer von der Arbeit im Kaufhaus "Montgomery Fair" und stieg in den nächsten Bus. In Gedanken war sie schon beim Abendessen, als der Busfahrer sie und ihre Sitznachbarn plötzlich anschnauzte: "Bewegt euch, ich brauche eure Sitze." Die Rassentrennung gehörte in den Südstaaten der USA bis weit in die fünfziger Jahre zum Alltag. Doch nirgendwo wurde sie so deutlich sichtbar wie in den Bussen. Die vorderen Reihen waren für Weiße reserviert. Die hinteren für Schwarze. Die Mitte blieb eine Grauzone, über die Busfahrer allein bestimmen konnten. War der Bus voll, vertrieben sie die Schwarzen, um die Plätze für Weiße freizumachen.

Genau das geschah Rosa Parks und ihren drei Sitznachbarn an diesem 1. Dezember 1955 in Montgomery, der Hauptstadt des US-Bundesstaats Alabama. Doch statt sich wie die anderen klaglos nach hinten zu verziehen, blieb sie sitzen. Der Fahrer hieß James Blake, ein Name der sich für immer in ihr Gedächtnis einprägen sollte. "Stehst du wohl auf?", verlangte er. Doch Parks schaute ihm direkt in die Augen und antwortete: "Nein." "Dann lasse ich dich verhaften", blaffte Blake. Parks antwortete würdevoll: "Das dürfen sie gern machen." Wenige Minuten später führte die Polizei die Näherin ab.

Es gab keinen konkreten Grund, warum sie ausgerechnet an diesem Tag aufbegehrte, erklärte Parks Jahre später. Die alltägliche Diskriminierung war ihr nicht fremd. Vielleicht war Blakes Attacke einfach der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte. "Ich wollte nicht ständig für etwas beleidigt werden, auf das ich keinen Einfluss habe: die Farbe meiner Haut." Parks war damals 42 Jahre alt und wusste, was ihr möglicherweise blühte. Die Polizei hatte schon viele vor ihr für deutlich harmlosere Verstöße übel zugerichtet.

Parks erinnerte sich noch gut, an die Berichte über den Fall Isaac Woodward aus dem Jahr 1946. Weil der damals 27-jährige Weltkriegsveteran auf einer Überland-Bustour während einer Pause zu viel Zeit auf dem Klo verbracht hatte und sich angeblich ungebührlich verhalten hatte, ließ ihn der Fahrer verhaften. Die Sheriffs malträtierten ihn mit Schlagstöcken bis zur Bewusstlosigkeit. Er erlitt etliche Rippenbrüche, seine Hornhaut wurde so schwer beschädigt, dass er ein Leben lang blind blieb. Parks blieb trotzdem sitzen – und brachte mit ihrem Mut jenen Stein ins Rollen, der Amerika für immer verändern sollte.

Mutter der Bürgerrechtsbewegung

Parks wurde nicht geschlagen. Doch die Nachricht von ihrer Verhaftung verbreitete sich schnell - und wurde zum Anlass für eine einmalige Protestaktion. Noch in derselben Nacht beschlossen Montgomerys Bürgerrechtler den stadtweiten Boykott der Busse und legten die Organisation in die Hände des damals noch unbekannten Pastors Martin Luther King. Fortan lief die schwarze Bevölkerung, teilte sich Taxis und bildete Fahrgemeinschaften. Nach 381 Tagen konnten die Streikenden ihre zentrale Forderung endlich durchsetzen: Die Rassentrennung in Montgomerys Bussen wurde als verfassungswidrig anerkannt und aufgehoben.

Rosa Parks war eine der Heldinnen dieses unvergleichlichen Triumphes. Mit ihrem stillen Protest hatte sie aber nicht nur den Startschuss für den Busboykott gegeben, sondern auch für den Freiheitskampf des Martin Luther King. Beflügelt von seinem Erfolg in Montgomery kämpfte er weiter für die Gleichstellung der Schwarzen. Bis heute wird Parks daher als "Mutter der Bürgerrechtsbewegung" und als nationale Heldin verehrt.

Dabei war sie nicht die erste Frau, die sich weigerte, ihren Platz für einen Weißen zu räumen. Schon vorher war es in den fünfziger Jahren immer wieder zu solchen Zwischenfällen gekommen. Immer wieder wurde daher in der Vergangenheit die Frage gestellt, warum gerade der Fall Rosa Parks eine so unglaubliche Wirkung entfaltete. Und warum gerade sie zur Heldin wurde. Keine neun Monate vor jenem denkwürdigen 1. Dezember 1955 war beispielsweise Claudette Colvin einfach sitzen geblieben, kurz danach Mary Louise Smith. Doch ihr Protest verpuffte ungehört.

Das Zeug zur Ikone

Was ihnen fehlte war die breite Unterstützung der Bürgerrechtler in Montgomery. Tatsächlich suchte die Bürgerrechtsorganisation NAACP (National Association for the Advancement of Coloured People) bereits seit längerem händeringend nach einem Anlass für einen Aufstand gegen die Rassentrennung in den Bussen. Daher prüfte sie auch die beiden Fälle der anderen Frauen. Doch die NAACP befand, dass sich beide Damen nicht als Gesichter einer Protestaktion eigneten. Der Grund: Sie waren moralisch angreifbar: Colvin war Teenager, unverheiratet und schwanger. Und Smiths Vater war Alkoholiker.

Parks hingegen war das perfekte "Gesicht für die Aufhebung der Rassentrennung", wie es der Historiker Douglas Brinkley formulierte. Denn es gab nichts in ihrer Vergangenheit, das sie angreifbar gemacht hätte. Am 4. Februar 1913 in Tuskegee, Alabama geboren, wuchs sie bei ihren Großeltern auf. Als Kind kam sie nach Montgomery, wurde Näherin und arbeitete lange Jahre im Kaufhaus Montgomery Fair. 1932 heiratete sie Raymond Parks und blieb mit ihm bis zu seinem Tod 1977 zusammen.

Zwei Leidenschaften prägten ihr Leben: Ihre Liebe zu Gott und ihre Hingabe für den Kampf um die Bürgerrechte der Schwarzen. Parks ging so oft wie möglich in die Kirche, zitierte gern aus der Bibel und richtete ihr eigenes Handeln auch danach aus. Sie galt als grenzenlos integer und fast altmodisch tugendhaft. Jede freie Minute verbrachte sie im Büro des NAACP-Präsidenten Nixon und half dort als Sekretärin aus, obwohl sie dafür nicht bezahlt wurde. Zusätzlich kümmerte sie sich um die Jugendarbeit im NAACP und dokumentierte akribisch jeden Fall von Übergriffen auf Schwarze. Sie war zwar keine Frontkämpferin des NAACP, wirkte aber äußert effektiv im Hintergrund.

Die Bürgerrechtlerin Virginia Durr, über Jahre eine enge Freundin von Parks, sah in der unscheinbaren Lady eines "der größten Individuen", das ihr je begegnet war. Parks sei der Inbegriff "einer Südstaaten-Lady" und "durch und durch gut und mutig". Ähnlich pries Martin Luther King sie auf einer Veranstaltung kurz nach ihrer Verhaftung: "Ich bin froh, dass das Ganze einer Frau wie Rosa Parks passiert ist. Denn niemand kann ihre grenzenlose Integrität bezweifeln. Niemand kann ihre Charakterstärke bezweifeln. Niemand kann ihren tiefen christlichen Glauben bezweifeln." Kings Botschaft war klar: Parks hatte das Zeug zur Ikone der schwarzen Bürgerrechtsbewegung.

Flucht vor dem Ku-Klux-Klan

Seine Laudatio entfaltete eine unglaubliche Wirkung. Als Rosa Parks am 5. Dezember 1955 auf dem Weg zu ihrem Gerichtprozess vor dem Rathaus von Montgomery aus dem Auto stieg, empfing sie eine Menschenmenge mit jubelndem Applaus. "Sie haben sich mit der Falschen angelegt", skandierte einer - und ein Echo aus Hunderten Kehlen wiederholte diesen Satz immer wieder. Getragen von dem Chor der Menge und flankiert von den beiden einzigen schwarzen Anwälten in Montgomery, Fred Gray und Charles Langford, stieg sie die Treppe zum Rathaus hinauf.

Ihr Prozess dauerte keine fünf Minuten. Der weiße Richter verurteilte sie wegen "ungebührlichen Verhaltens" und "Verstoßes gegen örtliche Verordnungen" zu einer Geldstrafe von zehn Dollar. Doch sie zahlte einen viel höheren Preis. Seit dem 1. Dezember 1955 bekam die Heldin des Busboykotts in Montgomery keinen Fuß mehr auf den Boden. Ihr Arbeitgeber Montgomery Fair feuerte sie bald nach dem Zwischenfall. Kurz danach kündigte ihr Mann, der als Friseur arbeitete, weil sein Chef ihm verboten hatte über seine Frau zu reden.

Trotz aller Bemühungen fand das Ehepaar keine neue Arbeit. Überall wurde ihnen die Tür vor der Nase zugeschlagen. Zudem bekamen sie immer wieder Morddrohungen per Telefon oder per Post. Die stete Angst vor dem Ku-Klux-Klan, der mit brutalsten Lynchmethoden die schwarze Bevölkerung einschüchterte, und die Bombenanschläge auf die Häuser von Montgomerys führenden Bürgerrechtlern Nixon und King bewogen das Paar schließlich dazu, die Stadt zu verlassen.

1957 siedelte sie mit ihrem Mann nach Detroit über, wo sie anfangs wieder einen Job als Näherin annahm. Von 1965 bis 1988 arbeitete sie dann als Sekretärin des schwarzen Abgeordneten John Conyers. Rosa Parks starb im Oktober 2005. Sie war die erste Frau, die im Kapitol aufgebahrt wurde, eine Ehre, die nur Präsidenten zuteilwird - und Nationalhelden.

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insgesamt 5 Beiträge
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1.
Johannes van Kampen 04.02.2013
Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Das gilt für viele Lebenslagen. Man sollte Menschen, egal welcher Rasse, egal wie und wo sie leben, nie nur verwalten wollen.
2.
Marcel Horbach 04.02.2013
Wenn Rosa Parks ein Mann gewesen wäre wäre sie nicht mit 10 Dollar Strafe davongekommen
3.
Dieter Bürkel 04.02.2013
Was ich mich schon lange frage: Wie konnte der Rassismus in den USA (nicht "nur" der in den Köpfen vieler Leute, sondern der offiziell in Verordnungen festgelegte) den Krieg gegen den Faschismus in Europa um viele Jahre überleben? Die Leute "dürfen" tausende Kilometer weit weg für ihr Land sterben, aber daheim schreibt man ihnen vor, welchen Sitz im Bus und welche Parkbank sie nutzen dürfen. Macht das nicht Kopfschmerzen, so einen schreienden Widerspruch Tag für Tag auszuhalten?
4.
Marcel Kessels 04.02.2013
Rassismus folgt im Grunde überall den selben Mechanismen, er verdankt seine Beständigkeit in erster Linie der schweigenden Mehrheit und wird initiiert von verbohrten Fanatikern. Was die SA im 3. Reich war der KKK in Amerika. Im Grunde kam es in Amerika nur nicht zum Holocaust an den Schwarzen, weil diese dringend als Arbeiter gebraucht wurden und weil die Nordstaaten liberaler waren.
5.
Alexander Vollmer 03.03.2013
Um die 10 Dollar Strafe einschätzen zu können wäre es interessant gewesen die Anzahl der Tagessätze zu wissen, die dem entsprechen. Wieviel hat Rosa Parks in dem Kaufhaus am Tag verdient.
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