Hinrichtungskandidat Caryl Chessman Der Mann, der neunmal starb

Hinrichtungskandidat Caryl Chessman: Der Mann, der neunmal starb Fotos
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1948 verurteilte ein US-Gericht Caryl Chessman zum Tod, zwölf Jahre dauerte es bis zur Vollstreckung. Denn durch Geschick und Cleverness verschaffte sich der Gangster immer wieder Aufschub - und wurde im Gefängnis zum Medienstar. Am Ende verlor er seinen Kampf trotzdem: wegen einer Panne. Von Peter Maxwill

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Häftling 66565 B hatte eigentlich nur noch neun Stunden und 55 Minuten zu leben, als im Hinrichtungstrakt des kalifornischen Gefängnisses San Quentin das Telefon klingelte. Zuchthausdirektor Fred Dickson nahm den Hörer ab. "Sie können ihn wieder in seine Zelle bringen", sagte der Anrufer, "hier spricht Gouverneur Brown, ich verschiebe die Hinrichtung um 60 Tage." Der Mann, dessen Leben sich soeben um zwei Monate verlängert hatte, stand direkt vor Dickson. In einem Käfig neben der anstaltseigenen Gaskammer wartete in weißem Hemd und blauer Hose Amerikas bekanntester Gefangener auf sein Ende: Caryl Whittier Chessman.

Chessman war in dieser grotesken Szene, die der SPIEGEL später rekonstruierte, bereits zum achten Mal dem Tod entkommen, den ein Gerichtsurteil seit Juni 1948 für ihn vorsah. Der zum Sterben Verurteilte ließ Gouverneur Edmund Brown an diesem frühen Morgen des 19. Februar 1960 seinen Dank ausrichten, dann brachten ihn die Wärter wieder in die fünfte Etage: Dort hatte er bereits seit elfeinhalb Jahren seiner eigenen Vergasung entgegengesehen - und sie immer wieder verhindert.

Wie niemandem vor ihm war es Chessman gelungen, seine eigene Hinrichtung hinauszuzögern - und zu vermarkten. Im Todestrakt von San Quentin mauserte sich der Gangster zum juristischen Autodidakten, rhetorischen Ass, belesenen Medienstar. Seine Bücher aus Todeszelle 2455 sorgten dafür, dass kaum ein anderes Hinrichtungsurteil die westliche Welt im 20. Jahrhundert so sehr bewegte wie das gegen ihn.

Begonnen hatte das Drama um Caryl Chessman an einem Freitagabend im Frühjahr 1948. Zwei Streifenpolizisten war am 23. Januar in Hollywood ein Ford aufgefallen, der zur Beschreibung jenes Wagens passte, mit dem seit Wochen ein Unbekannter Los Angeles in Schrecken versetzte: Der sogenannte Rotlicht-Bandit gab sich mit Hilfe roter Blinklichter auf dem Dach seines Autos als Polizist aus. So überfiel er auf einsamen Ausfallstraßen Paare, raubte sie aus und verging sich an mehreren Frauen. Als die Streifenpolizisten nach einer kinoreifen Hetzjagd an jenem Januartag 1948 den 26-jährigen Chessman festnahmen, waren sie überzeugt, den Gesuchten gefasst zu haben.

15 Freiheitsstrafen und zwei Todesurteile

Wenige Monate später begann der Prozess vor dem Schwurgericht in Los Angeles. Chessman stritt zwar vehement ab, der "Rotlicht-Bandit" zu sein, doch ein Augenzeuge behauptete das Gegenteil. Noch schwerer wogen die anderen Indizien: Bei Chessmans Festnahme hatten Polizisten eine Pistole vom Typ 45er Automatik neben dem Fluchtwagen gefunden, im Auto selbst stellten sie noch eine Taschenlampe sicher. Es waren exakt solche Gegenstände, mit denen auch der "Rotlicht-Bandit" raubend und misshandelnd durch Los Angeles gezogen war.

Handfest beweisen ließ sich Chessmans Schuld zwar nicht, doch aufgrund der Indizien waren sich die Geschworenen sicher: Chessman, der seit seinem 16. Lebensjahr gegen alle erdenklichen Gesetze verstoßen hatte, musste der gefürchtete Verbrecher sein. Das Gericht verurteilte ihn am 25. Juni 1948 wegen Raub, Entführung und Notzucht zu 15 hohen Freiheitsstrafen - und zusätzlich zweimal zum Tode "durch Anwendung tödlichen Gases". Für dieses drastische Urteil war jedoch ein juristischer Kunstgriff nötig gewesen.

Denn die Todesstrafe, die zu diesem Zeitpunkt bereits neun US-Bundesstaaten abgeschafft hatten, drohte in Kalifornien für gewöhnlich nicht bei Vergewaltigung oder Raub. Ein Schlupfloch für die Ankläger bot jedoch das "Kleine Lindbergh-Gesetz". Das sollte nach der 1932 tödlich verlaufenen Entführung des Sohnes von Pilotenlegende Charles Lindbergh Nachahmer abschrecken, indem es Kidnapper mit dem Tod bedrohte - zumindest wenn sie ihr Opfer misshandelten und sich selbst mit der Tat bereichern wollten.

Bestseller aus dem Todestrakt

Die Richter legten die fraglichen Taten entsprechend aus. Chessman hatte dem Urteil zufolge zwei seiner Opfer beraubt und anschließend an anderer Stelle sexuell missbraucht. Daher sollte er als Kidnapper hingerichtet werden, ohne im eigentlichen Sinne jemanden entführt zu haben. Eine raffinierte Argumentation, aber auch eine angreifbare. Und Chessman griff an.

Akribisch rüstete sich der Bandit in der Todeszelle für den Kampf um sein Leben. In der Haftanstalt richtete er sich eine Handbibliothek ein, studierte das kalifornische Strafrecht und schöpfte alle denkbaren Rechtsmittel aus. 42-mal legte Chessman Berufung ein, zog 15-mal vor das Oberste Bundesgericht und bezweifelte die Authentizität des verhängnisvollen Prozessprotokolls in rund hundert Rügen, Eingaben und Petitionen. Mit beachtlichem Erfolg: Allein zwischen März 1952 und Juli 1955 entging er dank zäher Raffinesse sechsmal der Hinrichtung. Der Todgeweihte nutzte die so gewonnene Zeit, um einen mächtigen Mitstreiter für den Kampf um sein Leben zu gewinnen - die Weltöffentlichkeit.

Im Gefängnis mauserte sich der juristische Autodidakt Chessmann zum Selfmade-Schriftsteller, schon im Mai 1954 erschien seine Autobiografie. In "Todeszelle 2455", einem in 13 Sprachen übersetzten Bestseller, beschrieb er detailliert seinen Lebensweg bis in den Hinrichtungstrakt von San Quentin. Schon 1955 folgte der Band "Trial by Ordeal", mit dem er weltweit so viele Sympathien gewann, dass Zuchthausdirektor Dickson ihm kurzerhand das Schreiben verbat - wenn auch vergeblich: Chessman schmuggelte weitere Manuskripte aus der Haftanstalt, so dass 1957 "Face of Justice" erschien und 1960 sein viertes Buch "The Kid was a Killer". Die Bücher sollten sich als die tragenden Säulen einer gigantischen Medienkampagne erweisen.

Denn Chessman gab auch Interviews, sein Gesicht zierte bald die Cover der renommierten Magazine "Life" und "Time", weltweit berichteten Fernsehsender, Radiostationen und Zeitungen über sein Schicksal. Die Pariser Zeitung "Le Monde" bezeichnete das Verfahren gegen Chessman als "beispielhaft für die Absurdität des amerikanischen Rechtssystems", die "New York Herald Tribune" verurteilte die "hässliche Sinnlosigkeit der Todesstrafe" und die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" schrieb vom "Kampf eines Einzelnen gegen die Gesamtheit der amerikanischen Justiz". Ein enormes Medienecho, mit fulminanter Wirkung.

Petitionen und Proteste

So sammelten etwa Genfer Studenten 9000 Unterschriften zugunsten Chessmans, weitere 140.000 Unterschriften schickten die schwedische Zeitung "Expressen" und das norwegische "Dagbladet" mit einer Gnadenpetition an Kaliforniens Gouverneur Brown. Gegner der Todesstrafe demonstrierten unter anderem in Ecuador, Belgien, Stockholm, Lissabon und Quebec. Bald setzten sich auch Prominente wie der Schauspieler Marlon Brando, Komiker Steve Allen und der Philosoph Albert Schweitzer für den Todeskandidaten ein. Ihr Argument: Chessman habe jahrelang mit dem Tod in einer Zelle gelebt und so seine Strafe bereits verbüßt. Doch eine Begnadigung erreichten auch sie nicht.

Stattdessen hangelte sich Chessman weiter von einem Hinrichtungstermin zum nächsten. Zwei Tage vor dem geplanten Strafvollzug am 23. Oktober 1959 verschob Gouverneur Brown die Tötung auf den 19. Februar, dann noch einmal auf den 2. Mai 1960. Die "Neue Revue" bezeichnete Chessman daher als "Todeskandidat, der achtmal starb". Seinen neunten Tod sollte er jedoch nicht überleben.

Das Procedere lief wie gewohnt ab: 24 Stunden vor der geplanten Hinrichtung brachten Wärter den 38-Jährigen am 1. Mai in die vergitterte "Wartezelle" neben der achteckigen Gaskammer. Gegen zehn Uhr am nächsten Morgen schnallten die Beamten den Delinquenten darin auf einem der beiden Metallstühle fest, dann verschlossen sie die Kammer. Chessman trennten nur noch Sekunden vom Tod.

Dann klingelte draußen das Telefon. Drinnen ließ ein Mechanismus zwei Mullsäckchen mit Zyankalipulver in Schwefelsäure fallen. Draußen erfuhr Anstaltschef Dickson von der erneuten Verschiebung der Hinrichtung. Drinnen stiegen tödliche Dämpfe auf. Draußen entschied Dickson, dass es zu spät für einen Abbruch der Exekution sei. Drinnen fiel Caryl Chessmans Körper tot in die Anschnallgurte.

Erst später wurde bekannt, warum die Nachricht vom Aufschub der Hinrichtung so spät in San Quentin angekommen war: Die Sekretärin des zuständigen Richters hatte sich zunächst verwählt.

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1.
Heinz Schramm 25.06.2013
Da fällt mir nur ein: Die USA ist ein Rechtsstaat.
2.
Christof Abt 25.06.2013
>Da fällt mir nur ein: Die USA ist ein Rechtsstaat. Seh ich auch so. Der Typ hat gekriegt, was er verdiente.
3.
Hansjörg Schrade 25.06.2013
Wenn Sie die Todesstrafe mit "Rechtsstaat" für vereinbar halten; wenn Sie so ein Verfahren allein auf Indizien, ohne Zeugen und ohne Geständnis, für "Rechtsstaat" halten; wenn Sie meinen, das Justizsystem der USA (größte Gefangenen-Population der Erde) mit dem pauschalen Urteil "Die USA ist ein Rechtsstaat" verteidigen zu müssen - bitte schön.
4.
Wilfried Huthmacher 25.06.2013
Also nur wegen Besitzes einer Taschenlampe und eines Revolvers für einen Serienverbrecher gehalten zu werden ist schon bitter. Gab es damals eigentlich ballistische Tests, um auszuschließen, dass der Revolver wirklich identisch mit dem des Sereienverbrechers war? Naja, und Geschworene...sind erst mal nur Laien und keine Experten. Wenn Laien Urteile fällen, könnte man genauso die BILD urteilen lassen.
5.
Georg Roth 25.06.2013
Die Todesstrafe ist ein Relikt aus dem Mittelalter und hat in einer Demokratie nichts verloren, egal was der Angeklagte verbrochen hat. Aber wer sagt, dass die USA eine Demokratie sind ... Guantanamo z.B. beweist das Gegenteil.
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