Bundeswehr 1971 German Hair Force

Zottelwesen in Uniform: Nur kurz hielt 1971 die Langhaarfrisur Einzug in die Bundeswehrkasernen. Rekruten mussten nicht mehr zum Friseur; dafür aber Haarnetz tragen. Das Ausland spottete - und die Probleme mit der Haarpracht beschäftigten bald schon eine ganze Kommission.

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Von Kai Posmik


Abschreckung gehört zum militärischen Handwerk, seit es das Militär gibt. Je höher das Abschreckungspotential einer Armee, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, von einer anderen Armee angegriffen zu werden. Abschreckend ist eine Armee dann, wenn sie gut ausgerüstet ist. Und natürlich, wenn ihre Soldaten einen zackigen und kampfbereiten Eindruck machen.

In den Siebzigern ist Abschreckung bereits seit Jahrzehnten die zentrale Strategie der Nato, um sich den Ostblock vom Leib zu halten. Nur wie genau ein zackiger Soldat auszusehen habe, darüber gingen die Meinungen auseinander. Denn in der Bundeswehr darf ab 1971 unterm Stahlhelm auch schulterlang getragen werden. Was fortan über deutsche Kasernenhöfe schlurft, lässt traditionsbewussten Militärs das Blut in den Adern gefrieren. Soldaten mit langen Haaren, die Mähne nur notdürftig zusammengehalten - mit einem Haarnetz. Die Verbündeten reagieren entsetzt. Wen sollen diese Zottelwesen in Uniform abschrecken?

Offiziere genervt

Langes Männerhaar galt in vielen Kulturen der Welt als Frisur, die auf einen gewissen Sonderstatus schließen ließ. Die alttestamentarischen Nasiräer schnitten sich das Haar nicht, um ihre Nähe zu Gott zu zeigen. Auch viele Helden der griechischen Mythologie trugen ihr Haar lang. Und Tacitus berichtete, dass sich bei den männlichen Germanen erst scheren durfte, wer einen Feind getötet hatte. In den folgenden Jahrhunderten trugen vor allem Männer der Oberschicht lang, selbst im Militär, wovon etwa der Soldatenzopf zeugte. Doch irgendwann im 19. Jahrhundert waren Männer mit Matte aus der Mode.

Längeres Männerhaar als Zeichen der Abgrenzung von der konformen Restgesellschaft etablierte sich nach dem Zweiten Weltkrieg zuerst in den USA. Stilbildend in den fünfziger Jahren war die pomadisierte Stirnlocke von Tony Curtis. Mit Elvis Presley und den pilzköpfigen Beatles kamen längere Haare auch in der Bundesrepublik in Mode. Sie wurden in den Sechzigern Ausdruck einer Protesthaltung gegen Staat und Gesellschaft - und waren dabei im linken Milieu durchaus umstritten: Studentenführer Rudi Dutschke etwa lehnte die Gesinnungsfrisur stets ab; er wollte die Arbeiterklasse nicht provozieren.

Genervt reagierten vor allem Offiziere und Unteroffiziere der Bundeswehr: Jahr für Jahr trabten an den Einberufungsterminen mehr Rekruten mit üppigem Haupthaar durchs Kasernentor. Und weil sie sich nicht als blinde Befehlsempfänger verstanden, sondern als Staatsbürger in Uniform, verweigerte manch einer beharrlich den Besuch beim Standortfriseur.

Wie der Tübinger Abiturient Albrecht Schmeißner, der später unter dem Namen Ali Schmeißner als Mitglied im Bundesvorstand der Grünen bekannt wurde. Anfang 1967 rückte er mit eindrucksvoller Löwenmähne in eine Panzergrenadierkompanie in Neuburg an der Donau ein. Angetreten in Reih und Glied musste sich Schmeißner vom Spieß fragen lassen, ob er denn nun männlichen oder weiblichen Geschlechts sei. Die umgehende Aufforderung zum Friseurbesuch konterte er mit dem Verweis auf Grundrechte und die Zentrale Dienstvorschrift. Letztere verfügte zwar, dass die Haare stets zu pflegen seien, über die Länge stand da jedoch kein Wort.

Der Haar-Erlass

Dass Grenadier Schmeißner am 45. Tag seines Soldatenlebens dann lieber doch zum Friseur marschierte, lag nicht allein an den ständigen Hänseleien der anderen Kameraden. Die Justiz saß ihm im Nacken: Sein Hauptmann hatte sich nicht anders zu helfen gewusst, als seinen Rekruten bei der Staatsanwaltschaft wegen Gehorsamsverweigerung anzuzeigen - mit einem großformatigen Porträtfoto des Soldaten als Beweis. Angesichts einer solchen Breitseite gab Schmeißner schließlich zähneknirschend nach und unterwarf sich der Macht der Schere.

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Haarerlass 1971: Mit Haarnetz unterm Helm

Die Geschichte war in ihrer Dimension zwar ein Einzelfall, doch sie demonstrierte anschaulich die Probleme, die der Bundeswehr erwachsen waren. Langhaarfrisuren bei Männern waren inzwischen auch im Establishment angekommen. Selbst Moderator Dietmar Schönherr, Fußballgröße Günter Netzer oder der Jungstar der SPD, Johannes Rau trugen die Ohren nicht mehr frei.

Angesichts solcher gesellschaftlichen Veränderungen musste die Truppe kapitulieren. In einem Erlass des Bundesverteidigungsministers Helmut Schmidt vom 8. Februar 1971 heißt es: "Die Bundeswehr kann in ihrem Erscheinungsbild die Entwicklung des allgemeinen Geschmacks nicht unberücksichtigt lassen." Lange Matte war künftig erlaubt, mit einer Einschränkung: "Haare und Bart müssen sauber und gepflegt sein. Soldaten, deren Funktionsfähigkeit und Sicherheit durch ihre Haartracht beeinträchtigt wird, haben im Dienst ein Haarnetz zu tragen."

Mütter und Friseure besorgt

Die Auswirkungen des Schmidtschen Haarnetz-Erlasses bekamen als Erste die zumeist freiberuflichen Friseure in den Kasernen zu spüren: Die Zahl ihrer Kunden sank rapide. In der ARD beschwerte sich ein Standortfriseur: "Aufgrund der langen Haare sieht die Lage so aus, dass zwei Kollegen abgewandert sind und momentan ich die drei Friseurstuben alleine betreue." Doch auch für sich alleine sieht der Friseur die berufliche Existenz gefährdet und überlegt, sich eine Betätigung außerhalb der Kaserne zu suchen.

Kritik kam auch vom konservativen Teil der Bevölkerung, der befürchtete, dass nun die Kampffähigkeit der Truppe empfindlich leide. Die "Süddeutsche Zeitung" zitierte eine besorgte Mutter, die ihren Sohn als stets fleißig und ordentlich beschrieb. "Nun muss er zur Bundeswehr. Ich hab so Angst, dass er da verlottert."

Noch schlimmer aber war: Die Bundeswehr gab nun ein herrliches Ziel für beißenden Spott ab. Der Aachener Karnevalsverein 1972 verlieh Helmut Schmidt den Orden wider den tierischen Ernst, und auch im Ausland zündete Gelächter - vor allem wegen des entsprechenden Bildmaterials zum Erlass. Schnell war der Spottspruch von der German Hair Force geboren. Die halbe Welt machte sich lustig über die pelzige deutsche Truppe.

740.000 Haarnetze

Und selbst die Betroffenen sind nicht eben begeistert vom standardmäßig mitgelieferten Dienst-Haarnetz. Nicht weniger als 740.000 Stück hatte man auf der Hardthöhe bestellt. Doch trotz solcher Großzügigkeit beschwerten sich Rekruten. Das etwas grob daherkommende Haarkleid hatte schnell seinen Spitznamen als Zwiebelsack weg. Andere fühlten sich an einen Rollschinken erinnert. Überdies glauben 1971 nicht nur einfache Soldaten, dass dauerhaftes Tragen des Netzes der Gesundheit schaden könnte.

Die militärische Führungsebene schickte sich deshalb umgehend an, die gesundheitlichen Auswirkungen zu prüfen: mittels einer Haarnetz-Kommission. Die Ergebnisse ließen selbst Verteidigungsminister Schmidt an seiner Entscheidung zweifeln: Die befragten Truppenärzte beklagten, dass eine zu lange Mähne vor allem unter Manöverbedingungen kaum vorschriftsmäßig zu pflegen sei. Die Folge sei ein erhöhter Läusebefall sowie Dreck und Speck auf Soldatenkragen und Kopfkissen, wodurch "das Auftreten von Hauterkrankungen, insbesondere Infektionen und Parasitenbefall begünstigt" werde.

Daneben wurde noch ein weiteres Problem diagnostiziert: Wegen der durch den Dienst verursachten "Unregelmäßigkeit des Stuhlgangs" litten laut Kommission viele Soldaten unter Aknepusteln. Die Verbreitung trat "beim Tragen von Bärten und langen Haaren" noch häufiger auf. Schließlich führte die Kommission - neben ihrer Sorge um die Truppengesundheit - auch knallharte ökonomische Fakten ins Feld: "Vermehrter Wasserverbrauch, größere Kalibrierung der Zu- und Abflussleitungen und spezielle Trocknungsmöglichkeiten für das Haupthaar" drohten den Etat zu belasten.

Haare ab

Derart mit Argumenten aufmunitioniert, suchten die Kommissionsmitglieder ihren obersten Dienstherrn auf und baten um entsprechende Überprüfung des Erlasses. Schmidt erkannte die Sprengkraft der Fakten - zumal auch sein Wehrbeauftragter deutliche Worte gefunden hatte: "Die Truppe ist schlampig und verdreckt."

Fünfzehn Monate nach dem Erlass, im Mai 1972, bekamen die Friseure wieder Arbeit: Der Verteidigungsminister hatte entschieden, dass Haare künftig weder Uniform- noch Hemdkragen berühren dürften und auch Augen und Ohren der Soldaten müssten freigeschnitten sein.

Kurzzeitig sorgte auch der neuerliche Erlass für Aufregung. Vor allem Soldaten mit Halblang waren sauer auf die Vollmähnenträger. "Das haben uns die Kollegen mit den wallenden Haaren versaut", zitierte der SPIEGEL einen Rekruten.

Doch nachdem sich alle an ihre neuen Frisuren gewöhnt hatten, war wieder Ruhe im Glied. Und Helmut Schmidt zeigte seinen Soldaten, dass man auch mit einem Rückzug in die Offensive gehen kann: "Jemand, der aus Erfahrung nicht lernt, ist ein Scheißkerl."



insgesamt 11 Beiträge
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Kurt Diedrich, 07.02.2011
1.
Ich habe im Jahre 1970 das Hick-Hack um die Haarpracht der Soldaten "am eigenen Kopfe" bei meinem Wehrdienst erfahren: Als damaliger Verfechter üppiger männlicher Haarpracht eckte ich nicht selten bei Vorgesetzten an, die mich unbedingt zum Friseur schicken wollten. Ein Hauptmann drückte mir einmal sogar drei Mark für einen Friseurbesuch in die Hand, weil er den Anblick meiner "Matte" nicht mehr ertragen konnte. Dieser Druck reizte meine Kameraden und mich natürlich schon aus Prinzip zu noch größerem Widerstand gegen Schere und Rasierer, und murrend akzeptierten wir deswegen sogar die hässlichen Haarnetze. Im Nachhinein finde ich, dass sowohl wir als auch viele langhaarige Prominente aus dem Fernsehen damals einfach nur ziemlich seltsam, wenn nicht sogar lächerlich aussahen mit unseren Mähnen. Aber es ging damals schließlich um den damit zum Ausdruck gebrachten Protest gegen bürgerlichen Mief - und gegen diesen Protest war ja nichts einzuwenden.
Björn Waldeck, 07.02.2011
2.
"Adrettes Auftreten: Das Foto zeigt deutsche Soldaten 1941 in Nordafrika - mit millimeterkurz geschorenem Haupthaar." Na, dafür würde ich ja gerne das Beweisfoto sehen, um zu kontrollieren, wie´s unter der Mütze aussieht. Es mag ja sein, dass der Anteil an Wehrmachtssoldaten mit kurzem Haar in Afrika höher war als im übrigen Europa. Im allgemeinen sind mir jedoch fast nur Darstellungen von "Landsern mit Matte" bekannt. Sobald die Haare unordentlich und nicht mehr streng zurückgekämmt waren, konnte/kann man sehen, dass die meisten Landser "langhaarige Bombenleger" waren...
Günter Whittome, 07.02.2011
3.
Nur mal so aus reiner Neugier: jetzt, wo es auch Frauen beim Bund gibt: müssen die ab einer bestimmten Haarlänge Haarnetze tragen? ;-)
Sylvia Götting, 07.02.2011
4.
Ich mag mich ja täuschen, aber waren es nicht die Soldaten in der holländischen Armee, die den Anfang mit längerem Haar machten? Und wie wurde deren Haarigkeit in der Öffentlichkeit aufgenommen?
Lockan Manfred, 08.02.2011
5.
ja, ich kann mich sehr gut an die Zeit erinnern. Ich war damals junger Feldwebel in einer Versorgungsbatterie. Wir ließen uns mit den Soldaten des Zuges nicht in der Öffentlichkeit sehen, so schämten wir uns. Die Soldaten provozierten uns noch, in dem sie sich bunte Schleifchen ins Haar banden. Die Disiziplinlosigkeit hatte auch Auswirkungen. So wurden auch wichtige Dinge des Dienstes nicht mehr wahr genommen. Nur durch Zufall konnte ich einen schweren Schießunfall an einem Artilleriegeschütz verhindern. Das gab dann letztlich den ausschlagenden Grund, meinen Abschied zu nehmen. Ja, was der damalige Verteidigungsminister sonst drauf hatte war nicht zu erkennen. Wir spekulierten damals, daß ihm als verdientes SPD-Mitglied eine gehobene Versorgung auf Staatskosten zukommen sollte.
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