In die Armee gemogelt Calvin, 12 Jahre alt - Weltkriegsheld

Seine Mutter dachte, er besucht die Oma. Dabei kämpfte Calvin Graham, 12, im Pazifikkrieg. Erst behängte man ihn mit Orden - dann landete das Kind im Gefängnis.

US National Archives

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Calvin Graham ging gerade auf Gefechtsstation, als ein Granatsplitter seinen Kiefer durchbohrte. Die nächste Detonation riss ihn von den Füßen. Er stürzte drei Stockwerke tief und schlug auf dem Deck der "USS South Dakota" auf.

Es war der späte Abend des 14. November 1942, das Schlachtschiff war mitten in der Seeschlacht von Guadalcanal im Südpazifik. Tagelang lieferten sich amerikanische und japanische Streitkräfte vor den Salomon-Inseln erbitterte Gefechte.

Calvin Leon Graham
US Navy

Calvin Leon Graham

Als Graham sich aufrichtete, fehlten seine Vorderzähne, seine Haut war verbrannt von der Hitze der Bordgeschütze. Unter dem Dauerfeuer japanischer Zerstörer und Flieger gingen Kameraden vor ihm in Flammen auf oder wurden von Druckwellen über Bord geschleudert. Immer wieder erzitterte das Schiff von Treffern, der Strom fiel aus.

Graham schleppte sich blutend übers Deck, um Verletzte zu retten. "Ich nahm den Toten ihre Gürtel ab", sagte er später im "Smithsonian"-Magazin, "und machte daraus Druckverbände für die Überlebenden." Seinen zertrümmerten Kiefer habe er ignoriert, "denn das halbe Schiff war tot". Er verbrachte Stunden im Schiffsinneren und munterte Verletzte auf, während die Schlacht draußen weiter tobte: "Es war eine lange Nacht. Sie machte mich älter."

Älter als die zwölf Jahre, die Graham damals zählte.

Plötzlich war er 17

Was keiner an Bord wissen durfte: Er war am 3. April 1930 in Canton, Texas geboren worden. Als eines von sieben Kindern wuchs er in schwierigen Verhältnissen auf: Seinen Vater hatte er bei einem Autounfall verloren, der Stiefvater prügelte ihn täglich. Calvin floh in ein Wohnheim und hielt sich mit Zeitungsaustragen über Wasser.

In den Zeitungen las er über Hitler, über Pearl Harbour , und dann, im Dezember 1941: dass die USA in den Krieg zogen. Drei seiner Brüder meldeten sich freiwillig, mehrere Cousins starben in Schlachten. Calvin sehnte sich danach, selbst als Soldat die Heimat zu verteidigen. Doch dazu musste man mindestens 17 sein. Er als Elfjähriger durfte höchstens davon träumen, wie der Comicheld Captain America als schwächlicher Junge per Geheimserum zum Supersoldaten zu werden.

Er begann, sich zu rasieren, um den Bartwuchs anzuregen. Ein Freund fälschte die Unterschrift von Calvins Mutter auf einer Einverständniserklärung mit dem Geburtsdatum 5. April 1925. Von seinen Zeitungstouren kannte Calvin einen Hotelportier, der einen Notarstempel in seinem Tisch aufbewahrte, und lockte ihn mit einem fingierten Feueralarm fort.

Mit der nun gestempelten Erklärung ging Graham kurz nach seinem zwölften Geburtstag mit Freunden zur Rekrutierung. Er trug Anzug und Hut eines älteren Bruders, die Hosenbeine musste er hochkrempeln. Im "People"-Magazin erinnerte Graham sich 1977: "Ich war 1,57 Meter groß und wog 56 Kilogramm, aber ... wir hatten alle geübt, tief zu sprechen."

Allerdings schätzte bei der Musterung ein Zahnarzt das Alter anhand der Zähne. Graham reihte sich in der Schlange hinter einem 14- und einem 15-Jährigen ein. Der Arzt winkte die Jungen durch. Doch als er Calvins Zähne betrachtete, sagte er, Graham sei eindeutig erst zwölf. Der sagte nur, er wisse genau, dass die Jungs vor ihm auch noch nicht 17 seien. Entnervt ließ der Dentist ihn durch.

Erst als Held gefeiert...

Als er zur Grundausbildung nach San Diego ging, sagte Calvin seiner Mutter, er wolle die Großmutter in Crockett, Texas besuchen. Seinen Ausbildern schien bewusst zu sein, dass viele Rekruten zu jung waren. Sie ließen sie weiter laufen als die anderen und gaben ihnen schwerere Rucksäcke. Vielleicht hofften sie, dass diese Kinder es nie an die Front schaffen würden.

Graham schaffte es: Im August 1942 legte er mit der "USS South Dakota" Richtung Südpazifik ab. Das Schiff lief fast auf ein Korallenriff auf, überstand vor den Santa-Cruz-Inseln einen japanischen Luftangriff und wurde von einer 250-Kilo-Bombe getroffen; der Kapitän überlebte nur knapp. Noch schlimmer kam es vor Guadalcanal: Als Teil der Task Force 64 musste es die "South Dakota" am 14. November mit einer Gruppe japanischer Zerstörer und Kreuzer aufnehmen, durch den Stromausfall an Bord ohne Radar. Sie versenkte drei der feindlichen Schiffe und setzte ein weiteres mit Treffern in Brand. Dann gelang ihr schwer beschädigt im Rauch des Gefechts der Rückzug.

Beim Einlaufen in New York wurden die Männer am 18. Dezember als Helden gefeiert. Sie erhielten das Ordensband der Navy Unit Commendation. Calvin Graham bekam den Bronze Star für seine Verdienste im Kampf und das Purple Heart für die erlittenen Verletzungen. Damit war er der jüngste je ausgezeichnete Kriegsheld der US-Geschichte. Nur wusste das keiner. Noch nicht.

...und dann in den Militärknast

Die Medien feierten jetzt die Helden der "South Dakota". Und so sah ihn Calvins Mutter Anfang 1943 in einer Wochenschau: Er war nicht bei der Oma gewesen, sondern im Zweiten Weltkrieg. Per Brief forderte sie die Navy auf, ihren Sohn sofort zu entlassen - er sei doch erst zwölf Jahre alt.

Die Marine warf ihn nicht nur raus. Sie verweigerte Graham auch ausstehenden Sold und Entlassungsgeld, selbst die Fahrt ins Militärgefängnis musste er selbst zahlen. Drei Monate saß er hinter Gittern, bis er freikam - am 13. Geburtstag. Das Schlimmste jedoch, so Graham: "Sie nahmen mir alle meine Orden." Da er eigentlich gar kein Soldat hätte sein dürfen, wurde er nicht ehrenhaft entlassen, ohne Ausmusterungspapiere. Und ohne Anspruch auf Veteranenrente oder Versehrtenfürsorge. Er erhob Einspruch - erfolglos.

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Schiff mit Tarnung: 1000 Seemeilen durch Feindesgebiet

Die Rückkehr in den Alltag war schwer: Von Kopfschmerzen und Zahnproblemen gequält, konnte Graham in der Schule nicht mehr mithalten. Er schmiss hin. 1944 gelang es ihm, Präsident Franklin D. Roosevelt am Telefon zu sprechen: "Er sagte, ich sei ein Held, und er werde dafür sorgen, dass ich nicht nur meine alten Orden bekomme, sondern auch das Navy Cross und eine ehrenhafte Entlassung." Wenig später starb Roosevelt.

Fortan lebte Graham das Leben eines Erwachsenen. Mit 14 heiratete er, wurde mit 15 Vater, arbeitete als Schweißer in einer Werft. Ein Jahr später die Scheidung. Schließlich ging er mit 17 zu den Marines. Eine verhängnisvolle Entscheidung: Im Dienst stürzte er von einem Pier - und brach sich das Rückgrat. Fortan konnte er nur noch mit Stock gehen. Er lebte nun von seinen geringen Fürsorgeansprüchen und verdiente ein wenig dazu, indem er Zeitschriften an Haustüren verkaufte.

Als Jimmy Carter 1976 US-Präsident wurde, bot er Veteranen an, nicht-ehrenhafte Entlassungen prüfen und aufstufen zu lassen. Primäres Ziel: Soldaten, die in Vietnam in aussichtslosen Lagen desertiert hatten. Graham wollte das Angebot nutzen und erreichte mit Unterstützung zweier Senatoren einen Teilerfolg: 1978 erkannte man ihm die ehrenhafte Entlassung zu. Aber nicht den ausstehenden Sold - wegen Verjährung.

Kampf um die Ehre und den Orden

Auch Zuwendungen für Kriegsverletzungen erhielt er nur für einen einzigen beschädigten Zahn. Grahams Dentistenkosten gingen inzwischen in die Tausende. Vielleicht wurde ihm deshalb auch, als er seine Auszeichnungen 1978 zurückbekam, ausgerechnet das Purple Heart vorenthalten, der Orden für seine erlittenen Verletzungen. Graham kämpfte weiter, schrieb Briefe, startete Petitionen.

Seine Gesundheit verschlechterte sich in den Achtzigerjahren zunehmend. Um seine Frau Mary versorgt zu wissen, verkaufte er seine Geschichte an CBS; 1988 strahlte der Fernsehkonzern den Film "Too Young The Hero" aus. Doch nachdem alle Beteiligten ihren Gewinnanteil abgeschöpft hatten, blieben den Grahams lediglich 25.000 Dollar.

Noch im gleichen Jahr wendete sich sein Schicksal: Ronald Reagan unterzeichnete ein Gesetz, das ihm volle medizinische Versorgung zugestand. Die Geste gab Graham jenen "Stolz zurück, den ich vor langer Zeit verloren hatte". Er erhielt 337 Dollar ausstehenden Sold aus dem Jahr 1942 - plus 4580 Dollar Zinsen. Für vergangene ärztliche Behandlungen sprach man ihm 18.000 Dollar zu. Nur sein Purple Heart, das wollte man ihm nicht geben.

Er konnte nicht lange von den Zuwendungen profitieren. Seinem Neffen Dean Lowrey sagte er 1992, ans Hospitalbett gefesselt: "Vielleicht geben sie mir ja mein Purple Heart zurück, wenn ich nicht mehr da bin." Am 6. November des Jahres starb Calvin Graham an Herzversagen, mit 62 Jahren.

Erst 1994 erkannte das US-Militär ihm wieder das Purple Heart zu. Marineminister John Dalton überreichte es seiner Witwe Mary Graham am 21. Juni in Arlington, Texas. Im örtlichen Rekrutierungszentrum.

Zum Autor
  • Danny Kringiel (Jahrgang 1977) fand 2010 zu einestages - nach Umwegen über Lehrerausbildung und Computerspiel-Doktorarbeit. Liebt seinen Bass, fürchtet kandierten Ingwer und begeistert sich für Film, Musik und groben Unfug.

    E-Mail: Danny.Kringiel@spiegel.de

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Seite 1
Christina Warwel, 19.04.2016
1. Typisch
Der Dentist ist natürlich nie belangt worden. Was lernen wir aus der Geschichte? Die Verantwortung immer weiter nach unten durch reichen, bis sie bei denen liegt, die sich nicht dagegen wehren können. Der tiefere Sinn von Hierarchien und Verwaltung.
Thomas Dunskus, 19.04.2016
2. Rudyard Kipling schrieb
als er vom Tod seines knapp 18-jährigen Sohnes im 1. WK erfuhr: "If they should ask you why we died, tell them: 'Because our fathers lied'. TD
Simon Herz, 19.04.2016
3. Beiweist mal wieder: US-System = skrupellos
Ein Kind opfert sich auf für sein Land , erleidet schwere Verletzungen und als Dank wird ihm nicht nur alles erarbeitete genommen (Auszeichnungen, Sold), nein er wird völlig im Stich gelassen. Zum Glück sind ihm die Folgen eines von Bill Clinton unterzeichneten Gesetz erspart geblieben, das heutzutage unehrenhaft aus der Armee entlassene quasi aus der Gesellschaft ausstößt und sie sogar verpflichtet jeden Arbeitgeber darauf hinzuweisen. Das einzige was da noch fehlt ist das Äquivalent eines Judensterns.
Robert Rauscher, 19.04.2016
4.
Was hat die Aussage von Kipling mit dem Thema zu tun? Kipling hatte es seinem Sohn selbst ermöglicht in den Krieg zu gehen und bereute das später zutiefst. Hier geht es um ein zwölfjähriges Kind, welches aufgrund von systematischen Fehlern (ich glaube nicht dass es nur dem Dentisten auffiel dass der Junger erst zwölf Jahre alt ist) an die Front geschickt wurde. Den Zahnarzt zu belangen wäre zu wenig gewesen: er hätte die 14 und 15 Jahre alten Jungs nicht ohne einen inoffiziellen Erlass von "oben" durchgewinkt. Und so schlug das System denjenigen der nicht zum System dazugehörte und der es wagte zu überleben und dann auch noch aufzufallen. Die Gesellschaften dieser Welt gehen falsch mit denen um die für diese Staaten ihr Leben geben würden, und zwar alle. Nur ist es in den USA am besten dokumentiert, deswegen bekommt man immer wieder solche Geschichten zu hören.
Nils Hoffmann, 19.04.2016
5. Seeschlacht von Guadalcanal
Ein sehr interessanter Beitrag, einzig bei dem erwähnten Gefecht vom 14. auf den 15. November 1942 sind wohl einige Details durcheinander geraten. "Als Teil der Task Force 64 musste es die "South Dakota" am 14. November mit acht japanischen Schlachtschiffen aufnehmen und versenkte drei davon, durch den Stromausfall an Bord ohne Radar. Dann gelang ihr schwer beschädigt im Rauch des Gefechts der Rückzug." An diesem Gefecht waren jedoch nicht acht sondern nur ein einziges japanisches Schlachtschiff, die Kirishima, beteiligt. Selbige wurde auch nicht von der South Dakota versenkt sondern von der USS Washington so schwer beschädigt, dass sie von den Japanern aufgegeben werden musste. Die South Dakota erzielte während des Gefechts selbst wohl keine Treffer gegen die japanischen Schiffe.
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