Ceausescus Wahnsinnspalast "Ich brauche etwas Großes, etwas sehr Großes"

Ceausescus Wahnsinnspalast: "Ich brauche etwas Großes, etwas sehr Großes" Fotos
Christoph Seidler

Ein gigantischer Palast mit mehr als 3000 Räumen und gut 360.000 Quadratmetern Fläche dominiert die rumänische Hauptstadt Bukarest. Er ist der Stein gewordenen Traum des 1989 hingerichteten Diktators Nicolae Ceausescu. Von Christoph Seidler

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Auf den Geschmack kam der wahnwitzige Bauernsohn beim Besuch im Bruderland. Auf einer Reise nach Nordkorea und China lernte Rumäniens kommunistischer Diktator Nicolae Ceausescu im Jahr 1971 die Vorzüge des Personenkults kennen und schätzen: Der Staatschef als omnipotenter Lenker seines Landes und als öffentlich verehrter Vater des Volkes. Eine Rolle, in der sich der gelernte Schumacher auch gern sehen wollte - mit allen architektonischen Insignien der Macht. "Ich brauche etwas Großes, etwas sehr Großes, das zeigt, was wir bereits erreicht haben", ließ Ceausescu seine Getreuen nach seiner Rückkehr ins heimische Bukarest wissen. Niemand wagte zu widersprechen.

Ceausescu wollte sich als "Conducator", als "Führer" gerieren - und wie einst Hitler mit seinen Plänen für Berlins Umgestaltung zu "Germania" - das Gesicht seiner Hauptstadt neu formen. Neues Gravitationszentrum von Bukarest sollte eine säkulare Kathedrale werden, der gigantische "Palast des Volkes".

Eine Berufsanfängerin half dem Diktator, seinen neostalinistischen Traum zu erfüllen: Anca Petrescu, eine unerfahrene Mittzwanzigerin, machte in einem Architektenwettbewerb das Rennen und regierte fürderhin über einen Stab von mindestens 400 Kollegen.

Sprengkommandos schufen Platz

Zunächst galt es, Baufreiheit für das riesige Vorhaben zu schaffen, das mehr als 80 Meter hoch auf einem Hügel am südlichen Rand des Bukarester Zentrums entstehen sollte. Im Weg stand das Uranusviertel. Die Gegend hatte ein schweres Erdbeben im Jahr 1977 weitgehend unbeschadet überstanden - und damit ihr Todesurteil besiegelt, denn so war die geologische Sicherheit des geplanten Bauplatzes eindrucksvoll bewiesen.

Baumaschinen und Sprengkommandos des geltungssüchtigen Diktators taten ihr Werk: Die Häuser von rund 40.000 Bukarestern wurden platt gemacht; die Menschen in die Tristesse von eigens aus dem Boden gestampften Neubaublöcken vertrieben. Ein Dutzend Kirchen fielen dem Architekturvandalismus ebenso zum Opfer wie drei Synagogen und ein Stadion im Art-Déco-Stil. Ein Teil des Klosters Mihai Voda wurde nach weltweitem Protest immerhin verschont - und kurzerhand um ein paar hundert Meter verschoben.

Im Jahr 1983 war dann Baubeginn für das Palast-Projekt. Rund 20.000 Arbeiter malochten im Drei-Schicht-System. Ceausescus Stein gewordener Traum sollte in gigantischen Dimensionen entstehen: mit einer Seitenlänge von 270 Mal 245 Metern und einer Höhe von zehn bis zwölf Etagen. Mit rund 360.000 Quadratmetern verbauter Fläche und rund 3000 Räumen wuchs mit dem Palast eines der flächenmäßig größten Gebäude der Welt heran.

"Unsere Akropolis"

Sehr zur Freude seines Chefs schwadronierte der rumänische Parteidichter Eugen Barbu schon bald vom "Gegenstück zum Kaiser-Augustus-Forum in Rom" und "unsere Akropolis". Ceausescu verfolgte den Fortschritt des Palastes minutiös: "Er kam jeden Samstag auf die Baustelle. Sah was, sagte: 'Gefällt mir nicht'. Jeden Samstag musste was Neues da sein, ein Gebäude, Treppen, Räume", erinnerte sich Architektin Anca Petrescu später.

Rund 3,3 Milliarden Dollar kostete der Bau, der bis zu 40 Prozent des Bruttosozialprodukts des hungernden Karpatenreichs beanspruchte. Der Diktator presste seinem Land die letzten Ressourcen ab: Alle im Palast verwendeten Materialien, von technischen Einrichtungen abgesehen, stammten aus Rumänien. Und Ceausescus Geschmack war edel: Kristallleuchter, riesige Wandteppiche, Türen und Wände aus Kirschbaum- und Nussholz. Und dann der Marmor: Die komplette rumänische Produktion von zehn Jahren wurde in der Kitschkathedrale verbaut.

"Beachten Sie, als vollwertiger Diktator ist alles für Sie da - die ganzen Ressourcen ihres Landes, das Geld, die Arbeitskräfte, die Künstler und auch die Handwerker", schrieb der britische Style-Redakteur Peter York vor rund zwei Jahren in seinem Buch über die Einrichtungsvorlieben von Diktatoren, in dem auch der rumänische Herrscher portraitiert wurde.

Das Erbe des Diktators

Doch Ceausescu konnte sein Spielzeug nicht genießen. Er hat niemals in dem Palast residiert. Als er Ende Dezember 1989 von einem Exekutionskommando zusammen mit seiner Frau Elena ins Jenseits befördert wurde, war der Bau nur zu einem Teil fertig. Und so wurde im turbulenten Nachwende-Rumänien heftig über die Zukunft des Kolosses diskutiert. Im Mai 1991 folgte dann der Regierungsbeschluss: Das Haus, so hieß es, werde in aller Ruhe fertig gestellt - und in Zukunft für "soziale Zwecke" genutzt.

Die rumänischen Bürger durften weiter das tun, was sie zu Ceausescus Zeiten so brav getan hatten: zahlen. Und Architektin Anca Petrescu durfte weiter an ihrer Lebensaufgabe, dem Palast, arbeiten - und nebenbei für Club-Med-Hotelanlagen bauen und für den Scheich von Abu Dhabi werkeln.

Heute kommt die Hofarchitektin des Diktatoren fast genauso häufig in den Palast wie zu früheren Zeiten. Sie sitzt nämlich für die nationalistische Großrumänien-Partei (PRM) des Extremisten Vadim Tudor im Parlament. Und dessen beide Kammern, Abgeordnetenhaus und Senat, tagen seit einigen Jahren in dem riesigen Palast, in dem nun auch der Nato-Gipfel stattfindet. Doch selbst mit den beiden Parlamentskammern, dem Kongresszentrum und einem Museum für moderne Kunst wird nur ein kleiner Teil des riesigen Komplexes genutzt.

Räume groß wie zwei Fußballfelder

Was sich in den vielen ungenutzten Zimmern - und vor allem im Bunker unter dem Palast - verbirgt, weiß niemand so recht. Die Touristenführer winken nur lächelnd ab. Sie führen die Gäste lieber durch hundert Meter lange Galerien und prächtige Repräsentationsräume. Der größte von ihnen würde Platz für zwei Fußballfelder bieten und ist fast 20 Meter hoch. Durch eine Glasdecke fällt Licht auf das opulente Dekor. Doch wer die Gardinen zu einem der Innenhöfe zur Seite schlägt, kann hier und dort noch hässliche Baustellen sehen.

Im Jahr 2001 drehte der Regisseur Constatin Costa-Gavras im Monster-Palast den Film "Amen". Die riesenhafte Anlage ging dabei als Vatikan durch. Ein religiöses Treppengemälde blieb im früheren Herz der kommunistischen Diktatur als bizarres Andenken zurück.

Den eindrücklichsten Moment verbringen Besucher des Palastes auf dem Balkon des kafkaesken Kolosses, mit Blick auf eine kilometerlange Prachtstraße, die - natürlich auf Ceausescus Geheiß - ein paar Meter länger ist als die Champs Elysées in Paris. Von hier oben wollte der Diktator zu seinen geknechteten Untertanen sprechen. Sie sollten seinen Worten auf einem riesigen Aufmarschplatz, der Piata Constitutiei, lauschen. Doch die Revolution kam dem zuvor.

Der Einzige, der vom Balkon aus die Massen in Verzückung brachte, war so der "King of Pop". Bei einer Konzertreise in den Neunzigern ließ sich Michael Jackson dort von den Rumänen dort tief unter ihm feiern, die er allerdings - ganz Kosmopolit - als Ungarn begrüßt haben soll: "Hello Budapest!"

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1.
moritz hildebrand 02.04.2008
ich arbeite im Parlamentsgebäude in Bukarest und habe das Gebäude vom Dach bis zu den Kellerräumen besichtigt. Den immer wieder erwähnten "Bunker" gibt es dort ganz einfach nicht. Die Keller bestehen aus vielen unfertigen Räumen und Gängen, die nicht für die Öffentlichlkeit zugänglich sind und sicherlich deshalb gruselige Spekulationen spriessen lassen. Ebenfalls unwahr ist die behauptete Nichtauslastung des Gebäudes. Vielmher herrscht durch die schlechte Anordnung der Büroräume und die vielen leeren Versammlungssääle akuter Platzmangel. In dem Haus befinden sich ebenfalls noch das Verfassungsgericht und eine internationale Organisation.
2.
Christoph Seidler 02.04.2008
Was den Bunker angeht: Architektin Anca Petrescu berichtete, dass es sehr wohl einen geben dürfte. In einem Artikel aus dem Jahr 1999 heißt es: "Es hat Tote gegeben auf der Baustelle. 'Unfälle.' Umgebracht wurde niemand, sagt sie. Aber beschwören will sie es nicht. 'Wegen des Kästchens.' Das war die Umschreibung für den Bunker unter dem Palast. Als sie anfing, war der schon da. 'Das Militär hatte fast zwei Jahre Vorlauf.' Sie hat nie nach dem Bunker gefragt. 'Das war gesünder.' Aber aus den Statikberechnungen und Plänen hat sie herausinterpretiert, dass ein Rechteck, um etwa 30 Grad gedreht, unter dem Palast ist. 'Zum Glück wusste ich nichts. Wer damit zu tun hatte, der konnte sich doch nicht mehr bewegen. Das dürfte in jedem Land so sein.'"
3.
Krix Negrescu 03.04.2008
Sehr geehrter Herr Seidler, traurig dass Sie, 20 Jahre nach dem Ende der Diktatur, immer noch mit den alten, ausgekauten und abgedroschenen Klischees hausieren gehen. Von dem wahren Rumänien haben Sie leider keine Ahnung. Wäre besser, sich solcher Beiträge zu enthalten! Krixus
4.
Ernst Pelzing 26.01.2010
Architektonische Megalomanie und Versorgung à la Ceau?escu Die architektonische Megalomanie des Nicolae Ceau?escu, wie sie im Beitrag von Christoph Seidler plastisch zum Ausdruck kommt, stand in krassem Widerspruch zur prekären Versorgungslage der eigenen Bevölkerung, wie wir sie vor Ort als ganz persönliche Erfahrung erlebt haben. Wir schrieben das Jahr 1962. Wir kamen mit dem Wagen aus Budapest und fuhren in Richtung Arad, dem ersten größeren Ort in Rumänien. Vorher hatten wir in der ?SSR Schlangen an einigen Geschäften bemerkt (z. B. bei Metzgereien), in Ungarn fast westliche Normalität, jetzt Rumänien. Wir kamen mit einem rumänischen Zöllner, der gut Deutsch sprach, an der ungarisch-rumänischen Grenze ins Gespräch. Auf unsere neugierigen Fragen zu den Verhältnissen vor Ort gab sich der Mann für kommunistische Verhältnisse recht auskunftsfreudig. Wir konnten uns revanchieren. Er hatte in Arad zu tun. Wir nahmen ihn mit. Es war Sommer, brütende Hitze. Es war vorgerückter Vormittag, als wir in Arad ankamen. Bei Einfahrt in den Ort bemerkten wir ein lange Schlange vor einem Geschäft. Wir wurden neugierig und fragten unseren rumänischen Begleiter, wonach die Leute dort anstanden. Er zögerte eine Weile, dann kam die verlegene Antwort: nach Brot. Brotknappheit ... das hatten wir auf unserer Fahrt durch den Ostblock bis dort noch nicht erlebt. Diese Versorgungslücke wurde noch durch eine weitere Begebenheit getoppt. Unser Begleiter wollte uns etwas Gutes tun und bat uns, in einer Ortskneipe Platz zu nehmen. Ein beflissener Kellner erkundigte sich nach unseren Wünschen. Wir bestellten ein Bier, ohne zu ahnen, was diese Bestellung offensichtlich für die dortigen Verhältnisse bedeutete. Nach einer Weile kam der Kellner zurück, lüftete sein Jackett und holte dort vorsichtig eine Flasche Bier heraus. Er lächelte verschmitzt, als er die Bestellung etwas verstohlen vor uns auf dem Tisch platzierte. Wir konnten uns daraus keinen Reim machen, bedankten uns jedoch. Da es brütend heiß war, warteten wir nicht lange mit unserem gegenseitigen Prost. Die Überraschung war perfekt. Das Bier war lauwarm. Wir hatten ebenfalls etwas zu essen bestellt. Das uns servierte Fleisch, wenn man es denn als solches bezeichnen konnte, war eher eine Ansammlung von Fett, ungenießbar. Es waren diese kulinarischen Besonderheiten, die einen dramatischen Kontrast zur Ceau?escuschen Architektur-Megalomanie darstellten. Kein Wunder, denn die zu dieser auswuchernden Bauwut erforderlichen Mittel kamen sämtlich aus dem eigenen Lande.
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