Jüdische Nazi-Kollaborateurin in Rom Die schwarze Pantherin

Mit einem Kopfnicken entschied sie über Leben und Tod: Ohne Skrupel lieferte die jüdische Römerin Celeste Di Porto während des Zweiten Weltkriegs Bewohner des Ghettos in Rom an die Nazis aus. Reue zeigte sie nie.

Centro Culturale Francesco Luigi Ferrari

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Es war noch früh am Morgen, als am 16. Oktober 1943 mehr als 80 SS-Männer unter dem Kommando von Hauptsturmführer Theodor Dannecker in die engen Gassen des jüdischen Ghettos in Rom eindrangen. Aus den Häusern im Umkreis des Portico d'Ottavia riss die aus Berlin geschickte Spezialeinheit über tausend Menschen aus dem Tiefschlaf, darunter etwa 200 Kinder.

Zwei Tage später fuhren 18 verplombte Zugwaggons vom Bahnhof Tiburtina ab. Ihr Ziel: das Vernichtungslager Auschwitz. Von den mehr als tausend Menschen, die am 18. Oktober nach Auschwitz gebracht wurden, kehrten nur 15 Männer und eine Frau zurück.

Diejenigen, die der Großrazzia am Sabbat entgangen waren, lebten ab sofort in ständiger Angst, Hunderte Menschen wurden in den folgenden Monaten verhaftet. Bald begannen Gerüchte zu kursieren: Eine Frau von faszinierender Schönheit, die ebenfalls im Ghetto lebte, liefere andere Juden den Nazis aus. Ihr Name: Celeste Di Porto, genannt "Stella di Piazza Giudia": Stern des Judenplatzes.

Mit Schwarzhemden befreundet

Ihre engen Kontakte zu Faschisten hatten Celeste Di Porto, 1925 im jüdischen Ghetto geboren und in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, offensichtlich vor einer Verhaftung während der Razzia bewahrt. Dafür zeigte sie sich in den kommenden Monaten erkenntlich. Mit kurzen Zeichen auf der Straße, Kopfnicken und Blicken verriet sie Bewohner ihres Viertels an die italienischen Handlanger der Nazis, die Rom seit September 1943 besetzt hielten.

Kurz nach der Befreiung des gestürzten Diktators Benito Mussolini, der an die Spitze einer von Deutschland kontrollierten Marionettenregierung in Salò am Gardasee gesetzt wurde, hatte Hitler den SS-Obersturmbannführer Herbert Kappler mit der Deportation aller Juden aus Rom beauftragt. Unter den Schwarzhemden in Rom fanden SS und Gestapo willige Helfer.

Di Porto stach wegen ihrer außergewöhnlichen Attraktivität hervor: Auf alten Fotos, die der italienische Journalist Davide Lombardi im Archiv des Kulturzentrums F.L. Ferrari in der norditalienischen Stadt Modena entdeckte, ist eine Frau mit lockigem dunklen Haar, ausdrucksvollen Gesichtszügen und einem fast hypnotisierenden Blick zu erkennen.

Kopfgeld für gefangene Juden

Von Männern umschwärmt, kellnerte Di Porto in einem Restaurant am damaligen "Judenplatz", das Mussolinis Schwarzhemden als Treffpunkt nutzten. Bald begann sie ein Verhältnis mit Vincenzo Antonelli, einem berüchtigten Judenjäger und Mitglied der paramilitärischen Gruppe Cialli Mezzaroma.

Mit nur 18 Jahren begann Di Porto, Dutzende Menschen im Ghetto an die Nazis und deren italienische Unterstützer zu verraten. Für jeden gefangen genommenen Juden bekam die junge Frau ein Kopfgeld: 5000 Lire für einen Mann, das entspricht in etwa dem damaligen Monatsgehalt eines Arbeiters. Für eine Frau erhielt sie 3000 Lire, für ein Kind 1000 Lire. Mutierte Celeste Di Porto, bald berüchtigt unter dem Spitznamen "schwarze Pantherin", aus purer Habgier zur Verräterin?

"Es war nicht allein das Geld, das sie antrieb", sagt die Historikerin Anna Foà 2016 in einer TV-Sendung des Geschichtskanals Rai Storia. Aus Zeitzeugenaussagen gehe hervor, dass Di Porto "sich rächen wollte an der Welt, in der sie lebte", so Foà. "Ihre Familie war sehr arm. Sie musste deshalb die Schule verlassen und als Verkäuferin arbeiten. Nach Liebesbeziehungen zu mehreren Männern war sie in ihrem Milieu als leichtes Mädchen verschrien." Schuldbewusstsein sei der jungen Frau fremd gewesen; auf offener Straße soll sie den Schmuck derer getragen haben, sie sie zuvor verraten hatte.

50 Kilo Gold von der jüdischen Gemeinde erpresst

Die Einwohner des römischen Ghettos waren von dem Ausmaß der Judenverfolgung völlig überrumpelt. Die jüdische Gemeinde habe ihre Mitglieder vor der Razzia vom 16. Oktober sogar noch zu beruhigen versucht, erklärt Foà: Kappler, Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD in Rom, hatte 50 Kilo Gold von den Gemeindevorstehern verlangt und dafür zugesichert, keinen einzigen Juden aus Rom zu deportieren. Ein Versprechen, dass sich kurz darauf als Täuschungsmanöver erweisen sollte.

Offensichtlich lagen der SS detaillierte Listen mit den Namen der römischen Juden vor. Marschall Pietro Badoglio, der nach der Landung der Alliierten auf Sizilien und der Absetzung Mussolinis von König Vittorio Emanuele III. als Ministerpräsident eines nichtfaschistischen Kabinetts eingesetzt wurde, habe keine Maßnahmen ergriffen, um die Personenregister der jüdischen Gemeinden zu vernichten, sagt Foà.

Wozu brauchten die Nazis und Mussolini-Getreuen dann noch die Hilfe von Celeste Di Porto und anderer Spitzel? Nach der Großrazzia hätten sich die meisten Juden zunächst in Klöstern und an anderen Orten versteckt, so die Historikerin. Die Spione dienten vermutlich dazu, ihre neuen Aufenthaltsorte ausfindig zu machen. Viele Juden kehrten in das Ghetto zurück, wo Celeste Di Porto sie umgehend denunzierte. Oft spürte die "schwarze Pantherin" ihre Opfer in den Gassen rund um den Platz Campo de' Fiori auf.

Wie viele Menschen Di Porto genau verraten hat, ist nicht zu rekonstruieren. Oft verschwimmen Fakten und Legende, wenn es um die Denunziantin geht. "Die Figur bleibt rätselhaft", sagt Historikerin Foà. Als gesichert gilt jedoch ihre Beteiligung an einem der abscheulichsten deutschen Kriegsverbrechen in Italien während des Zweiten Weltkriegs: dem Massaker in den Ardeatinischen Höhlen am 24. März 1944.

Vater stellt sich aus Scham

Als Vergeltungsmaßnahme für ein Attentat auf 33 deutsche Mitglieder einer Südtiroler Polizeieinheit in der Via Rasella in Rom ließ Kappler in Höhlengängen im Süden der Stadt 335 italienische Zivilisten erschießen, darunter 75 jüdische Geiseln. An dem Massaker war er selbst aktiv beteiligt. Unter den Opfern waren 26 Juden - ihre Verstecke hatte Celeste Di Porto an die Gestapo verraten.

Auch Angelo Di Porto, dem Bruder der Spionin, drohte die Hinrichtung. Im letzten Moment wurde sein Name jedoch von Kapplers Liste gestrichen. An seiner Stelle musste ein Amateurboxer sterben, den sie ebenfalls denunziert hatte. In eine Wand seiner Zelle im Gefängnis Regina Coeli ritzte er kurz vor seinem Tod folgende Sätze ein: "Sono Anticoli Lazzaro, detto Bucefalo, pugilatore. Si nun arivedo la famija mia è colpa de quella venduta de Celeste. Arivendicatemi." (Ich bin Anticoli Lazzaro, genannt Bucefalo, Boxer. Wenn ich meine Familie nicht wiedersehe, ist es die Schuld der korrupten Celeste. Rächt mich.) Aus Scham über die Taten seiner Tochter soll sich der Vater von Celeste Di Porto freiwillig der SS gestellt haben. Er wurde deportiert und ermordet.

"Wie hätte ich mein eigenes Blut verraten können?"

Bei Kriegsende wurde die Denunziantin verhaftet, nachdem sie in Neapel von zwei Juden erkannt worden war. 1947 verurteilte sie ein Gericht in Rom zu zwölf Jahren Haft. Angeklagt war sie allerdings nur wegen Diebstahls und Freiheitsberaubung: Alle Straftaten, die mit der faschistischen Ideologie im Zusammenhang standen, konnten nach einer umstrittenen Amnestie des damaligen Justizministers Palmiro Togliatti nicht mehr geahndet werden. Selbst diejenigen, die Juden denunziert und somit ihre Deportationen ermöglicht hatten, konnten in Italien nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden.

Die Familien der Opfer wollten das Unrecht jedoch nicht vergessen. Der Prozess gegen Celeste Di Porto wurde von starken Tumulten begleitet, Hinterbliebene ermordeter Juden forderten im Gerichtssaal lautstark ihren Tod. Die Angeklagte stritt indes alle Vorwürfe ab. "Wie hätte ich mein eigenes Blut verraten können?", rief sie nach Angaben von Zeitzeugen.

Aufgrund eines von der Regierung De Gasperi verkündeten Straferlasses kam Di Porto schon nach wenigen Jahren aus dem Gefängnis frei. Sie konvertierte zum Katholizismus, danach verloren sich ihre Spuren. Unterschiedlichen Quellen zufolge soll die "schwarze Panterin" 1981 mit 56 Jahren in Rom gestorben sein. Dort, wo sie während des Zweiten Weltkriegs durch ein Kopfnicken über Leben und Tod entschieden hatte.

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