Flugzeugabsturz mit der Manchester-Elf Ende einer Fußball-Sinfonie

Englands "Kennedy-Moment": Der tödliche Crash der Mannschaft von Manchester United in München schockierte 1958 eine ganze Nation. Es war das Ende der legendären "Busby Babes" - und der Beginn eines beispiellosen Comebacks.

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Dieser Beitrag erschien zuerst im Februar 2008 auf SPIEGEL ONLINE, zum 50. Jahrestag der Katastrophe von München.

Eigentlich sollte dieser Tag im Jubel enden. Es ist der 6. Februar 1958, Dutzende Fans haben sich auf dem Flugplatz von Manchester versammelt, um ihrer Elf einen begeisterten Empfang zu bereiten. Das Team von Manchester United hat am Abend zuvor bei Roter Stern Belgrad ein 3:3 erkämpft und ist dadurch ins Halbfinale des Europapokals der Landesmeister eingezogen.

Doch die United-Fans warten vergeblich, der Flieger mit der Mannschaft kommt nie zu Hause an. Die Heimreise von Belgrad endet für die Kicker aus der nordenglischen Industriemetropole in München - auf tragische Weise. Dort ist lediglich ein kurzer Tankstopp geplant, doch dichter Schneefall verzögert den Weiterflug, zwei Startversuche scheitern. Es ist exakt 15.04 Uhr, als Flug Zulu Uniform Nr. 609 der British European Airlines ein drittes Mal versucht, von der mit Schneematsch bedeckten Piste des Flughafens München-Riem abzuheben.

Auch dieses Mal gewinnt die Propellermaschine vom Typ Elizabethan nur langsam an Fahrt. Bei 117 Knoten (217 km/h) erreicht sie den "point of no return", nun kann nicht mehr gestoppt werden. Doch genau in diesem Moment gerät das Fahrwerk in den unberührten Schneematsch im letzten Drittel der Startbahn. Das Tempo sackt rapide auf 105 Knoten (194 km/h) ab - zu langsam zum Abheben, aber immer noch viel zu schnell, um den Start ein weiteres Mal abzubrechen.

Die Maschine durchschlägt den Begrenzungszaun des Flughafens, touchiert mit der linken Tragfläche ein Haus. Das Heck rammt eine Baracke und bricht ab. Kerosin tritt aus, Funken schlagen, die Maschine fängt sofort Feuer. Es ist ein Inferno.

Übernatürlicher Lebenswille

Von den 44 Insassen sterben 21 noch an der Unfallstelle. Darunter sind sieben United-Spieler: Kapitän Roger Byrne, der wohl beste Verteidiger Englands, und Stürmer Tommy Taylor, beides absolute Leistungsträger der englischen Nationalmannschaft, dazu die Mittelfeldspieler Eddie Colman, Mark Jones, Geoff Bent, Stürmer David Pegg sowie der irische Torjäger Liam "Billy" Whelan.

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Katastrophen: Ende einer Fußball-Sinfonie

Um das Leben des 21 Jahre alten Duncan Edwards kämpfen die Ärzte im Münchner Krankenhaus "Rechts der Isar" 15 Tage lang verzweifelt - und vergeblich. Edwards ist der achte Stammspieler, der den Crash nicht überlebt. Die Experten sind sich einig: Der 21-jährige Außenläufer war der mit Abstand beste britische Fußballer seiner Generation und stand vor einer Weltkarriere. Schon mit 17 war das Ausnahmetalent Profi geworden, als erster Spieler von der Insel hatte er private Werbeverträge abgeschlossen.

Das langsame und qualvolle Sterben von Duncan Edwards ist ein Drama. Der behandelnde Chefarzt im Münchner Klinikum, der Chirurg Professor Georg Maurer, erklärt später, er habe in seiner langen Laufbahn als Arzt noch nie einen so kraftstrotzenden und von fast übernatürlichem Lebenswillen beseelten Menschen gegen den Tod ankämpfen sehen.

Fußball als Gesamtkunstwerk

Die Spieler Johnny Barry und Jackie Blanchflower werden so schwer verletzt, dass sie nie wieder Fußball spielen können. Mit einem Schlag haben die "Busby Babes", wie die von Manchesters Coach Matt Busby geformte United-Mannschaft wegen ihres geringen Durchschnittsalters von gerade einmal 22 Jahren liebevoll genannt wird, aufgehört zu existieren. Frank Taylor, der einzige Überlebende der neun Journalisten, die die Mannschaft begleiteten, findet erst Jahrzehnte später die Kraft, seine Erinnerungen zum Unglück von München aufzuschreiben. Er betitelte sie treffend mit "A Day A Team Died" - "Der Tag, an dem eine ganze Mannschaft starb".

Das junge United-Team bricht durch das Drama von München in genau dem Moment auseinander, als es im Begriff ist, die Philosophie seines Trainers in Perfektion umzusetzen: "Es ist keine Schande zu verlieren, wenn man alles gegeben hat", lautet der Leitsatz von Busby: "Fußball muss begeistern und kann in seinen schönsten Momenten wie ein Kunstwerk sein."

Doch die knapp zweieinhalb Jahre, in denen Busby und seine "Babes" zuvor ihre Fußball-Wunder bewirkten und zwei englische Meistertitel in Folge holten, reichen aus, die Augenzeugen von damals noch heute ins Schwärmen geraten zu lassen. "United - das waren die Künstler, wir alle anderen dagegen nur Handwerker", sagt etwa Jimmy Greaves, in den Sechzigerjahren der überragende englische Torjäger und heute einer der populärsten TV-Moderatoren Großbritanniens. "Sie waren ein Sinfonieorchester, wir waren die Straßenmusikanten."

"Er kann nicht tot sein!"

Ganz Großbritannien traf das Unglück wie ein Hammerschlag. Das Land war in einem regelrechten Schockzustand, und ein Historiker sieht in jenem 6. Februar 1958 den britischen "Kennedy-Moment", der das fußballverrückte Inselvolk auf ähnliche Weise ergriff wie die Ermordung von Präsident John F. Kennedy die Amerikaner 1963. "Jeder weiß bis heute genau, wo er war und was er gerade machte, als die Nachricht vom Münchner Unglück übermittelt wurde", sagt David Gill, heute Generaldirektor von United.

Nobby Stiles beispielsweise. Der spätere Nationalspieler, der bei der WM 1966 mit England im legendären Finale von Wembley über Deutschland triumphierte, war damals ein 15 Jahre alter Jugendspieler bei United. Stiles saß mit seinen Mannschaftskameraden in der Umkleidekabine, als sie von ihrem Trainer die schreckliche Neuigkeit hören. Doch niemand habe das Ausmaß der Katastrophe erfasst, die sei ihm erst auf dem Nachhauseweg bewusst geworden, erinnert sich Stiles:

"Ich holte mir vom Zeitungsjungen ein Exemplar der Nachrichten. Es war verrückt, die Gesichter von Roger Byrne, Geoff Bent, Eddie Colman, Mark Jones, David Pegg, Tommy Taylor und Billy Whelan auf der Titelseite zu sehen. Sie gehörten doch auf die Rückseite, in den Sportteil. Doch sie waren tot! Coly war tot. Er konnte nicht tot sein. Ich putzte doch seine Schuhe. Keiner von ihnen konnte tot sein, besonders Coly nicht. Doch genau das war es, was der 'Chronicle' in dicken schwarzen Schlagzeilen sagte. Mir wurde übel. Noch in der Umkleidekabine hatten wir über den scheinbar harmlosen Unfall gewitzelt: Vielleicht hat sich jemand ein Bein gebrochen, vielleicht ist dadurch die große Chance für einen von uns gekommen."

Wie ein Fußballphönix

Knapp einen Monat nach dem Unglück, am 5. März 1958, lädt Manchesters Vereinsführung einige der Münchner Ärzte und Krankenschwestern zum FA-Cup-Viertelfinalspiel gegen West Bromwich Albion ins legendäre Stadion Old Trafford ein. Über die Stadionlautsprecher wird ein Tonband mit Grußworten Matt Busbys vom Krankenbett an der Isar abgespielt. Und der legendäre Coach gewinnt seinen schwersten Kampf.

63 Tage, lange Zeit davon unter einem Sauerstoffzelt, liegt Busby mit einem Lungenriss im Hospital. Als der deutsche Nationaltrainer Sepp Herberger seinen großen englischen Kollegen am Krankenbett besucht, erkennt ihn dieser nicht einmal. Zweimal erhält Busby von einem Priester die letzte Ölung.

Fast schon ein wenig unheimlich wirkt rückblickend Busbys prophetisches Versprechen, als er im April 1958 auf Krücken das Münchner Krankenhaus verlässt: "Zehn Jahre werde ich brauchen, um wieder eine so großartige Mannschaft aufzubauen, die sich die Krone Europas und den Europapokal holen wird." Und es gelang Busby tatsächlich, um die wenigen Spieler, die ihre Karrieren nach der Katastrophe von Riem fortsetzen konnten, ein neues, schlagkräftiges Team aufzubauen - darunter der nordirische Weltklasse-Keeper Harry Gregg, Verteidiger Billy Foulkes und der junge Stürmer Bobby Charlton.

Am 29. Mai 1968 ist es soweit, Matt Busbys Prophezeiung wird Realität: Im Finale des Europapokals der Landesmeister besiegt das Team im Londoner Wembley-Stadion Benfica Lissabon mit 4:1 nach Verlängerung - wie ein Fußballphönix schwingt sich das neue Manchester United mit Spielern wie George Best, Nobby Stiles und Dennis Law aus der Asche von München wieder auf den europäischen Fußballgipfel.



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Andreas Saatze, 06.02.2018
1. Unter jedem Bild dieselben Informationen
Hat es einen bestimmten Grund, dass (fast) jede Bildunterschrift die gleichen Informationen mit etwas abweichender Wortwahl enthält? Die Aussage, dass unter den 21 Opfern auch 8 Angehörige der ManU-Mannschaft waren, hätte einmalig auch ausgereicht...
Jörg Wetzel, 06.02.2018
2. Die Übersetzung des Buchtitels
...lautet "Ein Tag, an dem eine Mannschaft starb". Künstlerische Freiheit beim Übersetzen nervt. Ansonsten vielen Dank für diesen lesenswerten Artikel!
Rolf Feier, 06.02.2018
3. Falscher Sprit im Artikel
Die Airspeed-Ambassador ("Elzabethan") flog nicht mit Kerosin (=Jet-Treibstoff) sondern mit Flugbenzin. Die Maschine war eine der letzten Neuentwicklungen mit Kolbenmotoren. Flugbenzin ist deutlich leichter endzündbar, als Kerosin, was in dieser Hinsicht eher mit Dieselkraftstoff vergleichbar ist.
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