50.000 Bundesliga-Treffer Die kuriosesten Tor-Momente der Bundesliga-Geschichte

Die Liga schunkelt sich warm, am Wochenende soll das 50.000 Tor fallen. Ungefähr jedenfalls. Denn etliche Treffer wurden aus der Zählung getilgt. Aus Gründen.

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Anfang der Neunzigerjahre hatte Anthony Yeboah seine ganz große Zeit und sogar seinen eigenen Fanklub, mit dem einprägsamen Namen "Zeugen Yeboahs". Noch heute geraten Frankfurter Fußballfans in Wallung, wenn sie an das famose Jahr 1993 denken: Ihre Eintracht schickte sich an, den FC Bayern vom Thron zu stoßen - das Team um Yeboah, Jay-Jay Okocha und Uwe Bein, um Uli Stein und Maurizio Gaudino eilte erst von Sieg zu Sieg, stürzte dann jäh wieder ab.

Vor allem Tony Yeboah, der Sturmstar aus Ghana, glänzte mit seiner Ballsicherheit, seiner massiven Muskulatur, seinem Tempo bei der Gegnerumkurvung. Eine ganz große Show gestaltete er am lauen Samstagnachmittag des 22. Mai 1993 in Krefeld: Beinah im Alleingang schoss Yeboah Frankfurt zum Sieg über Tabellenschlusslicht Bayer Uerdingen.

Steilpass Bein, Ball nach drei Minuten trocken versenkt - erstes Tor. Freistoß ins linke untere Toreck - Nummer zwo. Energisches Nachsetzen, ein Abpraller gegen seinen Oberschenkel - Ausrufezeichen drei. Und erneut Steilpass Bein, schneller Antritt - es klingelt schon wieder. 5:2 gewannen seine Frankfurter, vier Tore in einem Erstligaspiel waren Yeboah nie zuvor gelungen. Und schon zog er gleich mit Ulf Kirsten aus Leverkusen, seinem ärgsten Rivalen im Kampf um die Torjägerkanone; beide hatten am drittletzten Saisonspieltag 18 Treffer auf dem Konto.

"Mein Name ist Heese, ich weiß von nichts"

Indes: Tore wollen nicht nur erzielt, sie müssen auch gewertet werden. Und da klaffen in der Bundesliga-Historie so einige Lücken. Offiziell verzeichnet der Ligazähler seit dem Start vor 54 Jahren insgesamt 49.977 Tore.

Nun läuft der Countdown: Im Schnitt fielen an jedem der bislang 1817 Spieltage 27,5 Treffer. Falls die Knipser vom Schlage Robert Lewandowski, Pierre-Emerick Aubameyang oder Anthony Modeste nicht in einen unangekündigten Streik treten, wird es am kommenden Wochenende wohl passieren: der 50.000 Treffer der Liga-Geschichte.

Indes gibt es auch etliche Streichergebnisse. Manche Spiele wurden abgebrochen, weil das Wetter nicht mitspielte. Oder am grünen Tisch nachträglich annulliert und neu gewertet. Bisweilen führte Fahrlässigkeit, pure Dummheit oder gar Kriminalität Mannschaften ins Aus.

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+/- 50 Bundesliga-Treffer: Ein Tor ist ein Tor ist... kein Tor

Auch für Frankfurt waren die 1993 so hübsch erarbeiteten zwei Punkte und fünf Tore futsch. Das kam so: Zunächst trat Bayer Uerdingens Heiko Laessig seinem Gegenspieler Slobodan Komljenovic ein fünfmarkstückgroßes Loch in die linke Wange - überall Blut, eine Gehirnerschütterung, ein verschobener Zahn. Der Eintracht-Kicker musste raus, das Spiel lief weiter.

Als Ersatz brachte Frankfurts Trainer Horst Heese den Slowaken Marek Penksa. Das hätte er besser nicht getan, denn vier Spieler ohne deutschen Pass in einem Team waren damals verboten. Und mit Yeboah (Ghana), Okocha (Nigeria) und Tskhadadze (Georgien) spielten bereits drei Ausländer.

Wir Schwatten müssen doch zusammenhalten

Exakt vier Minuten und elf Sekunden später korrigierte Heese seinen Patzer und holte Penksa wieder vom Platz. Zu spät. "Das mit den Ausländern - bei uns ist das etwas kompliziert, da blicke ich selbst nicht durch", erklärte er nach dem Schlusspfiff demütig. Die Boulevardpresse spottete mitleidlos: "Mein Name ist Heese, ich weiß von nichts!"

Nach Uerdingens Protest ging das Spiel mit 2:0 statt mit der 2:5 Niederlage in die Tabelle ein. Alleskönner Yeboah hatte Glück im Unglück. Trotz des Wechselfehlers wurden seine vier Treffer, ein feiner Zug der Herren Funktionäre, nicht aus der Schützenliste gestrichen. Zum Saisonende erhielt er die Torjäger-Trophäe zusammen mit Ulf Kirsten, Spitzname "Der Schwatte", der sich für die Anerkennung von Yeboahs Toren eingesetzt hatte.

Ein Tor ist ein Tor ist ein Tor? Es könnte so einfach sein. Ist es aber nicht. Die Frankfurt-Episode zeigt: Torezählen sieht nur aus wie eine friedvolle, etwas eintönige Aufgabe für Hilfskräfte mit mathematischem Grundverständnis. Tatsächlich ist die Ligastatistik wegen der teuflischen Details viel verzwickter.

Man kann beispielsweise nüchtern alle Treffer der bislang 3432 verschiedenen Tor- und 736 Eigentorschützen der Bundesliga zusammenrechnen. Aber auf eine ganz andere Zahl kommt, wer alle Tore der in der "ewigen Tabelle" gelisteten 55 Bundesliga-Vereine aufaddiert.

Einen Ball kann man viel besser treffen, wenn man ihn sieht

Eine simple Strichliste reicht also keineswegs. Da sind die "virtuellen Tore" ohne reale Schützen, Mannschaften nach den Spielen sportgerichtlich zugesprochen. Die "teilgelöschten Tore", wie bei Yeboah den Spielern zu- und ihren Teams in der Tabelle aberkannt. Und die "verschwundenen Tore" aus annullierten und neu ausgespielten Begegnungen. Ein Albtraum für ambitionierte Erbsenzähler.

Was tun damit? Die Deutsche Fußball Liga (DFL) hat sich bis kurz vorm Jubiläum mit den Tücken der Statistik beschäftigt und lieferte jetzt Aufklärung: Zu den offiziell bisher 49.977 Treffern zählen demnach auch manche, die nicht in den Abschlusstabellen erschienen. Arminia Bielefeld etwa wird in der Spielzeit 1971/72 "in der Statistik mit null Punkten sowie null Toren geführt", wegen des Bundesliga-Skandals um Schmiergeldzahlungen und Spielmanipulation; danach wurde die Mannschaft strafversetzt in die Regionalliga.

Die 41 Arminen-Tore aus der Skandalsaison werden bei der Ermittlung des Jubiläums-Torschützen nun trotzdem mitgezählt, zudem jene aus Bundesligaspielen, die zu Ende geführt, später aber neu gewertet wurden. Damit ist auch Yeboahs Viererpack in der Wertung, ebenso wie die fünf der Bayern in der Partie gegen Frankfurt, bei der es 1995 zu einem weiteren Wechselfehler kam.

Aus der Statistik ausgeparkt hat die DFL dagegen Toren aus Spielen, die wiederholt werden mussten. Bekanntester Fall: das "Phantomtor", das Bayern-Spieler Thomas Helmer 1995 neben das Nürnberger Gehäuse stocherte. Zunächst erkannten die Schiedsrichter es an, später wurde ein neues Spiel angesetzt.

Viele weitere kuriose Episoden und umstrittene Tore aus der Bundesliga-Geschichte finden Sie in der einestages-Fotostrecke . Sie bestätigen einige Grundgewissheiten dieses Sports: Der Ball soll ins Tor, nicht der Stürmer. Teamwork klappt viel besser, wenn man seine Mitspieler auch sieht statt nur hört. Auf Rasen läuft's runder als in einer Seenlandschaft. Den Schiri mit Bierbechern oder Klappmessern zu bewerfen, ist nie eine gute Idee. Und Strohfeuer sind nur Strohfeuer.

Als Bonus einige Fun Facts (Stand; nach dem 19. Spieltag der laufenden Saison):

  • Der erste Bundesliga-Torschütze: Timo Konietzka (1963)
  • Das 1000. Tor erzielte: Werner Grau (1964)
  • Das 10.000 Tor: Hans "Buffy" Ettmayer (1974)
  • Das 25.000 Tor: Frankie Mill (1988)
  • Zahl der Eigentore: 987 = 1,98 Prozent
  • Elfmetertreffer: 3389 = 6,78 Prozent
  • Treffer in der ersten Spielminute: 213
  • Treffer in der letzten Spielminute und Nachspielzeit: 1488
  • Jüngster Torschütze: Nuri Sahin (2005)
  • Älteste Torschütze: Mirko Votava (1996)
  • Schnellste Torschützen: Karim Bellarabi (2014) und Kevin Volland (2015), jeweils nach neun Sekunden
  • Meiste Spiele bis zum ersten Tor: Dietmar Schwager (1973) nach 267 Spielen und Torwart Olli Reck (2002) nach 457 Spielen
  • Tor aus größter Distanz: Moritz Stoppelkamp (2014) aus 82,3 Metern
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insgesamt 4 Beiträge
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Hans-Peter Oswald, 10.02.2017
1. Tor fällt
Es ist üblich zu sagen "Tor fällt..." oder auch "ein Tor ist gefallen".. Die Fotos 5 und 6 zeigen, wie ein Tor buchstäblich fällt. Wem dieser Gedanke gefällt (!), den interessiert vielleicht auch: https://www.youtube.com/watch?v=PgP1mM8oQwE https://www.youtube.com/watch?v=OuGA1smid-Q Hans-Peter Oswald
Bjoern Obrecht, 12.02.2017
2. Ich dachte es käme...
....noch eine heitere Anekdote zu Anthony Boffoe. Schließlich ist der für den Spruch "Wir Schwatten müssen doch zusammenhalten " verantwortlich. Fiel dieser doch nach einer Roten Karte an den Unparteiischen.
Andreas Stahl, 12.02.2017
3. Fragt sich nur
wen Tor Nr. 50000 wirklich interessiert. Na gut, vielleicht einen gröhlenden Kommentator bei der Sky Konferenz, zwischem dem mittlerweile üblichen Cross-Selling von Sky Boxsets, Zweitkarte und on-demand Filmchen, aber sonst?
Willi Kalter, 13.02.2017
4. Meine Wenigkeit...
...interessiert sich dafür, stellvertretend für vielleicht Millionen weitere Anhänger dieses schönen Sports. Seit 1969 bin ich Fan von BMG, Fan von "schönem" Fußball, Fan von schönen Toren. Möge der Jubiläumstreffer so toll sein, dass er zum Tor des Jahres gewählt wird... :-) MfG
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