Cassius Clays Olympiasieg Die Geburt des Größten

Cassius Clays Olympiasieg: Die Geburt des Größten Fotos
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Muhammad Ali ist ein Mythos und der begabteste Boxer der Geschichte. Als er vor 50 Jahren Olympiasieger wurde, war das nur zu ahnen. Unter seinem bürgerlichen Namen Cassius Clay fiel er zwar mit großem Talent und Selbstvertrauen auf - doch beinahe wäre er gar nicht angetreten. Von

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Es brauchte eine Weile, bis der junge Mann begriff, dass man nach Rom nicht mit der Bahn fahren konnte. Jedenfalls nicht aus Louisville, Kentucky. Vier Stunden redete Joe Martin auf den jungen Mann ein, der neben ihm im Central Park kauerte. Auch Martin war verzweifelt. Der junge Mann sollte nach Rom fliegen und für sein Land Gold bei den Olympischen Spielen holen, aber jetzt saß er auf dieser Parkbank und hatte die Hosen voll.

Er, Cassius Clay. Der Boxer. Der Furchtlose. Der Lautsprecher, der sich in jenem Sommer 1960 schon lange für den Auserwählten hielt, wirkte ganz klein in diesem Moment.

Am Ende sollte Clay doch ins Flugzeug steigen. Angeblich drohte der Boxtrainer Joe Martin seinem Schützling, dieser könnte den erhofften WM-Titel bei den Profis vergessen, wenn er nicht zunächst nach Rom flog und als Amateur bei den Olympischen Spielen kämpfte. Clay, gerade 18 Jahre alt, holte Gold - auf dem Flug nach Italien kauerte er allerdings im Gang und betete. Seine Flugangst war so groß, dass er dem Rücken einen Fallschirmrucksack trug, den er kurz zuvor in einem Geschäft für Armee-Zubehör gekauft hatte.

Würdigung für den "Größten aller Zeiten"

Cassius Clay nannte sich später Muhammad Ali und wurde der größte Boxer der Geschichte. Er verprügelte 1964 den als unschlagbar geltenden Sonny Liston so sehr, dass dieser nach der siebten Runde einfach in seiner Ringecke sitzen blieb. Er zerlegte George Foreman in Kinshasa und besiegte Joe Frazier in Manila. Ali wurde zu einem lebenden Mythos, der "Größte aller Zeiten". Und als er, schon von Parkinson gezeichnet, bei den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta das Olympische Feuer entzündete, weinten Millionen Menschen vor den Fernsehern.

Vor genau 50 Jahren in Rom hat diese unvergleichliche Karriere ihren Anfang genommen. Cassius Clay besiegte erst Yvon Becaus und Gennadi Schatkow, dann Tony Madigan und schließlich im Finale am 5. September den Polen Zbigniew Pietrzykowski. Anlässlich des Jubiläums seines Olympiasieges würdigt der Taschen Verlag den "Größten aller Zeiten" nun noch einmal - mit der dritten Edition des legendären "GOAT - A Tribute to Muhammad Ali". Das Buch, Bildband und Essaysammlung in einem, wiegt nicht mehr 34 Kilogramm wie seine beiden Vorgänger, ist aber auch deutlich erschwinglicher. Die "Collector's Edition" des Mammutwerks kostete 3.000 Euro, die "Champ's"-Ausgabe sogar 10.000. Alle tausend Exemplare waren allerdings auch handsigniert vom Meister selbst.

Gezeigt werden nun auch in der Jedermann-Edition die besten Bilder des Boxers, viele sind wie Ali selbst zu Ikonen geworden. Oft sind es Bilder von Howard L. Bingham, der auch eine Ali-Biografie schrieb. Oder von Neil Leifer, der ihn hunderttausendfach fotografierte. Foreman am Boden, Ali auf einem Berg Dollar-Scheinen. Und nicht zuletzt das vielleicht berühmteste von allen - Cassius Clay, schreiend, den rechten Arm angelegt. Vor ihm am Boden liegend Sonny Liston. Es ist das Cover des Buches geworden.

Das greifbare Bild eines unfassbaren Lebens

Neben Statistiken und Kampfberichten finden sich auch Texte von Ali-Kennern wie David Remnick ("King of the World") oder Budd Schulberg ("Loser and still Champion") und Interviews mit den früheren Gegnern des Champs. Auf 650 Seiten entsteht so das greifbare Bild eines eigentlich unfassbaren Lebens - und dank der deutschen Sportreporterlegende Hartmut Scherzer auch ein genaues Bild des ersten großen Erfolges.

In Rom gelandet, läuft Cassius Clay durch das Olympische Dorf, ein Junge von gerade 18 Jahren, und erzählt allen von den Heldentaten, die er noch vollbringen werde. Ich sage es Euch hier und jetzt, es gibt kein Wenn und es gibt kein Aber. Ich weiß es einfach, ich werde diese Jungs schlagen und fertig. Die Athleten lieben diesen jungen Lautsprecher aus Louisville, Kentucky. Vielleicht, weil keine Arroganz in seinen Worten liegt sondern nur die naive Überzeugung eines gerade Volljährigen.

Im Olympischen Dorf ist Wilbert McClure Clays Zimmernachbar. Den Mittelgewichtsboxer erinnern die Auftritte seines Teamkollegen an den Wahlkampf eines Präsidentschaftskandidaten. "Wenn die Athleten einen Bürgermeister des Olympischen Dorfs hätten wählen können, Cassius wäre klar vorn gewesen", sagte McClure später. Am 30. August ist es dann so weit - Clay muss seinen Worten Taten folgen lassen.

Großes Talent, noch größere Klappe

Im Achtelfinale trifft er auf Yvon Becaus, einen Stahlarbeiter aus Belgien. Der Ringrichter beendet das einseitige Duell nach einem Niederschlag in der zweiten Runde. "Er war zu groß für mich und viel zu schnell" sagt Becaus. Gennadi Schatkow ist genauso chancenlos. Der Russe, Olympiasieger 1956 im Mittelgewicht, muss in Rom auf Anweisung der russischen Verbandsbosse im Halbschwer antreten. Seinen Größennachteil gegen Clay kann er nicht kompensieren und verliert das Viertelfinale nach Punkten. "Ich hatte als Mittelgewichtler keine Chance gegen diesen motivierten Halbschwergewichtler", sagt Schatkow. Im Halbfinale gewinnt Clay knapp gegen den Australier Tony Madigan - so knapp, dass der US-Boy später einräumt: "Viele Leute haben nach dem Halbfinale gedacht, Madigan habe den Kampf gewonnen und ich die Medaille."

Nur noch einen Sieg ist Clay von Gold entfernt. Aber sein Gegner gehört zu den besten Halbschwergewichtlern der Welt. Zbigniew Pietrzykowski wurde in Polen nie besiegt - und als er gegen Cassius Clay boxt, hat er 236 Kämpfe absolviert und nur drei davon verloren. Die ersten beiden Runde verlaufen ausgeglichen, die dritte wird zur "blutigsten der Olympischen Spiele". Clay zermürbt den wackeren Gegner, weicht aus, trifft nicht hart aber oft. Pietrzykowskis Schläge gehen ins Leere, Clay ist viel zu schnell für ihn - und der Pole bald völlig außer Puste. "Ich war total fertig und hoffte, dass die Runde endlich vorbei sein würde", erinnert sich Pietrzykowski, dessen Gesicht nach dem Kampf blutverschmiert ist.

Die Erklärungen für die Niederlage sind Clays ungemeine Geschwindigkeit und Physis. Die Erklärung für das Blut ist ein verlorener Mundschutz. "Den hatte ich zwei Tage zuvor in der Kabine vergessen und dann war er weg", sagt Pietrzykowski.

Und Cassius Clay, das große Boxtalent mit der noch größeren Klappe, ist am Ziel.

Wie ein römischer Senator

Er spaziert stolz durchs Olympische Dorf, immer dabei: die Goldmedaille. "Er schlief damit. Er ging mit ihr in die Caféteria. Nie nahm er sie ab. Keinem war sie so wertvoll wie ihm", erinnerte sich die US-Sprinterin Wilma Rudolph. Und auch Cassius räumte später ein, zum ersten Mal in seinem Leben auf dem Rücken geschlafen zu haben. "Die Medaille hätte sonst in meine Brust geschnitten."

Anlässlich seines Triumphs dichtet er Verse, die ihn mit Römischen Senatoren vergleichen und so patriotisch sind, wie man sie wenige Jahre später von Clay nicht mehr hören wird.

To make America the Greatest is my goal,

So I beat the Russian and I beat the Pole,

And for the USA won the Medal of Gold,

Italians said you are greater the Cassius of Old.

Ich will Amerika stolz machen, also schlug ich den Russen und den Polen, und für die USA holte ich Gold. Die Italiener sagten, ich sei größer als der [römische] Cassius.

Diese tönenden Reime und Sprüche werden später sein Markenzeichen. Als Ali wird er zum schlagfertigsten Boxer der Welt, er verhöhnt seine Gegner und verzückt seine Fans. In Rom erkennt er früh, welche Wirkung seine Worte haben können. Der selbstbewusste Sprücheklopfer, den niemand auf der Rechnung hat, beeindruckt die US-Journalisten im Olympischen Dorf so sehr, dass sie ihm in ihren Artikeln plötzlich Goldchancen einräumen. Vor 50 Jahren beginnt deshalb auch die Karriere des vielleicht größten Selbstvermarkters in der Geschichte des Sports.

Cassius Clay kehrt umjubelt nach Louisiana zurück, schüttelt Hände und fährt im Cabrio durch die Stadt. Doch sein Olympiasieg ändert nichts an der Tatsache, dass es in der Heimat noch immer zwei Amerikas gibt. Ein weißes und ein schwarzes. Als der Champion wegen seiner Hautfarbe in einem Lokal nicht bedient wird, läuft er zur Jefferson-County-Brücke und wirft seine Medaille in hohem Bogen in den Ohio.

Es ist eine der beeindruckendsten Anekdoten aus der Zeit, als Muhammad Ali noch Cassius Clay hieß. Sie passt ins Bild eines Mannes, der gegen Rassenschranken protestiert und vier Jahre später Mitglied der "Nation of Islam" werden wird. Die Anekdote wurde noch bis spät in die neunziger Jahre erzählt - obwohl sie nicht stimmt. Schon 1975 räumte Ali ein, er habe die Medaille einfach verbummelt.

Seinem Biografen gegenüber begründete Ali die Mär vom Medaillenwurf als eine Marketingmaßnahme in eigener Sache: "Mann, das war nur eine Geschichte, die ich mir ausgedacht hab. Ich weiß, was man anstellen muss, um eine Story zu verkaufen."

Zum Weiterlesen:

Benedikt Taschen (Hrsg.): "Greatest Of All Time - Eine Hommage an Muhammad Ali". Taschen Verlag, Köln 2010, 652 Seiten.

Das Buch erhalten Sie im Taschen Verlag.

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1.
vanessa schmidt 09.09.2010
Er mag zwar supi geboxt haben, aber mit seiner großmäulerischen Art und seinen dirty Trix war/ist er definitiv _kein Vorbild_ :/
2.
stefan maass 27.11.2012
"Cassius Clay kehrt umjubelt nach Louisiana zurück" Eher nicht...
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