Der Tod Ceausescus Verfluchter Diktator

Im Kugelhagel eines Exekutionskommandos endete am 25. Dezember 1989 die Terrorherrschaft Nicolae Ceausescus. Für viele Rumänen ist die eigentliche Todesursache eine andere: Sie glauben an einen Todesfluch.

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Besonderer Pomp herrscht in dieser dunklen Jahreszeit auf dem Bukarester Friedhof Ghencea: Kerzen, Schleifen in den rumänischen Nationalfarben und prächtige Chrysanthemengebinde schmücken das Grab des Diktatorenpaars Nicolae und Elena Ceausescu. Für Ewiggestrige ist die berühmteste Ruhestätte auf diesem Totenacker zugleich eine Pilgerstätte. Priester beten hier mit den Anhängern der Ceausescus zu Allerheiligen im November ebenso wie zu St. Nikolaus am 6. Dezember oder auch am ersten Weihnachtstag, dem Todestag der beiden.

In diesem Jahr kommen die Besucher noch zahlreicher als zuvor. Durchsiebt von den Schüssen eines Hinrichtungskommandos starben der "Conducator" und seine Frau, die sich als Wissenschaftlerin feiern ließ, in der rumänischen Revolution vor knapp 25 Jahren. In einem Blitzprozess urteilte ein Militärgericht die beiden am 25. Dezember 1989 ab. "Tod den Verrätern, die Geschichte wird uns rächen", waren die letzten Worte des Tyrannen. Gerüchte machten die Runde, dass der Potentat schnellstens beseitigt werden musste, um keinen der neuen Machthaber zu belasten. Tatsächlich haben aber viele Rumänen eine ganz andere Erklärung für den Tod des Despoten. Ein Todesfluch hätte Ceausescu an diesem Tag heimgesucht: Seine Missetaten hätten sich gerächt.

"Ich habe ihn ganz schwer verflucht"

Panzer und Maschinengewehre ließ der zukünftige Diktator am 4. Dezember 1957 gegen die Bauern der Ortschaft Vadu Rosca, die etwa 200 Kilometer nordöstlich von Bukarest liegt, auffahren. Sie widersetzten sich hartnäckig der Kollektivierung ihres Besitzes. Der damals 39-jährige Ceausescu, mit Militärmütze auf dem Kopf und in einen blauen Mantel gekleidet, leitete persönlich die Niederschlagung des Aufstands. Auf seinen Befehl hin mähten die Männer des Geheimdienstes Securitate die versammelten Bauern mit ihren Waffen nieder. Dem Anführer der Rebellion, Nitu Stan, war noch sein sechsjähriger Sohn mit dem großen Messer zum Schlachten der Schweine hinterhergelaufen: "Damit sie dich nicht umbringen, Papa."

Den Maschinengewehren hatten die Bauern sonst nur ihre Stöcke und Schaufeln entgegenzusetzen. Während die Salven knatterten, läutete Ionut Cristea unaufhörlich die Kirchenglocke. Die Kugeln trafen ihn, während er noch das Seil umklammerte. Nitu Stan erinnert sich, "wie sie rechts und links von mir starben, auch Dana Radu, eine junge Frau, war darunter". Sein schwer verwundeter Kamerad Marin Craciun rührte sich nicht, als die Geheimdienstleute den vermeintlich Toten wegtragen wollten. Als Ceausescu ihm mit seinen Stiefeln in den Bauch trat, so Craciun, "habe ich ihn ganz schwer verflucht, ganz besonders übel, mitsamt seiner ganzen Sippe und wegen all unserer Toten". Verhöre und Misshandlungen durch die Securitate erwarteten die Überlebenden. Folterknechte traten ihnen ins Gesicht und schlugen ihnen die Zähne aus.

"Fromm und abergläubisch zugleich"

Der Fluch von Vadu Rosca, dem Bauerndorf, sollte nicht die einzige Verwünschung sein, die der rumänische Despot auf sich zog. Ceausescu setzte 1984 gewaltsam die von ihm geplante Modernisierung Bukarests um. Dieser "Systematisierung" fiel neben historischen Vierteln und 22 Kirchen auch das altehrwürdige Krankenhaus "Spitalul Brancovenesc" zum Opfer. 1835 hatte die Fürstin Safta Elisabeta Brancoveanu das Spital für die Armen errichten lassen. Der bauwütige Diktator hätte vor seinem Abrissbefehl besser die Inschrift auf einer am Gebäude angebrachten Marmortafel lesen sollen. An einem Feiertag solle umkommen, wer die Mauern des Gebäudes anrühre, lautete die Botschaft.

In einer Sendung des Fernsehsenders Romania TV bestätigte der Historiker Dan Falcan, dass tatsächlich ein solcher Urteilsspruch auf der Platte gestanden habe. Damit war der Glaube vieler Rumänen bestärkt, dass Ceausescu, der sich als "Genie der Karpaten" betitelte, am ersten Weihnachtstag des Jahres 1989 tatsächlich ein Fluch traf.

"Ceausescu in Verdammnis gestorben"

Ob tatsächlich ein Todesfluch den Diktator traf oder nicht: Sein Ende ähnelt stark dem Schicksal der aufständischen Bauern von Vadu Rosca. Der überlebende Marin Craciun berichtete dem Schriftsteller Varujan Vosganian, dass der Diktator "genauso starb" wie der Freund neben ihm. "Er ist genauso auf die Knie gesunken, und sie haben so lange auf ihn geschossen, bis er, immer noch auf den Knien, nach hinten geworfen wurde. Nur dass Ceausescu in Verdammnis gestorben ist, die Hände auf dem Rücken gefesselt."

Auf der Bank vor seinem Haus erzählt Nitu Stan seinen Enkeln manchmal vom Massaker von 1957. Sein zwangskollektiviertes Land hat er stückchenweise zurückbekommen. Zwei Hektar Wald fehlen immer noch. "Der rumänische Staat hat viele Wunden geheilt, nur nicht die der Bauern", sagt der 87-Jährige: "Die Kommunisten unter Ion Iliescu, die nach 1989 drankamen und sich Demokraten nannten, hat das nicht interessiert." Die Pensionen, die Bauern wie Stan nach drei Jahrzehnten harter Arbeit in den Kolchosen erhalten, haben den Wert von 20 Päckchen Zigaretten.

Während ihre Anhänger immer noch das Grab der Ceausescus mit Blumen und Schleifchen in den Nationalfarben schmücken, erinnert nur ein bescheidenes Denkmal mit krakeliger Inschrift an die Opfer von Vadu Rosca, das heute rund 1200 Einwohner hat. Nachfahren der Aufständischen hatten es 1990 errichtet. "Heute", berichtet die Lokalzeitung "Ziarul de Vrancea", "gibt es von Seiten der Behörden kein Gedenken an die Ereignisse." Der Todesfluch der Bauern von Vadu Rosca gegen den grausamen Diktator ist dagegen in den Köpfen vieler Rumänen unvergessen.



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insgesamt 8 Beiträge
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Albert Augustin, 14.12.2014
1. Verfluchter Stalinismus
"Vergangenheit hört nicht auf, sie überprüft uns in der Gegenwart", dieses Zitat von +Siegfried Lenz kommt mir in den Sinn als ich den ausgezeichneten Artikel über den Tod der Ceausescus gelesen habe. Es gibt sie leider immer noch, die verfluchten Stalinisten ! Albert Augustin
Sven Grossmann, 14.12.2014
2. Sehr voreingenommen
Der Artikel wirft die Frage auf, ob Frau Renate Nimtz-Köster entweder niemals in Rumänien war oder es ihr wichtiger ist kurios anstatt wahrheitsgemäß zu schreiben. Es ist einfach lächerlich zu behaupten, der Todesfluch der Bauern von Vadu Rosca gegen den grausamen Diktator sei dagegen in den Köpfen vieler Rumänen unvergessen. Das erweckt den Eindruck Rumänien sei voll von abergläubischen, unaufgeklärten Hinterwäldlern. Die Wahrheit, das die meisten Rumänen genauso modern sind wie Westeuropäer, ist leider nicht so spannend.
Mathias Völlinger, 14.12.2014
3. Wie die Zeit vergangen ist.
Und neulich hatte ich eine Unterhaltung mit einer jungen Dame aus Rumänien. Diese wusste nicht viel über die Ceausescu-Ära. Nur soviel, "dass es damals keine Korruption gab".
Rudi Wilhelm, 14.12.2014
4. Wer war der beste Freund des Diktators?
eine besonders innige Freundschaft verband den Karpaten-Diktator mit dem aktuellen Präsidenten Kubas, Raul Castro. übrigens: die Hinrichtung seines rumänischen Freundes wurde in den staatlichen Medien Kubas nie erwähnt. Ich grüße alle Touristen auf Kuba, die immer noch glauben, Stasi gab es nur in der DDR und nicht für Kuba-Urlauber...
Michael Kaiser, 14.12.2014
5. Nitu Stan
...war 1957 sechs Jahre alt. Eine schreckliche Erfahrung für den Jungen. Aber deshalb ist er heute noch lange nicht 87.
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