Care-Pakete Das Wunder kam aus Iowa

Erst war die Verzweiflung groß - und dann die Freude. Aus dem hungernden Nachkriegsdeutschland schickte eine Berliner Mutter 1947 einen Hilferuf an eine zufällige Adresse in den USA. Ein paar Wochen später stand ein Paket vor der Tür.

CARE

Manfred Kranz ist gehörlos. Doch er nahm die Flieger sofort wahr, wenn sie über Berlin knatterten. "Wenn wir bei Kerzen- oder Petroleumlicht auf die Fluggeräusche der Rosinenbomber warteten, spürte Manfred das Nahen des Flugzeuges mit seinen Händen auf der Tischkante. Lange bevor wir es hörten", erinnert sich Renate Kranz. Die heute 68-jährige Berlinern war acht Jahre alt, als die Sowjets im Frühjahr 1948 den britischen, amerikanischen und französischen Sektor der Stadt von allen Versorgungsadern abtrennten. Für Familie Kranz war es eine ergreifende Zeit - nach den schrecklichen Jahren des Krieges wurde die Hoffnung auf Frieden wieder zerstört.

"Unsere Eltern hatten bei einem Feuer im November 1943 Hab und Gut verloren. Wir hausten danach notdürftig in einem Raum bei den Eltern meines Vaters in Tempelhof", erzählt Renate Kranz. "Im Winter waren es in mancher Nacht minus 9 Grad. Wir konnten uns nur mit heißen Ziegelsteinen in den Betten wärmen. Doch im Gegensatz zu vielen anderen Berlinern kamen wir durch." Und das verdankt Familie Kranz einem Amerikaner: Richard N. Hoerner.

Hilferufe nach Iowa

Gertrud Kranz, die Mutter von Renate und Manfred und Frau eines schwer kriegsverletzten Mannes, bastelte Spielzeug in Heimarbeit, um etwas Geld für die Familie zu verdienen. Im Jahr 1947 suchte sie in einer Lagerhalle Materialien und fand dort braune Pappkartons mit der Adresse einer amerikanischen Firma. In ihrer Verzweiflung über die Lebensumstände kam ihr eine Idee. Sie formulierte einen Brief, ließ ihn von einer Freundin ins Englische übersetzt mit der Schreibmaschine abtippen und schickte ihn an den Firmeninhaber Richard N. Hoerner in Keokuk, Iowa. Es war ein Hilferuf.

"Sie können sich vorstellen, wie wir staunten, als Monate später eine Antwort kam", meint Tochter Renate. Am 8. August 1947 erhielt Familie Kranz Post von Richard Hoerner. Er ließ sie wissen, dass viele Amerikaner mit den Bewohnern des Nachkriegsdeutschlands mitfühlten: "Es ist geradezu beschämend, dass viele von uns hier drüben so viel essen können und dass viele von Ihnen nicht so viel essen können, wie sie sollten, besonders Sie selbst, die sie Kinder haben", schrieb Hoerner.

Der Unternehmer wandte sich an Care, jene private Organisation, die zu dieser Zeit Hilfspakete nach Europa verschiffte und dort verteilte. Bereits zwei Monate später bestätigte Gertrud Kranz per Brief den Erhalt mehrerer Pakete: "Das hoffnungsvolle Warten wurde so reichlich belohnt und Sie können sich wohl vorstellen, wie die dankbaren Kinderherzen höher schlugen, als die Pakete geöffnet wurden." Hoerner schickte weitere Pakete.

Und er war nicht der einzige. Tausende Amerikaner kauften die braunen Kartons zu je 15 Dollar das Stück, die jeweils zwei Kilogramm Fleisch, eineinhalb Kilo Fett, je ein Kilo Mehl, Reis und Zucker, je ein Pfund Honig, Marmelade und Rosinen, ein Kilo Kaffee und Vollmilchpulver, ein Pfund Schokolade, ein halbes Pfund Eipulver und vier Stück Seife enthielten. Von Care ließen sie die Pakete zu Angehörigen und Bekannten bringen oder über die Kirche und Wohlfahrtsverbände an besonders Bedürftige verteilen.

Alle Zufahrtswege blockiert

Als sich im Frühjahr 1948 die Spannungen zwischen der Sowjetunion und den Westmächten intensivierten und die unterschiedlichen Pläne zum Aufbau Deutschlands nicht mehr zu vereinbaren waren, entschied sich Stalin zu drastischen Maßnahmen. Sein Plan: Eine Blockade Berlins sollte die westlichen Alliierten zwingen, sich zurückzuziehen. Doch er hatte die Rechnung ohne die amerikanischen Generäle gemacht, vor allem Lucius D. Clay. Es dauerte nur 48 Stunden, bis die Briten und Amerikaner nach der Sperrung aller Zufahrtswege eine erste Luftbrücke organisierten, um die Stadt mit dem Notwendigsten zu versorgen.

Im August 1948 schrieb Gertrud Kranz an Richard Hoerner: "Der Wille, unserer Stadt wieder ein bürgerliches Ansehen zu geben, wird seit mehr als acht Wochen durch die Stromsperren und viele andere Dinge derart gehemmt, dass mittlerweile nur noch der Glaube uns erhält. Das Vertrauen hat die Berliner Bevölkerung vollkommen in die Hand Ihres Volkes gelegt und hofft, dank der bisherigen Haltung auf volles Verstehen."

Hoerner half mit Wolldecken, Lebensmitteln und Vitamintabletten. Er konsultierte Ärzte und erstellte Ferndiagnosen, um die richtigen Medikamente für das offene Bein der Schwiegermutter von Gertrud Kranz und die Augenkrankheit ihres Schwagers zu schicken. Frau Kranz sendete weitere Briefe der Verzweiflung: "Wir wollen unseren Glauben nicht sinken lassen, dass wir die Menschenrechte hier nicht vollkommen verlieren. Es sind doch der Opfer genug und die Welt möge die Tage Berlins erkennen."

Angst vor der Zukunft

In einem weiteren Brief an Hoerner appelliert Gertrud Kranz an die Alliierten: "Diese standhaften Berliner Frauen und Kinder, die nicht nur die erbärmlichste Handlung der Blockierung ihrer Stadt zu ertragen haben, sie haben auch noch die Tatsache zu buchen, dass vorerst die gesamte Einwohnerschaft ein staatenloses Dasein fristen muss. Hier gehen nun schon seit Monaten mehrere Hunderttausende der vollen Armut entgegen, 250.000 Einwohner sind erwerbslos, der Lebensunterhalt wird nun durch Steigerung der Preise gerade in den Nahrungsmitteln noch dermaßen verteuert, dass wohl eine totale Armut gepaart mit der politischen Haltlosigkeit das Ende sein wird. Es war uns bisher durch Ihre so unendliche Güte und Gottvertrauen beschieden, diesen Gefahren zu entrinnen - aber was wird die Zukunft bringen?"

General Lucius Clay beorderte in der Zwischenzeit den Transportexperten Generalleutnant William H. Tunner zur logistischen Planung der Luftbrücke. Der ließ das Unmögliche Realität werden: Tunner perfektionierte die Luftbrücke soweit, dass die täglich benötigten 3.475 Tonnen Kohle und Lebensmittel Berlin erreichten. Damit sich kein Stau auf den Landebahnen bildete, ließ er jedes Flugzeug im Abstand von drei Minuten landen. Verpasste ein Pilot die Landebahn, musste er unverzüglich mit voller Ladung zur Basis nach Frankfurt zurückfliegen.

Den deutschen Verladehelfern versprach Tunner eine Prämie, Zigaretten oder Teile der Care-Pakete für schnelle Entladung. Die Piloten wurden direkt an der Startbahn versorgt: Mit Kaffee, Snacks und Flugdaten, serviert von den hübschesten Berliner Mädchen. So schaffte es Tunner, die Zeit zwischen Landung und Abflug auf 25 Minuten zu verkürzen.

"Renate hat Scharlach"

Dann brach Weihnachten an - und Berlin war noch immer isoliert. Renate Kranz erkrankte. "Unsere kleine Renate hat Scharlach bekommen und dadurch ihre Nieren entzündet. Sie muss für mehrere Wochen im Krankenhaus bleiben. Sie sollte Früchte für die Heilung bekommen, doch durch die Blockade ist das unmöglich", schrieb ihre Mutter Gertrud an den Helfer in der Not, Richard Hoerner. Sogar ein kleines Weihnachtsgeschenk schickte die Familie ihm: eine Uhr und ein Feuerzeug mit der Aufschrift Berlin.

Hoerner schrieb im Januar 1949 zurück und berichtete von der Wahl Trumans zum Präsidenten, von der Rezession und von seiner Familie. Sie tauschten sich über Politik und Glaubensätze aus. Im April schrieb Gertrud Kranz: "Mit den russischen Machthabern ist es ein schweres Unterfangen, diese von ihren rücksichtslosen Zielen abzubringen und mein Mann war und ist jeher der Ansicht, man kann dem Fortschritt dieser Idee nur das Ideal entgegensetzen, wenn man, wie Sie in Ihrem Dasein, so vorbildlich als Gleichnis lebt. Es wäre auf dieser Welt kein Mensch Kommunist geworden, hätten die geistigen Kräfte der konservativen Auffassung nicht in den entscheidenden Stunden moralisch und seelisch versagt."

Ein weiterhin nicht abreißender Strom von Rosinenbombern, im Soldatenjargon liebevoll "Willie" und "Easy", genannt, brachten unterdessen Brennstoffe, Lebensmittel und Winterkleidung nach Berlin. Care packte nun Pakete in unterschiedlichen Versionen: solche mit Babynahrung und Babykleidung, andere mit Wollkleidung oder Wolle zum Stricken und Standardpakete mit Corned Beef, Schokolade, Mehl, Zucker, Kaffee und Rosinen.

"Eine kleine Enttäuschung"

Die Sowjets versuchten, die Landung der Flugzeuge in Tempelhof mit Flutlichtern und Radiointerferenzen zu stören - doch sie wagten nicht, auf die Flugzeuge zu schießen. Für den 15. April plante Transportmeister Tunner eine Aktion, die das Ende der Blockade einleiten sollte: Um die Monotonie der Luftbrücke nach vielen Wochen zu unterbrechen, beschloss er, alle Beteiligten neu zu motivieren - und seinen eigenen Rekord zu brechen. Von 12 Uhr mittags bis zum Mittag des darauf folgenden Tages flogen so viele Maschinen wie nie zuvor nach Berlin. Das Ergebnis: 12.941 Tonnen Kohle für Berliner Öfen.

Knapp einen Monat später, am 12. Mai 1949 gaben die Sowjets die Blockade auf. Die Transportflüge wurden noch bis zum 30. September fortgesetzt, um die Versorgung West-Berlins aufrechtzuerhalten. In den 15 Monaten seit Beginn der Blockade waren insgesamt 2,3 Millionen Tonnen Lebensmittel und Kohle mit amerikanischer und britischer Hilfe nach Berlin geflogen - und damit 2,5 Millionen Menschen vor dem Hungertod gerettet worden.

Von Care gecharterte Maschinen fliegen in dieser Zeit mehr als 200.000 Pakete mit allen lebenswichtigen Gütern in die Stadt. Nur eines fehlte. Renate Kranz erinnert sich: "Beim Öffnen der Pakete gab es trotz aller Freude immer eine kleine Enttäuschung für mich. Ich hätte so gerne mal etwas, wenn auch nur winziges, zum Spielen darin entdeckt."

Über Jahre pflegte Familie Kranz die Brieffreundschaft mit Richard N. Hoerner weiter, bei einem Besuch 1959 in Berlin lernten sie sich endlich persönlich kennen. Gertrud und ihr Mann holten ihren großherzigen Helfer vom Flughafen Tempelhof ab und zeigten ihm die Stadt, er lud sie ins Hilton-Hotel zum Frühstück ein. 1972 trafen sie sich noch einmal in Berlin. Hoerner sah krank aus, erinnert sich Gertrud Kranz. Es war sein Todesjahr.

Renate Kranz blieb dem Helfer aus den USA verbunden: "Auch heute noch backen meine 96-jährige Mutter und ich Rosinen-Napfkuchen. Denn dieser Kuchen ist mein Erinnerungsgebäck an die Rosinenbomber und die Zeit der Berliner Blockade."


Die Autorin ist Mitarbeiterin von CARE Deutschland-Luxemburg e.V.

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
Mathias Buchholz, 24.06.2008
1.
Interessanter Bericht. Leider wird mal wieder verzichtet, auf etwas hinzuweisen, was aber immerhin bei Wikipedia (http://de.wikipedia.org/wiki/Berlin-Blockade) erwähnt wird. Dass es möglich war, sich in Ost zu versorgen. Ich finde es sehr wichtig, dass dies nicht unterschlagen wird. Ansonsten ist natürlich verständlich, dass auf diese Möglichkeit nur im äussersten Notfall zurückgegriffen wurde. (Was war grösser, der Stolz oder der Hunger (bzw. die Verantwortung für Dritte))
Olaf Fiebig, 14.07.2008
2.
>Interessanter Bericht. > >Leider wird mal wieder verzichtet, auf etwas hinzuweisen, was aber immerhin bei Wikipedia (http://de.wikipedia.org/wiki/Berlin-Blockade) erwähnt wird. > >Dass es möglich war, sich in Ost zu versorgen. Es stimmt zwar man haette sich im SBS versorgen koennen, aber es gab zu dieser Zeit noch Lebensmittelkarten und Buerger von Berlin (West) haetten sich in der SBS anmelden muessen.
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