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Filmpionier Carl Laemmle Mister Universe

Vergessener Filmpionier Carl Laemmle: Der Erfinder Hollywoods Fotos
Corbis

Judenretter, Medienmogul und Gründer der Universal City: Vor 75 Jahren starb der deutsche Auswanderer Carl Laemmle. In den USA wurde er als Visionär und Erfinder Hollywoods gefeiert, in seinem Geburtsland schlug ihm zuletzt Hass entgegen. Von

Explosionen. Indianer und Cowboys liefern sich eine wilde Schlacht. Plötzlich wird ein Staudamm gesprengt. Gewaltige Wassermassen stürzen auf die Menschen zu. Ein Dorf versinkt in den Fluten. Mittendrin in diesem Chaos steht ein Mann, der sich vor dem Wasser auf ein Autodach gerettet hat. Er heißt Carl Laemmle und erlebt, wie er später sagen wird, gerade den glücklichsten Tag seines Lebens.

Denn an diesem 15. März 1915 wähnt sich Carl Laemmle am Ziel. Soeben hat er in Los Angeles die Universal City eröffnet, das größte Filmstudio der Welt. Wochenlang hatte er für diesen Moment geworben, dazu den legendären Buffalo Bill gewonnen und den Menschen Einblicke in ein "Zauberreich" versprochen, in dem die "verrücktesten Dinge" passieren würde. Die Indianer, die Flut - das alles war eine verwegene Show für die 20.000 Besucher. Auf die Idee, im wasserarmen Kalifornien Millionen Liter nur für einen spektakulären Effekt zu vergeuden, war zuvor noch niemand gekommen - zumal die Wassermassen auch noch falsch berechnet wurden, sodass Laemmle auf das Autodach steigen musste.

Doch der schmächtige Mann hatte immer größer und visionärer gedacht als die meisten seiner Landsleute. Monate zuvor war seine surreale Studio-Stadt noch eine staubige Hühnerfarm gewesen. Mit 2000 Angestellten machte er sie nun zur Keimzelle Hollywoods, inklusive studioeigenem Krankenhaus, einer Feuerwehr, einer Polizeiwache, einem Zoo mit Elefanten, Löwen und Tigern und Nachbauten von berühmten Gebäuden in Paris, London und New York. "Wenn der Vesuv nicht hier ist", hatte Laemmle vor der Eröffnung gesagt, "dann bauen wir uns eben einen eigenen Vesuv!"

Laemmle baute noch weit mehr: Er schuf ein Filmimperium, das er als begnadeter Selbstvermarkter bei jeder Gelegenheit als "größtes Filmunternehmen im Universum" anpries. Als er vor 75 Jahren, am 24. September 1939, starb, wurde er in seiner Wahlheimat USA als "Vater der Filmindustrie" und "Pionier unter den Pionieren" geehrt. In seinem Geburtsland Deutschland hingegen wurde er beschimpft und schließlich vergessen. Und das, obwohl ihn seriöse Biografien wie die der Filmhistorikerin Cristina Stanca-Mustea als "Erfinder Hollywoods" charakterisieren.

Abschied von Laupheim

Zweifellos filmreif ist die Lebensgeschichte des Mannes, der mit 50 Dollar aus dem oberschwäbischen Städtchen Laupheim nach New York auswanderte, das größte Filmkartell der Welt herausforderte, Stummfilmklassiker wie "Der Glöckner von Notre Dame" oder "Das Phantom der Oper" produzierte und ein halbes Jahrhundert später als Millionär starb, dessen Vermögen heute etwa 785.000.000 Dollar entsprechen würde.

Aufgewachsen war er in Armut, als zehntes Kind eines jüdischen Kaufmanns. Acht seiner zwölf Geschwister starben schon im Kindesalter. Das Geld der Familie war zu knapp für eine gute Schulausbildung, mit 13 Jahren musste Carl eine Kaufmannslehre machen. Alles lief gut, dann warf ihn der frühe Tod seiner Mutter aus der Bahn. Nun hielt ihn nichts mehr in Laupheim, wo ihn alles an seine geliebte Mutter erinnerte.

Im Februar 1884 erreichte der gerade 18-Jährige die USA und zog nach Chicago. Er schlug sich als Zeitungsausträger durch, betrieb erfolglos einen Tauschhandel, versuchte es als Farmarbeiter. Zehn Jahre nach seiner Ankunft zahlte sich sein Durchhaltevermögen aus: Laemmle wurde Buchhalter in einem Textilunternehmen, der seinen Chef schon bald mit ungewöhnlichen Werbestrategien überzeugte. Er stieg zum Geschäftsführer einer Zweigstelle auf, heiratete, verdiente gutes Geld.

Dann warf er alles hin. Über Nacht. Und setzte alles auf eine Karte.

"The Coolest Five Cent Theatre in Chicago!"

Die scheinbare Übersprunghandlung wurde später zum Gründungsmythos: Gern erzählte Laemmle Reportern, wie er 1906 durch Chicago geschlendert sei und plötzlich eine Menschenschlange gesehen habe. Die Wartenden wollten in ein Nickelodeon, eine Frühform des Kinos, bei dem die Vorführung einen Nickel, fünf Cent, kostete. Laemmle stellte sich an und war begeistert: "Mehr habe ich nie für einen Nickel bekommen! Dieses Business hat unglaubliche Möglichkeiten."

Laemmle bewies Gespür für Marktnischen: Die Nickeleodeons boomten, doch die meisten Filmtheater waren damals schäbige Läden, in denen ein paar alte Stühle standen. Er hingegen setzte auf Sauberkeit und Eleganz. Er ließ die Fassade und Innenräume seines ersten Kinos blendend weiß streichen, stellte weiße Stühle hinein und textete selbstbewusst: "The Coolest Five Cent Theatre in Chicago!" Das Konzept ging auf. Das Theater wurde Stadtgespräch, wöchentlich nahm Laemmle 600 Dollar ein. Bald gründete er ein zweites Kino, das geschickt Frauen als neue Zielgruppe umwarb.

Trotz des Erfolgs dachte Laemmle stets einen Schritt weiter: Um sein Publikum zuverlässig mit Filmen versorgen zu können, gründete er schon bald seinen eigenen Filmverleih, in dem er mit seinem Namen für die Qualität der Filme einstand. 1909 stieg er auch in die Filmproduktion ein - und machte sich damit einen mächtigen Gegner: den weltberühmten Erfinder Thomas Alva Edison.

Krieg mit Edison

Edison hielt zu jener Zeit die meisten Patente an der frühen Filmtechnik. Er stand an der Spitze der Motion Picture Patents Company (MPPC), die eine marktbeherrschende Stellung im Filmgeschäft einnahm und von ihren Gegnern nur angstvoll "der Trust" genannt wurde. Die meisten Filmverleiher, Theaterbesitzer und Produktionsfirmen sahen sich gezwungen, Verträge mit der mächtigen MPPC einzugehen, der ihnen Filme und Technologie gegen Gebühren verlieh. Wer gegen das System verstieß, wurde hemmungslos verklagt.

Laemmle, inzwischen größter Filmverleiher in den USA, wagte den Widerstand. Er produzierte einfach weiter, obwohl er für seine Kameras keine Lizenzen des Trusts besaß. Und er machte sich zum Sprachrohr all jener Verleiher, Produzenten und Theaterbesitzer, die unabhängig vom Trust bleiben wollten.

Mit seinem PR-Talent gelang es ihm, die Unabhängigen zu Freiheitskämpfern zu stilisieren. Edison persiflierte er mit einer eigenen Cartoonfigur, "General Filmco", ein unbarmherziger, gieriger Zeitgenosse. Drohbriefe des Trusts machte er öffentlich und versah sie mit blumigen Kommentaren: "Wenn irgendjemand zu Ihnen kommt und versucht, Sie mit irgendeinem Schwindel unter Druck zu setzen, treten Sie ihm schwungvoll in den Allerwerttesten, und ich werde den Schaden bezahlen."

Die MPPC antwortete auf ihre Weise. Bullige Männer tauchten bei den Drehs auf und zerschlugen die Kameras. Manchmal kassierten auch die Schauspieler Prügel. Laemmle konnte nur unter abenteuerlichen Bedingungen produzieren: Er legte für seine Verfolger Finten, setzte die Aufnahmen extrem kurzfristig an, wechselte ständig die Orte und wich zeitweise nach Kuba aus. Seine Kameraleute versteckte er sogar in riesigen Eisboxen oder Wagen, nur um seinen Schauspielern ein hanebüchenes juristisches Argument zu liefern, falls sie je vor Gericht kämen: Sie hätten wahrheitsgemäß schwören können, dass sie nicht wussten, wo sich die illegalen Kameras befanden.

Trotz der widrigen Umstände gelang es Laemmle, drei Filme pro Woche zu produzieren. Im Kampf mit dem Trust gelang ihm zudem ein genialer Coup: Er warb die Stummfilmschauspielerin Florence Lawrence ab, ließ sie kurz aus der Öffentlichkeit verschwinden, bis die ersten Gerüchte kursierten, sie sei ermordet worden. In diesem Moment ging Laemmle an die Presse und sagte: Lawrence lebt! Und sie arbeitet nun für mich! Laemmle war der Erste, der auf den Star-Faktor setzte, während der Trust noch erklärte, es sei "nicht die Persönlichkeit eines bestimmten Schauspielers, die einen Film erfolgreich" mache - und im Abspann die Namen seiner Akteure unterschlug.

Den jahrelangen, filmreifen Krieg in der jungen Filmbranche gewann schließlich Laemmle: Der Oberste Gerichtshof erklärte 1912, Edisons MPPC sei "keine normale und natürliche Entwicklung des Marktes" gewesen. Die Unabhängigen hatten gesiegt. Zwei Jahre später zog Laemmle ins noch unbekannte Hollywood, gründete dort seine Filmstadt und textete den passenden Slogan: "Universal Entertainment for the Universe!"

Propaganda gegen die eigene Heimat

Doch die Vergangenheit holte den gebürtigen Laupheimer ein. Amerika befand sich plötzlich im Krieg mit seiner Heimat, die er bis dahin mit hohen Spenden unterstützt hatte, mit denen beispielweise ein Waisenhaus, eine Schule und ein Bad gebaut worden waren. Die zunehmende Deutschfeindlichkeit in den USA drohte seiner noch jungen Firma in Hollywood zu schaden. Auch deshalb produzierte Laemmle nun antideutsche Propagandafilme mit Titeln wie "Der Kaiser, die Bestie von Berlin". Das sei seine "Pflicht" gewesen, rechtfertigte er sich später, weil er den USA die Verwirklichung seiner "kühnsten Träume" verdanke.

Laupheim, nach dem Krieg mit seinen Spendengeldern wieder aufgebaut, machte ihn 1919 dennoch zum Ehrenbürger.

Jahre später jedoch erinnerten sich die Nationalsozialisten an Laemmle und fanden in ihm das perfekte Feindbild: ein Jude, ein Hetzer, ein Verräter! Das Jahr 1930 bot ihnen den passenden Anlass. Damals feierte die Verfilmung von "Im Westen nichts Neues", produziert von Laemmles Sohn Julius, Welterfolg. Während sich die Presse mit Lob überschlug, Laemmle und sein Sohn den Oscar gewannen, beschimpfte Goebbels den Film als antideutsche "Judenlüge".

Nazis stürmten Kinos, warfen Stinkbomben, brüllten die Dialoge nieder - und hatten Erfolg: Ende 1930 wurde der Film in Deutschland verboten, weil er angeblich das nationale Ansehen beschädige. Schlimmer noch: Mit dem Machtantritt der NSDAP wurde Laemmle selbst in seinem Geburtsort zur unerwünschten Person. Die ihm stets wohlgesonnen Regionalzeitung hetzte nun gegen diesen "kleinen Juden".

Als Laemmle 1939 starb, kamen 2500 Trauergäste, darunter etliche Filmstars, zu seinem Begräbnis nach Los Angeles. In Laupheim hingegen erfuhr die örtliche Stadtpflege erst zwei Monate später vom Tod ihres berühmten Gönners. Nicht verhindern können hatten die Nationalsozialisten, dass der ihnen verhasste Filmpionier in seinen letzten Jahren noch mehr als 300 Juden zur Flucht in die USA verhalf.

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1. Vielleicht ganz passend im Kontext
Till Neumann, 24.09.2014
Das Schiff "Leviathan", auf dem sich Laemmle auf dem letzten Bild befindet, war die frühere "Vaterland" der HAPAG, die als Reparationsleistung nach dem I. Weltkrieg von 1923 bis 1934 für die United States Lines fuhr.
2. Irgendwie belämmert
Hermann Fesel, 24.09.2014
"Laupheim, nach dem Krieg mit seinen Spendengeldern wieder aufgebaut, machte ihn 1919 dennoch zum Ehrenbürger." Die Geschichte ist ja gewohnt actiongeladen, der hat das getan - dann hat der das getan - soweit so unklar. Aber wir sprechen hier wohl vom ersten Weltkrieg - und wer hat Laupheim 2014-2018 niedergebobmt und wer musste es damals wieder aufbauen? Das ist zwar verrückt, aber natürlich ist die Geschiche der "europäischen" Juden in Amerika hochinteressant. Sie haben in ca. 150 Jahren dieses Land jeweils (neu) medial, politisch, wirtschaftswissenschaftlich, finanzielll fast vollständig übernommen. Der Konflikt an der historischen Schnittstelle Nahost bestimmt seit nun 60 Jahren das Weltgeschehen und es ist kein Ende abzusehen. Nur die umfassenden jüdischen Schnittstellenspezialisten könnten da wohl Lösungswege aufzeigen - aber wo sind sind Anfänge und die Enden in diesem Eternalgame?
3. Hollywoods Hypokrisie
Alessandro Maiolino, 25.09.2014
Lämmle wollte keine Gebühren für die Kamera-Lizenzen zahlen und Heute wollen die Zuschauer Filme gratis durch das Internet sehen. Was regt sich also Hollywood so auf.
4. Krigesschäden in Laupheim?
Matthias Ernst, 25.09.2014
Dass Laupheim nach dem 1. Weltkrieg "wieder aufgebaut" worden wäre, klingt irgendwie seltsam. Der Ort liegt in Oberschwaben, 300 Kilometer von der damals nächsten Frontlinie entfernt. Allzu große Krigszerstörungen wird es dort deswegen wohl nicht gegeben haben :-).
5. Verschwörungstheorien
Peter Schetzkens, 25.09.2014
Wie ein denkender Mensch auf die Idee kommen kann, europäische Juden hätten seit 150 Jahren die USA übernommen, grenzt schon an die Schmierenfälschung der "weisen von Zion" oder an "Jud Süß". Kriegszerstörungen in Laupertheim hin oder her: Herr, schmeiss´Hirn vom Himmel.
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