Carl Friedrich von Weizsäcker Werbetrommler für die Superbombe

Vom Saulus zum Paulus: Als junger Physiker forschte Carl Friedrich von Weizsäcker begeistert im Atomprogramm der Nazis an der Uranbombe. Dann half er, die Entwicklung zu verschleppen, verhinderte so einen möglichen Sieg der NS-Diktatur - und wandelte sich nach dem Krieg zum militanten Atomgegner.

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Im Sommer 1941 - deutsche Panzer rollen auf Moskau zu - setzt ein junger Mann in Berlin eine brisante Patentschrift auf. Er beschreibt darin eine "Bombe" sowie ein "Verfahren zur explosiven Erzeugung von Energie und Neutronen" aus Plutonium. Der Verfasser ist 29 Jahre alt, und er zählt zu den talentiertesten Atomphysikern der Welt.

Erst vor wenigen Jahren ist das Dokument in einem russischen Archiv aufgetaucht. Es zeigt, wie sehr Carl Friedrich von Weizsäcker in das Atomprojekt der Nationalsozialisten verstrickt war.

Die Haare elegant gescheitelt, stolz, galant, so trat der junge Doktor im "Dritten Reich" auf. Er galt als Genie. Abends trug er gern Verse seines Lieblingsdichters Stefan George vor.

Das Bürgertum sei am Ende, glaubte der Gelehrte damals. Hitler hielt er für das Werkzeug einer "neuen Welt", die noch nicht sichtbar sei. Einem Kollegen erklärte er: "Strammstehen ist ein dionysisches Erlebnis." Dann, im Dezember 1938, entdeckte Otto Hahn die Kernspaltung. Während draußen braune Kolonnen marschierten, hoben in den Forschungslabors hektische Gespräche an.

Weizsäcker gehörte zu diesem Kreis "sagenhafter Männer" (Rüstungsminister Albert Speer). Bereits im März 1939 wusste er: "Man wird vermutlich eine Bombe machen können, die ganz London zerstören kann." Die ganze Weltgeschichte werde sich ändern.

Begierig begann der junge Adlige 1940 in Dahlem mit ersten Versuchen an einer "Uranmaschine" - unter militärischer Leitung. "Was mich faszinierte, war, an einen Schalthebel politischen Einflusses zu kommen", gestand er hernach. Mit einer Atombombe in der Hinterhand habe er mäßigend auf Hitler einwirken wollen. Purer Größenwahn? Später gab er zu: "Ich war verrückt."

Schon in den fünfziger Jahren hatte sich dieser radikale Wandel vom Saulus zum Paulus abgezeichnet. Als nach der Gründung der Bundeswehr deren Ausrüstung mit taktischen Atomwaffen diskutiert wurde, trat Weizsäcker dem Plan mit einem wuchtigen Manifest entgegen. Bis ins hohe Alter griff er als "radikaler Pazifist" in die Polit-Debatten der Republik ein. Er stritt für "Kriegsverhütung", Solarenergie und eine bessere "Ernährungslage der Welt". Dabei wirkte der Friedensphilosoph wie ein Guru. Ein Besuch im indischen Ashram 1969 hatte ihn nach eigener Aussage spirituell erleuchtet.

Unter Hitler hatte der junge Patriot noch vor Geltungsdurst und Siegessucht gesprüht. Während Otto Hahn sich sorgte ("Wenn der Hitler durch meine Arbeit eine Uranbombe bekommt, bringe ich mich um"), tat sich Weizsäcker als Zauberlehrling und Werbetrommler eines radioaktiven Superknalls hervor: Im Sommer 1940 unterrichtete er das Heereswaffenamt über die Möglichkeit einer Plutoniumbombe; er erstellte Geheimberichte zum Atomprogramm der USA und verfasste sechs Patentschriften zu Sprengkörpern und Kernmeilern.

Weizsäcker war auch beteiligt, als der deutsche Physiker Werner Heisenberg im September 1941 über seinen dänischen Kollegen Niels Bohr angeblich eine Art atomares Stillhalteabkommen mit den USA einfädeln wollte. Der Plan scheiterte. Bohr war von der Nachricht eines von Berlin aus gesteuerten "Uranvereins" so geschockt, dass er alles den Briten erzählte. Heisenberg berichtete seinem Mitverschwörer Weizsäcker: "Ich glaube, das ist vollkommen schiefgelaufen."

Wieder daheim, trat Heisenberg nun seinerseits wirklich auf die Bremse. Rüstungsminister Speer ließ er wissen, die Entwicklung der Waffe dauere noch Jahre. Nach diesem Gespräch verlor der Uranverein alle Dringlichkeitsstufen - und Weizsäcker kam später zum Urteil: "Wenn wir alle gewollt hätten, dass Deutschland den Krieg gewinnt, hätte es uns gelingen können."

So aber endete das Nuklearprojekt im NS-Reich im April 1945 in einem schlecht beleuchteten Weinkeller in Haigerloch. Der Versuchsreaktor dort kam nie in Gang.

Der umsichtige Weizsäcker hatte dem Pleiteunternehmen frühzeitig den Rücken gekehrt. Er war 1942 einem Ruf an die Universität Straßburg gefolgt.

Zum nuklearpolitischen Berater Hitlers hatte es zwar nicht gereicht. Doch der Mann nahm es gelassen. Er gehörte zu den jüngsten Professoren Großdeutschlands.


Die Weizsäckers - Revolutionäre Nazis, Staatsmänner: Eine deutsche Familie

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insgesamt 4 Beiträge
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Josip Jez, 15.03.2010
1.
Als Prof. Weizsäcker Leiter des Institutes für die Zukunftsforschung war, hat er noch voll auf die Atomenergie gesetzt und nicht auf Solar, wie Viele von seinen Mitarbeitern. Unentschuldbar finde ich aber sein NEIN zu der Mitarbeit für ein Dokumentarfilm mit Atomwissenschaftlern, wo er doch am meisten aussagen könnte, wie es wirklich war. Er hat ganz einfach gelogen, dass er zwei Briefe vom Regießer nicht bekommen hat.
Mathias Völlinger, 17.03.2010
2.
CFvW hat uns Atomkerne und die Sterne erklärt. Sowie ein "Element 94", aka Plutonium vorausgesagt. Jetzt können wir hier in D nur froh sein, dass er nicht nach USA emigriert ist. Genauso wie Werner Heisenberg es nicht getan hat. Aus welchen Gründen auch immer. Nun, wenn sie es getan hätten, wäre der 2te Weltkrieg in Europa wohl "frühzeitiger" entschieden worden. Bombastisch... Ich glaube wirklich dass CFvW und Heisenberg wirklich versucht haben die Nazi-Bombe zu verhindern. Gottseidank habe ich in dieser unseligen Zeit noch nicht gelebt...
Volker Krueger, 17.03.2010
3.
Was mich irritiert an diesem Artikel zutiefst irritiert, ist, daß er den Abschein macht, als sei bekannt a) was Heisenberg genau mit Bohr in Kopenhagen besprochen hat und b), daß die deutschen Wissenschaftler damals *nicht* an der Bombe gebaut haben (ist Heisenberg "auf die Bremse getreten", oder hat er es versucht ohne erfolgreich zu sein?). Soweit mit bekannt ist, sind beide Punkte ungeklärt, uns es ist nicht seriös, etwas anderes zu behaupten. Haben Sie hier unsauber formuliert, oder haben Sie Referenzen zu neuen Veröffentlichungen? Es hat vor einer Weile ein paar Veröffentlichungen der Max-Plank Gesellschaft gegeben über die Rolle der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im 3. Reich. Dort gibt es u.a. einen exzellenten Artikel zum Thema Heisenberg, Bohr und Kopenhagen. Ich kann auf Nachfrage die Referenz heraussuchen.
andreas bernstorff, 17.03.2010
4.
Mich verstören die Weizsäckers durch die schlüpfrige Glätte ihrer ineinander verwobenen Lebensläufe. Während also CFvW an der Bombe bastelt, ist sein Vater der (einzige) Staatssekretär im Auswärtigen Amt und SS-Brigadeführer. Er wird 1943 die bevorstehende Niederlage wittern und sich als Botschafter des Deutschen Reiches in die Sicherheit des Vatikans absetzen, natürlich unter Belassung seines SS-Dienstgrades. Zuvor hat er 1940 Deportationsbefehle abgezeichnet, mit denen Juden nach Ausschwitz verschafft wurden, 1942 hat er Protokollnotizen des teilnehmenden Unterstaatssekretärs Luther über maßgebliche Inhalte der Wannseekonferenz gelesen und paraphiert. Als er 1947 in Nürnberg im Zuge der Wilhelmstrassenprozesse als Kriegsverbrecher angeklagt wird, liegen dem Gericht diese Dokumente noch nicht vor. EFvW kann seinen Hals mit der Lüge retten, er habe von Ausschwitz nichts gewußt. Sein Sohn RichardFvW, der spätere Bundespräsident, wird ihn dabei in Nürnberg als Hilfsverteidiger unterstützen. Nun stellen wir uns vor, der Staatssekretär EFvW und der Kernphysiker CFvW haben sich, vielleicht 1942, über die vernichtung von Juden in Ausschwitz einerseits und die ultimative, den Nazis alsbald zur Verfügung stehende Bombenoption andererseits unterhalten. Es wäre lächerlich, anzunehmen, Vater und Sohn hätten dies nicht getan. Jeder moralisch denkende Staatssekretär hätte spätestens hier abgedankt und jeder Kernphysiker seine Bombenarbeit einstellen müssen, wie es übrigens viele andere zuvor und danach aus einer moralisch weniger kompromittierten Position heraus getan haben. Die Weizsäckers aber haben weitergemacht und wir würden gerne wissen, warum. RichardFvW würde das wohl erklären können, denn wir dürfen annehmen, daß ihm sein Vater und sein Bruder ihre Motive beizeiten erläutert haben. Eine gute Gelegenheit für Erklärungen wäre 1985 gewesen. Da hat er unseren Vätern, die in der überwältigenden Mehrheit weit weniger kompromittiert waren als E+CFvW, in einer legendären Rede die Leviten gelesen. Es wäre Zeit, endlich die Wahrheit auszupacken. Bitte aber keine weiteren Märchen von EFvW als "Widerständler" und CFvW als "Pazifisten". Nichts davon ist wahr.
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