"Calvin und Hobbes"-Erfinder Bill Watterson Neinneinneinneinnein

Er weigerte sich, mit Steven Spielberg zu telefonieren, Millionenangebote schlug er aus: Mit "Calvin und Hobbes" erfand Bill Watterson einen der wichtigsten Comic-Strips - und kämpfte jahrelang darum, ihn nicht zu vermarkten. Die Biografie des großen Nein-Sagers ist so bedeutend wie sein Werk.

Von

Carlsen Verlag

Nein.

Sie haben das Wort gerade leise gelesen, oder? Klar haben Sie das. Schließlich ist das hier ein Artikel auf einestages und nicht die Spracherkennungs-Software auf Ihrem Handy. Aber versuchen Sie doch mal, das Wort laut zu sagen.

Nein.

Gar nicht so schwer, oder? Versuchen Sie es doch ein paar Mal schnell hintereinander. Dann macht es sogar richtig Spaß.

Neinneinneinneinnein.

Aber jetzt stellen Sie sich einmal vor, jemand würde Sie fragen, ob Sie eine Zeichnung, die Sie vor Jahren an einem einzigen Tag angefertigt haben, für Zehntausende Dollar verkaufen würden.

Öh...

Ob Sie mit Stofftieren, bedruckten T-Shirts und Kaffeetassen Millionen verdienen wollen?

Ähem...

Oder ob Steven Spielberg Sie anrufen darf.

Also... tja... warum eigentlich nicht?

Hand aufs Herz. Wenn jemand Ihnen eine dieser Fragen stellen würde, wäre es plötzlich nicht mehr so einfach, nein zu sagen. Vielleicht denken Sie sogar, dass es ganz schön dämlich wäre.

Phantom der Popkultur

Diese Geschichte handelt von einem Mann, der all das gefragt wurde und immer nein gesagt hat. Auch dann, wenn es die Sache für ihn nicht gerade leichter gemacht hat. Jahrelang musste er kämpfen, wurde ausgelacht, für verrückt gehalten, unter Druck gesetzt. Natürlich hat er das nicht einfach so getan, sondern weil er fest daran glaubte, dass er damit einen kleinen Jungen und dessen Tiger retten würde. Sie heißen Calvin und Hobbes.

Der Name des Neinsagers ist Bill Watterson, und er gehört in die übersichtliche Reihe bekannter Künstler, die mit ihrer Berühmtheit nichts anfangen konnten. Oft wird er mit dem Schriftstellerphantom Thomas Pynchon verglichen, weit mehr erinnert er allerdings an J. D. Salinger. Der Autor von "Der Fänger im Roggen" wurde mit dem Roman weltberühmt, nur um sich daraufhin bis zum Ende seines Lebens hinter die hohen Mauern eines Anwesens in dem Dörfchen Cornish in New Hampshire zurückzuziehen. Seine letzte Geschichte veröffentlichte Salinger 1965. Dann beschloss er, nur noch für sich selbst zu schreiben.

Auch Watterson hat nun seit beinahe zwei Jahrzehnten keinen Comic-Strip mehr veröffentlicht. 1995, im zehnten Jahr von "Calvin und Hobbes", erreichte die Herausgeber der Zeitungen, die täglich die Geschichten des kleinen Jungen und seines Tigers abdruckten, ein kurzes Schreiben: "Lieber Redakteur", begann Watterson, "am Ende des Jahres werde ich mit 'Calvin und Hobbes' aufhören."

So lakonisch, mit dreizehn Zeilen, maschinengeschrieben, beendete Watterson seine Karriere. Und was für eine Karriere: Denn zu diesem Zeitpunkt war "Calvin und Hobbes" einer der erfolgreichsten Comic-Strips überhaupt. Wattersons Duo war so berühmt wie Charles Schulz' "Peanuts" oder Jim Davis' "Garfield". Mehr als 2400 Zeitungen weltweit druckten täglich die Abenteuer des kleinen Jungen und seines Stofftigers, der immer dann zu einem echten Tiger wird, wenn die zwei allein sind. Noch heute steht "Calvin und Hobbes" in jeder Liste der wichtigsten Comic-Strips aller Zeiten. In nicht wenigen ganz oben.

Also WARUM hat Watterson einfach aufgehört?!

Die Gebote des Startums

Auch das stand in dem Brief: "Meine Interessen haben sich geändert." Er wolle lieber langsamer arbeiten, weniger Kompromisse machen. Es war vorbei. Was genau er als Nächstes tun werde, wisse er auch nicht. Und bis heute, fast 20 Jahre nach dem Ende von "Calvin und Hobbes", weiß das niemand so genau. Er würde nun in freier Natur Landschaften in Öl malen, hieß es einmal. Eine Ausstellung gab es jedoch nie. Er beschäftige sich intensiv mit Musik, schrieb er 2005 im Vorwort zur Gesamtausgabe von "Calvin und Hobbes", die vor kurzem in einer schmuckvollen deutschen Ausgabe beim Carlsen-Verlag erschienen ist. Ob das bedeutete, dass er von nun an sein Leben damit verbrachte, Beethovens gesammelte Klaviersonaten zu üben oder an Lagerfeuern die Hits der Isley Brothers auf einer Ukulele zu spielen, schrieb er nicht.

Aber was geht uns das auch an?

Die Gebote des Startums sagen: Einiges. Denn wer durch unsere Liebe reich wird, schuldet uns auch einen Teil seines Privatlebens. Seit der Erfindung des Popstars ist das gemeinhin der Deal.

Watterson hat sich dem stets verweigert. In zehn Jahren hat er ein gewaltiges Werk von 3150 Strips hinterlassen. Das Buch "Calvin und Hobbes", wenn man so will. Eine Schöpfung, so geistvoll und lebensklug wie "Der Fänger im Roggen". Während uns allerdings Salingers Holden Caulfield als Teenager an der Schwelle zum Erwachsenwerden das Ende der Unschuld betrauern lässt, erinnert uns Calvin an etwas anderes: Der ewig Sechsjährige mit seinen altklugen Sprüchen, seiner explosiven Energie und einer Phantasie, die stets überschäumt wie eine Cola-Flasche voller Mentos, gemahnt uns daran, dass wir nie, nie, nie zu erwachsen werden dürfen.

Und Wattersons plötzlicher Rückzug ist ein Teil dieses Mahnmals. Denn so hat uns der Neinsager weit mehr offenbart als jede Foto-Homestory, jede unautorisierte Biografie, jede Dokumentation über einen Mann, der zehn Jahre lang Tag für Tag an seinem Zeichentisch gesessen hat, zeigen könnte.

Wattersons geniale Apokryphen

Was genau das ist, lehrt uns der andere Teil von Wattersons Werk, quasi die Apokryphen. Vielleicht sind sie ebenso wichtig wie die Comics. Die wenigen Lebenszeichen von Watterson neben den Strips beschränken sich auf rund ein halbes Dutzend Interviews, ein paar Artikel über Comic-Künstler, die er verehrte - und zwei programmatische Reden. Letztere sind ein zweibärtiger Schlüssel zu Wattersons Sicht der Dinge. Denn auch in den Ansprachen zeigt sich der Comic-Autor als scharfsinniger Denker - und als gnadenloser Kämpfer, der bereit ist, für seine Ideale einzutreten.

Es war der 27. Oktober 1989, als Watterson auf dem Festival of Cartoon Art an der Ohio State University ans Pult trat. Vor sich einen brutalen Weckruf für die Comic-Strip-Branche: Dort griff er nicht nur die Tageszeitungen und Syndikate an, die für die Vermarktung der Strips verantwortlich waren, sondern sogar die Zeichner. Ihnen warf er vor, dass sie sich vom Geld verlocken ließen, ihre Figuren zu vermarkten und damit ihre Protagonisten zu unglaubwürdigen Werbeträgern zu machen. Wenn die Charaktere eines Comics anfangen, große Firmen zu unterstützen und ihre Gesichter Bettbezügen und Boxershorts zu leihen, so Watterson, würde der Leser sich fragen, ob die Figuren Dinge sagen, weil sie diese wirklich meinen oder weil sie sich gut auf T-Shirts und Grußkarten machen.

Seine Ansprache trug den Titel: "The Cheapening Of Comics" (in etwa: "Wie Comics billig gemacht werden"). Und - gerade einmal vier Jahre im Geschäft - verärgerte Watterson den gesamten Betrieb und setzte damit seine eigene Karriere aufs Spiel. Denn sein eigenes Werk gehörte dem damals 31-Jährigen gar nicht. Als er den Vertrag bei Universal Press Syndicate unterzeichnete, musste er alle Rechte an "Calvin und Hobbes" abtreten. Dennoch wütete er gegen jede Form der Vermarktung außerhalb der Comic-Strips. Dafür, so sagte er einmal, habe er einige Jahre lang fast ebenso viel Zeit damit verbracht, Geschäftsmänner am Telefon anzubrüllen, wie mit dem Zeichnen. Auch ein Film zum Comic kam für Watterson nicht in Frage. Und es rief nicht nur Steven Spielberg an, sondern auch George Lucas und Jim Henson.

Ein gigantisches JA!

Hartnäckig war Watterson bereits, bevor er zum Zeichenstar wider Willen wurde. Denn der Erfolg kam alles andere als über Nacht. Nach seinem Abschluss fing er als Politik-Cartoonist an - und wurde nach einem halben Jahr wegen mangelnden Talents rausgeworfen. Watterson musste wieder bei seinen Eltern einziehen und einen Job als Werbezeichner annehmen, den er von Herzen hasste. Deshalb habe er Nacht für Nacht an etlichen Ideen für Comic-Strips gearbeitet, die sämtlich abgelehnt wurden. Erst nach fünf Jahren erbarmte sich ein Syndikat, ihm eine Chance mit "Calvin und Hobbes" zu geben. Von dieser Zeit handelt die zweite Rede Wattersons. Sie trägt den wenig erbaulichen Titel "Einige Gedanken über die echte Welt von jemandem, der einen Blick darauf warf und floh". Er hielt sie am 20. Mai 1990 vor der Abschlussklasse seiner Alma Mater, dem Kenyon College in Ohio. Es war sein letzter öffentlicher Auftritt.

Wattersons Leben ist ebenso wichtig wie sein Werk - und wir brauchen Biografien wie diese mehr denn je: In einer Gesellschaft, in der das Abitur verkürzt und die Universität immer weiter verschult wird, zeigt Watterons Werdegang, dass es für die richtige Karriere manchmal große Lücken im Lebenslauf braucht. Und in einer Zeit, in der sich Tausende bei Fernsehsendern bewerben, um herauszufinden, ob sie ein Supertalent haben, sind echte Supertalente, die sich all dem verweigern, bedeutender denn je. Sie sind die Fixpunkte, an denen wir unser eigenes Gefühl dafür kalibrieren können, was wichtig oder unwichtig, eitel oder notwendig, bemerkenswert oder einfach nur dämlich ist.

Im allerletzten "Calvin und Hobbes"-Strip stehen der Junge und sein Tiger im frisch gefallenen Schnee. "Es ist, als hätte man ein großes, weißes Blatt Papier", philosophiert Hobbes. Dann setzen sich die beiden auf einen Schlitten. "Let's go exploring!", ruft der ewig Sechsjährige - und die beiden rasen mit Karacho ins Ungewisse. Das Werk des großen Neinsagers Bill Watterson endet mit einem gigantischen JA!

Zum Weiterlesen:

Bill Watterson: "Calvin und Hobbes - Gesamtausgabe". Carlsen Verlag, 2013, 1440 Seiten.

Das Buch erhalten Sie bei Amazon .

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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
Martin Eigenberger, 08.01.2014
1.
Calvin & Hobbes ist ganz große, zeitlose Kunst, die Kinder (ab ca. 9 Jahren) ebenso begeistern kann wie Erwachsene. Und in der von Bill Watterson gewählten Selbstbeschränkung liegt ein Geheimnis des Erfolges: Es wird nicht mehr davon geben, dadurch wird das was ist, wertvoller.
Steffen Wagner, 08.01.2014
2.
Hier der link zu einer kleinen Freeware, mit der alle 3696 Calvin & Hobbes Comics gelesen werden können: http://www.swiftease.de/calvin.html Ich liebe Clavin & Hobbes! Viel Spaß, Steffen
J.-R. Müller-Wachtendonk, 08.01.2014
3.
Für alle, die Calvin&Hobbes mit Outlook oder einem anderen RSS-Reader abonnieren möchten und z.B. den Arbeitstag mit den beiden beginnen möchten: Link per Browser öffnen und http://pipes.yahoo.com/pipes/pipe.run?_id=874b3fa99e045988cb99e69a742ce0e8&_render=rss
Martin Luther, 08.01.2014
4.
Die Werbeanzeige zum Schluss kontakariert den Artikel. Schöne alte Welt.
Volker Rachow, 08.01.2014
5.
Einer der schönsten Berichte zum Schöpfer dieses unglaublichen Comicstrips und gleich drunter der Link zu Amazon - dem größten Vermarkter/Versender jenseits des Plutos. Soviel Yin und Yang muss man erstmal schaffen.
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